Deutschland sei, so heißt es allenthalben, ein digitales Entwicklungsland. Die Welt lache sich entweder kaputt über uns deutsche Digital-Höhlenmenschen oder schüttele mitleidig den Kopf. Tss tss, was ist bloß aus den übereffizienten deutschen Organisationsweltmeistern geworden? Während anderswo alles nur mehr ganz bequem digital und online gönge und niemand auch nur auf die Idee käme, ein Blatt Papier auch nur zur Hand zu nehmen, geschweige denn, persönlich bei einem Amt zu erscheinen, säßen hier überall mausgraue, verpupte Ärmelschoner, Bedenkenträger und E-Mail-Ausdrucker herum, für die alles, was sich nicht in einem Leitzordner abheften lässt, neumodisches Teufelswerk ist und die jede ausgedruckte Mail dann noch einmal faxen. Zur Sicherheit. Man kann schließlich nie wissen. Keine Experimente!
Nur stellt sich die Frage: Stimmt das überhaupt? Hinkt man hier in Bronzezeit Valley wirklich heillos hinterher beim öffentlichen Digitalisieren? Lassen wir einmal die Erfahrungen "Paroli laufen" (Hrubesch), die ich die letzten eineinhalb Jahre über mit der hiesigen Kommune so gemacht habe:
August 2024. Wie jedes Jahr muss ein neuer Anwohnerparkausweis her. Geht komplett online, sofern man ein Account bei BundID hat. Daten bestätigen, Zahlen per PayPal, zwei Wochen später liegt das Gerät in der Post. Smooth. Kann man nicht meckern. Solange man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, sich in die Hände des von den Herren Musk und Thiel verantworteten Zahlungsdienstleisters zu begeben. Und nicht zu viele lästige Fragen stellt wie die, welche Drittfirmen da eventuell noch ihre Finger im Spiel haben mögen.
Januar 2025. Der Tausch des antiken rosa Führerscheinlappens gegen ein Stück Kunststoffmüll in spe steht an. Ich mache das wie zu Kaisers Zeiten, lasse ein paar Fotos machen, und zwar von einem Fotografen (den Rest Eitelkeit leiste ich mir) und gehe damit zum Bürgerbüro. (Ich hätte das auch online bei der Zulassungsstelle des Kreises erledigen können, aber da war gerade die Software platt. Kann man nix machen.) Der Service geht überraschend flott und sehr freundlich. Natürlich erfolgt die Datenübertragung zur Bundesdruckerei längst digital. Aber die Schnittstelle zum Bürger ist noch ziemlich analog. Drei Wochen später liegt das Teil in der Post.
November 2025. Ich brauche eine neue Jahreskarte für die städtischen Schwimmbäder. Die kostet 200 Euro. In meiner mit galaktisch nur höchst unzureichend umrissenen Naivität hatte ich gedacht, die 200 Euro bräuchte ich nicht extra in bar mit mir herumzutragen, da die Bäder ein knappes Jahr zuvor erst auf digitale Kassensysteme umgestellt und die Papierkarten gegen Kunststoffmüll in spe ersetzt worden waren. Also zücke ich die Debitkarte und werde informiert, dass Kartenzahlung leider nicht möglich sei. Nicht etwa momentan, weil das Gerät gerade kaputt ist, sondern grundsätzlich. 2026. Wo fast jeder mobile Bratwurstverkäufer ein Kartenterminal im Anschlag hat.
