Sonntag, 15. Juli 2018

WM-Bilanz


Also gut, versuchen wir uns am Ende des vierwöchigen Ballgekickes an einer Bilanz. In bewährter Thesenform. Acht sind's geworden.

1. Die französische Mannschaft ist völlig verdient Weltmeister geworden. Glückwunsch.
Das Team, das über das gesamte Turnier hinweg am besten und cleversten gespielt hat, hat völlig zu recht gewonnen. Waren von Anfang an meine Favoriten. Haben im torreichsten Finale seit Jahrzehnten (und einer der torreichsten Partien des Turniers) den kroatischen Konterkönigen, die allerdings auch drei Verlängerungen in den Knochen hatten, überzeugend den Zähne gezogen. Und als Nebeneffekt einem aggressiven Nationalismus, wie er von Teilen der kroatischen Fanszene praktiziert wird, ebenfalls.

(Schampus oder Crémant ist gerade leider keiner im Hause. Das hier sollte es auch tun. Vive les Bléues!)

2. Profifußball ist im wesentlichen eine europäische Veranstaltung, bei der manchmal auch ein paar südamerikanische Zaungäste mittun dürfen.
Follow the money.

3. Der Trend, dass hoch effizient agierende Abwehrreihen sich gegenseitig neutralisieren, hat sich verstärkt.
Von insgesamt 14 K.O.-Spielen gingen fünf in die Verlängerung, vier davon wurden im Elfmeterschießen entschieden. Die Finalisten aus Kroatien mussten satte drei Mal in die Verlängerung. 40 Prozent aller Tore fielen aus Standardsituationen heraus. Nur zwei von 14 K.O.-Spielen endeten mit mehr als einem Tor Unterschied (Brasilien - Mexiko 2 : 0, Schweden - England 0 : 2). Nun sind torarme Spiele nicht automatisch schlecht oder langweilig, aber die immer effizienter agierenden Abwehrriegel sind offenbar nur mehr von hochgradig eingespielten Vereinsmannschaften zu knacken. Von einer WM fußballerische Revolutionen zu erwarten, ist eh sinnlos. Eine WM ist keine Fachmesse für Fußball und keine Leistungsschau, bestenfalls ein fröhliches Völkerfest. Spielerisch ist die UEFA Champions League das Maß aller Dinge. Nationalmannschaften verbringen nur ein paar Wochen im Jahr zusammen, können das Spiel daher nicht wirklich weiterbringen in Zeiten immer komplexerer taktischer Systeme.

4. Der Videobeweis funktioniert durchaus gut, wenn er professionell gehandhabt wird.
Ist vielleicht eine Frage der Haltung. Geht man mit einer positiven, neugierigen Grundeinstellung professionell an Neuerungen heran, dann klappt das zuweilen sogar. Wie jetzt beim Videobeweis. In der Bundesliga, in der der Videobeweis am Beginn der letzten Saison eingeführt wurde, herrschen hingegen Vorbehalte a‘la "Geht nicht, haben wir noch nie gemacht, macht den Spielfluss kaputt!" vor. Mit entsprechendem Ergebnis.

5. Überhaupt waren die Schiedsrichterleistungen überwiegend gut.

6. Die erfolgreiche Phase zwischen 2006 und 2014 hat lediglich verdeckt, dass der DFB immer noch von einer weitgehend überforderten, aufgeblähten, hochgradig unprofessionell agierenden Funktionärsriege aus aalglatten Opportunisten geführt wird.
Wer das überzogen findet, führe sich vor Augen: "Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea, verwaiste Fanmeilen sowie ein Bundestrainer, der sich nach der größten Pleite der DFB-Geschichte aussuchen darf, ob er weitermacht, und nach einem Nicken in den Urlaub verschwindet, ohne auch nur mit einem Satz zu erklären, woran es lag, und ob er in Zukunft etwas anders machen will." (Christian Spiller/Oliver Fritsch) – das ist symptomatisch für das Auftreten des Deutschen Fußball-Bundes bei der WM. Nicht nur das: Anstatt die erbärmliche Hetze gegen Ilkay Gündogan und Mesut Özil, die längst jedes Maß verloren hatte, mit einem klaren, unmissverständlichen Statement zu beantworten, twitterte man ein wenig herum und lieferte Özil, dem man fußballerisch nichts vorwerfen kann, damit den Rassisten aus.

