Montag, 8. Januar 2018

Non scholae...


Manchmal kann ich, wie ich zugeben muss, Gevatter Wutbürger, der permanent mit einer Riesenkrawatte auf 'Das System' und 'Die Eliten' rumläuft, ein kleines Stück weit verstehen. (Ob man sich deswegen unbedingt öffentlich zum Dömmel machen muss, ist freilich eine andere Frage.) Ich meine, wir leben in einer Gesellschaft, in der so genannte kleine Arbeitnehmer und andere Ausgebeutete andauernd befürchten müssen, beim kleinsten Fehltritt gefeuert zu werden, wohingegen es so aussieht, als genösse man in öffentlichen Ämtern und im öffentlichen Dienst weitgehende Narrenfreiheit. Das kann man natürlich ungerecht finden. Nicht minder deppert aber sind auch einige Reaktionen auf so was.

So ist jetzt ruchbar geworden, dass an der Berliner Vineta-Grundschule ein gewisser Nikolai N. unterrichtet. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn die 37jährige Lehrkraft nicht unter dem erfrischend unbescheidenen Pseudonym 'Volkslehrer' einen YouTube-Kanal mit zirka 2.500 Abonnenten betriebe. Er selbst behauptet von sich, vor fünf Jahren "aufgewacht" zu sein. Deswegen bramabasiert er nun in seinen verwackelten Videos die komplette Aluhut-Kollektion herunter, von gleichgeschlechtlichen Ampelmännchen, der gefakten Mondlandung, der wahren Wahrheit über 9/11, der BRD GmbH bis zur schwullesbisch-muslimischen Unterwanderung der deutschen Kultur etzeterapepe.

Ein schönes Hobby, zweifellos. Die einen basteln in ihrer Freizeit im Keller an der Modelleisenbahn, die anderen machen Yoga, sammeln Briefmarken, misshandeln Familienmitglieder und/oder Haustiere oder fliegen mit dem Bumsbomber nach Thailand. Und er ist halt ein gut durchgebratener Wahnwichtel, der nach Feierabend gequirlten Kuhdung verzapft, den er bei YouTube einstellt. Suum cuique.

Klar, derlei Erleuchtungsgeschichten sind typisch für den sich dauerbetuppt dünkenden Kleinbürger. Linke wussten schon immer, dass 'bürgerliche Demokratie' bloß ein anderes Wort ist dafür, dass eine Klasse über die anderen herrscht. Da fällt das Überraschungsmoment, vulgo: das Erweckungserlebnis, meist aus. Eines aber geht mir gewaltig auf die Nerven: Dass nun jede Menge autoriätsgeile Leute fordern, den Mann stante pede aus dem Schuldienst zu entfernen. Zwar gehe ich mit so ziemlich nichts von dem, was ich von den Volksreden des großen Volkslehrers mitbekommen habe, auch nur ansatzweise konform, aber so lange man ihm nicht nachweisen kann, dass er im Unterricht Strafwürdiges von sich gibt oder praktiziert (ich halte es - noch - nicht für Antisemitismus, von einer 'Weltfinanzelite' zu faseln, obwohl sich das sicher reininterpretieren ließe), und sich auch sonst an den Lehrplan hält, möge man ihn weiter unterrichten lassen. Weist man ihm hingegen entsprechendes nach, dann möge die Justiz tätig werden und danach mögen gegebenenfalls auch arbeitsrechtliche Schritte folgen, aber nur dann. Dass man ihn nun von seinen Pflichten entbunden hat, ist keine gute Nachricht.

Es ist nämlich längst nicht so einfach, wie einige es gern hätten. Einerseits tut man so einem Typen und seinen ergebenen Anhängern nur unnötig einen Gefallen, wenn man ihn feuert. Sie hätten dann erst recht allen Grund, weiter an ihrem Märtyrernarrativ zu stricken, so von wegen Das SystemTM und Die ElitenTM machten auf der Stelle jeden mundtot bzw. vernichteten die Existenz eines jeden, dessen Meinung nicht genehm sei. Andererseits unterliegt er als öffentlicher Angestellter gewissen Auflagen, sich im Rahmen der herrschenden Ordnung zu bewegen. Nur, wie weit darf das gehen? Wieder andererseits muss ein Nikolai N. sich die Frage gefallen lassen, wieso er nicht konsequenterweise den Job kündigt, anstatt weiter für einen Staat zu arbeiten, den er für illegitim hält und dessen System er ablehnt.

