Dienstag, 11. Dezember 2018

Blut, Schweiß und Tränen - begraben unter 'Schwarzem Gold'


Ein Gastbeitrag von Gerhard Keller

Am Freitag, 21.12.2018, endet mit der Schließung von Prosper Haniel in Bottrop als letzter Zeche im Ruhrgebiet die Geschichte des Steinkohlebergbaus in Deutschland. Die Abschlussfeierlichkeiten werfen bereits seit einigen Wochen in Gestalt von Reportagen und historischen Rückblicken in den Medien ihre Schatten voraus. Es kündigt sich im Vorfeld die emotionale Orgie einer Lebenslüge an.

Mein Elternhaus stand 500 Meter von der Zeche Lothringen entfernt an der Straße 'Knappensiedlung' in Herbede, heute ein Ortsteil von Witten. Alle der rund 100 Familien, die dort wohnten, kannten sich untereinander. Die Hausfrauen trafen sich in den 50er und 60er Jahren völlig unbefleckt von Alice Schwarzer gemäß der damals standardisierten Rollenverteilung zum Schwätzchen im Tante-Emma-Laden, beim Milchbauern oder beim ambulanten Gemüsehändler. Die Männer nach Feierabend auf dem lehmigen Fußballplatz des lokalen Vereins aus der dritten Kreisklasse und beim Bierchen nah dem Heimspiel. Der männliche Nachwuchs verschwand nach der Schulzeit selbstverständlich auch im Förderkorb. Leider gab es für die Familien im Ruhrgebiet nach dem Krieg kaum Alternativen.

Das Leben meines Vaters war die damals übliche Erwerbsbiografie: 25 Jahre unter Tage, 25 Jahre IG Bergbau und Energie, 25 Jahre SPD. Gewerkschaft und Partei haben nicht verhindern können, dass sein ausgelaugter Körper mit 76 Jahren aufgab. Einmal meinte er auf meine Bitte, mich doch mal mitzunehmen runter in den Streb: "Du wirst Dir vor Angst in die Hose machen". Damit meinte er, dass schon das Knacken und Grollen der sich auch nur um Bruchteile von Millimetern bewegende Gebirge über den Bergleuten sich so gruselig anhöre wie ein bevorstehender Felssturz, was manchmal unter Tage ja auch der Fall war. Der Beruf des Bergmannes bedeutete schwerste körperliche Arbeit. An Marathontraining oder Hantelstemmen im Fitnessstudio nach Feierabend wäre damals überhaupt nicht zu denken gewesen. Arzttermine während der Arbeitszeit oder mal eben wegen heftiger Zahnschmerzen zum Zahnarzt während einer Schicht - unmöglich. In vielen Bürojobs heute kein Problem.

Dafür hat die Bergbauberufsgenossenschaft die Staublunge irgendwann als Berufskrankheit anerkannt.

Bis heute wird der Kumpel unter Tage zum Helden der Arbeit stilisiert. Solidarität, Risikobereitschaft, Schichtarbeit und der Arbeitsplatz in 1.000 Metern Tiefe in Hitze, Kälte und Feuchtigkeit wurden ganz im Sinne der protestantischen Arbeitsethik zu Traditionen veredelt. So auch der Begriff des 'Schwarzen Goldes'. Es etablierte sich im Laufe der Nachkriegsjahre der Mythos vom Helden der Arbeiterklasse.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Bergleute im Dienste dieser Traditionen ihr Leben verloren, chronisch krank oder zu Krüppeln wurden. Und das weit öfter als in anderen Berufen. Insofern wäre es doch viel vernünftiger, der Abschlussfeierlichkeiten in Bottrop fern zu bleiben, evtl. sie mit Trillerpfeifen zu begleiten, und so die Prominenz aus Politik und RAG-Vorständen allein zu lassen. Es sollte  gejubelt werden, dass endlich ein Schlussstrich unter diese extrem menschenverachtende und ausbeuterische Ära des deutschen Nachkriegsindustriezeitalters gezogen wird. Es gibt nichts, dem man hinterher trauern sollte, außer den ökologischen (Luft) und geologischen (Grundwasser, Tagesbrüche) Folgen dieses Ausbeutungssystems.

