"Die bürgerliche Gesellschaft besteht aus zwei Arten von Männern, aus solchen, die sagen, irgendwo sei eine Lasterhöhle ausgehoben worden, und solchen, die bedauern, die Adresse zu spät erfahren zu haben." (Karl Kraus)
Kurze Frage zum Einstieg: Irgendwo jemand über der Gehaltsklasse eines mittleren Managers der Raiffeisenbank, der nicht in irgendeinem E-Mail-Verteiler von Jeffrey Epstein (+) steht? Bitte um Handzeichen! Danke. Das wird übrigens die letzte flapsige Einlassung in diesem Beitrag sein. Das Thema ist zu ernst und vielschichtig. Daher der Versuch, sich aus fünf Richtungen anzunähern. Ob sich daraus am Ende ein schlüssiges Bild ergibt, sei allen selbst überlassen.
i. Patriarchat
Wenn Alain Posener anmerkt, der Begriff 'toxische Männlichkeit' werde zwar inflationär benutzt, aber im Fall des Netzwerks von Jeffrey Epstein träfe er genau, denn wie hätten es westlich sozialisierte Männer im 21. Jahrhundert nur in Ordnung finden können, junge Frauen so auszunutzen, dann ist seine moralische Empörung einerseits sehr nachvollziehbar, offenbart andererseits auch die Oberflächlichkeit momentanen Debattierens. Zwar habe ich mit etlichem, was derzeit unter dem Label 'Feminismus' so verhandelt wird, meine Probleme, muss als im weitesten Sinne Linker aber auch zur Kenntnis nehmen, dass Patriarchat durchaus etwas mit Besitzverhältnissen zu tun hat.
So betrachtet, bedeutet Patriarchat nämlich vor allem, Kontrolle über weibliche Sexualität auszuüben. Damit das Erbe in der Familie bleibt. Die Mutter steht halt immer fest. Deshalb ist, je patriarchaler eine Gesellschaft tickt, die Familie und deren 'traditionelle Werte' umso heiliger. Daher haben in patriarchalen Gesellschaften Männer traditionell auch größere sexuelle Freiheiten als Frauen. Eine sexuell aktive Frau riskierte in früheren Jahren, bevor wirksame Verhütungsmittel zur Verfügung standen, mit jedem außerehelichen Sex die Palette der potenziellen Erben zu verbreitern. Daher wurde das stigmatisiert und sie galt als 'Gefallene'. Ein Mann, der irgendwo eine Frau außerehelich geschwängert hatte, war vor Erfindung zuverlässiger Vaterschaftstests im Zweifel fein raus.
Dass wir in modernen Zeiten leben, bedeutet nicht, dass bei uns nicht sehr alte Programme ablaufen können. So gehörte es von jeher zu den Attributen wahrhaft Mächtiger, freien Zugriff auf Sexualität zu haben. Dass Fürsten, Kaiser und Könige neben der offiziellen Ehefrau, die für die Weiterführung der Dynastie zuständig war, eine Reihe teils deutlich jüngerer Mätressen hatten, deren Kinder dann außerhalb der Erbfolge standen, gehörte fest zum Berufsbild und wurde erst durch den Aufstieg der Bourgeoisie infrage gestellt. Das Gebaren eines blaublütigen Lustmolchs wie Andrew Mountbatten-Windsor wäre in früheren Jahrhunderten nicht weiter der Rede wert gewesen. Der Mann weiß möglicherweise immer noch nicht, wie ihm geschieht.
ii. Moral
Ferner kann das Tabu außerehelichen Verkehrens, extremerweise mit Minderjährigen, dazu genutzt werden (und wird es auch), verschworene Schweigekartelle zu bilden und zusammenzuhalten. Immer wieder wird berichtet, dass Führungsetagen kollektiv Etablissements der Sexarbeitsindustrie aufsuchen. Zum einen sind die dort Tätigen meist diskret, solange man sie gut bezahlt, zum anderen fördert das den Zusammenhalt des Herrenrudels, da schließlich jeder von jedem weiß, dass er weiß und so weiter.
So funktionierte im Kern auch das System Epstein. Es beruhte auf geschicktem Informationsmanagement. Niemand außer dem Luxuszuhälter Epstein selbst und einem engen Kreis an Vertrauten wusste alles, alle anderen aber wussten vermutlich gerade genug, um zu wissen, dass es besser ist, die Klappe zu halten. Weil sonst: Bumerang. Bemerkenswert ist allenfalls, dass das so lange gut gegangen ist. Vermutlich auch, weil eine Menge Geld im Spiel war.