Januar 2026. Der Tausch des Personalausweises gegen ein neues Stück Kunststoffmüll in spe steht im Frühjahr an. Da ich auch wegen einer anderen Sache aufs Rathaus muss, denke ich mir, ich bin mal schlau, stecke eines der Fotos ein, die ich ein Jahr zuvor wegen des Führerscheintausches hatte fertigen lassen und erledige das gleich mit. Narr, der ich war! Als ich mein professionell gefertigtes Lichtbild herüberschiebe, das die sichtbar nachteiligen Auswirkungen des fortschreitenden Alters zwar nicht völlig verbirgt, aber doch im mildem Lichte erscheinen lässt -- Profis halt --, teilt die freundliche Dame, die trotz langer künstlicher Fingernägel eine erstaunliche Virtuosität an der Computertastatur zeigt, mir mit, das werde nicht mehr akzeptiert, sondern nur noch digitale. Als ich sage, die Fotoprofis hätten mir auch eine Datei gemailt, entgegnet sie, es würden ausschließlich in die Cloud hochgeladene, mittels QR-Code abrufbare Bilddateien angenommen. Solche gäbe es am Automaten im Rathaus, in Drogeriemärkten und bei entsprechend ausgestatteten Fotografen. Verdattert ziehe ich halb verrichteter Dinge meiner Wege und entsorge das nunmehr nutzlos gewordene Foto
War ich da informiert worden? Und wenn ja, wo? Im zunehmend irrelevanter werdenden Lokalblatt, das nach seiner Übernahme durch einen Medienmulti die Lokalredaktionen zusammengekürzt und eine Kündigungswelle sondergleichen erlebt hat, daher inzwischen fast nur noch von Rentnern und welchen gelesen wird, die entweder zu doof oder zu faul sind zum Kündigen oder es irgendwie nicht übers Herz bringen? Im Amtsblatt? Bei WDR regional? Auf der Internetseite der Stadt, die so übersichtlich ist, wie Internetseiten im Jahr 2002 halt waren? Kann mich nicht erinnern. Oder vielleicht doch in diesem Brief, den die Stadt mir Anfang des Jahres geschickt hatte und in dem ich daran erinnert wurde, dass ich bitte daran denken sollte, dieses Jahr einen neuen Ausweis...? Stand da noch mehr? Kann ich leider nicht mehr sagen, weil ich den Wisch nach kurzem Überflug mit der Bemerkung "Weiß ich doch!" entsorgt hatte.
Als ich das mit dem Foto Tags drauf einer Kollegin erzähle, meine die, in Bochum, wo sie residiere, akzeptiere man ausschließlich die vor Ort im Rathaus erstellten Fotos. Soso.
Wenn ich also die Erfahrungen betrachte, die ich im Laufe der letzten 18 Monate mit der hiesigen Verwaltung gemacht habe, dann lautet mein Befund: Deutschland ist in diesem Bereich keineswegs ein digitales Entwicklungsland. Wenn es das wäre und man wüsste, dass wirklich alles noch komplett analog ist, dann wäre das zweifellos ärgerlich und umstädlich, aber man könnte sich wenigstens darauf einstellen. Weil das aber nicht so ist, erlebt man andauernd Überraschungen.
Das hier ist mitnichten Silicon Valley, aber auch nicht Bronzezeit Valley, sondern Patchwork Valley. Ein Flickenteppich an voll digitalisierten, teils halbfertigen, teils schon in die Cloud entschwebten sowie teilweise oder gar nicht digitalisierten und kommunal jeweils unterschiedlich bzw. uneinheitlich gehandhabten Diensten, bei denen viele ihr eigenes Süppchen anrühren. Einen werktätigen Ottonormalbürger ohne Migrations- und Verwaltungshintergrund, der normalerweise nur alle paar Jahre mal die Verwaltung vor Ort in Anspruch nehmen muss (Personalausweis/Reisepass, Führerschein, An-/Ummeldung, ggf. Führungszeugnis) und normalerweise weder Zeit noch Gelegenheit hat, sich mit solchen Dingen zu befassen, vermag das zur Verzweiflung zu bringen. Von KI wollen wir noch gar nicht reden.
Was leider immer und immer wieder vergessen wird, jegliche digitale Bezahlung geht nur mittels Google oder Apple, da per App und aus bequemlichkeitsgründen der Anbieter (zb Banken) nur mit zertifizietten Geräten.
AntwortenLöschenBei Android zb über u.a. Playintegrity.
Hat nan nun kein original OS (nur so kann man nach 2 Jahren noch ein aktuelles Android haben)endweder direkt Pixel oder eines OEM Anbieters, der Google dafür Schutzgeld zahlt, kein gerootetes, also nur beschränkt benutzbares Smartphone, stresst man sich regelmässig ab, um eben diese Playintegrity etc zu überlisten.
Unter "digitaler Staat" allerdings verstehe ich nicht den Zwang spezieller Geräte, sondern die Möglichkeit x-beliebige Computer benutzen zu können.
