Sonntag, 14. Januar 2018

De Bagger kütt


Wer die Quelle des sprichwörtlichen rheinischen Frohsinns erkunden will, muss raus aus Köln in Richtung Aachen, in die Kölner Bucht, ins rheinische Braunkohlerevier, wo die RWE, ehemals Rheinbraun, buddelt wie nicht gescheit. Man verlässt das quirlige Köln, das liebliche Rheintal, das bei Bonn beginnt, ist aber noch nicht in der herben, aber landschaftlich reizvollen Eifel angelangt, die erst hinter Aachen langsam losgeht. Hier verwandeln sie seit 100 Jahren den Planeten mithilfe immer gewaltigerer Maschinerie in eine Mondlandschaft. Und weil es praktischer ist, die Kohle gleich in der Nähe zu verarbeiten, das heißt vor allem, zu Strom zu verarbeiten, herrscht hier die höchste Dichte an Kohlekraftwerken, und sie sind riesig. Riesig wie die Löcher, die hier gegraben werden.

Wer zum ersten Mal von der Autobahn bei Jüchen den Tagebau Garzweiler sieht, dürfte diesen Anblick so schnell nicht vergessen. Nicht das größte Loch der Welt, aber ein ziemlich großes. Ein verdammt großes. Eine Art Grand Canyon von Menschenhand. Aber auch ohne das freundliche Zutun der RWE ist die Gegend eine recht triste Angelegenheit. Plattes Land, wie man es so nur an wenigen anderen Stellen des Landes findet. Plattestes plattes Land mit traurigen dazwischengestreuten Dörfchen, das einem schon auf der Durchreise jegliche Lebensfreude abzusaugen scheint. Man verstehe mich nicht falsch. Es ist nicht unbedingt hässlich dort. Aber eben auch nicht schön und daher irgendwie so gar nicht. Maximale Reizlosigkeit, da hilft nicht mal schönes Wetter. Der Braunkohleabbau und seine Begleiterscheinungen wirken da lediglich als Verstärker.

Wenn ich dort durchreise (was selten geschieht), dann denke ich immer: Das ist garantiert eine dieser Gegenden, in denen Saufen zur Wissenschaft wird. Wer in so einer Umgebung aufzuwachsen und zu leben die Aufgabe hat, ist entweder eine sehr sonnige Natur oder wird mit einiger Sicherheit schwermütig. (Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich habe einmal auf einer Tagnung sechs Stunden neben Uschi aus Erkelenz gesessen, die im Karnevalsverein...) Und weil ja laut Darwin in einem Biotop immer die Bestangepassten sich durchsetzen, ist es nur logisch, dass hier die organisierte Heiterkeit besonders heftig regiert. Soziologie kann so einfach sein.

Früher hat das ja keinem was ausgemacht. Im Ruhrpott wurden qualmende Schlote, Hochöfen quasi im Vorgarten, Drecksluft und andere Mist achselzuckend hingenommen, weil das als Zeichen dafür galt, dass es aufwärts ging mit Deutschland. Der Schornstein muss rauchen, lautete die Devise. Wer da für Umweltschutz eintrat, war ein Freak, der keine Ahnung hatte. Im Rheinischen Kohlerevier waren sie mehrheitlich stolz darauf, dass die größten Bagger der Welt Made in Germany die Botanik plattmachten und es den Ölscheichs so richtig zeigten mit unserer guten heimischen Braunkohle. Dass Dörfer eingeebnet wurden dafür, die Bewohner umgesiedelt? Nun ja, muss eben. Preis des Fortschritts. Haben sie nebenan im Sauerland mit ihren Talsperren auch nicht anders gemacht. Außerdem soll die Rheinbraun die Betroffenen immer großzügig abgefunden haben für den Verlust der heimatlichen Scholle.

Heute ist das anders. In Zeiten, da in Berlin über das endgültige Ende der Kohle verhandelt wird, gilt die Tagebauerei vielen Anwohnern längst nicht mehr als Zeichen von Prosperität, sondern bloß noch als Zumutung. Mit jeder neuen Entscheidung, einen Tagebau weiter auszubeuten, mit jeder eingeebneten Ortschaft wächst der Widerstand. Nett, in diesem Zusammenhang auch mal wieder von Greenpeace zu hören, den braven Schlauchbootpiloten und Schornsteinkletterern, die sich sich an die Spitze des Widerstands gestellt haben. Warum sie dazu aber kulturpessimistisch frömmelnd einen auf Kirchentag machen ("Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen"), weil in Immerath eine zwar weithin sichtbare, architektonisch aber eher uninteressante Kirche weggerissen wird, das wird ihr Geheimnis bleiben. Außer denen, die in seinem Schatten gelebt haben und die Erinnerungen mit ihnen verbinden, dürfte das Schicksal des ollen Tempels den meisten Leuten ziemlich piepe sein.

