Sonntag, 21. Februar 2021

Alpiner Pott

 
Monokultur und Selbstüberschätzung sind ungut. Rächt sich früher oder später. Fällt einem auf die Füße. Ich spreche da als eingeborener Bewohner des Ruhrgebiets aus Erfahrung. Um die 150 Jahre lang hat man hier fast ausschließlich auf die Montanindustrie gesetzt. Die brachte viele Probleme, aber auch Wohlstand. Die letzten paar Jahrzehnte bekamen sogar die Arbeiter ein bisschen davon ab. Bis in die Achtziger hinein stolzierte die RAG (Ruhrkohle AG), später die DSK (Deutsche Steinkohle AG) mit breitester Brust einher. Schaltete doppelseitige Anzeigen in allen großen Zeitungen und Zeitschriften. Unsere deutsche Kohle sichert die Zukunft der Nation. Bis in alle Ewigkeit. Systemrelevant. Gockel, gockel, gaaack. Kikeriki!

Man bildete sich was ein auf seine Aufsässigkeit hier im dunkelroten Pott. Ließ sich nicht kleinmachen. Und erst recht nicht rumschubsen von den Bonzen. Man wärmte sich an Happenings wie Franz-Josef Straußens legendärer Wahlkampfrede auf dem Essener Burgplatz 1979. Da wurde der ohnehin cholerische Strauß so konsequent wie ausdauernd ausgepfiffen und mit Eiern beworfen, sodass er sich in eine Schimpftirade hineinsteigerte, die sogar für seine Verhältnisse abgefahren war. Die Demonstranten bezeichnete er als "Brüllhaufen", "Pöbelhorden" und "Terrorbanden", als "die besten Schüler von Dr. Joseph Goebbels" und "die besten Anhänger Heinrich Himmlers", überhaupt als "die besten Nazis, die es je gegeben hat". Damit nerven hier noch heute Opas ihre Enkel, ob sie nun selbst dabei waren oder nicht.

(Mimimimimimimimimi, die Linken sind ja sooooooooooooooo gemein. Wenn man eine Meinung hat, die ihnen nicht passt, ist man sofort ein Nazi. Menno! Nazikeule, anyone? Immerhin, damals war man noch stolz darauf, von FJS als Nazi bezeichnet zu werden. Ein Ritterschlag. Heute wird bloß selbstmitleidig rumgeheult darob. So ändern sich die Zeiten.)

Stolz war man auch auf die Proteste in Duisburg-Rheinhausen gegen die Schließung des Krupp-Stahlwerks im Winter 1987/88, die unter dem Motto 'AufRuhr!' standen. Tagelang war man Topthema in der Tagesschau und es gab ein Solidaritätskonzert, das live im Fernsehen übertragen wurde. Später griff der Schimanski-Tatort 'Der Pott' das Thema noch einmal auf.  Ein allerletztes Aufflackern war der Protest gegen den Kohlekompromiss von 1997, in dem Ende des Steinkohlebergbaus beschlossen wurde. Da legten wütende Demonstranten das Bonner Regierungsviertel lahm ("Opa, wieso Bonner Regierungsviertel?") und das Thomas-Dehler-Haus musste von der Polizei geschützt werden. 1993 wurde das Rheinhausener Stahlwerk sang- und klanglos stillgelegt, 2018 war dann auch Schluss mit der Kohleförderung. Steinmeier schaute vorbei, kurze Feierstunde, der Bergmannschor stimmte ein letztes Mal tränennass das Steigerlied an und aus war's.

Wir gegen den Rest der Welt! Sicher doch. Kapitalisten sind klug. Sie wissen genau, wann sie Geld in die Hand nehmen und wem sie es geben müssen, wenn es kritisch wird. Sie haben ja genug. Der Ruhrbergbau wurde 'sozialverträglich' abgewickelt, wie das hieß. Niemand sollte ins Bergfreie fallen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt noch eingefahren war, konnte mit 47 bei vollen Bezügen in Rente gehen. Die Kinder der einstigen Bergmannsfürsten und Gewerkschaftsgrößen kennen harte körperliche Arbeit meist nur mehr aus Erzählungen. Die haben nicht selten studiert und sitzen auf auskömmlichen Posten im öffentlichen Dienst. Oder sind was Hohes bei halbstaatlichen Firmen, wo sie dann Fusionen verhindern. Glauben Sie nicht? In der Stadt Herne mit ihren gut 150.000 Einwohnern wird der öffentliche Nahverkehr von nicht weniger als drei Unternehmen betrieben (Bogestra, HCR, Vestische). Schafft aber Arbeitsplätze.