So lange diese rudimentären Fesseln nicht beseitigt werden, braucht man über Datenschutz nicht zu reden.
Stimme dem Vorschreiber absolut zu. Dazu kommt noch: "sofern man ein Account bei BundID hat. ...Zahlen per PayPal, ..." - da fängt für mich schon das Problem an. Ich hasse es, zigtausend Accounts irgendwo zu haben und zu PayPal braucht man wohl nichts mehr zu sagen. Ebenso zu der Tatsache, daß wir immer digital noch abhängig von den No More United States sind.
AntwortenLöschenTatsächlich war ich immer ein Verfechter des papierlosen Büros - aber inzwischen denke ich komplett anders. Bei mir ist zwar viel privat digital, aber das ist auch nur auf meinem Rechner und nicht in Clouds oder sonstwo.
Ich finde diesen Digitalzwang menschenverachtend. Er schließt mich durch fehlende Alternativen vom öffentlichen Leben aus, wenn ich nicht bereit bin mich ihm zu unterwerfen. Außerdem sehe ich hierin imer wieder die Tendenz zum Altersrassismus, denn immer mehr Menschen werden dadurch vereinsamt.
AntwortenLöschenBeste Beispiel ist die elektronische Patntanakte der Techniker Krankenkasse. Ich habe nach über 1 Stunde vergeblicher Einloggversuche auf die Einsichtnahme bis auf weiteres verzichtet. Ein Beispiel:
https://martin-ueding.de/posts/ausgeloggt-aus-e-patientenakte/
Ich habe dazu den Bundesdatenschutzbeauftragten mit einer Beschwerde gebeten, die TK aufzufordern, mir (79 Jahre alt) die Einsicht zu gewähren, ohne 6 bis 8 verschiedene PINs und Passwörter etc. und ohne mich aus dem System zu werfen, wenn es etwas länger dauert.
Die hier bejubelten "Fortschritte" bedeuten für mich nur Diebstahl an Lebenszeit:
1. App-Zwang: Ich brauche eine App, die nur zu bestimmten Bedingungen installierbar ist (Smartphone-Besitz, Wahl des Betriebssystems, Zugang zum App-Store, Tracker, Datenzugriff).
2. Kontozwang / Accountzwang: Ich kann einen Dienst nur nutzen, wenn ich ein Konto anlegen und dazu Angaben zu meiner Person mache. Liegt auch vor, wenn zur Installation einer bestimmten App (App-Zwang) ein Google- oder Apple-Konto vorausgesetzt wird.
3. Datenabgabezwang: Ein Dienst ist nur verfügbar, wenn ich bereit bin, Überwachungstechnologien wie Tracker und Cookies zu akzeptieren.
Die meisten digitalen Vorteile sind nur anwendbar, wenn ich Onlinebanking nutze, für dass mir mein Kreditinstitut ein Lesegerät aufzwingt.
Ich frage mich bei solchen Kontroversen immer, wie schlecht es der Menschheit wohl gegangen ist, als es diesen Schmonzes noch nicht gab. Ein wenig kritische Distanz würde diesem Blog guttun.
"Ich habe nach über 1 Stunde vergeblicher Einloggversuche auf die Einsichtnahme bis auf weiteres verzichtet..."
LöschenGottseidank hab ich gleich widersprochen, als dieser Mist aufkam...
Ich würde allerdings bei der Hotline der TK anrufen und nachfragen. Und wenn die nicht imstande sind, einem weiterzuhelfen, würde ich die ePA gleich löschen lassen.
@Anonym, 10:42: Und ich finde, ein Tor würde dem Spiel guttun.
LöschenIm Ernst, ich kann nicht erkennen, wo ich irgendetwas "bejuble". Ich habe die Meinung geäußert, dass ich ein Online-Verfahren bequem fand, gleichzeitig aber auch auf die Nachteile hingewiesen. Nicht mehr.
... ich befürchte, dass — evtl. aus persönlichen Befindlichkeiten — es bei den Verantwortlichen niemanden gibt, der einfach mal in der EU bei Kollegen herumfragt "wie das denn so machen".
AntwortenLöschenAnsonsten hoffe ich auf WERO und drücke allen Beteiligten die Daumen!!
Gruß Jens