Freitag, 24. August 2018

Der Elefant im Raum


#MeToo wäre tatsächlich eine Chance gewesen, über wirklich wichtige Dinge ins Gespräch zu kommen. Über Ausbeutung zum Beispiel. Es ist doch so einfach: Immer wenn irgendwo Geld, Macht, Einfluss winken, wird Sex zur Ressource. Oder droht es zumindest zu werden. Männer? Frauen? Zweitrangig. Es geht darum, wer in welcher - no pun intended - Position ist. Hätte man drüber debattieren können. Statt dessen werden überwiegend die sattsam bekannten Dummformeln abgelaicht: Männer sind Täter, Frauen sind hilflose, schutzbedürftige Engel (wahlweise sind sie omnipotente, moralisch höher stehende Superwesen, je nach dem), die grundsätzlich nur Gutes im Schilde führen und die mit aller staatlichen Macht vor jeder erdenklichen Zumutung geschützt werden müssen.

Dass nun angesichts von Fällen wie dem um die Schauspielerin Asia Argento oder die Wissenschaftlerin Nazneen Rahman hier und dort mehr als nur hämisch gekichert wird, finde ich auch etwas billig, doch gelingt es mir durchaus, Verständnis zu entwickeln dafür. Da erklärt zum Beispiel eine überspannte Megäre wie Sibel Schick Männer pauschal zu Müll, vulgo: Tritt die Hälfte aller Menschen in die Tonne aufgrund eines Kriteriums, das sie sich nicht ausgesucht haben, für das sie nichts können und an dem sie auch nicht ohne weiteres etwas ändern können (normalerweise heißt so was Rassismus und ist die Atombombe unter den Vorwürfen, bei einer privilegierten Kleinbürgerschnatze wie Schick ist das offenbar etwas anderes). Nebenbei tritt sie alle Männer mit in die Tonne, die sich zufällig nicht in einer Tour arschig/täterig/missbrauchend/gewalttätig/ausbeuterisch/unterdrückend betätigen, sondern sich redlichst und nach Kräften bemühen, keine Arschgeigen zu sein. Kann es da wirklich verwundern, wenn welche etwas zu laut darauf hinweisen, wie doppelt schön es doch immer ist, wenn so viel Selbstgerechtigkeit eins aufs Dach kriegt?

Auf die Gefahr hin, als Mansplainer geschmäht zu werden, der einfach mal die Klappe halten sollte: #Metoo-Feministinnen belassen es meinem maskulin vernebelten Blick zufolge allzu oft bei oberflächlichen Schuldzuweisungen und begehren meist bloß, Frauen in die gleichen Ausbeuterpositionen zu hieven wie Männer in entsprechenden Positionen. Und weil daher, siehe oben, die herrschenden Besitzverhältnisse nicht infrage gestellt und die Verteilung der Produktionsmittel nicht in den Blick genommen werden, ist das pures Feuilleton. Laut, schrill, nervig, aber letztlich weitgehend folgenlos. Man wird auch weiterhin damit leben müssen, dass ein Teil der Frauen den Deal Sex gegen wirtschaftliche Absicherung wählt.

Feminismus, der den Elefanten im Raum nicht beim Namen nennen mag, muss damit genau so ein Geschwurbel bleiben wie etwa Joffes Jupps einseitige Lobhudelei des aktuellen Vaterlandes als 'moralische Supermacht'. Wie kann einer von Verstand, fragt sich, vom heutigen Deutschland als Epizentrum der Moral salbadern ohne zumindest mal zu erwähnen, dass dieses heutige Deutschland dummerweise auch das Epizentrum des Kapitals in Europa ist, das dank Leistungsbilanzüberschüssen, erkauft mit Lohndumping, a.k.a. Niedriglohnsektor, und Lohnklau, a.k.a. mit dem Gehalt abgegoltene Überstunden, den halben Kontinent in Armut und Zinsknechtschaft getrieben hat.




Kommentare :

  1. Es ist mehr als folgenloser Feuilleton, der Artikel selber deutet es an, erhebliche Teile des heutigen Feminismus gehören zur rassistischen und faschistischen Sphäre.
    Sie beschweren sich gerne über Sexismus, Rassismus und Co., dabei sind selbige längst salonfähig, sie müssen nur feministisch daherkommen.
    "Männer sind Müll", das ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Reinkultur.
    Man wird das Gefühl nicht los, daß es sich beim Antirassismus insgesamt um eine klassische und permanente Ablenkungsstrategie handelt.
    Und die "moralische Supermacht" stinkt hinten und vorne nach derselben Motivation.

