Dienstag, 21. August 2018

Craftgebiere


Am Wochenende war Hopfenfest in der Heimatstadt. Ein Franchise namens 'Hopfen sei Dank'. 200 verschiedene Biere gab es zu probieren. Dazu Streetfood. Zum Preis von 4 Euro konnte man ein Glas erwerben mit Eichstrichen bei 0,1, 0,2 und 0,3 l. 0,1 l gab es für 1-1,50 Euro. Teurer als in der Kneipe, sicher, aber angesichts des Gebotenen keine Mondpreise, musste man schon sagen. Außerdem gab es so die Chance, sich ordentlich durchzutesten, ohne auf halber Strecke schon hackenstramm zu sein. Abgesehen davon, dass es gruseliges Ankobersprech wie die Aufforderung, gefälligst "Teil einer Genussbewegung" zu werden, geflissentlich zu ignorieren galt, gäbe es für mich also eigentlich gute Gründe, das Event prima zu finden.

What could possibly go wrong? Ich bin für Vielfalt, für Neues und finde die vielgerühmte deutsche Bierlandschaft überwiegend öde. Von wenigen Massenmarken mit mehr oder weniger Einheitsgeschmack dominiert. Der Weltruf des deutschen Bieres ist vor allem der Vergangenheit geschuldet, als woanders nicht selten höchst finstere Plörre gebraut wurde und die hiesigen Brauer mit ihrem Reinheitsgebot und ihren hohen Produktionsstandards im internationalen Vergleich die Einäugigen unter den Blinden waren. Sicher, es gibt in Deutschland nach wie vor einzigartige Inseln der Bierseligen. Oberfranken zum Beispiel mit seiner weltweit höchsten Dichte an Klein- und Kleinstbrauereien. Kölner und Düsseldorfer Brauhäuser. Pinkus Müller in Münster. Bayerische Dorfbrauereien wie Schönramer, deren Erzeugnisse jenseits eines Umkreises von 50 km kaum zu kriegen sind und auf internationalen Bierolympiaden regelmäßig Goldmedaillen einsammeln.


So weit, so schön. Raffinierter, kreativer, mutiger aber wird von jeher woanders gebraut, wo man nicht den Beschränkungen des deutschen Reinheitsgebotes ausgesetzt ist (das zu seiner Zeit sicher eine gute Idee war, aber inzwischen längst keine Garantie mehr ist für gutes Bier – nicht wenige der langweiligsten, nichtssagendsten Gesöffe werden streng nach diesem heiligen Reinheitsgebot gebraut). Wer etwa im rheinischen Dreiländereck lebt, wusste dank der belgischen Braualchimisten schon immer, was alles möglich ist. Dass es keine Todsünde ist, die Würze mit Kirschen zu verfeinern etwa, oder einem Weißbier Gewürze zuzugeben.

Seit einiger Zeit nun gibt es auch bei uns immer mehr so genannte Craft-Biere. Wo früher bloß Pils, Helles und Weizen waren, findet man auf einmal diverse (India) (Pale) Ales, Stouts, Kellerbiere, Zwickel, Bockbiere und was weiß ich noch alles. Das ist, wie gesagt, im Prinzip höchst erfreulich angesichts der uringelben Ozeane langweiligen Fernsehbiers, die rundgelutschte Marktführer hier so ausstoßen. Wenn nur meine bisherigen Erfahrungen mit diversen Craft-Bieren nicht so ernüchternd ausgefallen wären.

Erinnert ein wenig wie mit der Chiliwelle, die ungefähr mit der Jahrtausendwende über uns kam. Zunächst war ein wenig Schärfe eine willkommene Bereicherung des Speiseplans. Erfreulich, dass man auf Wunsch endlich Essen bekam, das 'scharf' oder 'hot' nicht nur im Namen trug, sondern diesen Namen auch verdiente. Bald aber machte jeder Horst eine Bude mit der garantiert schärfsten Currywurst der Welt auf und die Sache artete immer mehr aus ins Dummscharfe und in eine Art kulinarischen Schwanzvergleich: Wer kann die brennendste Lava am längsten im Mund behalten, ohne zu kollabieren oder kotzen zu müssen?

Die Pale Ales etwa, die ich bislang so gekostet habe, haben sogar mir, der sich die Geschmackspapillen ein paar Jahrzehnte lang mit Tabakrauch imprägniert hat, regelmäßig die Socken ausgezogen. Florale und Fruchtaromen waren mir zwar auch irgendwie aufgefallen, wurden aber von brutaler Bittere erschlagen. Mochten die Hipster am Nebentisch auch noch so kennerisch die Nasen ins langstielige Glas senken und philosophieren über florale und Fruchtaromen, ich mochte das Zeug nicht. Man sollte daran erinnern, dass India Pale Ale einst aus Gründen der Konservierung so stark gehopft und stärker eingebraut wurde. (So wie Sauerkraut ja nicht um des Geschmacks willen sauer ist, sondern weil das vor Erfindung der künstlichen Kühlung die einzige Möglichkeit war, den vitaminreichen Weißkohl haltbar zu machen für den Winter. Also ist ein gut zubereitetes Kraut auch nur mehr säuerlich und zieht einem nicht alles zusammen beim ersten Bissen.)

Mir kommt es zuweilen vor, als ginge es bloß darum, wer die bitterste Brühe im Mund behalten kann, ohne dem überwältigenden Drang nachzugeben, sie sofort im hohen Bogen wieder auszuspucken, das aber nicht tut wegen hip. Bin ich jetzt spießig? Bringe ich nur nicht die nötige Geduld auf, mich auf den Geschmack erst einzulassen wie weiland bei trockenem Wein, Bitterschokolade oder Bergkäse? Meinetwegen. Andererseits will ich ja keinem den Spaß verderben. Vielleicht bin ich auch einfach nur in einem Alter, in dem man nicht mehr das Gefühl hat, jeden angesagten Blödsinn gleich mitmachen zu müssen.

So kam es auch am Samstag. Nach zwei gallenbitteren Gewalttrunken landete unser tapferes Grüppchen bald beim Stand 'Belgien'. Dort gab es traditionelle, doch subtile Köstlichkeiten wie La Chouffe, Leffe bruin und Westmalle dubbel. Gerne hätte ich auch Hoegaarden Wit und Lindemans Kriek Lambic probiert. Ist ja nicht so, dass ich nicht offen wäre. Aber da zeigte sich, dass Belgien nicht nur die Heimat göttlicher Biere, sondern auch die der Schlümpfe ist. Die schienen nämlich gut getarnt im Ausschank tätig gewesen zu sein. Also dauerte es jedes Mal 20 Minuten, bis man mal was bekam. Oder lag es daran, dass das Volk den braven Belgiern mit Abstand am heftigsten die Bude einrannte?

So wie man inzwischen auf diversen Volksfesten nicht mehr mit der höllenschärfsten Wurst herumprunkt, was ein einigermaßen sicheres Zeichen dafür ist, dass das mit der Schärfewelle ausgestanden sein dürfte, gilt es wohl abzuwarten, bis die Discounter einem das Craftzeugs hinterherwerfen. Nachdem es zuvor auf der Kirmes an jeder Bierbude feilgeboten wurde als sei es nicht bitter, sondern sauer. Dann dürfte es seinen Reiz weitgehend verlieren, das hiesige Bierangebot wird vielleicht um ein paar wirklich gute Spezialitäten reicher sein und fertig. Nur die Hipster und Adabeis müssten sich was Neues suchen, in das sie kennerisch ihre Nasen stecken können.




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