Sonntag, 25. September 2016

O'zapft war!


"Für Wirtschaftstheoretiker der neoliberalen Schule ist das Oktoberfest ein einziger Horror. Hans-Werner Sinn, der frühere Leiter des ifo-Instituts, dürfte hyperventilieren vor Schreck, wenn er an die Wiesn denkt. Schließlich ist dort so gut wie alles anders, als es sich die neoliberale Ideologie so vorstellt: Die ganze Unternehmung ist extrem erfolgreich, obwohl sie von der öffentlichen Hand - der Stadt München - veranstaltet wird. Es gibt keinen freien Marktzugang, denn es kann keineswegs jeder, der Lust drauf hat, Geschäfte auf der Theresienwiese machen." (Franz Kotteder)

So denn, sie haben es geschafft. Haben mich breitgeschlagen. Und ich habe mich lassen. Letztes Jahr um diese Zeit noch gespöttelt über den hiesigen Ableger des größten Massenbesäufnisses des Planeten, dieses Jahr saß ich selbst im Zelt, habe gegessen, gezecht, gefeiert. So kann's gehen. Zu meiner Entlastung kann ich immerhin anführen, dass ich das im Gegensatz zu schätzungsweise 90 Prozent der übrigen Anwesenden nicht in irgendeinem Trachtenfummel getan habe, sondern in gewöhnlicher Kleidung. Erstens, weil ich nicht über so etwas verfüge, zweitens, weil ein bisschen gegen den Strom halt sein muss. Auch Lenin war im Hofbräuhaus und durchaus angetan. Außerdem ist, siehe die oben zitierten Ausführungen Kotteders, nicht alles schlecht an der Wiesn.

Letztes Jahr um diese Zeit...

An dieser Stelle vielleicht ein kleiner Exkurs. Bevor das Genöle wieder losgeht ("Zu lang - tl:dr!", "Bin eingeschlafen.", "Opa erzählt vom Krieg, laaangweilig!"), man darf gern auch herunterscrollen, ist okay für mich, ich halte das aus. Zu diesem Behufe sind Beginn und Ende des Exkurses mit drei hübschen Sternchen markiert:

***

Mit oberbayerischer Tracht habe ich eigentlich keine Probleme, im Gegenteil. Dies ganz angstfrei sagen zu können, ist für mich Ergebnis eines längeren Prozesses. Ich war nämlich eines dieser Kinder, die zeitweise in Lederhosen gesteckt wurden. Weil sie so schön praktisch sind und so robust. In einem Bayernurlaub wurde ich sogar in einem Trachtengeschäft mit einer voll authentischen eingekleidet. Nicht billig. Und nach dem Urlaub wurde ich dann mit dem Fummel in die Schule geschickt. In eine weiterführende. In Nordrhein-Westfalen. Vielen Dank auch. In jeder Klasse gab es damals einen Seppelhosenjungen, der sich mit seinem Beinkleid für alle anderen zum Deppen machte und darum bettelte, einen schweren Stand zu haben. Der war dann ich. Den Typen, der immer die Hochwasserschlaghosen seines älteren Bruders auftragen musste, hat's gefreut.

Natürlich waren die Erwägungen, die meine Eltern seinerzeit zum Kauf der Hirschenen geführt hatten, in pragmatischer Hinsicht, wie gesagt, durchaus verständlich, so im Nachhinein. Eine Krachlederne ist ohne Frage zeitlos, maximal robust und macht kaum Arbeit. Im Kindergarten- und Grundschulalter ist das auch unproblematisch, da spielt Kleidung unter Kindern in der Tat nur selten eine Rolle. Leider neigen Eltern zu lange dazu, zu glauben, ihre Kinder seien noch in einem Alter, in dem so was egal ist. Vielen ist nicht bewusst, dass das Alter, in dem so was alles andere als egal ist, normalerweise deutlich vor den ersten sichtbaren Anzeichen der Pubertät einsetzt.