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    1. Die Parallelen sind in der Tat frappierend, aber Das mit der Ablenkungsstrategie denke ich nicht. Ich denke, die glauben wirklich, etwas Gutes zu tun, das die Menschheit weiterbringt, da braucht es keine Orchestrierung.

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  2. »Männer sind schweine, ausnahmen gibt’s leider keine« wußten doch 1998 schon die Ärzte. Und die mußten es ja wissen, waren sie schließlich selber welche. Also männer, meine ich.

    Die Sibel Schick will halt provozieren, damit sie etwas bekannter wird - und das hat sie offenbar geschafft, denn vorher wußte ich nicht, daß es sie gibt.

    Ist ihre behauptung wissenschaftlich haltbar? Es mag ja sein, daß sie in ihrem leben ausschließlich männern begegnet ist, die arschlöcher waren. Traurig, sowas. Aber wie groß war ihre stichprobe? Läßt sich sich das so einfach auf ca. die hälfte der menschheit hochrechnen? Reicht es aus, wenn womöglich die beste freundin dann auch noch sagt »mein ex war ebenfalls ein arschloch« oder müßte sie das dann nicht eigentlich persönlich überprüfen, ob das auch wirklich stimmt?

    Tatsächlich habe ich mich noch nie als feministin bezeichnet - und aus gutem grund: aus meiner sicht ist es leider völlig idiotisch zu fordern, daß auch mal eine frau andere unterdrücken darf, wenn ich doch das ende der unterdrückung möchte. Es ist absolut inkonsequent einzufordern, als frau und migrantin doch bitteschön nicht diskriminiert zu werden und gleichzeitig zu glauben, damit dann berechtigt zu sein, andere abwerten zu dürfen.

    Der fall der Asia Argento, die mutmaßlich erst selbst opfer sexueller gewalt war und später mutmaßlich einen jungen schauspieler mißbrauchte, erhärtet den verdacht, daß derartige gewalt nicht daraus resultiert, daß männer eben arschlöcher sind, sondern daß menschen in machtpositionen dazu neigen, diese gewalttätig auszunutzen.

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    1. Es ist immer faszinierend, wenn Witze aufhören, welche zu sein. Ich bin es ja durchaus gewohnt, dass männer- ("Was ist ein Mann in Salzsäure? - Ein gelöstes Problem!", "Warum gibt es Männer? - Weil Vibratoren keine Autors reparieren können!" u.a.) mit frauenfeindlichen Witzen ("Warum haben Frauen so kleine Hände? - Damit sie beim Putzen besser in die Ecken kommen!" u.a.) gekontert wurden und umgekehrt. Das war zwar auch schon fies, aber es war immer noch das, was auf Englisch 'banter' heißt. Ein Wortgefecht, hart vielleicht, aber letztlich nicht wirklich todernst gemeint. Seit einiger Zeit aber habe ich mehr und mehr das Gefühl, Schick et al. meinen das wirklich ernst.

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  3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Frauen die Behauptung, alle Männer seien Müll, unterschreiben würden. Wie viele Mütter halten ihre Söhne für Müll, ihre Brüder und Väter, ihre Freunde und Ehemänner? Das ist ein reines Medienphänomen. Aggressive Zuspitzung = Aufmerksamkeit. Siehe AfD, Pegida, FPÖ, BILD usw.

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    1. Schwer zu beziffern. Dass Söhne von ihren Müttern idealisiert zu werden neigen, sehe ich auch, aber ich habe hier und da schon einiges an Despektierlichem über Ehemänner und Lebenspartner aus dem Munde ihrer weiblichen Pendants gehört.
      Man darf bei den Medien m.E. nicht immer nur einseitig Willen zur Manipulation oder Meinungsmache vermuten. Das genannte Medienphänomen existierte nicht, wenn so was nicht auf Resonanz stieße bei entsprechenden Zielgruppen. Vielleicht nicht so extrem zugespitzt wie bei Schick, aber man schaue sich an, wie oft z.B. in der Werbung Männer als quasi lebensuntüchtige Töffel erscheinen, die ohne weibliche Obhut ihre Schuhe nicht gebunden bekommen. Beruht alles auf Marktforschung.