"Das Ruhrgebiet ist keine Metropole und wird nie eine Ruhrstadt werden. Natürlich würde es Sinn machen, dieses Gewusel aus über 50 weitgehend erfolglosen Städten zu einer großen Stadt wie Berlin zusammenzufassen, wie es dort nach dem Ersten Weltkrieg ja auch gemacht wurde. […] Aber die Beharrungskräfte sind zu hoch, zu viele profitieren von der Zersplitterung des Ruhrgebiets. Die Vorstände der Nahverkehrsunternehmen, die Dezernenten der vielen Städte, die Chefs der Energieunternehmen, all die kleinen und gut bezahlten Sparkassenfürsten, die Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landräte und ihr Gefolge aus Referenten, Pressestellen und Beratern haben an einer solchen Entwicklung kein Interesse, und ihre Parteien stehen hinter ihnen." (Stefan Laurin)

Moral von der Geschicht' bzw. was ich damit sagen will: Ein allzu schmeichelhaftes Selbstbild als widerständiges, starkes, knorriges Völkchen kann mitunter recht schnell und geräuschlos in sich zusammensacken, wenn es ernst wird. Hier im Ruhrgebiet hat es gerade mal ein halbes Menschenleben gebraucht, um von der brummenden Boomregion voll ehrbarer, aufrechter Arbeiter mit einer Zwischenstation als Subventionsparadies zur ärmsten Gegend Deutschlands mit astronomischen Arbeitslosenquoten abzusacken. Nennenswerter Widerstand? Seit einem Vierteljahrhundert Fehlanzeige.

Wie komme ich eigentlich darauf? Weil in österreichischen Bundesland Tirol, so ist zu hören, gerade etwas ganz ähnliches im Gange scheint, allerdings im Schnelldurchlauf. Man hängt dort weit überwiegend vom Tourismus ab, sieht sich selbst als stolzes, uriges Vorzeigebergvolk aus kerngesunden, rotbackigen, sportelnden Naturburschen und -madeln und verehrt kultisch den Widerstandskämpfer Andreas Hofer. Der wurde 1810 füsiliert und soll noch vor dem Peloton das schlecht schießende französische Erschießungskommando verspottet haben. Wenn's nicht stimmt, ist es gut erfunden und wärmt das Herz.

Nach einem Jahr Corona/Covid-19 und einer "pandemischen Pannenserie" der Regierung ist davon nicht mehr viel übrig. Weil der Tourismus brachliegt, ist die Arbeitslosigkeit in den Tourismushochburgen in nie gekannte Höhen geschossen, um stellenweise bis zu 445 Prozent. Plötzlich sind auch jene 'Fleißigen' auf Transferleistungen angewiesen, die immer geglaubt haben, die 'soziale Hängematte' sei bloß was für Faulenzer.

So viel zu den Parallelen. Natürlich gibt es Unterschiede. So ist es ja keineswegs ausgeschlossen, sondern durchaus wahrscheinlich, dass es, wenn das Mistvirus mal unter Kontrolle ist, auch wieder aufwärts gehen wird mit dem Tiroler Tourismus. Ansonsten scheint man noch im Verweigerungsmodus zu sein und sucht die Schuld vornehmlich bei anderen. Den Politikern, den Deutschen, überhaupt der ganzen Welt, die sich verschworen hat gegen das arme Tirol. Aber so was kann schnell vorbei gehen. Wie gesagt, ich spreche aus Erfahrung.





Kommentare :

  1. "Im Steinkohlenbergbau des Ruhrgebiets wurde die Erdoberfläche bis zu 25 Meter[5] abgesenkt. Die Innenstadt Essens liegt beispielsweise 16 Meter tiefer. Ohne ständiges Pumpen des Grundwassers wären weite Teile des Ruhrgebiets eine Seenlandschaft. Fast ein Fünftel der Region (in den Grenzen des Regionalverbands Ruhr mit 4.435 km² Fläche) stünde unter Wasser." (Wikipedia

    Pumpen abstellen und umsatteln auf Freizeittourismus. Und durch den Klimawandel wirds bald kuschlig wie am Mittelmeer.

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  2. Corona ist gekommen, um zu bleiben. Genau, wie bei der Grippe, impfen wir jahrelang hinterher. Sollte es Corona mal nicht geben, stehen andere Viren bereit. H5N8 wurde gerade auch in Deutschland festgestellt, Drosten warnt u. a. vor MERS. Dabei bestimmt in Deutschland noch immer die Größe der Werks- oder Kaufhalle, ob der Virus überhaupt existent sein kann und welche Folgen er im Einzelnen hat. Lieferverkehr geht natürlich immer. Genau wie Fahrscheinkontrolle. Folgerichtig ist Deutschland auch beim Coronahandling vom einstigen Klassenprimus ins Nirvana abgeschmiert.
    Willkommen in der neuen Normalität. Immerhin ist die inzwischen wieder planbar, da im Wesentlichen immer die gleichen Maßnahmen zu den gleichen Zeiten "beschlossen" werden. Hier hilft der Terminkalender vom Klugfon schon weiter oder man legt sich halt eine entsprechende Exceltabelle an. Allerding muss man die wechselnden Fahr-, Ess- und Trinkverbote ergänzen, falls man denn irgendwo ins "Grüne" fahren möchte.

