Mittwoch, 2. April 2025

Haut aus Teflon


Gut möglich, dass es Gründe gibt, wieso der deutsch-dänische Mehrteiler 'Die Affäre Cum-Ex' ausgerechnet jetzt, ziemlich genau zum Ende von Olaf Scholzens Kanzlerschaft ausgestrahlt wird. Dazu noch im Nachtprogramm. Früher, vor den Zeiten der Mediatheken, konnte man das bedauerlich finden, heute entfällt das. Zum Glück. Um es vorweg zu nehmen: 'Die Affäre Cum-Ex' ist sehr gut gemachtes Fernsehen. Erhellend und aufklärend, ohne je dröge oder gar dokumentarisch zu werden, kurzweilig, ohne platt zu sein, dazu glänzend gespielt. Wer begreifen will, welches Ausmaß der Betrug an europäischen Steuerzahler:innen hatte und wie er vonstatten ging, sollte sich das ansehen.

(Ab hier zunehmendes Gespoiler.)

Die achtteilige Serie hat zwei Hälften: In der ersten sehen wir den Aufstieg des jungen Wirtschaftsanwalts Sven Lebert (Nils Strunk). Der kommt aus kleinen Verhältnissen und strebt nach der großen Karriere. Er gerät unter die Fittiche von Siegfried Hausner (großartig: Justus von Dohnányi), einem ehemaligen Finanzbeamten, der sich das mit den Cum-Ex-Geschäften hat einfallen lassen. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine Art Vater-Sohn-Verhältnis. Zu beider Nutzen. Hausners Geschäfte gehen durch die Decke, Lebert legt bald alle Skrupel ab und ist binnen kurzer Zeit x-facher Millionär. Als sein Vater, ein krebskranker Handwerker im Ruhestand, seine gesamten Ersparnisse im Zuge der Finanzkrise 2008 verliert, verbittet er sich, dass der vermögende Filius ihm finanziell unter die Arme greift.   

Gut, einiges ist ein wenig dick aufgetragen. Etwa wenn zu Beginn der stinkreiche Londoner Investmentbanker Syed Akram (Waj Ali), die zentrale Figur der Cum-ex-Machenschaften, sich seiner Kleider entledigt, um quasi Sex zu haben mit seinem Mercedes. Das Problem: Am Schluss hält man das nicht mehr für ganz so abwegig. Es ist auch nicht so, dass die gezeigten Superreichen keine Moral hätten. Im Gegenteil. Sie meinen, was Geld bringt könne nicht unmoralisch sein, und wer sie am Geldmachen hindern wolle, sei ein Nazi.

Denn dieser Geldadel empfindet seinen Reichtum keineswegs als öbszön oder so. Nein, ihre Abermillionen halten sie für wohlverdient und hart erarbeitet. Regeln gelten für sie nicht, weil sie so smart sind, darüber zu stehen. Das unterscheidet sie von gewöhnlichen Gangstern, die sich immerhin bewusst sind, dass ihr Handeln zumindest insofern falsch ist, als dass es sie in den Knast bringen kann. In der Welt der Hausners ist bereits die Tatsache, dass man überhaupt gegen sie ermittelt, eine Frechheit. Natürlich kennen sie Grenzen: Ein vom Aussterben bedrohtes Okapi zu grillen und zu verspeisen geht gar nicht. Und bei Kindern hört der Spaß auf, die Familie ist heilig. Ist bei der Mafia oder bei 'Clankriminellen' auch nicht anders.

In einer Nebenhandlung sehen wir den dänischen Steuerbeamten Niels Hansen (David Dencik). Der ist frisch verheiratet mit der deutlich jüngeren Olga (Dia Jovanovic) und denkt, er müsse ihr trotz seines schmalen Gehalts ein materiell schönes Leben bieten (die Ehe wird daran beinahe zerbrechen). Als sein Kumpel Mikkel ihm ein krummes Cum-Ex-Geschäft vorschlägt, gibt er in einem schwachen Moment nach und das Drama nimmt seinen Lauf.

Die zweite Hälfte setzt damit ein, dass Anna Nowak, einer jungen Sachbearbeiterin beim Bonner Bundeszentralamt für Steuern, etwas seltsam vorkommt. Sie stoppt die die durch die Cum-Ex-Deals fälligen Zahlungen des deutschen Fiskus an die beteiligten Banken und informiert die Staatsanwaltschaft. Ihr Verdacht, dass da etwas faul ist, erhärtet sich, als sie von Banken Drohanrufe bekommt. Damit verlassen wir die Welt der gediegen holzgetäfelten Konferenzräume, der Luxusappartements, der Koks- und Nuttenpartys, die Welt derer, die so gelangweilt sind, dass sie sich immer alberneren Vergnügungen hingeben müssen, und betreten die Welt der Amtsstuben.

In dieser zweiten Hälfte tritt die Kölner Staatsanwältin Lena Birkwald (klasse: Lisa Wagner) auf den Plan, die in Sachen Cum-Ex federführend ermittelt und für die die damalige leitetende Staatsanwältin Anne Brorhilker Patin stand. Es ist die Welt der schäbigen Containerbüros, der schraddligen Kunststofftische, Butterbrotdosen, Thermosflaschen und Fahrradhelme. Einen (schlecht sitzenden) Anzug trägt hier nur der Oberstaatsanwalt. Weil er muss. Und eine wie Birkwald lässt sich auch nicht von teurer Trüffelpasta beeindrucken, zu der Hausner sie einmal einlädt und stochert eher lustlos darin herum. Als er ihr, die in ihrer Freizeit gern Vögel beobachtet, ein superteures Hochleistungsfernglas schenken will -- nur um ihr eine kleine Freude zu machen, versteht sich --, lehnt sie dankend ab.  

