Sonntag, 27. Juli 2014

Chronik einer Netzabstinenz (1)


Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass sich hier seit einigen Tagen nichts mehr getan hat und ich auch nicht auf freundliche Kommentare reagiert habe. Keine Sorge, es ist alles in Ordnung und mir geht es gut. Es liegt an meinem Internetprovider. Seit Mittwoch ist hier nämlich tote Hose. Weil die unendlichen Ressourcen des Netzes mir zurzeit nicht zur Verfügung stehen und ich von vielen Nachrichten abgeschnitten bin, fehlt es daher ein wenig an Aufhängern und Quellennachweisen für Postings zu aktuellen Themen. Interessant übrigens zu merken, wie sehr man mittlerweile am Netz hängt, wenn es mal nicht zur Verfügung steht, aber das ist ein anderes Kapitel.

Was ich tun kann, ist, den unterhaltsamen Gang der Ereignisse zu protokollieren, das ganze auf einem USB-Stick zu speichern und über andere Rechner ins Netz zu stellen. Mir ist klar, dass solche Chroniken meist selbstreferentielle Frustbewältigung sind. Wen so was nervt, soll's halt nicht lesen. Es ist ein Lebenszeichen.


Mittwoch, 24 Juli, nachmittags

Ups, keine Netzverbindung mehr. Passiert schon mal. Erstmal die Hardware prüfen, also Modem und Router genullt. Null Effekt. Verkabelung gecheckt. Alles ok, immer noch kein Netz. LEDs, die leuchten sollten, leuchten nicht oder blinken. Frage meinen Nachbarn, der beim gleichen Anbieter ist, ob er das Problem auch hat. Hat er. (Trifft ihn als passionierten Online-Gamer übrigens doppelt hart.) Also kompletter Netzausfall im Haus, wieder mal. Drittes Mal innerhalb zwölf Monaten. Beim ersten Mal waren es zwei Tage, beim zweiten Mal im Februar schon vier. Bin schon richtig gespannt, wie lange es diesmal dauern wird. Werden sie die magische Marke von einer vollen Woche knacken? Bleiben Sie dran, weiter nach der Werbung.

Hach, wenn ich an all die schönen Stunden denke, die ich in der Hotline meines Anbieters verbringen werde. An die angeregten Gespräche mit netten Mitarbeitern, die einem nichts sagen dürfen und deswegen darauf getrimmt sind, Kunden mittels Abspulen von Fragenkatalogen und aufgesetzter Empathie möglichst lange hinzuhalten. Da keimt Vorfreude. Apropos Anbieter: Wie nennen wir ihn überhaupt? Namen gehen ja nicht, am Ende machen die noch Stress deswegen, üble Nachrede und so. Wie wäre es daher mit 'S' wie 'Saftladen'? Oder 'G' wie 'Geisterbahn'? 'U' wie 'unfähig'? Käme der Sache schon näher. Nein, doch besser 'X'.

Anruf bei der technischen Hotline. Ich schildere das Problem, spare auch nicht aus, dass das mittlerweile zum wiederholten Male passiert und dass meinem Nachbarn, der ebenfalls Kunde ist und kein Netz hat, bereits zugesagt wurde, am nächsten Tag einen Techniker zu schicken. Vorschlag des freundlichen Herrn am Apparillo: Kann tatsächlich ein Problem mit dem Übergabepunkt im Haus sein, also abwarten, bis die technisch versierte Fachkraft da war. Dünkt mir sinnvoll. Warum unnötig doppelt moppeln? Man bittet mich um Geduld. Kein Problem, habe ich tonnenweise. Noch.


Donnerstag, 25 Juli

Gespräch mit Nachbar. Techniker war da. Kein Erfolg. Der Hausanschluss ist in Ordnung, es kommt kein bzw. ein viel zu schwaches Signal im Haus an. Wahrscheinlich stimmt etwas mit einem Erdkabel nicht. Soso, da krümelt der Keks also. Erneuter Anruf bei der Hotline. Schildere das Problem und frage, was nun passiere. Man teilt mir mit, von Schäden am Kabelnetz sei nichts bekannt und bietet an, auch mir einen Techniker zu schicken, der den Hausanschluss prüfen werde. Aha. Auf meinen Einwand, es sei bereits jemand da gewesen, der herausgefunden habe, es käme überhaupt kein Signal im Haus an, bekomme ich zur Antwort, ich solle erst einmal abwarten, der Techniker werde den Hausanschluss noch einmal ganz genau checken und habe noch andere technische Möglichkeiten. Aha. Ach, und die beauftragte Firma werde sich bei mir melden. Man bittet mich um Geduld. Diesmal sogar per SMS. Hui, mein Fall ist offenbar auf Dringlichkeitsstufe 0,5 geklettert.