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  3. Und niemandem kommt der Verdacht, dass es sich um einen globalen Betrug handeln könnte.

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    1. Hilfsfrage: Der Lockdown wird argumentativ gekoppelt an irgendwelchen Inzidenzwerten, deren Grenzwert kürzlich gesenkt wurde, um die Verlängerung zu begründen.

      Ist irgendjemandem eine offizielle Begründung bekannt geworden? Mir nicht, aber ich kann irren.

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    2. Mann, Mann, Mann, niemand außer Ihnen schöpft Verdacht. Sie sind aber auch ein Fuchs. Was ganz großem auf der Spur...

      Hilfsantwort bezüglich Ihres zweiten Kommentars. Es geht oben allenfalls sehr am Rande um angebliche Inzidenzwerte. Ihre Schlaubischlumpfereien sind hier also ebenso fehl am Platze wie Ihre neuerlichen Bemühungen, allen hier Ihre Themen aufzwingen zu wollen.

      Aber Kopf hoch: Armin Laschet ist bei Ihnen.

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    3. Wenn es „allenfalls sehr am Rande um angebliche Inzidenzwerte“ ging, worum dann? Denn diese waren es, die in den Medien kommuniziert wurden. Gruß Schlaubischlumpf.

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    4. @Stefan Rose22. Februar 2021 um 17:25

      Das „allenfalls am Rande“ suggeriert Fachwissen. Wie schauts? Kommt da noch was?

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  4. Ok, Betrachtung des Artikels.

    Steigt ein mit Reminiszenz auf Selbstbewusstsein des Ruhrpott-Einwohners, mit pejorativen Adjektiven (schlechtmachenden Wie-Wörtern, etwa „stolzierte mit breitester Brust einher“, „Gockel …“ etc.) – unter den Tisch fallenlassend, dass die Steiger ein hartes Berufsleben hatten. Und ein gefährliches. (Wer unter solcher Bedingung seine Familie durchbringt, dem gönn ich den Stolz.)

    Sodann Vergleich Niedergang der Bergbauregion – Ursache Preisverfall durch asiatische Konkurrenz, kommt im Artikel zwar nicht zur Sprache, aber die Ökonomie ist dem Guten Willen übergeordnet – mit:

    Niedergang der Tourismusregion Tirol.

    Dessen Ursache ist – anders als beim Pott – eine Pandemie, die wir nur aus der Zeitung kennen. Wers nicht glaubt schau in die Sterbestatistik Euromomo. Um es mit Grundschüler Cartman aus South Park zu sagen: laaaaaangweilig.

    Die genannte Pandemie ist Stichwort für einen Zwischenruf des Inhalts Betrugsverdacht. Nervig? Vielleicht. Seriös? Aber hallo!

    Denn die Pandemie suggeriert – ähnlich dem Amerikanischen „war on terror“ – Höherwertigkeit gegenüber Grundrechten. Sie erfordert Begründung. Wissen ist sachliches Fundament für Demokratische Entscheidungskompetenz des Volks. (Stefan, staunt gerade wer?) Begründung, die behauptet, aber nicht geliefert wird.

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  5. Dann auch noch mein Senf. Der Tourismus in Tirol und in der Alpenregioen generell ist bereits das Ergebnis eines Strukturwandels von der gemolkenen Kuh zum gemolkenen Touri. Mit Beginn des Alpinismus trat der allmähliche Wandel ein. Nur noch wenige Bauernhöfe halten sich dort als Nebenerwerb, während gleichzeitg Urlaub auf dem Ökohof angeboten wird. Das Hotelgewerbe im Ötztal ist bereits überwiegend in russischer Hand.

    Im Text oben vermisse ich den Kampf der Arbeiter von OPEL Bochum, die sich auch noch "Opelaner" nannten und voll verladen wurden, weil die Schließung eigentlich von Anfang an klar war. Über 3.000 Arbeitsplätze weg. 2.300 waren es bei NOKIA Bochum, nachdem die Fördermittel des Landes eingesackt waren..

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    1. Thx. Und vergessen wir nicht (aus Grauer Vorzeit) die Belegschaft von Maico seinerzeit. Die haben, glaub ich, ein halbes Jahr weiter gearbeitet unter Lohnverzicht.

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    2. https://de.wikipedia.org/wiki/Maico

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  6. Maico: Jetzt hab ich wieder was dazu gelernt. Tübingen liegt im Ruhrpott und googlemaps lügt..

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