Dienstag, 30. August 2016

Rein in die Klamotten, raus aus den Klamotten


Das nennt man wohl einen echten Treppenwitz. Noch in den 1960ern wurde eine abendfüllende Komödie gedreht darüber, wie Louis de Funès als Gendarm von St. Tropez an der Côte d'Azur Jagd auf Nudisten machte, auf dass diese sich gefälligst was überzögen im katholischen Frankreich. Vor kurzem forderte die dortige Bullerei die Trägerin eines so genannten 'Burkini' (pardon: eine Leggings, eine Tunika und ein Kopftuch - danke, Wolfgang) unter Androhung von Gewalt auf, sich gefälligst etwas auszuziehen, da dies ein Verstoß gegen das an einigen französischen Stränden geltende, inzwischen aber wieder kassiert Burkini-Verbot sei. Da hieß es dann: Zieh dir gefälligst weniger über, du Luder! Einigen kann man es, scheint's, so gar nicht recht machen. Gemischt sollen die Reaktionen des übrigen Publikums bei dem peinlichen Schauspiel ausgefallen sein.

Während kultivierte Schöngeister indigniert wegschauten, vermutlich, weil so viel geballte Staatsgewalt wohl ihre sensiblen, auf permanentes einerseits-andererseits gepolten Synapsen ins Brutzeln brachte, grinsten Front-National-Affine sich, hört man, kräftig eins und strichen sich selbstzufrieden über den Lachs angesichts des Treibens der Büttel: Harr harr, haben sie's der Muselmanenbraut aber mal gegeben. Wir sind schließlich in Europa, da wird sich gefälligst frei gemacht. Wem's nicht passt, der kann ja wieder gehen.

Es stellt sich schon die Frage, wieso man eine Frau mit offenbar anderem Schamgefühl unbedingt mit vorgehaltener Waffe zum öffentlichen Entblättern zwingen muss. Fördert das neuerdings die Integration? Natürlich kann man sagen, das Burkiniverbot sei zum Zeitpunkt des Vorfalls geltendes Gesetz gewesen und hätte daher auch durchgesetzt werden müssen. Schon klar, aber hätten es eine Verwarnung, ein Bußgeldbescheid und/oder ein Platzverweis eventuell nicht auch getan, um dem Gesetz genüge zu tun? Weil ich kein Kenner des französischen Rechtswesens bin, kann ich das nicht wirklich beurteilen, aber für mich riecht das Gebaren der Gendarmen schon arg nach Willkür und vorsätzlichem Entwürdigenwollen.

Ich bin weiß Gott kein Freund verklemmter Verhüllerei, erst recht aus religiösen Motiven, sehe andererseits aber nicht, mit welchem Recht eine liberale Demokratie, die die kümmerlichen Reste ihrer Werte noch nicht vollends verraten hat und die Nacktbaden unter bestimmten Auflagen erlaubt, das Gegenteil verbieten kann. Oder man will in Zeiten zurück, mit denen wir in Deutschland, so unsere Erfahrungen haben. Und es ist ausnahmsweise mal nicht die NS-Zeit.

Insgesamt ist unser Umgang mit Entblößen und Bedecken ja keineswegs so unverkrampft und entspannt, wie einige es sich momentan verstärkt einbilden. Was für ein endloses Hickhack das war, zeigt schon ein kurzer Blick in die jüngere deutsche Geschichte. Angefangen von der modernen FKK-Bewegung, ursprünglich ein Projekt überspannter Bürgerlicher, die einen ideologisch-esoterischen Überbau für ihr Nackigsein ausklamüserten, und deren Geburtsstunde ausgerechnet mitten im stockprüden, streng geschlechtergetrennten Wilheminischen Kaiserreich schlug. Kurz darauf dann die 'Badehosen-Affäre' um den Reichspräsidenten Ebert und seinen Bluthund Noske, die 1919 in Badehosen fotografiert worden waren, was in der Folge von Konservativen und Rechten genüsslich breitgetreten wurde.

Dann der durch den frommen, angesichts der immer weiter sich verknappenden Badekleidung um die öffentliche Ordnung  fürchtenden Zentrumsmann Franz Bracht durchgesetzte 'Zwickelerlass'. In dem wurde festgelegt, was genau in Deutschland in Puncto Badekleidung erlaubt sein sollte. Den nutzte ironischerweise ausgerechnet die NSDAP, um die Politik der Weimarer Republik als kleingeistig und rückschrittlich zu denunzieren. Und so wurde er 1942 gekippt und das Nacktbaden damit faktisch gestattet. Was wiederum nach 1945 in vielen deutschen Ländern und der DDR wieder teilweise oder ganz zurückgenommen wurde und... Ach, es ist halt ein kompliziertes Hin und Her gewesen. Von der Rolle der Kirchen habe ich noch gar nicht angefangen, das wäre noch einmal ein Kapitel für sich.

Das alles bringt mich sehr schön zu Markus Söder. Irritierend nämlich der Anblick, den das CSU-Mannsbild da letztens bot. Er ließ sich filmen (Facebook!), wie er in voller Montur, also bedeckten Oberkörpers, in einer Art Männer-Burkini quasi, in einem Nürnberger Badeteich schwamm. Und da muss man dann doch einmal fragen, was das denn bitte für ein Statement sein soll. Was will Söder uns damit sagen? Solidarität mit Burkini-Trägerinnen - kein Verbot in Franken? Ätsch, AfD, der Islam gehört doch zu Deutschland? Back to the saupreißisches Kaiserreich - Schluss mit Oben ohne auch für Männer? Oder geniert der Mann sich am Ende einfach bloß für das, was die bayerische Lebensart mit Schweinshaxn, Leberkäs, Obadzda, Weißwurst, Brezn und maßweise Münchner Hellem mit einen Körper anrichten kann?

Anders gefragt: Kriegt Markus Söder bloß eine Plauze oder steckt am Ende mehr dahinter? Hat das Auswärtige Amt schon eine Reisewarnung für Frankreich herausgegeben?



Kommentare :

  1. Das Problem mit der Frau die in Frankreich via Polizeigewalt zur Entblätterung gedrängt wurde ist ja noch komplexer. Selbige trug nämlich gar keinen Burkini. Sondern eine Leggings, ein Tunika und ein Kopftuch.

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass meine katholische, stolze Tante aus Italien, blond mit nobler Blässe und Sonnen empfindlich sich so ähnlich am Strand zeigt (ich hab sie draußen noch nie ohne Kopftuch; natürlich Versace o.Ä. gesehen).

    Es ist halt nicht leicht mit Verboten. Wie wäre es mal zur Abwechslung mit einem Staat, der das Verbieten verbietet?

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  2. Die Verhüllung könnte durchaus kulturell bereichern , nicht nur am Strand. So eine Art Ausstrahlungsburkini für jedermann ,der diese hasserfüllte deutsche Frustfresse vor sich her trägt , das wär mal eine Erleichterung im Alltag...

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    1. So in der Art, oder? ;-)
      @Wolfgang: Tja, letzteres wäre in der Tat ein Traum...

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  3. Mal wieder: Sehr schön, Herr Rose! Speziell den Zwickelerlass kannte ich noch gar nicht.

    Stuttmann hat’s übrigens vor ein paar Tagen schon mal auf den Punkt gebracht.

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