Sonntag, 8. Februar 2026

Vermischtes zu Olympia


Für Olympische Spiele habe ich bekanntlich, allem Kommerztamtam und allen problematischen Implikationen zum Trotze, einen Soft Spot. Vor allem weil dort Sportarten und Sportler:innen in den Fokus rücken, von denen man sonst nichts mitbekommt und die von den Aktiven, die davon nicht leben können, geschweige denn reich werden damit, allein aus Liebe zum Sport betrieben werden. Und die auch von Menschen mit nicht durchoptimierten Körpern betrieben werden können, eine Wampe unterm Hemd oder eine etwas ausladenere Kiste in der Hose keine Nachteile sind. Im Sommer sind das vor allem die Schießdisziplinen, im Winter ist es Curling.

Besonders gilt das für Winterspiele. Im Gegensatz zu ihrem sommerlichen Widerpart, der einst ins Leben zurückgerufen wurde mit der Absicht, die Jugend der Welt zu stählen für den Krieg um den Platz an der Sonne, war Wintersport ursprünglich das Vergnügen einer gelangweilten Minderheit, die ihre Winter in St. Moritz verbrachte, oder geht auf Fortbewegungsarten von Bergbauern zurück, die das irgendwann dann den ersten Touristen beibrachten. 

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Die skurrilste Veranstaltung waren vermutlich die Spiele von 1960, die am Arsch der Welt in dem kalifornischen Kaff Squaw Valley nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Weil es dort keine Bahn gab, fielen Bob- und Rodelwettbewerbe eben aus. Es gab keine Shuttlebusse oder sonstigen Transporte und alle mussten selbst zusehen, wie sie rumkamen, dafür wurden Eröffnungs- und Schlussfeier von Walt Disney in Szene gesetzt. Weil das zudem medial kaum stattfand, außer Zeitungsberichten und ein paar täglichen Metern Filmmaterial bei CBS (Liveübertragungen waren noch nicht möglich), kann man sich das wohl am ehesten als zehntägige Party im 'Mad Men'-Stil vorstellen, bei der kernige Ski-Naturburschen sich mit beschwipsten Touristinnen und fesche Skihaselrn sich mit dauerangeglühten Journalisten vergnügten. Bobfahrer, bei denen ein stattlicher Gewaltranzen damals Teil der Ausrüstung war, durften nicht mitmachen. 

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Dass die USA und etliche derer Bewohner dazu neigen, ignorant und mindestens einen Tick breitärschiger aufzutreten als andere, ist hinlänglich bekannt. Aber die derzeitige US-Regierung hebt auch das noch einmal auf ein neues Level. Der Vizepräsident kam mit 14 Flugzeugen und 100 Autos angereist. Ein Flugzeug hatte nur US-Lebensmittel geladen, weil es in Italien ja absolut nichts Ordentliches zum essen gibt. Buy American! So geht Food-Nationalismus. Auch dagegen wirkt ein Fritze Merz, der rumgnatterte, in Angola hätten sie kein ordentliches Brot, wie ein stoffeliger Anfänger aus der Unbegabtenabteilung. 

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Natürlich sind vor allem Olympische Winterspiele ein Wahnsinn. Dass es arg gaga ist, entlegene Bergdörfer oder Touristenresorts mit heillos überdimensionierten Hotels und Sportstätten vollzubetonieren, die danach nie wieder genutzt werden und traurig vor sich hin rotten, hat sich wohl inzwischen herumgesprochen. Und so finden Winterspiele immer öfter in Großstädten statt, auch dieses Mal zumindest teilweise in Mailand. 

Und auch diese wären keine Olympischen Spiele, wenn das IOC nicht wieder zur allgemeinen Erheiterung den Running Gag von den saubersten/nachhaltigsten/grünsten Spielen aller Zeiten gebracht hätte, der nur knapp hinter dem Spitzenklopper von 'papierlosen Büro' liegt. Vermutlich bedeutet das, dass im Olympischen Dorf ein paar PV-Paneele auf den Dächern sind, der Müll getrennt wird und die Limousinen, mit denen die Funktionär:innen von A über B nach C gegondelt werden, Hybridantrieb haben. In Paris waren die Betten im Olympischen Dorf übrigens aus recyclebarer Pappe.

