Freitag, 26. Januar 2018

Jenseits der Blogroll - 01/2018


Die letzte Woche eines jeden Monats ist ja seit neuestem Netzwerk-Zeit. Links zu interessanten Sachen, auf die ich so gestoßen bin und gern verbreitet sähe. (Das muss übrigens nicht immer brandaktuelles  Zeug sein, sondern kann auch mal Patina angesetzt haben.) Die letzten Tage standen leider sehr unter dem Eindruck des völlig unerwarteten Verlusts des Kollegen und Mitbloggers Charlie. Ich mag da nichts groß aufwärmen - was ich dazu öffentlich zu sagen hatte, habe ich letztens gesagt - aber hier noch einmal auf Worte anderer Blogger hinweisen, etwa auf die von Arbo, Schirrmi, Pantoufle und flatter - Chronistenpflicht, traurige. Wer einen weiteren Nachruf gefunden hat und gern publik gemacht hätte, ist selbstverständlich herzlich eingeladen, das per Kommentar zu tun.

Obwohl gefühlt allgegenwärtig, tue ich mich mit der #MeToo-Thematik schwer. Vielleicht muss das so. Obwohl ich ja immer noch interessant, wenn nicht gar verdächtig finde, wie heftig debattiert wird über sexuelle Ausbeutung, wie wenig jedoch über Ausbeutung im Allgemeinen und erst recht über Kapitalismus. Wie dem auch sei, viele haben irgendwie ein bisschen recht, aber immer lauert da irgendwo ein Aber und ein Andererseits... Es ist bislang viel hysterischer Müll dazu verzapft worden, aber auch wirklich Bedenkenswertes, etwa von der klugen Heike Melba-Fendel (kluge Frauen, also welche, die Klugheit, Esprit und Gewitztheit nicht verwechseln mit Theorien im Kopf haben und dazu noch über einen Funken Humor verfügen, finde ich ja tendenziell hot). Einer der bislang besten, da ausgewogensten Beiträge stammt übrigens von Lucas Schoppe.

Georg Seeßlen über das gespaltene Prekariat.

Was der Journalist Richard Gutjahr falsch gemacht haben soll, schildert er seinen in eigenen Worten folgendermaßen: "2016 wurden meine Familie und ich Augenzeuge des LKW-Terroanschlags in Nizza, bei dem 86 Menschen getötet wurden. Acht Tage später war ich in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums in München, als dort ein Amokläufer 9 Menschen erschoss und die ganze Stadt in Panik versetzte. Als langjähriger Reporter und Nachrichten-Moderator habe ich von beiden Tatorten für die ARD berichtet." -- Was folgt, ist eine Hetzkampagne, die man nicht für möglich halten will. Wer glaubt, Antisemitismus sei ein Problem von gestern und, so überhaupt nennenswert vorhanden, zu vernachlässigen, wer das Konzept 'Hatespeech' per se für überspanntes Gejammer von lebensuntüchtigen Sensibelchen hält, könnte sich hier eines Anderen belehrt sehen.

Vor Stephanie Wittschier habe ich größten Respekt. Die 38jährige war längere Zeit in jener Szene aktiv, die man als 'Verschwörungstheoretiker' bezeichnet (und für die es leider noch keine griffigere Bezeichnung gibt). Chemtrails, Flat Earth, Reichsbürger, Truther & all that jazz. Verbrachte ganze Tage in diversen Foren, Facebook-Gruppen und Filterblasen und gab auch ihren Job auf für ihre vermeintliche Suche nach der Wahrheit. Irgendwann kamen ihr Zweifel und sie zog sich selbst aus dem Sumpf, indem sie exakt das tat, was diese Szene immer propagiert: eigenständig denken nämlich. Seither betreibt sie den Blog 'Die lockere Schraube'. Macht Mut und liefert wertvolle Anregungen, wie man mit diesem Phänomen umgehen kann.

Kultur. Rose-Maria Gropp über Leonard Cohens unheilige Hymne 'Hallelujah'. Stark.

Den Herrn Droste les ich nach wie vor gern, inhaltlich wie stilistisch. Jemand, der in einem Interview einen Satz raustut wie: "Wenn ein erfolgreiches Aufziehäffchen singt, »Die Welt ist klein, und wir sind groß«, offenbart sich eine Selbstüberschätzung von nicht ahnbaren Ausmaßen.", kann nicht völlig unrecht haben. Sein neues Buch ist ebenfalls empfehlenswert.

In der Rubrik Humor verfolgen wir dieses Mal gespannt, wie die 15jährige Vanessa in die Fänge finsterer Satanisten gerät - und wieder heraus. Ein BRAVO-Fotoroman von 1994. Wem das nicht reicht, bekommt hier noch eine ausführliche Nachbesprechung mit Faktencheck und Hintergrundinfos.

Zur Abteilung Kulinarik. Die steht dieses Mal im Zeichen des Todes von Paul Bocuse. (Rezept gibt es keines.)

Obgleich ich liebend gern koche, besitze ich nicht allzuviele Kochbücher. Eines meiner liebsten ist vom letzte Woche verstorbenen Paul Bocuse. Kein schöngeistiges Chichi, kein Schnickschnack, sondern klare, strukturierte Rezepte, verfasst mit der Autorität des Könners, der jahrhundertealte Handwerkskunst im Rücken weiß. Vom Grand Mâitre kann man lernen, wie man aus guter Küche sehr gute macht. Zudem ein Mannsbild, wie es nicht mehr viele gibt. Der beste Nachruf kam von Vincent Klink (alternativ auch hier), einem Adepten und Bruder im Geiste, der bitte noch eine Weile bei uns bleiben möge. Übrigens: Bocuse mag die Nouvelle cuisine miterfunden und in den ersten Jahren stark propagiert haben, distanzierte sich jedoch bald wieder ("Nichts auf dem Teller, alles auf der Rechnung."). Es ist ärgerlich, wie vielen hiesigen Qualitätsmedien das offenbar nicht bewusst ist.

Apropos Kulinarik: Ob man Geschwurbel über Texturen nun mag oder nicht, gehört Jürgen Dollase zu den interessanteren Erscheinungen der Gastro-Szene. Ursprünglich als Keyboarder mit den Spacerockern von 'Wallenstein' unterwegs und ein ausgemachter Fastfood-Konsument, der Garnelen für Regenwürmer hielt und dem ein Fünfgänge-Menü nicht auf den Tisch gekommen wäre, hat er nach einem Aha-Erlebnis Feuer gefangen und sich da reingefuchst. Inzwischen ist er der Gastrokritiker der FAZ. Und erweist sich im Gespräch mit dem österreichischen 'profil' als unterhaltsamer und anregender Erzähler. Merke: Man muss nicht mit goldenen Löffeln im Munde geboren sein, um ein Gourmet zu werden.






1 Kommentar :

  1. Übermalte Gedichte sind doppelte Kunst.
    Unter Wandfarbe verbergen sich Botschaften, die unser Unterbewusstsein manipulieren (z.B. sexistisch); oft passiert dies jedoch unbewusst. https://kummerkomik.com/

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