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    2. Deswegen habe ich bewusst "wie viele" gefragt. Es sind eben nicht 100 Prozent der Frauen, die ihre Männer für Müll halten. Sondern vielleicht nur 90 Prozent. Dann stimmt die Ausgangsthese, die mit dem Begriff "alle" arbeitet, für viele Frauen nicht mehr zu. Die These "Viele Männer sind Müll" würden eine Menge Leute unterschreiben, darunter sicher auch Männer. Aber dann ist es medial nicht mehr so gut zu verkaufen.

      Schön, dass du die Medien kritisch siehst und der Marktforschung vertraust. Smiley.

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  4. "Es sind eben nicht 100 Prozent der Frauen, die ihre Männer für Müll halten. Sondern vielleicht nur 90 Prozent" "
    Um Gottes Willen, nein. Es sind vielleicht ein paar Prozent, vielleicht auch bis zu 20 oder so..
    Viel weiter verbreitet ist die Auffassung, Männer seien irgendwie tendenziell dümmer, primitiver usw., das ist vielleicht knapp mehrheitsfähig.
    Daß dieser ganze Mist jetzt offen hochkocht, hat einfach damit zu tun, daß es neben dem sehr dummen männlichen Machismus immer auch einen sehr dummen weiblichen Machismus gab, der jetzt offen zutage tritt, weil er, anders als der männliche, nie infrage gestellt wurde.
    Die weibliche Seite hat einfach das noch vor sich, was die männliche z.T. hinter sich hat, den Zusammenbruch archaischer Idenditäten, vor allem der offen asozialen Teile.

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    1. Ganz deiner Meinung. Das mit den 90 Prozent war natürlich Spaß. Wer seinen Ehemann für Müll hält, kann sich ja auch einfach scheiden lassen. Die Anzahl der Mütter, die ihre Söhne für Müll halten, liegt wahrscheinlich nur bei einem bis zwei Prozent. Fazit: #menaretrash hat nur eine Minderheit der Frauen hinter sich und vermutlich nur sehr wenige Männer (Masochisten, Gewaltopfer usw.). Dann stellt sich die nächste Frage: Wie relevant ist diese "Bewegung" politisch?

      Ich habe gerade einen Riesenstapel alter Unterlagen entsorgt und bin das Zeug nochmal flüchtig durchgegangen. Darunter war ein Text des Zukunftsforschers Horx aus dem Jahr 2000 über die großen Trends des 21. Jahrhunderts. Er schrub, dass es das Jahrhundert der Frauen werden würde.

      Jetzt, 18 Jahre später, fällt mir da nur Merkel ein. Und Merkel hat für die Frauen nix gemacht. Bisher haben wir es als Gesellschaft schlicht vermasselt, die Gleichberechtigung voran zu bringen. Vergeudete Jahrzehnte.

      Daher verstehe ich auch die weiblichen Wutbürger mit ihren steilen Thesen wie #menaretrash. Aber die Wut allein wird auch nichts verändern. Nichts hat sich bisher im 21. Jahrhundert zum Besseren verändert. Traurig, aber wahr.

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  5. @Andi Bonetti
    "Wie relevant ist diese "Bewegung" politisch?"
    Solche Extremthesen, die eher Hilfeschrei als politische Aussage sind, hängen nicht im luftleeren Raum. Sie sind Teil eines Gesamtmilieus, das keine Gleichberechtigung, sondern das Schleifen westlicher Werte im Sinn hat und damit auch teilweise erfolgreich ist. Aus der liberalen Frauenbewegung haben sie einen Elitefeminismus gemacht, der gegen Männer hetzt und Frauen mit echten Problemen gezielt weiter nach unten drücken hilft, der vor allem aber ein aggressiver Feind der Freiheit und der Aufklärung ist, ganz im Sinne des neoliberalen Elitengeists.

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    1. Richtig. Ich würde die menaretrash-Hools auch nicht als Bewegung betrachten. Man muss sich ja nur die Tweets zu diesem Hashtag anschauen, da läuft nicht viel. Es ist eine abgehobene Debatte einiger Akademikerinnen, die sich ihre eigene Sprache ("cis" usw.) und ihre eigene Welt geschaffen hat. Je kleiner solche Gruppen sind, desto totalitärer der Geist. Deswegen ist die Debatte auch politisch nicht relevant.

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