Sonntag, 21. Juli 2019

Sinnvoll wie ein Eiffelturm


Eine Prise Pathos zum 50. Jahrestag

Aus den Sechzigern kursiert folgende Anekdote: Als Präsident Lyndon B. Johnson das Apollo-Trainingszentrum besuchte, um sich über die Fortschritte des Mondprogramms zu informieren, fiel ihm beim Hinausgehen ein älterer Mann auf, der einen NASA-Overall trug und den Boden fegte. Johnson fragte routiniert leutselig, was er denn hier mache und was sein Job sei. Der soll geantwortet haben: "Ich arbeite daran, dass wir zum Mond fliegen, Mr. President." Wenn’s nicht stimmt, dann ist es gut erfunden. Die Mondlandung war auch Jahre nach 1969 in einem Maße allgegenwärtig, das man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Buchhandlungen waren voll mit Sachbüchern für Jungen, die in mehr oder weniger vielen bunten Bildern von der Eroberung des Mondes kündeten.

Meine Lieblingskindergärtnerin Fräulein B. (so sagte man damals) brauchte zuweilen viel Geduld mit mir. Eine Zeit lang bat ich sie nämlich sehr oft, mir aus einem bestimmen Sachbuch für Kinder vorzulesen, in dem es um die Mondlandung ging. Keine Ahnung wie das in den späteren neuen Bundesländern war, aber hier in der BRD der Siebziger kannte damals jedes Kind die Namen der drei Helden: Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, der getreue Edwin 'Buzz' Aldrin, der ihm auf dem Fuße folgte und der arme Michael Collins, der nicht dabei sein durfte, stattdessen in der doofen Apollo-Dose Wache schieben musste und vom Ruhm nur Brosamen abbekam. Ihm wurde nachgesagt, darob später in Trunksucht und Depressionen verfallen zu sein, was aber nicht stimmt. Er hat das zeitlebens mit Humor und Gelassenheit genommen.

Dass ich zu jung war, um die Fernsehübertragung selbst verfolgt zu haben, fand ich früher ziemlich blöd. Ich war ein halbes Jahr alt und habe das Jahrhundertereignis, auf dem Schoß meines Urgroßvaters liegend, verschlafen. Der soll, wie ich später erfuhr, nicht mehr an die Echtheit des Gezeigten geglaubt haben. Ein früher Verschwörungstheoretiker? Eher nicht. Der Mann war damals fast 96 und war zu einer Zeit Offiziersbursche geworden, zu der noch kein Auto auf den Straßen zu sehen gewesen war. Am Ende seines Lebens Menschen auf dem Mond zu sehen, war vielleicht ein bisschen zu viel für ein einzelnes Menschenleben.

Denn die Mondlandung vor 50 Jahren war ein Jahrhundertereignis, da diskutiere ich nicht. Der bisherige Höhepunkt des Projekts Moderne, bei dem die Grenzen menschlicher Möglichkeiten ohne große Rücksicht auf Risiken auch räumlich immer weiter verschoben wurden. Niemand kam damals auf die Idee zu fragen, ob die Raketen nicht zu viel Feinstaub ausstießen. Und dass das Risiko des Scheiterns der ganzen Mission beträchtlich war, darüber wurde auch nicht geredet. Egal. Wenn es zwei Bilder des 20. Jahrhunderts gibt, die die inflationär gebrauchte Bezeichung 'Ikone' wirklich verdienen, dann das der kleinen, über dem Mond aufgehenden Erde, das Jim Lovell während Apollo 8 aufgenommen hat, und das des auf dem Mond spazierenden Edwin Aldrin, in dessen Helmvisier sich die Landefähre spiegelt.