Freitag, 26. Juli

Anruf der von X beauftragten Firma Y. Man habe den Auftrag, mir einen Techniker vorbeizuschicken, der den Hausanschluss prüfen und gegebenenfalls entstören werde.

Ich: "Das können Sie natürlich gern tun, guter Mann, nur wird das vermutlich nichts bringen, fürchte ich. Es war nämlich gestern schon jemand da, der exakt das gemacht hat. Der meinte, mit dem Hausanschluss wäre alles in bester Ordnung, das Problem sei, dass ein zu schwaches Signal im Haus ankommt."

Er: "Herr Rose, ick bin technisch nich so bewandert. Allet, wat ick anbieten kann, iss, dat een Techniker vorbeekommt."

Ich: "Schön. Und wann bitte? Ich bin jetzt nämlich den dritten Tag ohne Netz und werde langsam etwas ungeduldig, müssen Sie wissen."

Er [beleidigt]: "Dit machen Sie bitte mit X aus und nich mit uns. Wir können schließlich nix dafür." [Natürlich, das ist ja das Schöne an solchen Konstellationen. Man reicht die Verantwortung so lange weiter, bis es am Ende niemand gewesen ist. Wie ich das hasse! Ob er sich wohl gerade theatralisch die Hände wäscht?]

Ich: "Ich weiß, dass sie nur beauftragt sind. Aber bitte versetzen Sie sich mal in meine Lage. Ich weiß nicht, wie angewiesen Sie auf Ihren Internetanschluss sind. Ich betreibe zum Beispiel einen Blog. Ich könnte mir vorstellen, Sie wären an meiner Stelle auch ein wenig angefressen."

Er: [Pause. Ich meine, die Zahnräder hinter seiner Stirn rattern zu hören.] "Ick kann Ihnen nur anbieten, am Montag zwischen 8 und 12 Uhr jemand vorbehzuschicken." [Aha, also auf jeden Fall kein Netz am Wochenende, super! Klar, einen Wochenendnotdienst zu beauftragen, würde schließlich kosten.]

Ich: "Äh, zu Ihrer Information: Ich bin berufstätig und es ist Freitagnachmittag. Selbst, wenn ich wollte, dürfte es schwierig werden, Montag noch einen Tag Urlaub zu bekommen." [Der Kerl macht mich aggressiv mit seiner Art. Warum habe ich übrigens den Eindruck, dass die unfreundlichsten, patzigsten Servicemitarbeiter ausnahmslos einen Berliner Akzent haben?]

Er: [unwirsch] "Also Montag, 8 Uhr." [Aha, die Schiene! Ihro Durchlaucht sind nunmehr beleidigt ob meines Mangels an Demut und geben mir ein wenig Ihrer unermesslichen Macht über mich zu schmecken. Ich sehe ihn förmlich maliziös lächeln.]

Ich: "Verzeihung, ich glaube, ich habe da gerade Montag 8 Uhr verstanden. Ich sagte bereits, das geht nicht. Was haben Sie denn noch für Termine?"

Er: [Pause] "Dienstag zwischen 14 und 18 Uhr."

Ich: "16 Uhr kriege ich hin. Nur bitte nicht früher."

Er: "Ick kann Ihnen anbieten, det der Techniker sich eine halbe Stunde vorher mit dem Handy beh Ihnen meldet." [Oha, war das jetzt etwa ein Hilfsangebot? Grundgütiger, was ist los mit ihm?]

Ich: "Ja gut, danke." [Also am Dienstag auf keinen Fall vergessen, einen Zettel an die Tür zu pappen, auf dem steht, Firma Y solle bitte beim Nachbarn Z klingeln, falls ich nicht da sein sollte. Jede Wette, der wird deutlich vor 16 Uhr eintrudeln.]

(Wird fortgesetzt)


P.S.: Hasta la vista, Schrottpresse, und vielen Dank für alles! Wirst mir ehrlich fehlen. Wenn Schreiber wie pantouflé hinwerfen, warum auch immer, fühlt es sich an, als hätten die anderen wieder ein wenig mehr gewonnen. Aber weil das Leben weitergeht, nimmt der hoffnungsvolle Blog der klugen, scharfsichtigen und vor allem zornigen Nina Tabai den freien Platz in der Blogroll ein. Herzlich Willkommen!