7. Das frühe Ausscheiden der deutschen Mannschaft hat sich wohltuend ausgewirkt.
Wer WM-Fußball, warum auch immer, nur als Party-Event kennengelernt hat, musste lernen, dass es im Sport immer auch anders kommen kann. Auf der hiesigen Fanmeile, auf der alle Spiele übertragen wurden und auf der bei den vergangenen Turnieren verspannter Nationalismus herrschte, drängelte man sich nicht, es ging entspannt und heiter zu. Vielleicht hat auch das sehr angenehme, d.h. nicht schwüle Sommerwetter ohne Tropennächte dazu beigetragen.

8. Propaganda spielte keine große Rolle.
Zumindest nicht mehr als sonst. Fand ich.
War's das? Nein noch nicht.

Ein interessanter Gedanke noch: Mikael Krogerus behauptet, Die erste WM im Leben eines entsprechend Interessierten sei die Wichtigste, an der er dann jede weitere messe. Kann ich nur teilweise bestätigen. Mein Vater zum Beispiel war die WM 1970 mit dem dramatischen Viertelfinale gegen England (3 : 2) und vor allem dem ‚Jahrhundertspiel‘ gegen Italien (3 : 4 n.V.) das große Erlebnis, von dem er noch bis in die Neunziger immer wieder sprach. Bei mir? Schwer zu sagen, ich war lange nicht so richtig dabei. Ich war nie wirklich gut im Fußball und wurde meist als letzter in die Mannschaft gewählt. Ich hätte natürlich ein Fußballexperte werden können, ein Taktikfuchs. Aber dazu fehlte es mir nicht nur an Ehrgeiz, es waren auch schlechte Zeiten für Theoretiker.

Was war mit der WM? 1974 war ich zu jung. 1978? Falsches Land. Die Spiele wurden zu Zeiten übertragen, in denen ich ins Bett musste. 1982 warf mein Vater wutentbrannt einen Aschenbecher in Richtung Fernsehgerät, angesichts dessen, was die westdeutsche und die österreichische Mannschaft da ablieferte. Bzw. nicht ablieferte. Auch in der ‚Nacht von Sevilla‘ wurde ich schnöde in die Heia geschickt, da waren die Eltern gnadenlos. 1986 war ich eigentlich im idealen WM-Alter. Allerdings schwärmte ich für die Kunst der legendären brasilianischen Wunderelf um Zico, Falcao und Sócrates, die aber humorlos von den Franzosen um Platini, Tigana, Giresse und Amoros heimgeschickt wurde. Das Schicksal der deutschen Kickerprollos, die Vokuhilas trugen, ihre Gegner rüde umtraten, andauernd auf den Rasen rotzten und sich am Sack kratzten, ging mir sonstwo vorbei.

1990 erlebte ich zum ersten Mal eine WM als spontanes Straßenfest. Das Spiel gegen die Niederländer (2 : 1) guckte ich noch allein zu Haus, das Halbfinale gegen England dann schon in Gesellschaft. Nach dem grottenöden Finale gegen Argentinien (1 : 0) füllte sich die Ringstraße der Innenstadt mit einem Autokorso nach italienischem Vorbild, der wiederum von Feiernden gesäumt wurde. Ich trank mir zwar einen, konnte mir aber nicht erklären, wo auf einmal die ganzen schwarzrotsenfenen Winkelemente herkamen. War mir schon damals ein Tick zu viel. Mindestens. 1994? Doof. 1998: Tolles Erlebnis. Ich war während der Vorrunde eine Woche in Berlin. Multinationales Volksfest bei perfektem Wetter. Feiernde Italiener, Brasilianer in den Straßen. 2002 habe ich wegen der Übertragungszeiten wieder kaum was mitbekommen als Werktätiger, ab 2006 ging der Partyhurrapatriotismus mir zunehmend auf den Senkel und so weiter und so weiter. You get the picture.

Die eine WM, die alle anderen überstrahlt, kenne ich nicht. Auch nicht meine erste. Wüsste nicht, welche das sein sollte. Bin da so reingerutscht. Dass Krogerus das anders sieht, mag daran liegen, dass er während der WM 1986 bei seinem frisch geschiedenen Vater wohnte, der ihn alle Spiele gucken ließ. Ferner befand er sich offenbar in einem Bundesland, in dem damals schon Ferien waren. Ich musste am Montag nach dem Endspiel nämlich in die Schule.




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