"Alles Gute, wozu die Menschheit fähig ist, wird durch Gehorsam gefährdet." (John Stuart Mill)

Grundsätzlich wird mir immer etwas mulmig, wenn erwartet wird, ein Lehrerkollegium dürfe nur aus perfekt funktionierenden stromlinienförmigen Glattaalen bestehen und nicht zum Teil auch ein Querschnitt der Gesellschaft sein. So ähnlich verhält es sich mit der Forderung, nicht nur Eltern, sondern alle Erwachsenen hätten Kindern gefälligst immer und überall ein Vorbild zu sein. Was soll das? Wieso es Kindern nicht auch ab einem gewissen Alter und im gewissen Rahmen zumuten, dass Erwachsene mitnichten gottgleiche Überwesen und Richtigmacher sind, sondern zuweilen auch arge Knalldeppen, die höchst unkluge Dinge tun und sagen? Das Kindern auf vernünftige Weise beizubringen, dünkt mir pädagogisch weit wertvoller, als jeden, der auf einer ausgestorbenen Kreuzung bei Rot die Straße überquert, blöd anzukeifen. Weil es sinnvoller ist, frühzeitig zu lernen, eine Situation richtig einzuschätzen und die Augen offen zu halten, als immer nur stumpf zu gehorchen.

Nicht minder mulmig wird mir, wenn ich sehe, wie leichtfertig in so einem Fall inzwischen nach verbieten und entlassen gerufen wird. Wie sollen Kinder lernen, was Richtig und Falsch ist, ohne die Erfahrung, dass es unter Erwachsenen eben auch Durchgeknallte gibt, die Stuss reden? Zumal ich meine Zweifel habe, dass Kinder wirklich so leicht zu indoktrinieren sind, wie besonders paranoide Eltern zu befürchten neigen (das sind nicht selten jene Eltern, die sonst gern 'Diversity' im Munde führen). Ist es für Kinder nicht eine weit bessere Lektion in Demokratie, sich mit so jemandem auseinanderzusetzen, anstatt ihn einfach zu entfernen? Zieht man so nicht eher eine Generation lebensuntüchtiger, autoritätsgläubiger Arschmaden heran, die meint, ein Anrecht auf eine in jeder Hinsicht von Zumutungen für sie und ihresgleichen freie Welt zu haben und die ferner meint, nur nach Papa oder dem Staat rufen zu müssen, auf dass er jegliche Zumutung kurzerhand verbiete bzw. verbieten lasse?

Seien wir mal ehrlich: Wessen Lehrerkollegium damals war nicht in Teilen auch eine Ansammlung ziemlich schräger Typen und Freaks? Wer hatte in der Schule nie zu tun mit verkappten Nazis, autoritären Säcken ohne erkennbare didaktische Fähigkeiten, religiösen Fanatikern, Heimatvertriebenen, RAF-Sympathisanten, verpeilten Esoterikerinnen, verhinderten Professoren, schluffigen SoWi-Lehrern, Arbeitsvermeidern und anderen Freaks, bei denen man sich fragt, wie die jemals ein zweites Staatsexamen bestehen konnten und ob sie nicht besser einen anderen Beruf gewählt hätten? Bitte melden!