"In der Nacht vor seinem Flug zum Mond rechnete Neil Armstrong die Chancen aus, die er, Buzz Aldrin und Michael Collins hatten, um lebend zur Erde zurückzukehren. Fifty-Fifty, dachte er. Andere Experten hingegen, darunter auch Wissenschaftler und Techniker der NASA, sahen die Sache weitaus weniger optimistisch: 5 zu 1, sagten sie, dass die Männer nicht zurückkommen. Oder sogar 10 zu 1. Apollo 11 war die unmögliche Mission, ihr Scheitern wahrscheinlicher als ihr Erfolg." (James Donovan, Klappentext zu 'Apollo 11')

Vielleicht ist die Mondlandung die letzte große Heldenerzählung klassischen Stils, die wir kennen. Weiter weg war der Mensch nie. Alles, was danach kam, mag technisch anspruchsvoller gewesen sein, stank aber in Puncto Prestige ab. Denn um Prestige ging es. Der wissenschaftliche Nutzen, obwohl durchaus vorhanden, stand in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Das Apollo-Programm war Höhe- und Endpunkt eines riesigen Schwanzvergleichs, bei dem lange die Sowjetunion in Führung gelegen hatte. Die meisten, egal wo auf der Welt, kennen den Namen Juri Gagarins, des ersten Menschen im Weltraum. Auch dass Valentina Tereschkowa bald darauf die erste Frau im Weltraum war, ist vielen geläufig. Oder Alexej Leonow, der erste Mensch, der ein Raumschiff verließ und allein im Weltall schwebte. Namen wie Alan Shepard, John Glenn oder Edward White wurden zwar gepusht als diejenigen der ersten Amerikaner, die…, aber das verfing nicht recht. (Fun fact: Die Amis brauchten 20 Jahre, bis sie 1983 mit Sally Ride die erste Frau ins All brachten.)

Wiewohl der Wettlauf ins All eine Folge des Kalten Krieges war und Rüstungskonzerne eingebunden waren, da nur die damals das Knowhow hatten, solche Maschinerie zu bauen, war Apollo ein rein ziviles Projekt. Alle bis dahin eingesetzten Trägerraketen waren militärische Muster gewesen. Die unter der Leitung des genialen Sergei Koroljow entwickelte, noch heute in modifizierter Form als Sojus verwendete R-7 war ursprünglich als Interkontinentalrakete konzipiert. Auch die bis dahin verwendeten amerikanischen Raketen (Redstone, Atlas, Titan II) waren eigentlich Kernwaffenträger, die die NASA jeweils bei der Army oder Air Force orderte.

Ausgerechnet die Saturn V aber, eine der irrwitzigsten, teuersten und komplexesten Maschinen, die die Welt bis dahin gesehen hatte, hatte keinerlei militärischen Nutzen. Sie war nie für etwas anderes gedacht und gebaut worden als Menschen zum Mond und, so das Kalkül des Chefingenieurs und ehemaligem NSDAP-Mitglieds Wernher von Braun, eventuell zum Mars zu bringen. Von Braun hatte begriffen, dass das Mondprogramm nur Aussicht auf Erfolg hatte, wenn das Militär möglichst herausgehalten wurde, wenn es als massentaugliches, öffentlichkeitswirksames Event inszeniert wurde und alle Ressourcen darauf konzentriert wurden.

Koroljow hingegen war gezwungen, seine Mondrakete im Hinblick auf eine militärische Nutzung zu entwickeln, was letztlich scheiterte. Auch sonst verzettelte sich das sowjetische Raumfahrtprogramm in zu vielen Projekten auf einmal. Am mangelnden Knowhow lag es jedenfalls nicht. Noch in den Achtzigern zeigten die sowjetischen Raumfahrtingenieure, wozu sie imstande waren, als sie mit der Buran einen Shuttle komplett ferngesteuert in den Orbit und zurück brachten. Wovon die Öffentlichkeit im Westen kaum Notiz nahm.

Natürlich kann man die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen stellen. Wieso Milliarden Dollar, bis zu 400.000 Mitarbeiter und massig Ressourcen darauf verwenden, eine Handvoll weiße Männer auf dem Mond herumtapern zu lassen? Hätte man die gleichen Ergebnisse nicht, wie die Sowjets, mit unbemannten Sonden erzielen können? Hätte man mit dem Geld, das für das Apollo-Programm draufging, nicht unzählige Menschen vor Armut und Hungertod bewahren können? Möglich. Für das Geld, das ins CERN fließt, bekäme man sicher auch viele Hungernde satt. Solange Kapitalismus herrscht, habe ich immer so meine Zweifel an derartigen Milchmädchenrechnungen. Wenn ich vor der Wahl stünde, Milliarden in ein gigantisches Forschungsprojekt zu stecken oder sie auf die Konten von ein paar Superreichen fließen zu lassen, auf dass die noch superreicher werden, ich wüsste, wofür ich mich entschiede.