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Apropos Bob: Warum gibt es bei den Frauen eigentlich nur Zweierbob-Wettbewerbe und keinen Viererbob, dafür diese komische Veranstaltung namens Monobob? Gibt es nicht genügend qualifizierte Anschieberinnen oder hatte irgendwo wieder jemand Angst um die weibliche Physiognomie, die mit den irren g-Kräften nicht klarkommen könnte? Überhaupt gibt es wohl kaum eine unglamorösere Sportkarriere als die eines zweiten oder dritten Manns im Viererbob. Klar, das sind oft Leichtathleten mit guten Hundertmeter-Zeiten, die sich im Winter was dazuverdienen. Aber zwanzig Meter die Karre anschieben, dann unfallfrei reinspringen und sich für den Rest der Party als menschlicher Ballast hinter dem Fahrer ducken, bevor man nächste Saison gegen einen noch schnelleren Schiebemaxe ausgetauscht wird, kommt mir schon wenig sexy vor.

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Immer wieder wird behauptet, Olympische Spiele verliehen den ausrichtenden Städten einen Investitions- und Modernisierungsschub, von dem sie lange profitierten. Spontan fallen mir nur vier sportliche Großereignisse der letzten Jahrzehnte ein, die solche positiven Auswirkungen hatten: Die Fußball-Weltmeisterschaften 1994 und 2002, nach denen sich in diesen wenig fußballaffinen Gegenden der Welt Profiligen etablieren konnten, und die Olympischen Spiele in München und Barcelona. München hat durch die Spiele eine topmoderne Infrastruktur bekommen, von der man noch heute profitiert. Weiterhin wurde die Aufmerksamkeit für die Spiele auch zur Breitensportförderung genutzt, etwa durch die Trimm Dich-Bewegung. Barcelona generierte durch das Gesportel jene Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, die die Stadt zu jenem Touristen-Hotspot machte, die sie noch heute ist. Das meiste andere hinterließ nur teure Ruinen und verschuldete Kommunen. 

Dass die Ablenkung, die sportliche Großereignisse verursachen, gern dazu genutzt wird, der Bevölkerung unter dem Radar so richtig was reinzudrehen, sollte bekannt sein und erfordert Wachsamkeit. Quatsch mit Soße ist es hingegen, wenn es heißt, Diktaturen und Autokraten missbrauchten Olympische Spiele und andere Events, um sich vor der Welt positiv in Szene zu setzen. Ja und? Welcher nicht diktaturaffine Mensch auf eben jener Welt fällt denn bitte auf die billige, seit Adolfs Zeiten bekannte Nummer ernsthaft rein? Hat sich das Ansehen von Xi Jinping und Wladimir Putin durch die Spiele von Peking und Sotschi irgendwie verbessert? Gelten die Emire von Katar seit der Temperenzler-WM 2022 nicht mehr als Sklaventreiber, sondern als voll die Fußballfans und prima Typen? Und deshalb wird auch jeder Versuch eines Donald Trump misslingen, sich im Sommer als großer WM-Pate zu inszenieren. Kaum jemand, der aus Gründen gegen Trump ist, wird deswegen seine Meinung ändern.

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Gäbe es einen Winterolympischen Verdienstorden, dann müsste der ohne Zweifel an den Hacklschorsch gehen. Der hat nämlich mit seinem Wechsel nach Österreich dafür gesorgt, dass deutsche Kufenkünstler, bislang eine Art Bayern München des Rodelsports, nicht mehr geschlossen alles in Grund und Boden schlittern, sondern ernsthafte Konkurrenz bekommen haben, wieder ein Hauch sportlicher Wettkampf Einzug gehalten hat.







4 Kommentare :

  1. Wintersport ist eigentlich so gar nicht meins. Aber ich habe gerade zufällig ein bisschen Eisschnelllauf, Langdistanz, gesehen. Meine Güte, das ist ja eine der elegantesten Sportarten, die es gibt!

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    1. Es ist die eleganteste Sportart. Ich habe in den 1980ern (m)einen Diskotheken-Tanzstil danach gestaltet.

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  2. Im drittletzten Absatz, Satz 1, ist die Rede von „den ausrichtenden Ständten“ – der sehr ehrenwerte Hausherr wird vermutlich Städte gemeint haben.
    Im weiteren Verlauf besagten Absatzes wird die These aufgestellt, die Installation von Profiligen durch Fußball-Weltmeisterschaften sei etwas für die Allgemeinheit Positives. Dieses Positive würde ich gern mal sehen, besteht der Sinn von Profiligen doch hauptsächlich darin, die industrielle Ausbeutung sportlichen Wettbewerbs zu organisieren und die dadurch generierten Gewinne an der breiten Gesellschaft vorbei in die Taschen der Funktionäre und Besitzer dieser Ligen zu kanalisieren.

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  3. "Ein Flugzeug hatte nur US-Lebensmittel geladen, weil es in Italien ja absolut nichts Ordentliches zum essen gibt."

    Als ich das gehört hatte, habe ich mich kurz gefragt, ob die Einheimischen das als Kriegserklärung verstehen sollten... Das ist doch ein einziger riesiger Mittelfinger. On fire.

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