Einer unserer Lehrer sagte nicht "Guten Morgen", wenn er in die Klasse kam, sondern immer "Kameraden der Westfront!". Ein Physiklehrer, ein Computernerd der ersten Stunde, war der felsenfesten Überzeugung, die Grünen seien allesamt Spinner und Mädchen qua Geschlecht ungeeignet für das Fach Physik. Darüber hinaus war er unsere beste Quelle für raubkopierte Computerspiele. Einer seiner Kollegen von der Chemie hatte an nichts so viel Spaß wie daran, irgendwas in die Luft zu jagen. Apropos Spaß: Ein Musiklehrer marterte uns ein komplettes Halbjahr mit Shanties und war auch sonst eine echte Stimmungskanone. Wer nicht höflich lachte über seine grundsätzlich nicht witzigen Witze, konnte schon mal ins Klassenbuch kommen wegen "ungehörigen Betragens". Bei einem verkappt homophilen Englisch- und Geschichtslehrer kamen verdächtig oft die alten Griechen und Shakespeares Sonette dran. Ein Deutschlehrer war so ein Choleriker, dass allein für seine Strafpredigten wegen vergessener Hausaufgaben mitunter ganze Unterrichtsstunden draufgingen. Und der in jeder Hinsicht überforderte Kaplan der örtlichen Kirchengemeinde, der uns in Religion zu unterrichten hatte, machte sich mit seinen Drohungen von Höllenstrafen zum Horst. Einer war praktizierender Alki, der im Laufe des Vormittags gelegentlich nachtanken musste und, und, und...

War das alles völlig harmlos und unbedenklich? Sicher nicht, man sollte nichts unnötig glorifizieren im Nachhinein. Ist da Strafwürdiges passiert? Abgesehen von den Computerspielen (was man damals allerdings noch nicht so eng sah - die gute alte Zeit!) wohl nicht. Ohne Frage können an Schulen wirklich schlimme Dinge geschehen und sie geschehen auch. Meist unbemerkt und über so lange Zeit, dass man nur den Kopf schütteln kann. Man denke an die Missbrauchsskandale an katholischen Privatschulen und der Odenwaldschule. Man denke an jahrelanges Mobbing durch Lehrer und Mitschüler, an Gewalt, an Psychoterror und vieles anderes, das garantiert weit mehr Schaden anrichtet als ein einzelner Lehrer mit diskutablem Weltbild.

Und wenn doch, dann ist es immer noch bedenklich, dass vielen inzwischen nichts anderes mehr einfällt als sofort autoritäre Mittel anzuwenden. Scheint's, dass diese Gesellschaft nicht nur bei der Reichtumsverteilung wieder im Jahr 1914 angekommen ist. Wenn auch die Prügelstrafe inzwischen verpönt ist.



Kommentare :

  1. Von einem Kamerad der Westfront sei ein militärischer Gruß entrichtet an dieses intelligente Plädoyer für die Freiheit.
    Solche Vorgänge bestätigen immer öfter, daß es Teile der heutigen "Progressiven" sind, die sich erneut verabschieden von Freiheit und Rechtsstaatlichkleit.
    Im Namen des "Guten" wird nicht mehr so genau hingesehen, welche Mittel noch angemessen sind, wobei das hier noch harmlos ist.
    Weiter gesponnen landet man dann bei der Lynchstimmung gegen Kritiker des "Guten", die mittlerweilen an vielen Unis herrscht, Schwerpunkt USA, bei Rechtsbeugung, Mobbing, Shitstormerei und der Schleifung der Meinungsfreiheit.
    Heute sind es auch Teile der Linken und Liberalen, die zu den größten Feinden der Freiheit zählen. Das war mal anders.

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  2. Fluchtwagenfahrer9. Januar 2018 um 06:39

    Moin Stefan,
    schöner Appell und es tut gut den heimatlichen Slang zu lesen.
    Das Totschlagargument "Warum kündigste nicht und suchst dir nen anderen Job" kenne ich zur genüge. Aber es ist nicht leicht, bis unmöglich, in dieser "Alternativlosen" Welt unter wirtschaftlich Abhängigkeit einen Job zu finden, der einem auch noch Spaß macht und ein Einkommen generiert.
    Jeder (bis auf die 1-10%)ist korrupt und muss sich arrangieren. Im Grunde genommen sind wir alle Wachturmwächter. Die Affäre Weinsteen ist nur ne andere Schattierung des selben Sachverhaltes.

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