Was soll's, First World Problems. ist außerdem lange her. Auch ohne mein Zutun galten Trachten in unseren Breiten vornehmlich als bevorzugte Kleidung hinterwäldlerischer Landeier mit einem Faible für Uniformfetischismus. Für uns als im Ruhrgebiet der Achtziger Heranwachsende war die Vorstellung, welche zu tragen, so unsagbar uncool wie Eiskunstlauf gut zu finden. (Es war halt die Zeit, in der man sich als Jugendlicher für die Aussage, man fände es jetzt nicht sooo lebenswichtig, mit 18 unbedingt ein eigenes Auto zu haben, mitunter anhören durfte: "Ey, bist du schwul, oder was?") Als später dann der Sender RTL die Republik mit diversen Softpornos der Siebziger bestrahlte, unter anderem mit so genannten 'Lederhosenfilmen', war der Fall für uns sonnenklar: Die solche Dinger tragen, sind grenzdebile, dauergeile Begattungsmaschinen, die seltsames Idiom sprechen und nur das eine im Kopf haben. Und, tat nicht ein Franz Josef Strauß selig so einiges dafür, diesen Ruf zu zementieren, zu perpetuieren gar? Siehste!

Inzwischen ist viel Wasser diverse Flüsse heruntergeronnen und ich sehe so einiges anders. Dort, wo wirklich ernsthaft Tracht getragen wird und zum Leben dazugehört, etwa in Oberbayern, ist das vor allem mal praktisch. Unter anderem, weil sie unkompliziert zu pflegen ist und einen von jeglichem Dresscode- und Modetinnef entlastet. Da es völlig akzeptiert ist, zu allen offiziellen Anlässen Tracht zu tragen, weiß man immer, was man anziehen soll und hat den Kopf frei für wichtige Dinge. Klar mag die Anschaffung nicht billig sein, aber in der Regel handelt es sich ja wirklich um eine fürs Leben, das rechnet sich wieder. Nicht so schön natürlich, wenn der Fummel dazu dient, Rudelbildung und Ausgrenzung zu manifestieren, aber das erlebe ich eigentlich nicht so, wenn ich mal vor Ort bin.

Das alles bedeutet aber nicht, dass ich mich in so was werfe, mir am Ende noch so was kaufe, bloß weil ein findiger Marketingmensch auf die Idee gekommen ist, in meinem Sprengel einen Oktoberfest-Abklatsch zu veranstalten. Ich bin eh kein Freund kollektiver Kostümiererei, und eine in Bangladesh zusammengetackerte, für ein paar Kröten im Internet verhökerte Billigtracht ist nun mal bloß eine billige Verkleidung. Passt halt nicht. Auch in Bayern ist man durchaus sensibel für so was und hat für derlei Aufputz, vor allem krampfhaft auf sexy getrimmte Trachtengewänder von Frauen, bloß die Bezeichung 'Preiß'ndirndln' übrig. Also, warum sich unnötig zum Deppen machen? Zurück zum Thema.

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Und, wie war's nun, das Oktoberfest? Es mag einige überraschen, aber ich fands gar nicht mal übel. Herummeckern liefe auf Beckmesserei hinaus. Wer auf so eine Festivität geht und sich dann wundert, dass die - übrigens hochprofessionell agierende - Band (die es freundlicherweise bei ein mal 'Atemlos' bewenden ließ) vornehmlich Volkstümliches und Stimmungsförderndes zum besten gibt, muss sich schon Fragen gefallen lassen wie die, noch ganz frisch zu sein und was er denn bitte erwarte. Das Preis-Leistungs-Verhältnis war okay. Im Eintritt von 25 Euro waren eines von vier Essen und eine Maß König Ludwig hell inbegriffen, die ansonsten 9 Euro kostete. Kein Schnäppchen, aber im Rahmen. Ich hatte meinen Spaß und bin bis zum Schluss um Mitternacht geblieben. Übrigens schätze ich es mittlerweile, wenn solche Veranstaltungen ein Ende haben. Es mag dem fortgeschrittenen Alter und den Begleiterscheinungen der Erwerbsarbeit geschuldet sein, dass es mir zunehmend auf die Nerven geht, wenn so was kein Ende findet und bis in die frühen Morgenstunden ("Achkommschoneinnehmwernoch...") ausartet.

Festzeit, nüchterne Variante

Gut, man könnte auch mosern, wenn man denn wollte. Etwa über das recht schmucklose Innere des Zelts. Ein echtes bayerisches Festzelt hat gefälligst bis an die Grenze zum Kitsch geschmückt und dekoriert zu sein. Das gehört so. Auch hat mir an der bayerischen Lebensart immer gefallen, dass man sich dort hartnäckig weigert, beim Essen gewisse Standards zu unterschreiten. Und damit wären wir doch bei der Kritik angekommen. Das Essen nämlich war derart, dass ein bayerischer Festwirt, der den Gästen so was vorsetzte, die längste Zeit seines Lebens Festwirt gewesen wäre.