"In der moralischen Entrüstung schwingt auch immer die Besorgnis mit, vielleicht etwas versäumt zu haben." (Jean Genet)
Allerspätestens seit die #metoo-Bewegung dankenswerterweise enthüllte, wie das Netzwerk um Harvey Weinstein arbeitete, sollte auch dem/der Letzten bewusst sein, dass Sex in bestimmten Kontexten auch eine soziale Währung ist. Wer über die Verteilung von Ressourcen bestimmen kann, hat die Möglichkeit, sich das in sexuellen Gefälligkeiten vergüten zu lassen. Mächtig ist, wer auch als alter Sack ungestraft sogar Minderjährige flachlegen kann und damit durchkommt. Fragen Sie Silvio Berlusconi. Bunga bunga. Der Unterschied zum Versicherungsfritzen aus dem mittleren Management, der sich zur Wochenendorgie nach Budapest einladen lässt, ist da nur ein gradueller.
"Man müsste ja nicht nur dumm, sondern auch blind sein, wollte man glauben, Epstein sei der einzige mächtige Mann, der sich die Tatsache zunutze macht, dass viele seiner Geschlechtsgenossen mit dem Geschlechtsorgan denken. Nicht umsonst verstecken Chinas Machthaber Kameras in den Zimmern von Luxushotels und positionieren Lockvögel in den Lobbys. Nicht umsonst organisierten VW-Manager Sexreisen für Betriebsräte." (Posener, a.a.O.)
Daher ist es wohl auch nicht bloß Zufall, sondern nur folgerichtig, dass ausgerechnet ein Vertreter jener deutschen Partei, die am vehementesten und lautesten für ein Fortbestehen und Festschreiben 'traditioneller', will heißen: patriarchaler Zustände bzw. eine Rückkehr zu denselben eintritt, freimütig bekennt, er habe persönlich kein Problem damit, wenn Milliardäre es in ihren Privatjets mit (zu) jungen Mädchen trieben.
iii. System
"Epstein used his mysteriously acquired wealth to pursue his two great interests in life: the sexual exploitation of young women and hanging out with celebrity scientists." (Peter Woit)
Epstein unterhielt auch einen Zirkel aus renommierten Wissenschaftlern aller Disziplinen, alle weiß und männlich, so weit man weiß, die zudem auch auf Partys zugegen waren. Stellt man die Frage, wieso auch solch kluge Köpfe, die das doch alles hätten durchschauen müssen, von Ausnahmen abgesehen, auf einen wie Epstein hereinfallen konnten, wäre die einfache Antwort, dass Bildung allein eben im Zweifel vor gar nichts schützt. Nur gehört es auch zur Dialektik der Modernisierung und damit auch der momentanen Umbruchszeiten, dass Modernisierung bei einigen unweigerlich Sehnsüchte aufkommen lässt nach einer Vergangenheit, die, wiewohl möglicherweise verklärt, weitgehend frei ist von den Zumutungen der jüngeren Zeit.
Man kann darauf hinweisen, dass Epstein Wissenschaftlern, die permanent auf Jagd nach Drittmitteln waren, großzügig Projekte finanzierte. Man könnte allerdings auch vermuten, dass er all diesen weißen Männern Zugang zu einer Welt anbot, die für sie noch in Ordnung war, nach der sie sich insgeheim sehnten. Eine Welt, in der die letzten paar Jahrzehnte nicht stattgefunden haben. In denen Frauen und Minderheiten für wissenschaftliche Karrieren als ungeeignet galten und in denen man sich noch folgenlos mit jungen Studentinnen vergnügen konnte, die auch bitte nicht auf die Idee kommen sollten, allzu heftig Karriere machen zu wollen, erst recht nicht an einem vorbei.
Der KI-Forscher Joscha Bach, der auch in den Epstein Files auftaucht, fügt dem noch einen weiteren interessanten Aspekt hinzu:
"Entscheidend war eher, dass er ungewöhnliche Wissenschaftler finanziert hat. Leute, die früher im Wissenschaftsbetrieb eher typisch gewesen sind als heute, wie etwa die Väter der Informatik John von Neumann und Alan Turing. Das waren Menschen, die kognitiv von der Norm abwichen und oftmals nicht in den gesellschaftlich normalen sozialen Betrieb passten. Im Laufe der Zeit sind solche Wissenschaftler an vielen Forschungseinrichtungen zunehmend durch die Maschen gefallen. Die Universitäten haben ihnen kein Obdach mehr geboten, weil sie sich oft ungewöhnliche Themen suchen und sich sozial schlecht anpassen können." (Bach, a.a.O.)
Epsteins System basierte auch auf geschicktem Bedürfnismanagement. Er gab Menschen, wonach sie sich sehnten. Das musste nicht unbedingt Sex sein. So waren auch Frauen Teil des Netzwerks. Neben der (privilegiert) inhaftierten Hauptkomplizin Ghislaine Maxwell sind bislang sind bislang die ehemalige Chefjuristin bei Goldman Sachs, eine norwegische Kronprinzessin und ein engerer Kreis von Helferinnen.
iv. Kontext
Natürlich war Epstein keine Monade, kein isoliert im luftleeren Raum agierender diabolischer Einzeltäter. Gibt welche, die hätten das gern so. Aus Gründen. So wie auch immer wieder die Forderung aufkommt, Kunst habe bitte 'unpolitisch' zu sein. Der Kontext des Epstein-Netzwerks ist eine internationale Geld-Elite, deren Mitglieder und Sympathisanten mit steigendem Reichtum offenbar der Idee, sie stünden deswegen irgendwie über lästigen irdischen Gesetzen, immer mehr abgewinnen können. Auch nicht superreiche Intellektuelle sind für derartig elitäre Selbstbilder durchaus empfänglich.