(Nebenbei müsste der Vorwurf der Verschwendung im gleichen Maße auch für das sowjetische Raumfahrtprogramm gelten. Weiterhin stellt sich die Frage, ob die Sowjets damals anders gehandelt hätten, wenn sie die Möglichkeiten gehabt hätten.)

Gut, man kann sagen, das Apollo-Programm sei die Initialzündung für die amerikanische Computerindustrie gewesen, die ab den Siebzigern Fahrt aufnahm. Zum ersten Mal mussten Programme für Computer mit Mikrochips entwickelt werden, um komplexe Steuerungsaufgaben zu bewältigen. Die nach dem Ende von Apollo entlassenen NASA-Programmierer waren bald gefragte Fachkräfte bei den wie Pilze aus dem Boden schießenden Computerfirmen. (Nebenbei muss man kein Feminist sein, es beschämend zu finden, dass eine Pionierin wie die Software-Entwicklerin Margaret Hamilton erst jetzt die Aufmerksamkeit erhält, die ihr zusteht.)

Vielleicht war der radikal andere Blick auf die Welt der eigentliche Nutzen der Mondlandungen. Vielleicht mussten erst Menschen aus Fleisch und Blut mit eigenen Augen sehen, dass unser Planet bloß eine kleine blaue Kugel in der Unendlichkeit ist und wie widersinnig es daher ist, sich zu streiten und Raubbau zu treiben mit diesem kleinen blauen Planeten, der uns am Leben erhält. Wenn von dem legendären kleinen Schritt für die Menschheit eine direkte Linie zum Club of Rome und letztlich zu Fridays for Future führte, dann wären die Milliarden Dollar auf lange Sicht gut angelegtes Geld gewesen. Pathos? Meinetwegen.

Wenn das Apollo-Programm sinnlos war, dann war es so sinnlos wie der Eiffelturm, wie die Tage ein Kommentator bei der 'Zeit' anmerkte:

"Ein völlig sinnloses Eisengestell in die Stadt stellen, das aber sämtliche Elemente der Ästhetik und alles, was die Ingenieurskunst jener Zeit leisten kann, auf sich konzentriert. Und so wird das Eisengestell zum einzigartigen Symbol der Stadt und des ganzen Landes. Hat da wer gesagt: »sinnlos«?"

Übrigens, wussten Sie schon, dass das erste auf dem Mond eingenommene Getränk Messwein war? Der tief religiöse Aldrin soll entsprechende Ausrüstung von seiner heimischen Presbyterianergemeinde mitbekommen und vor dem Ausstieg in der Landefähre eine private Abendmahlsfeier zelebriert haben. Wenn‘s nicht stimmt, dann ist es gut erfunden.



Kommentare :

  1. Sehr schöne Würdigung eines Ereignisses, das mir (habe es 1969 auch irgendwie verschlafen, da Jahrgang 1966), in den 70ern und 80ern den SF-Boost bis zum Anschlag gegeben hat. Was wir oft vergessen: Auf dem Mond lebten keine Ureinwohner, denen wir das Leben versaut haben wie in Amerika, Afrika, Australien und Asien.

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  2. William Easterly (NYU-Prof): "Our smartphones are 120 million times more powerful than the computers that guided Apollo 11. That has enabled us to progress from moon landings to cat videos."

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    1. Das wird gern zitiert. Man sollte aber erwähnen, dass der Vergleich ein wenig hinkt. Die Rechenleistung des Apollo-Computersreichte völlig aus, weil er nur für diesen einen Zweck gebaut und programmiert war, wohingegen PCs, Smartphones etc. Vielzweck-Geräte für alles Mögliche sein müssen.

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    2. "Alles Mögliche": WhatsApp, Insta, Twitter, Hämorrhoidenkalender, Bundesliga und Paybackpunkte auf alles außer Tiernahrung.

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  3. Ich habe die Landung gesehen. Meine Eltern haben mich extra geweckt und ich habe das nie vergessen.

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