Noch so ein kulturelles Phänomen, das verloren gegangen ist: Dass man sich bei Arcadeautomaten in die Bestenliste eintragen konnte, wenn man einen Highscore geknackt hatte. In der Frittenbude, in der wir uns früher öfter trafen, stand ein 'Donkey Kong'-Automat. Einmal war dem Monitor zu entnehmen, dass ein gewisser 'OTTO ZIBULSKI' auf Platz eins war, dicht gefolgt von einer Person mit Namen 'SUPERPIMMEL'. Ungekrönter König der Arena war ein gewisser 'SCHEISSBULLE', der, wie ich irgendwann erfuhr, gar kein Polizeibeamter war, sondern nicht arbeitete und vom Erbe lebte. So hatte er die Zeit und offenbar auch das Geld, halbe Tage in dem öligen Etablissement zu verbringen und den Daddelmaten so lange mit Einemarkmünzen zu füttern, bis sein Kampfname auf Platz 1 bis 10 stand, wie es ein paar mal vorkam. Schön, wenn Menschen noch Ziele haben im Leben.
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Ich bewundere ja stets aufs Neue diesen ganz speziellen Humor gewisser Leute. Zum Beispiel denjenigen derer vom CDU-Wirtschaftsrat, die jetzt einen fetten Katalog sozialer Grausamkeiten vorgestellt haben, der vor allem mal aus Streichungen von Sozialleistungen besteht. Dem Werkchen gaben sie den Namen 'Agenda für Arbeitnehmer'. Entweder meinen die das ernst oder irgendwer hat sich da einen Jux erlaubt und eine Präposition vertauscht.
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Es gibt diesen unausrottbaren Kinderglauben, dass eine saudoofe, bereits tausendmal beantwortete Frage irgendwie weniger saudoof und überflüssig würde, wenn man sie nur laut genug und ausdauernd genug wiederholt. Wenn Kinder im Vorschulalter sowas tun, mag das gewiss nervig sein, ist aber bis zu einem gewissen Punkt altersgerecht. Wenn Erwachsene das tun, zumal welche, die sich selbst möglicherweise zu den akademisch gebildeten Leistungsträgern zählen, wird es sehr schnell peinsam.
So buddeln sie jetzt für einen FAZ-Podcast die bereits arg streng riechende Frage wieder aus, ob Hitler nicht doch links gewesen sei. Der einzig erkennbare Grund, diese saudumme Frage immer noch zu stellen, ist der, dass man damit eine Exkulpierung des damals wie heute weit ins bürgerliche Milieus reichenden rechten Spektrums betreiben will und damit die ganz rechte Kulturkampf-Gebetsmühle weiterkurbelt, dass die Linken die wahren Faschisten seien. Und nebenbei damit seinerseits Hitler auf den Leim geht, der vor allem in der Anfangsphase die Arbeiter gewinnen und einlullen wollte, indem er die NSDAP als wahre Arbeiterpartei ausgab. Die die Arbeiter dann aber in bester linker Tradition sehr schnell und gründlich etlicher Rechte beraubte, die die Arbeiterbewegung einst erkämpft hatte. Zum Trost gab es den ersten Mai als gesetzlichen Feiertag.
Man beantwortet diese Frage also am besten mit einer Gegenfrage: Hätten jene konservativen, bürgerlichen, rechten Kräfte, die 1933 aus Angst vor einer kommunistischen Revolution Hitler als Gegengift in der Reichskanzlei installierten, dies getan, wenn sie damit einem Linken, einem "Kommunisten!" (Weidel) gar, zur Macht verholfen hätten? Wäre das nicht der Knieschuss des Jahrhunderts gewesen? Und noch dazu ein schwer widerlegbarer Beweis für Dummheit und Naivität?
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Glaubt man diversen Quellen, dann hat das iranische Regime vorletzte Woche binnen weniger Tage mehrere zehntausend Oppositionelle massakriert. Ein Bodycount, für den auch die Hamas und Benjamin Netanjahu lange stricken müssten. Wo bleibt der Protest deutscher Linker und Kulturschaffender, die ja nichts gegen Israel haben und erst recht nichts gegen Juden, sondern nur um der Menschlichkeit willen gegen Genozid aufstehen? Werden Universitäten besetzt? Entern reihenweise empörte Promis die Bühnen der Theater, Festivals und Events und protestieren gegen diese Barbarei? Hat Didi Meisenkaiser schon ein rührseliges Gedicht verbraten? Nö, Schweigen im Walde. Vermutlich weil das iranische Revolutionsregime sich immer mutig gegen die Imperialistischen Staaten von Bösemerika gestellt hat. Und der Feind des Feindes ist halt Freund. Da muss man schon mal damit leben, dass Späne fallen, wo gehobelt wird.
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Soso, hier gibt es Bares für Rares? Lischter, sinn Sie datt? Also, mit aachzisch Euro is der Prüjel aber joot bezahlt, Engelschen...
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Aber wie immer gibt es auch in den schwersten Zeiten, inmitten dieser mehr und mehr an eine Geisterbahn erinnernde Welt noch gute Nachrichten. Etwa die, dass Totholz-Bücher zu den preisstabilsten Konsumgütern überhaupt gehören. Ich habe jetzt ein Buch (350 S., gebunden) für 26 Euro gekauft. Das hätte vor dem Euro locker 36 bis 39 D-Mark gekostet. Selbst wenn man nur die Inflation der Jahre bis 2022 zugrunde legt, ist das eine geradezu lachhaft geringe Teuerungsrate. Buchpreisbindung wirkt!

"ob Hitler nicht doch links gewesen sei"
AntwortenLöschen... das ist doch in der historischen Nachschau vollkommen wumpe.
Er war Faschist im "nicht Italienischen Sinn" und hat der der Welt 6 Millionen Argumente geliefert ihn und seine Kumpels (bis in die untersten SA/SS-Ränge und die AfD) extrem zu verachten.
AfD verbieten — sofort!
Jens