Es ist kein Problem für mich, dass man bei solchen Anlässen auf Convenience zurückgreift. Geht vermutlich gar nicht anders bei solchen Mengen. Ich erwarte auch nichts anderes, ist kein Gourmetfestival. Aber man kann auch das verdammt noch mal ordentlich machen. Ein bayerischer Schweinsbraten hat eine Kruste und enthält zumindest Spuren von Majoran und Kümmel. Und was den Gästen als Kartoffelsalat vorgesetzt wurde, ging mal gar nicht. Würde man in Bayern dem Wirt um die Ohren hauen, das G'schloder. Falsche Kartoffelsorte, mumpfig-pappige Konsistenz, keine Spur Säure und auch sonst weitgehend frei von Geschmack. Tut mir leid, aber bei bayerischem Kartoffelsalat, den ich - Schwaben mögen bitte jetzt ihre Protestnoten einreichen - für den besten der Welt halte und auch selbst ganz akzeptablen zuwege bringe, bin ich empfindlich, Herrgottsakra.

Ich verstehe das nicht. Man mag mich pingelig nennen, aber um jeden beschissenen Teller Pasta in der Kantine wird ein Riesengewese gemacht. Wehe, wenn das nicht garantiert original echt authentisch italienisch ist ("Kein Italiener würde so was essen!"). Wenn es aber außerhalb des Freistaates gilt, etwas zu Tisch zu bringen, wie es in Bayern Standard ist, täglich ohne Probleme hunderttausendfach in Wirtshäusern, Biergärten und auch Kantinen serviert wird, dann nimmt man es nicht so genau und knallt den Leuten halt irgendwas hin, was entfernt so aussieht und steckt ein weißblaues Fähnchen dran. Wird schon keiner merken. Stimmt ja auch. Niemand beschwert sich.

Noch etwas: Es freut mich ja, wenn meine Maß gut eingeschenkt ist, also wirklich einen Liter Bier enthält oder gar mehr. Nur, liebe Veranstalter, so wird das nichts. 900 Milliliter, das ist das Maß in München, die maximale Abweichung, die der VGBE gerade noch duldet. Die Schankkellner auf der echten Wiesn haben das, wie ich aus sicherer Quelle weiß, genauestens im Gefühl und ziehen das gnadenlos durch. Jede zehnte Maß ist stiller Reibach, dann klingelt auch die Kasse, hobt's mi? Ich sag's halt nur, weil das Zelt am Freitag, dem Eröffnungsabend, zwar nicht halbleer, aber eben auch nicht völlig ausgelastet war. Was mich angeht, ich werde wohl nicht wiederkommen. Einmal reicht, denke ich. Been there, did that.






Kommentare :

  1. Also, wenn das die nüchterne Zeltvariante ist, was wäre denn dann die LSD-Variante?

    Über die Annahme, in der barischen Gastronomie könne man besonders guten Schweinsbraten erwarten, möchte ich lieber schweigen.

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  2. Schöner Text. Was die Kartoffelsalatfrage anbelangt, so denke ich als reingeschmeckter Schwabe, ist das Kompliment an die Bayern gerechtfertigt. Mit Speck schmeckt das einfach besser.
    Ist auch kein Weltuntergang, das zu schreiben.
    Wäre aber im obigen Text davon die Rede gewesen, dass die Bayern die besseren Brezeln, ja, diese sogar erfunden hätten, dann wär aber was los!

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    1. Danke. Als Info: Speck kann, muss aber nicht dran. Bekommt man zumindest in Oberbayern so gut wie nie. Wie's in Niederbayern und Franken aussieht, weiß ich nicht.
      @frater mosses: Meiner Erfahrung nach ist Schweinsbraten mit Knödel und Krautsalat eines dieser Gerichte (mittags!), an der sich in Bayern zeigt, ob ein Wirtshaus was kann oder nicht.
      Mit der Deko war auch eigentlich eher traditioneller Kitsch gemeint, weniger diese neumodisch-poppige Beleichtung...

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