Glück auf!


Weiterführende Links:

WDR-Nachrichten zum Bergbau
WestArt: Schicht im Schacht - Abschied von der Kohle (Video)
Der Bergbau geht und hinterlässt jede Menge Arbeit (Welt)
Sie waren jung und brauchten das Zechengeld (WAZ)


Vielen, die öfter hier vorbeischauen, dürfte Gerhard unter seinem Nickname 'altautonomer' als regelmäßiger Kommentator bekannt sein. Zu dessen Lebzeiten hat er öfter auf Charlies 'Narrenschiff' Gastbeiträge veröffentlicht. Seinen Beitrag über das Ende des Bergbaus fand ich so gelungen, dass ich ihn gern hier bringe (wäre schön, wenn es nicht der letzte bliebe). Es ist übrigens interessant, wie meine Sicht als Kind des Ruhrgebiets auf den Bergbau sich unterscheidet und in Richtung Malocher-Romantik geht. Liegt vielleicht daran, dass aus meiner Familie schon niemand mehr vor Kohle war. Außer mein Onkel. Der arbeitete bis vor ein paar Jahren als Lehrer an einer Bergberufsschule und hatte ein Praktikum unter Tage gemacht. Ansonsten galt für uns als Schüler damals schon: Junge, bleib weck vonne Zeche, werd bloß nich‘ Berchmann!



Kommentare :

  1. Hallo Altauto,

    bin erst jetzt auf Deinen Text gestossen. Bin selbst kein direkter Nachkomme eines Bergarbeiters, aber mein Vater war einer. Der wurde in Bochum geboren.

    Sein Vater, mein Grossvater hat dort 10 Jahre unter Tage gearbeitet und die Tochter eines polnischen Bergarbeiters geheiratet, meine Grossmutter, mit dem Namen, der wie beim Kay vom "Abfall" endet.

    Über diese Zeit ist bei mir nicht viel hängen geblieben: Nur soviel, dass er durch die Knappschaft eine recht gute Rente erhalten haben soll und , dass er im Alter Probleme mit der Lunge hatte und daran auch gestorben ist.

    LG

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  2. Nirgendwo zählt ein Leben so wenig wie im chinesischen Bergbau.
    Nirgendwo in der Welt leben Bergarbeiter so gefährlich. Tausende sterben jedes Jahr, zehntausende erkranken an Staublunge. China produziert 35 Prozent der Kohle weltweit, meldet aber 80 Prozent der Toten im Kohlebergbau. Über den "Albtraum in den Kohlegruben" und die immer neuen Schreckensnachrichten aus Chinas Bergwerken erregen sich die Gemüter selbst im Internet-Chat-Raum des Parteiorgans "Volkszeitung". "Warum hat niemand jemals etwas von den Katastrophen gelernt? Wo ist unser soziales Gewissen?", fragt einer.

    Ergänzung des Autors: In den vergangenen Jahren gehörten China und Südafrika zu den Hauptlieferanten des schwarzen Energieträgers für den deutschen Markt. Doch das hat sich inzwischen geändert, da China selbst Kohle in der Größenordnung von jährlich 200 Millionen Tonnen einführen muss.

    PS: Frank ist mein jüngerer Bruder.

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  3. Das obligatorische Youtube-Video zur Stützung meines kritischen Textes darf natürlich auch nicht fehlen.

    https://www.youtube.com/watch?v=VD5rfGkt2u8

    Es genügt, wenn man sich die ersten 20 Min. anschaut.

    Als ich mit ca. 25 Jahren als Besucher im Unter-Tage-Bereich des Bergbaumuseums Bochum Gelegenheit hatte, mal einen Presslufthammer zu bedienen, bekam ich einen unvergesslichen Eindruck von der körperlich harten Maloche. Das 15 kg schwere Ungetüm haute mich fast aus den Schuhen.

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