Donnerstag, 9. November 2017

Lest we forget


Am 9. November 1938 versuchten SA-Trupps die Synagoge meiner Heimatstadt in Brand zu setzen, was aber misslang. Die angegliederte Schule, das Gemeindezentrum und andere jüdische Einrichtungen wurden vandalisiert und geplündert. Die Synagoge brannte nicht aus, wurde aber stark beschädigt. Die Reste wurden eingerissen, abgetragen, das Gelände wurde planiert und die Kosten der Jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt. Hilde Auerbach, Ehefrau von Rabbi Dr. Selig Auerbach und Überlebende, erinnerte sich 1986:

"Als sie angezogen waren und fertig, das Haus zu verlassen, stürmten hundert SA-Männer die Treppen hoch, berauscht und betrunken. Sie schalteten das Licht ein und zerschlugen alle Fenster und Spiegel. Die Chanukka-Leuchter, Kerzen, Kiddush-Becher, alle religiösen Gegenstände flogen durch die Fenster. Den Rest plünderten sie. Sie hatten das 'beste Weihnachten' seit langer, langer Zeit. Wir hörten nichts über 'Juden' zu der Zeit, sondern immer nur: »Sie haben etwas, meine Frau und Kinder haben nichts.« Recklinghausen ist eine Bergbaustadt und die Bergbaugesellschaften beuteten ihre Arbeiter aus. Die Bergarbeiter waren nicht nur arm, sondern viele auch krank, und es gab häufig Grubenunfälle. Ich konnte mit den Leuten mitfühlen. [...]
Die Straße war gesäumt von Nachbarn, Zuschauern und natürlich SS und SA. Niemand bewegte sich, niemand sagte ein Wort: Eine schwarze Nacht ohne Sterne, aber viele Schaulustige. Wo sind all die Augenzeugen dieser Nacht, Männer, Frauen und Kinder? Wenn Du heute einen Deutschen fragst, wissen sie nichts davon, haben sie nie etwas gesehen oder gehört. Wenn sie damals 7 oder 10 Jahre alt waren, sind sie heute in den 50ern. Hat es sie unbeeindruckt gelassen?  Wo waren all die kultivierten, kulturbewußt erzogenen deutschen Bürger?" (Hilde Auerbach, Aufzeichnungen für ihre Tochter Chana, 1986) [1]


(Stadtarchiv Recklinghausen)
Die heutige, 1997 erbaute Synagoge befindet sich hinter dem benachbarten Polizeipräsidium und ist von der Straße aus nicht einsehbar. 1938 hatten sich viele Gemeindemitglieder zur Polizei geflüchtet, weil sie hofften, dort Schutz zu finden. Sie wurden allerdings inhaftiert und misshandelt, teils auf dem Vorplatz des Präsidiums von SA und Polizei öffentlich gedemütigt. "Die Aufsicht führte dabei Polizeipräsident Vogel persönlich, in Personalunion SA-Brigadeführer, Reichstagsabgeordneter und Stadtverordneter, der in SA-Uniform mit einer Reitgerte den Takt angegeben haben soll." [2]


Weiterhin wurden am 9. November 1938 zahlreiche jüdische Geschäfte in der Innenstadt verwüstet. Auf einem Teil des Grundstücks der alten Synagoge, an deren früheren Standort seit 1980 eine Bronzeplatte erinnert, steht seit den 1950ern das Finanzamt. Meine Großeltern wohnten bis zum Tod meiner Großmutter 1992 drei Häuser weiter. 1986, in dem Jahr, in dem Frau Auerbach ihre Erinnerungen niederschrieb, beging die Stadt feierlich und mit großem Aufwand ihr 750jähriges Jubiläum.



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[1] Möllers/Mannel: Pogrom in Recklinghausen. Recklinghäuser Bürger erinnern sich an den 9./10. November 1938, 5. erweiterte und verbesserte Auflage, Recklinghausen 2001, S. 44f.
[2] Vgl. 2.13, Die Synagoge wollte nicht brennen: 9./10. November 1938. In: Geck/Möllers/Pohl: "Wo du gehst und stehst…" Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, Recklinghausen 2002, S. 82-84.





1 Kommentar :

  1. "Die Aufsicht führte dabei Polizeipräsident Vogel persönlich, in Personalunion SA-Brigadeführer, Reichstagsabgeordneter und Stadtverordneter, der in SA-Uniform mit einer Reitgerte den Takt angegeben haben soll."

    Jetzt versteh ich auch, warum "Vogel" die Bedeutung eines Schimpfwortes haben kann …

    Und wenn ich mir vorstelle, dass es hierzulande eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Volxgenossen gibt, die mit Moscheen gewiss schon Ähnliches planen – nee, besser nicht weiter drüber nachdenken ;)

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