Kommentare :

  1. Hach, wie wohlbekannt mir das alles vorkommt. Ich hoffe inständig, dass Deine Geschichte der "Netzneutralität" (kleines Wortspiel) ein wenig positiver weitergeht als die unendliche Geschichte der sich wiederholenden Fails, die ich mit der "Firma X" bisher erleben durfte. ;-)

    Ganz am Rande: Glaubst Du tatsächlich, dass es es sich bei dem urplötzlich aufgetauchten Blog "ninatabei.com" um das Blog einer ausnehmend jungen Dame mit dem abgeklärten Weitblick eines alten Haudegens handelt, die ganz zufällig in den letzten Tagen wohl platzierte Kommentare in diversen linken Blogs hinterlassen, sich aber auf weitergehende Diskussionen nirgends eingelassen hat?

    Nenne mich paranoid, aber hier stinkt etwas ganz gewaltig.

    Liebe Grüße!

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    1. Na, man sollte das vielleicht nicht zu hoch hängen. Gut möglich, dass sich hinter der Adresse eine Bande alter Säcke oder eine Gruppe Studenten verbirgt, die unter Name und Konterfei eines netten Covergirls firmieren. Wenn das so ist, dann ist es geschickt gemacht.
      Und wenn schon. So lange die Inhalte stimmen (einiges hat mir ziemlich gut gefallen), soll es mir recht sein. Wenn das irgendwann nicht mehr so ist, fliegt das Ding halt wieder raus. Ist ja nicht in Marmor gemeißelt, so eine Blogroll...

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  2. Wenn du gerade temporär offline bist, hast du vielleicht etwas mehr Zeit und liest vielleicht ein gutes Buch, welches du gerne weiterempfehlen möchtest ? Ja ? Konnte mit deinen Reminiszenzen an schon abgelegte Bücher immer was anfangen. Mein Stapel schwindet nämlich und ich überlege schon an der Herbstkollektion.

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  3. @ Stefan: Ich bin ja nun wahrlich kein Kreuzritter gegen Anonymität im Internet - ganz im Gegenteil. Anonymität ist aber nicht gleichbedeutend mit einem gefälschten Profil. Wer anonym auftreten will, soll das tun - jeder Mensch hat das Recht und angesichts des ausufernden staatlichen Überwachungsterrors womöglich gar die Pflicht dazu. Wer sich aber statt dessen einer falschen Identität bedient, tut das nicht grundlos - und eben diese Gründe sind es, die mich stutzig machen.

    Liebe Grüße!

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  4. das ochdomino-syndrom, siehe hier http://www.malte-welding.com/2013/09/02/kleines-scheusal-de-war-das-projekt-einer-pr-agentur/
    gleiches muster auch hier: eine vorgeblich attraktive bloggerin, die der (männlichen) zielgruppe nach dem mund redet und im nu zum superstar wird. ziemlich platt, aber es wirkt.

    noch mehr zum thema: http://schulesocialmedia.com/2013/09/03/so-lassen-sich-fake-profile-erkennen/

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  5. Burks sieht das auch so, daß Nina Tabai ein Fake ist: https://www.burks.de/burksblog/2014/08/25/honks-rachsuechtige-orks-und-andere-kommentator_innen

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  6. Ich sehe es auch so wie Stefan (Rose); einige Themen haben mir gefallen und ich habe in Blogosphärenmanier meinen Senf dazu gegeben. Dann aber war für mich zu merken, dass manche Antworten der Substanz entbehrten. Es war klar, dass in den Antworten mit mal eben schnell Gegoogltem Kompetenz simuliert werden sollte. Deswegen habe ich meine Kommentartätigkeit dort eingestellt. Ohne allerdings den fake zu ahnen, es ging mir nur um die teilweise mangelhafte Qualität der Antworten.

    Verschaukelt fühle ich mich nicht. Ich habe allerdings weder mit "Nina" per mail angebandelt, noch war "sie" je in meiner Blogroll. Interessant finde ich den Aspekt, dass die Macher Nina eine jüdische Identität gaben. Offenbar wollte man Anti- und Philosemitismen aus den Kommentatoren herauskitzeln.

    Anyhow, gelungen ist das nur teilweise. Die Bloggemeinde hat doch recht schnell gemerkt, dass da was "nicht stimmt". Ich schrieb es schon bei Burks: damit ist ja wohl recht gut belegt, dass die Gemeinschaft der Blogger keinesfalls nur aus newmedia-Verpeilomaten besteht. Wir sind da in der Summe geerdeter, als unser Ruf es will (diesen Ruf man z.B. in Kehlmanns Buch "Ruhm" nachlesen kann; die verpeilteste Person dort ist - naklar - ein Blogger).

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