Mittwoch, 22. November 2017

Kopflos, Weimar, Bullerbü


Man wird zweifellos alt. So hätte ich noch vor Tagen niemals gedacht, dass ich für Christian Lindner und die FDP mal so etwas wie Dankbarkeit empfinden würde. Ja, richtig gelesen. Lindner. FDP. Dankbar. Ich. Weil sie uns allen einen großen Dienst erwiesen haben, indem sie das Jamaika-Tauziehen einseitig gecancelt haben. Und dafür sogar in Kauf nehmen, zeitweise den traditionell der SPD vorbehaltenen Ehrentitel der Vaterlandslosen GesellenTM angepatzt zu kriegen. Denn wer sich weigere, eine Regierung zu bilden, so wird nunmehr im hohen Tone moralischer Empörung verfügt, der versündige sich am Gemeinwohl. Putzig, wenn welche, die sich kaum jemals etwas anderem als dem Eigennutz verpflichtet gesehen haben (ob nun dem eigenen oder demjenigen interessierter Kreise bzw. Peergroups), plötzlich das Gemeinwohl wiederentdecken.

"Gehorsamkeit gilt nach wie vor als unsere Tugend, Desertion noch immer in weiten Teilen der Bevölkerung als verwerflich. Ich hingegen halte Fahnenflucht für die einzige bewundernswerte militärische Leistung, denn sie ist alles andere als Feigheit vor dem Feind. Doch das nur am Rande. […] Rückgrat zeigen ist die Devise. Und zwar kompromisslos. Wie das geht, hat nach der SPD nun ausgerechnet die einst so chamäleongleiche FDP vorgemacht. Chapeau, übrigens. Und gibt es Neuwahlen, dann gibt es halt Neuwahlen. Arschkriechen kann jedenfalls keine Alternative für Deutschland sein." (Michael Herl)

Vielleicht sollte ich etwas ausholen. In meinem Umfeld tummeln sich einige Lehrerinnen und Lehrer. Das sind eigentlich alles engagierte Menschen, die entgegen dämlichen Klischees viel arbeiten und ihren Job gern machen, wenn nicht gar lieben. Wenn das Gespräch darauf kommt, was sie wirklich hassten am Lehrerberuf, dann werden überraschend selten die Boys und Girls genannt, die ihnen da anvertraut sind. Da ist viel Verständnis da, auch wenn sie zuweilen problematisch sind. Damit umzugehen, so der Tenor, sei Teil des Jobs, für den man halt bezahlt würde. Auch andere Zumutungen des Schuldienstes wie etwa nervige oder unerreichbare Eltern, ließen sich unterm Strich aushalten. Jeder Beruf bringe so seine Zumutungen mit sich, ist dann meist zu hören.

Richtig genervt sind viele eher vom unzumutbaren baulichen Zustand vieler Schulen. Vor allem aber von der hektischen, aktionistischen Reformeritis, die immer ausbricht, wenn eine neue Landesregierung ihre Arbeit aufnimmt. Nach jedem Regierungswechsel sei damit zu rechnen, dass ein neuer Dienstherr sich profilieren wolle und glaube, die Schule komplett neu erfinden zu müssen. Man darf das nicht falsch verstehen, niemand der mir bekannten hat prinzipiell etwas gegen Neuerungen oder Veränderung. Der klischeemäßige Sowi-Lehrer in Wollpullover und Birkenstocklatschen, der sich aus Prinzip weigert, einen Computer auch nur anzurühren, geschweige denn ein Handy, ist längst passée. Das Problem sei eher, so ist zu hören, dass Neuerungen überhaupt keine Zeit mehr gegeben werde, sich mal zu etablieren und im Alltag einzuspielen.

Als Paradebeispiel gilt vielen die Hopplahopp-Einführung des achtjährigen Gymnasiums gegen alle Warnungen. Das musste ja unbedingt, weil Die Deutsche WirtschaftTM einhellig der Meinung war, Deutschlands Studierfähige seien im internationalen Vergleich viel zu alt, die Jahrgangsstufe 13 eh bloß organisierte Faulenzerei. Nun, da das Ganze nach nicht einmal zehn Jahren in den meisten Bundesländern still und leise wieder zurückgenommen wird, ist von Unkenrufen aus der Deutschen WirtschaftTM von wegen, nunmehr sei der Standort Deutschland, wenn nicht die Weltordnung bedroht, weil zukünftige Abiturienten wieder volljährig sein werden, auffallend wenig zu hören. Ein wenig von jenem politischen Stillstand, den neoliberale "Waschbrettköpfe" (Droste) und andere Mover and Shaker fürchten wie der Teufel das Weihwasser, kann also mitunter höchst produktiv sein.

Zu glauben, die Welt gehe unter, wenn eine Zeitlang nicht im ganz großen Topf gerührt, nicht andauernd alles neu erfunden und neu gedacht wird, ist eine Pest unserer Zeit. Gar nichts geht unter, weil wir jetzt noch etwas länger lediglich eine geschäftsführende Regierung haben. Der Betrieb wird aufrechterhalten, die nötigen Unterschriften werden getätigt, auch die weitere neoliberale Umkrempelei hat mal kurz Pause, weil Gesetzgebung nicht stattfindet zur Zeit. Alles ist gut. In Belgien haben sie so einen Zustand mehrere Jahre lang problemlos ausgehalten, ohne dass etwas ins Chaos gesunken wäre. Also: Danke, Christian Lindner, danke FDP! Der deutsche Michel, der immer noch eher weniger Citoyen ist und es schätzt, regiert zu werden, solange ihm niemand das Recht auf permanentes folgenloses Moppern absprechen will (was Angela Merkel begriffen hat wie keine Zweite), müsste diesen Zustand eigentlich lieben.

Teile der Medien indes scheinen übrigens auf ihrer eigenen Semantik auszurutschen. Völlig korrekt war während der letzten Wochen von "Sondierungsgesprächen" bzw. "Sondierung" die Rede, wenn ich‘s recht erinnere. Und Sondierung, das bedeutet nach meinem unmaßgeblichen Verständnis in etwa: Man trifft sich, tastet mal ergebnisoffen ab, was so geht, und wenn’s nicht passt, dann lässt man’s halt. Ganz im Gegensatz etwa zu "Koalitionsverhandlungen", bei denen die Absicht im Prinzip feststeht und es vornehmlich um das Wie geht. Und nun, da das ganze geplatzt ist, wird so getan, als sei alles bereits so gut wie in trockenen Tüchern gewesen, obwohl man immer nur von "Sondierungsgesprächen" berichtete. Kenne sich da noch jemand aus.

Man kann all einfach nicht oft genug daran erinnern: Es kommt immer mal wieder vor, dass eine Wahl kein eindeutiges Votum ergibt. Und wenn dann eventuell neu gewählt werden muss, ist mitnichten eine "Unverschämtheit", sondern ein völlig normaler demokratischer Vorgang in vielen Teilen der Welt. Minderheitsregierungen, wie sie in einigen hiesigen Landtagen schon länger alltägliche Praxis sind, im Übrigen auch. Das hier und da zu vernehmende, apokalyptische Klabustern vom dräuenden politischen "Chaos, gegen das die Weimarer Republik ein Plenum der Eltern von Bullerbü gewesen" ist (Uli Hannemann), vom 'failed state' gar, kann also durchaus auch dem Schrecken einiger über die Erkenntnis geschuldet sein, dass Deutschland auch nicht besser ist als viele Teile der Welt.




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