Wahrscheinlich wissen sie bei Greenpeace einfach nicht, was ein rechtes Kulturgut ist heutzutage. So dürfte es deutlich mehr Menschen im Innersten aufwühlen, dass einige Kilometer weiter jene Kartbahn verschwinden wird, auf denen die Gebrüder Schumacher einst ihre ersten Fahrversuche gemacht haben. Wegen des Tagebaus Hambach, der ebenfalls weiter vorrückt. Obwohl, so richtig scheint auch das niemanden aufzuregen. Seit die goldenen sportlichen Zeiten der Bleifuß-Buben vorbei sind, rottet auch die legendäre Kartbahn nur mehr still vor sich hin. Ist denn nichts mehr heilig? Und bald sind auch noch Olympische Spiele! Man wird es wohl mit rationalen Argumenten versuchen müssen. Die soll es durchaus geben.



 

Kommentare :

  1. Abgesehen von wenigen E-Antriebs-Modellen deutscher Autohersteller, gib es bis dato keine Fahrzeuge, die die EU-Norm von 95 g/CO2/km unterschreiten.Der Elektro-Pionier Renault zeigt unterdessen, wie konventionell angetriebene Modelle unter der Grenze von 95 Gramm bleiben können. Der Clio Energy dCI 90 kommt dank Stopp-Start-Technik auf 90 und der neue Twingo auf genau 95 Gramm CO2. Das neu aufgelegte baugleiche Dreigestirn Toyota Aygo, Citroen C1 und Peugeot 108 erreicht in der saubersten Version ebenfalls 95 Gramm.

    Vom 2007 auf dem SPD-Bundesparteitag beschlossenen Tempolimit von 130 lm/h auf Autobahnen will ich erst gar nicht anfangen.

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    1. Die E-Automobilität ist eine Totgeburt, eine Groteske, wie sie nur von duetschen und us-amerikanischen Schwachmaten erdacht werden kann.

      Worum geht es denn dabei?
      Einen neuen Markt aufzureissen.

      Es geht nicht darum, etwas nachhaltiger oder besser zu gestalten. Die Leute sollen gefälligst Ihre Altautos der Verwertung zukommen lassen und sich einen elitären Tesla anschaffen.

      Wir nehmen mal Deutschland als Besipiel. Pro Kopf gibt es ca. 4 Autos. Das macht 4x 82 Millionen, die nur für den Start ca. 22 Kilowatt benötigen. Wenn man das mit der heimischen Falchglotze vergleicht, die so ca. 200 Watt zieht, kann man gut erkennen, wohin die Reise wohl laufen soll.

      Man tankt dann halt in Wakkersdorf oder Neurath und freut sich ein drittes Ei an den Sack, ob der eigenen Nachhaltigkeit.

      Freilich wird nicht mal erwogen, über alternative Mobilitätsmöglichkeiten auch nur einen Gedanken zu verschwenden, wie es noch die alte ADAC Motorwelt schon anfang der 80er tat.

      Stattdessen gibt es Gimmicks und Widgets für das Fahrzeug als nachrüstbare Sonderausstattung, die auch gerne mit Bitcoins bezahlt werden können.

      Das kennt man ja von den Smartphones und was man kennt, muss ja, pauschal gesehen, gut sein!

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    2. *HUST* Es gab Ende 2017 knapp 46 Mio. Autos in Deutschland. Quelle: Statista

      Das ändert natürlich nichts an deiner Grundaussage, dass E-Auto grotesker Blödsinn sind. Der (vorzeitige) Ersatz der Benzinflotte würde gigantische Massen an Ressourcen verschwenden, die Produktion und Entsorgung der Akkus wäre ein einziger Alptraum und so lange der Strom aus Kohle produziert wird, muss man schon ein erhebliches Wahrnehmungsdefizit haben, um das zu befürworten.

      PS: Und ja, die Gegend dort ist wirklich unglaublich öde.

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  2. Ich halte absolut nichts von einem Tempolimit. Die CO2 Entlastung einer solchen Maßnahme wäre nicht einmal messbar. Allerdings wäre es ein weiteres Gesetzt, das gängelnd ins Leben eingreift und in gewisser Weise die protestantische Lustfeindlichkeit unserer Zeit unterstreicht.

    Warum sollten die Menschen denn nicht immer mal Unvernünftig sein dürfen. Ein Leben in einer auf rein rational bewertete Bedürfnisse ausgerichteten Gesellschaft ist nicht erstrebenswert meiner Meinung nach.

    Laßt doch jedem seine kleine Unvernunft: Den schnellen Autofahreren auf der Autobahn, den Rauchern endlich wieder in weiten Teilen der Öffentlichkeit (Disclaimer: Ich bin Nichtraucher), den Weintrinkern ebenso (wenn jemand mal in den USA ein Glas Wein in direkter Nachbarschaft zu seinem minderjährigen Kind bestellt hat, weiß wovon ich rede) und so weiter.

    Das wäre doch viel lebenswerter. Wie gesagt, solche Verbote wären rein symbolisch. Für einen meßbaren Einfluß auf die Umwelt gibt es viel größere Ziele.

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  3. Co2 Entlastung ?Für mich bedeutet dies ENDLICH die weltweite Bevölkerungsvermehrung zu stopen.FP 2020 ist der richtige Weg.E-Fahrzeuge bringen gar nichts.Woher soll der Strom kommen?

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