Nicht immer Kritisches über Politik, Gesellschaft, Medien, Kultur, Essen und manchmal auch Sport
Mittwoch, 11. Februar 2026
Revanche!
Wer die Neunziger bewusst erlebt hat wird sich noch an Diddl erinnern, jene grotesk klumpfüßige, vom Grafiker Thomas Goletz erdachte Comicspringmaus. Und wie könnte man auch nicht? Diddl und seine Spießgesell:innen überzogen die Republik damals flächenbombardementartig mit bonbonrosa Knuddelbotschaften in gruseliger Typografie. Kein Kiosk, von dem einem das blöde Vieh nicht entgegengrinste, gern auch im Verbund mit seiner Gespielin Diddelina. Briefpapier, Geschirr, Schulranzen, Schreibblöcke, Bettzeug, Aufkleber, Schlüsselanhänger, Karten, Magnete etc. Es gab kein Entrinnen. Wer einen Laden betrat, der das Zeugs feilbot, riskierte, sich vom bloßen Anblick dieser Überdosis Kitsch Typ 2-Diabetes einzuhandeln.
Nun gehört es zu den alterstypischen Privilegien pubertierender und andere unreifer Menschen, unreife, pubertäre Dinge zu tun, von denen Erwachsene nichts verstehen und für die die meisten sich später schämen. Im Zusammenhang mit Diddl muss leider festgestellt werden, dass damals ein kompletter Querschnitt der Gesellschaft durch etliche Altersgruppen hindurch schwer an Diddlmanie trug.
Menschen, die man für vernünftig gehalten hatte, die berechtigt waren, einen Führerschein zu machen, Auto zu fahren, zu heiraten, einen Waffenschein zu beantragen und das Wahlrecht hatten, sammelten allen Ernstes die, meist als 'süß' oder 'witzig' apostrophierten Devotionalien. Tranken ihren Kaffee aus infantilen 'Super Schlürf Tassen', häuften 'Liebeskissen' auf ihre Sofas und Betten, gingen ihren Mitmenschen mit irre romantischen Kärtchen auf den Dömmel (rückblickend ein Segen, dass WhatsApp und 'Soziale' Netze noch nicht erfunden waren). Vor allem aber denunzierten sie alle, die da dankend ablehnten, pikiert als gefühlskalte Steinherzen. Weil: Ist doch sooooo schön! Nein, übergriffig.
"Als ich einmal eine völlig unironisch gemeinte Diddl-Postkarte mit dem Spruch »Komm lass dich ganz fest abknuddeln« erhielt, fand ich das nicht süß, sondern betrachtete diese Geste als emotionale Nötigung. Es folgte dann noch eine zweite, etwas verhaltenere Karte mit der Aufschrift »Hab gerade ganz heftig an dich gedacht«, auf der Diddl als tapsiger Bote der Gefühlserpressung so lasziv dalag, wie es ihm eben möglich war. Dann endete dieser Kontakt. Das schlimmste Diddl-Postkartenmotiv, der Gipfel klebriger performativer Emotionalität, blieb mir damit erspart: Darauf zu sehen ist ein offensichtlich komplett liebestoller Diddl, dazu der Text »Mmmh... schmusischmusischmusi... Du süßeste Maus aller Käselöcher!«" (Anja Rützel)
Brrr. Auch hier kann man ja den ideologiekritischen Weg gehen, die Frage aufwerfen, was der unglaubliche Erfolg des Diddlkrams über die deutsche Gesellschaft der Neunziger und frühen Nuller aussagt. Und käme vermutlich zu wenig schmeichelhaften Ergebnissen.
2014 war zum Glück Schluss mit dem pinkpastellenen Gewese, die Marke zog nicht mehr so recht. Der Verlag Depesche, der sich mit dem Diddldum eine goldene Nase verdient hat, verantwortet heute unter anderem die kulleraugige, grenzanorektische Präpubertätspostille 'Top Model'. 2025 wurde Diddl wiederbelebt. Aber nicht hier, sondern in Frankreich. Dort geht das angeblich total durch die Decke. Kein Zweifel, wir sind im hybriden Krieg. Die République française soll offenbar zu einer Nation debil grinsender Süßfinder, Knuffelmuffen und Schmusischmusis mit Typ 2-Diabetes verkinscht werden. Ist das die Rache für 1918?
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