"Die oberen Zehntausend dieser Gesellschaft sind ein Sumpf. Sollen sie fälschen, betrügen, sich schmieren lassen, koksen, wie es ihnen beliebt. Wenn sie uns nur verschonten mit ihrer Moral." (Hermann L. Gremliza)
Die Versuchung mag groß sein, das Treiben des Epstein-Zirkels als typisch für Reiche und Privilegierte zu framen, als bezeichnend für deren moralische Verkommenheit, aber das griffe zu kurz und wäre so fatal wie den Komplex allein mit Frauenhass erklären zu wollen. Sexueller Missbrauch ist nicht an Reichtum oder Klasse gebunden, sondern kommt, ob organisiert oder nicht, in allen Gesellschaftsschichten und Konstellationen vor, auch unter Linken übrigens. Die massenhaften Missbrauchsfälle bei den Kirchen oder der Fall Pélicot legen da beredtes Zeugnis ab. Interessant dürfte die juristische Aufarbeitung werden. Gelingt es nicht, die Täter ernsthaft zu belangen, verfestigte sich das Bild, eine internationale Kaste von Reichen und Privilegierten könne sich quasi alles erlauben und käme damit durch, während man die Kleinen jagte und ins Loch würfe.
v. Rezeption
Verschwörungsgläubige fühlen sich durch den Fall Epstein bestätigt. Sei das nicht der beste Beweis, dass Verschwörungen derartigen Ausmaßes tatsächlich existierten, wird rhetorisch gefragt. Seien jetzt nicht 'Verschwörungsleugner', also diejenigen, die die Existenz von großen Verschwörungen immer bestreiten, die eigentlich Gelackmeierten? Nein. "Kein Mensch auf dieser Welt »leugnet« ernsthaft, dass es reale Verschwörungen, Komplotte, Intrigen, geheime Absprachen etc. gibt -- mutmaßlich nicht mal ein Kindergartenkind. Und so dient dieses prätentiöse Geschwafel wohl nur dem Zweck, Verschwörungsdenken salonfähig zu machen." (Bernd Harder) Und der weiteren Aufwertung des eigenen Egos -- ich, der große Durchblicker, alle anderen Schlafschafe --, sollte ergänzt werden.
Die viel gescholteten 'Mainstream-Medien', die unter Verschwörungsfans bloß Lohnschreiberlinge des Kapitals sind, machen hier durchaus ihren Job. Seitdem aufzukippen begann, dass an Epsteins Geschäftsgebaren eventuell was faul sein könnte, hat meines Wissens niemand rundheraus abgestritten, dass das so sein könnte. Es mag welche gegeben haben, die ihn in Schutz genommen haben, auf laufende Ermittlungsverfahren verwiesen oder gemauert haben, gewiss, und das kann man so oder so sehen. Doch bitte ich um Quellenangabe, welches halbwegs seriöse, nicht 'alternative' ('Mainstream')-Medium seit dem Aufkommen der ersten Anschuldigungen grundsätzlich und rundheraus bestritten hat, dass da was dran sein könnte. Und es sieht auch nicht so aus, als würden 'große Namen' besonders geschützt.
Bei allem Verwerflichen, das man Epstein und seinen Helfershelfer:innen vorwerfen muss, bei allem Leid, das sie verursacht haben, ist eine Verschwörungserzählung wie etwa QAnon noch einmal ein völlig anderes Kaliber. QAnon ist ein wirres Gemisch aus Räuberpistolen, bei der es um Deep-State-Verschwörungen geht, um geheime, unterirdisch operierende Kinderhändlerringe, bei denen unter anderem George Soros die Finger im Spiel haben soll, die Neugeborene und Kleinkinder nicht nur sexuell missbrauchen, sondern ihnen auch noch Blut abzapfen, um daraus lebensverlängernde Präparate zu machen, die an solvente Kunden verkauft werden. (Beides erinnert übrigens nicht zufällig an Erzählungen aus Zeiten der Hexenverfolgungen sowie an antisemitische Topoi.)
Dass in dieser Welt nun ausgerechnet der Wüstling, vorbestrafte Betrüger und notorische Lügner Donald Trump der mutmaßlich mitgetan hat im System Epstein, aus Sicht seiner Anhänger die einzig integre Lichtgestalt sein soll, die dem Spuk ein Ende bereiten wird, ist nun eine doppelte Ironie.
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