Donnerstag, 8. Januar 2026

Lernen vom Ancien Régime


Man kann sich gewiss täuschen, aber es sieht so aus, als hätten vor allem Konservative/Rechte ein echtes Händchen dafür, in Katastrophen- und Krisensituationen so rüberzukommen, als ginge sie das alles nicht wirklich was an und nicht zu kapieren, wieso ausgerechnet Wichtigmenschen wie sie sich zum Pöbel herabbegeben sollen. Und sich damit ohne Not um Wahlchancen bringen. Nach Lokalpatriot Stoiber und Schmunzelmuffe Laschet (international ließen sich zum Beispiel noch George W. 'Flyover' Bush oder Melania 'I really don‘t care' Trump erwähnen) hat jetzt der Berliner Bürgermeister Wegner (CDU) sein PR-Desaster am Start, das ihn vermutlich die Wiederwahl kosten wird. 

Mir persönlich ist es übrigens ziemlich wumpe, was genau Wegner am Sonntag so gemacht hat. Wenn er alles so weit organisiert und delegiert hat, dass alles läuft und in Gang kommt, meinetwegen bis in die fallende Nacht, dann soll er halt ein Stündchen Tennis spielen gehen, Herrschaftszeiten. Wäre der Strom schneller wieder dagewesen, wenn er’s gelassen hätte? Hätte er als Zeichen der Solidarität bei sich daheim die Heizung ausschalten sollen? Wäre das Geschrei weniger groß gewesen, wenn er eine Stunde lang einen Sonntagsgottesdienst besucht hätte? Eben. Überdies dürften die allermeisten, die sich über ihn ereifert haben, sonntags wahrscheinlich selbst nicht vom Sofa kommen mit ihren Bratärschen. Hätte er halt nur nicht geleugnet. So was kommt in so einer Situation ganz schlecht an. 

Aber bin ich nicht die Mehrheit. Die empfindet das als feiges Wegducken und Verkriechen. Drei Dinge sollten auch Polit-Anfängern bekannt sein: 

Erstens erwarten viele Menschen von Regierenden in einer Krisensituation, dass Regierende Präsenz, Volksnähe und Empathie zeigen. Standhaftigkeit und Ernsthaftigkeit verkörpern, Zuversicht verbreiten. Weil in Situationen wie am Wochenende in Berlin, als um die 50.000 Haushalte ohne Strom waren (zum Glück scheint niemand ums Leben gekommen zu sein), die Nerven besonders blank liegen. Wer das nicht hinbekommt und meint, er könne das auch vom Büro aus managen, was eigentlich der Job von Staatssekretären und Ministerialbeamten ist, taugt nicht für die erste Reihe. 

Zweitens sollte man im Blick haben, dass politische Gegner und Mitbewerber solche Ausfälle zu nutzen pflegen, sich entsprechend zu profilieren.

Drittens: Wenn man beim Lügen ertappt wird und anfängt, sich durch umständliche Erklärungen und Rechtfertigungen zu määndern, hat man eigentlich schon verloren. 

Das ist doch alles keine Raketenwissenschaft! Und doch muss man über Wegner sagen: alle drei Latten sauber gerissen. Und weil der Mann kein Dorfbürgermeister ist, sondern als Berliner Regierungschef Ministerpräsident eines Bundeslandes, fragt sich schon, was der so für Berater um sich hat. 

Das alles ist natürlich nicht neu und hat lange Tradition. Marie Antoinette etwa wurde ihren angeblichen Sager, die Leute sollten doch Kuchen (eigentlich: Brioche) essen, wenn sie kein Brot hätten, bis zu ihrem Ende auf dem Schafott und darüber hinaus nicht wieder los, obwohl sie es nie gesagt haben soll. Aber man traute es ihr zu, das genügte (heute würde man das ein 'Narrativ' nennen). Und ihrem Gatten Louis Seize wurde unter anderem zum Verhängnis, dass er am Tag des Sturms auf die Bastille in sein Tagebuch bloß "Nichts." schrieb. Was sich auf seinen ausbleibenden Erfolg bei der Jagd bezog und ihm sehr übel genommen wurde. Vom Ancien Régime lernen, heißt verlieren lernen. 







6 Kommentare :

  1. #Wegner. Es ist alles noch viel schlimmer. Er war am Tag des Anschlags und des Stromausfalls nicht nur von 13 bis 14 Uhr mit seiner Freundin Tennis spielen, sie waren danach auch noch beim Italiener um die Ecke und haben es sich bei Lasagne und Lambrusco gemütlich gemacht. Als sie das Restaurant verließen, dämmerte es schon. Jetzt noch bei schlechtgelaunten Leuten vorbeischauen, die im Dunkeln sitzen und frieren? Hätte ich auch nicht gemacht. Wegner hat anschließend noch mit zwei Freunden Skat gespielt und sich dann mit seiner Uschi einen schönen Fernsehabend gemacht. Leute, es war Wochenende! Kann die nächste Krise nicht mal an einem Dienstag stattfinden?

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    1. ?????????? woher kommen diese Informationen

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  2. Der Brandanschlag in Berlin hat kein Todesopfer gefordert. Das ist beruhigend. Was in einem Etremfall zusätzlich alles passieren kann, zeigt der Autor Marc Elsberg in seinem Bestseller "Black Out" auf.
    Leseprobe: https://www.bic-media.com/widget/?isbn=9783442380299&iconType=rh5&iconTypeSecondary=rh5

    In den Sommern 2023 und 2024 gab es jeweils 3.000 hitzebedingte Todesfälle (Quelle: Umweltbundesamt und RKI). Die dafür Verantwortlichen sitzen in den Aufsichtsräten der großen Industriebetriebe, haben Namen und Gesichter. Sie benötigen keine Bekennerschreiben. Diese Aufgabe übernehmen die Medien mit Berichten über den CO2-Ausstoß, den Anstieg der Durchschnittstemperatur, über die Diskriminierung der Widerstandsbewegung gegen den Klimawandel und ihre Kriminalisierung. Die Zahlen sind somit nur ein statistischer Wert, weil die Opfer und Täter anonym bleiben. Eine vergleichbare öffentliche Empörung darüber konnte ich bislang nicht lesen.

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  3. DasKleinsteTeilchen9. Januar 2026 um 13:35

    Und weil der Mann kein Dorfbürgermeister ist, sondern als Berliner Regierungschef Ministerpräsident eines Bundeslandes, fragt sich schon, was der so für Berater um sich hat

    einspruch! erstens *ist* berlin ein dorf & zweitens waren und sind berliner CDU-bürgermeister traditionell die provinziellsten, unprofessionellsten und dämlichsten vertreter der spezies unter der sonne, selbst wenns um ihre eigeninteressen geht. isso.

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  4. es gab auch Politiker, die haben die Gunst der Stunde genutzt und zwar im positiven Sinn. Helmut Schmidt/Flutkatastrophe und Gerd Schröder /Oder Überflutung. Beide hatten instinktiv richtig angepackt und auch fragwürdige Entscheidungen getroffen

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  5. Laut rbb sind von 2016 bis 2020 in Berlin 29 Obdachlose erfroren, ganz ohne Stromausfall. Statistiken für die folgenden Jahre gibts übrigens anscheinend nicht. Und ich fürchte fast, dass beides (nicht nur) dem Herrn Wegner scheißegal ist.

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