Vermutlich fühlt man sich bei diesem Faceoff der beiden Gegenspieler nicht zufällig an das Treffen zwischen Robert De Niro und Al Pacino in 'Heat' erinnert. Auf der einen Seite der ehemalige Finanzbeamte Hausner, der meint, völlige Freiheit bedeute, sich absolut keine Geldsorgen mehr machen zu müssen, alles andere sei Gefangenschaft. Demnach ist sein Widerpart Birkwald für ihn eine Sklavin, eine Gefangene ihrer begrenzten Finanzmittel. Auf der anderen Seite die Beamtin, der jedes Verständnis abgeht für das Motiv, immer mehr und immer nur noch mehr haben zu müssen und die einem wie Hausner für einen Gefangenen seiner Gier hält.  

Gleichzeitig zieht die Schlinge um den braven Niels sich mehr und mehr zu. Wir sehen seine Gerichtsverhandlung. Er wird im Gefängnis landen. Die Prozesse gegen die deutschen Cum-Ex-Profiteure stehen da gerade erst am Anfang.

Da sind immer wieder diese Sätze, die im Gedächtnis haften bleiben. Etwa zu Beginn, als Hausner potenziellen Investoren sagt: "Also wenn hier irgendjemand im Raum ein Problem damit hat, dass wegen uns weniger Kindergärten gebaut werden, der kann ja den Raum verlassen!". Alle lachen, niemand geht. Man wird in Zukunft kaum anders können als sich an genau diesen Satz zu erinnern, wenn es wieder einmal seitens der Politik heißt, nun müsse aber eisern bei den öffentlichen Ausgaben gespart werden, der Sozialstaat sei unleistbar und es seien gemeinsame Anstrengungen aller nötig.  

Dann fällt da zwei Mal dieser Satz, einmal aus dem Mund der Chefin der dänischen Steuerbehörde, einmal aus dem eines deutschen CDU-Politikers: "Mein Gott, ich höre mich an wie ein Sozi/Linker, dabei bin ich konservativ." Das erinnert wohl nicht zufällig an den verstorbenen FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, der einen unter dem Eindruck der Finanzkrise geschriebenen Essay einst eröffnete mit den Worten: "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat."

Und dann, fast ganz zum Schluss, kommt noch einer dieser Sätze. Als die Staatsanwältin Frahmers (Stefanie Reinsperger) den Redakteur Christoph Fromm fragt, der die Veröffentlichung der Cum Ex-Files maßgeblich vorangetrieben hat: "Was meinen Sie, kommt [Olaf] Scholz da heil raus?", antwortet der: "Niemals! Außer, er hat eine Haut aus Teflon." Inzwischen sind wir klüger. Der Name Olaf Scholz ist übrigens der einzige Name einer realen Person, der überhaupt genannt wird.

Am Ende steht die Erkenntnis, die den Pressemann Fromm überkommt: An dem Tag, als das internationale Rechercheteam die Cum-Ex-Files in zahlreichen Medien zeitgleich veröffentlichte, zerriss die deutsche Öffentlichkeit sich lieber das Maul über eine SPD-Politikerin palästinensischer Herkunft, weil die öffentlich eine Rolex für ein paar Tausend Euro getragen hat. Da konnten 150 Milliarden geraubtes Steuergeld einfach nicht mithalten.








5 Kommentare :

  1. "Denn dieser Geldadel empfindet seinen Reichtum keineswegs als öbszön oder so. Nein, ihre Abermillionen halten sie für wohlverdient und hart erarbeitet"
    Ich würde mal schlicht behaupten, daß nirgendwo und niemals diese Vermögen erarbeitet wurden (von "hart" rede ich erst gar nicht).
    Vererbtes Geld bekommen oder purer Egoismus im Business oder eine gute Idee gnadenlos ausschlachten und der Rest ist/war dann die perverse Selbstvermehrung der "die erste Million ist die schwerste".
    Gruß Jens

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  2. Komisch. In den letzten drei Jahren haben Sie über "Cum-Ex" auch kein Wort verloren. Aber jetzt reden Sie über eine Serie, die das Thema behandelt, ohne einen eigenen Standpunkt dazu entwickelt zu haben, während die Ampel noch an der Macht war. Keinen Bademantel zur Hand?

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    1. Herrje ... was ist Ihnen denn so am frühen Morgen über die Leber gelaufen? Kein Baldriantee zur Hand?

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    2. Vielleicht mal zur Klarstellung:
      1. Finanzmarktkram interessiert mich nicht und ich habe keine Ahnung davon. Und Meinung ohne Ahnung ist Quatsch.
      2. Ich war nie und bin kein Fan von Olaf Scholz, hielt ihn aber 2021 für den am wenigsten ungeeigneten Kandidaten.
      3. Ich war nie ein Fan de Ampel, finde aber dass sie keineswegs die schlechteste Regierung aller Zeiten war und wegen der FDP auch nicht wirklich eine Chance hatte.
      Können Sie gern komisch finden, ist Ihre Sache.

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  3. Der ganze Cum-Ex-Komplex ist letztlich ein Offenbarungseid des deutschen investigativen Journalismus. Die kriminellen Fakten sind seit vielen Jahren bekannt, es gab und gibt Stoff für viele, zum Teil durchaus atemberaubende Stories, aber deutsche Journalisten, die nicht für den Wirtschaftsteil schreiben, scheuen Wirtschaftsthemen wie der Teufel das Weihwasser: "zu kompliziert" ... "versteht keiner" ... "liest keiner" ... Politiker, die sich bei Cum-Ex die Finger schmutzig gemacht haben, konnten einigermaßen sicher sein, in der Öffentlichkeit ungeschoren davonzukommen. Dass nur sehr zurückhaltend berichtet werden würde, war abzusehen.

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