Samstag, 1. August 2015

Reiseimpressionen (5)


TraumWerk, Anger


Längst nicht allen, die gern ihrem Stolz auf deutsche Wertarbeit Ausdruck verleihen, oft, ohne je selbst einen Handschlag dafür getan zu haben, ist bewusst, dass die Familie Porsche mitnichten aus Deutschland, sondern aus Österreich stammt. Auch die Familie Piëch haust hier in der Gegend. Gut, wir wollen nicht pingelig sein. Als der alte Ferdinand Porsche noch im Auftrag des Gröfaz KdF-Wagen und Panzer entwarf, war er zwangsläufig Deutscher, weil der Staat Österreich da gerade Pause hatte, aber das nur am Rande. Ist zwar unwichtig, mag aber die Frage beantworten, warum der Porsche-Spross Hans-Peter ausgerechnet in Anger bei Ainring ein Privatmuseum namens TraumWerk errichtet hat (man beachte übrigens die originelle Binnenmajuskel - ich sag's ja, Profis eben).

Gezeigt werden unter anderem - Überraschung, jetzt! - alte Autos, ferner historisches Blechspielzeug und eine große Modelleisenbahnanlage, die einmal dem Miniaturwunderland in Hamburg Konkurrenz machen soll. Untergebracht ist das in einem flatschmodernen Holz-Glas-Betonkasten, wie sie hier seit einiger Zeit anstelle alpiner Kitschbunker aus dem Boden schießen. Ist es die Urlaubsstimmung, die mich das Teil von außen sogar im Regen gar nicht mal so übel finden lässt? Ich glaube ja, es ist die Landschaft. Das satte Grün, die Blumenfülle im Sommer, der Schnee im Winter, die lieblichen Hügel, die Berge im Hintergrund. Hier können Architekten kaum etwas falsch machen. Sogar ein gewollt auf originell getrimmter Sichtbetonbums wie dieses Traumwerk macht da noch was her. Jede Wette, ins Gewerbegebiet von Gelsenkirchen-Ueckendorf geklatscht, sähe das Teil potthässlich aus.


Keine Ahnung übrigens, warum ausgerechnet die Firma Porsche als legendäre Design-Adresse gilt. Bloß weil der Laden in den Sechzigern und Siebzigern mal ein, zwei hübsche Autos gebaut hat, nämlich den 911 und den 928? So what, das haben andere Autohersteller auch. Aber sonst? Absurd aufgeplusterte, Autobahnen verstopfende Hausfrauenpanzer und Oligarchenschubsen wie der Cayenne oder gar der Panamera? Also bitte! Oder eine Zumutung wie die Porsche-Brille? Die lässt sogar einem kompletten Modelegastheniker wie mir die Linsen trüb werden. Zuhälterschick für Schmerzfreie, der in in der gleichen Liga spielt wie Lederkrawatten. Wird außer von Atze Schröder eigentlich nur noch von ältlichen, schmierigen Busengrapschern mit Solariumsbräune, Minipli und Schnauzbart getragen, die sich für sportiv und irre jung geblieben halten, gerne Porsche fahren würden und auch sonst nach dem Motto mehr scheinen als sein durch ihr verpfuschtes Leben gehen. Zurück zum Traumwerk.

 
Ob ein Besuch lohnt, kann ich leider nicht sagen. Obwohl das, was der Laden zu bieten hat, nicht unverlockend klang (bei Modelleisenbahnen werde ich ja regelmäßig schwach), habe ich mir einen Besuch dann doch verkniffen. Meinen diesjährigen Etat für happige Eintrittspreise betrachtete ich mit dem Besuch der Reichenhaller Therme als ausgeschöpft und meinen Bedarf, Privatsammlungen von Nabobs zu bewundern mit dem im Hangar 7 als gedeckt. Außerdem: Wieso sollte ausgerechnet ich die schwerreiche Autobauersippe noch reicher machen, wenn ich, wohl dank der Ausfahrt eines örtlichen Oldtimer-Clubs, völlig kostenlos ein Automuseum auf dem Parkplatz anschauen konnte?

Wieso auch Eintritt zahlen?


Wir haben Krise

Durchschnittlich zweihundert Flüchtlinge kämen Tag für Tag hier an, meint meine hier ansässige Großcousine, als wir abends beim Wein ein wenig über das Tagesgeschehen plaudern. Na ja, entgegne ich, zweihundert seien in der Tat nicht wenig, aber Bayern sei schließlich groß. Nein, nein, klärt sie mich auf, ich hätte da wohl etwas missverstanden. Zweihundert kämen täglich allein auf dem Gebiet der Gemeinde Bad Reichenhall an und müssten irgendwie untergebracht und versorgt werden. Ups. Darunter seien viele Kinder, die man ohne Eltern und andere Begleitpersonen an der A 8 kurz hinter der Grenze aufgriffe. Die Schlepper hielten am Standstreifen und würfen sie einfach raus. Puh! Muss man sich erst klarmachen: Hier ist Grenzgebiet, Nadelöhr. Exakt von hier aus geht es über Wien und Bratislava auf den Autoput, wenn's sein muss bis runter in den Nahen Osten. Und eben umgekehrt.

Von Protesten oder gar Übergriffen auf Flüchtlinge ist in Reichenhall übrigens nichts zu hören.

 

Und sonst?

Da hat sich doch letztens jemand beschwert über die magenkrampfauslösende Wortspielhölle, die Friseure im deutschsprachigen Raum zunehmend anrichten. HAARklein, CutHAARstrophal, Vier HAAReszeiten und so weiter. Das mag nerven, ist aber alles Anfängerkram. Ich aber, sehet, ich habe das Licht gesehen, ich bin dem einzig wahren und echten Champion, dem Großmeister, dem Godfather, der Legende, dem Nestor der Disziplin 'Seinem Friseursalon einen brülldämlichen Wortspielnamen verpassen' begegnet. Nehmt dies:


Die Ärzte erzählten mir später übrigens, Passanten hätten mich gegenüber des Ladens stehend vorgefunden, in einer Art Wachkoma, mit aufgerissenen Augen und offenem, zur Grinsegrimasse entstelltem Mund, aus dem Spuckefäden hingen. Weil ich auf absolut nichts reagierte, machten sie sich Sorgen und haben einen Krankenwagen gerufen. Keinen Schimmer, was für Medikamente sie mir gegeben haben, aber als ich die Notaufnahme wieder verlassen durfte, war es draußen schon dunkel.



1 Kommentar :

  1. Du hast in all den Jahrzehnten, die dieses haarige Wortspiel-Elend schon über uns kommt, noch keine professionelle Hornhautschwiele an der Stelle entwickelt? Arme Sau.

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