Dienstag, 23. November 2021

Gute Nachrichten, Menschenbilder


Es gibt auch gute Nachrichten zur Zeit: Etwa die, dass Menschen, die irgendein Zertifikat in der Tasche haben, das sie für eine Tätigkeit in der Pflege qualifiziert, sich momentan keine Sorgen wegen Arbeitslosigkeit machen müssen. Dann gibt es noch eine gute Nachricht für alle, die das System brennen sehen wollen: Glückwunsch, es brennt. Das Gesundheitssystem beginnt zu kollabieren. Die ersten Landkreise im Seuchenfreundestaat Sachsen haben bald keine Intensivbetten mehr frei. Dort droht auch pandemiebedingt der flächendeckende Polizeidienst zusammenzubrechen. Das dortige Arbeitszeitgesetz wurde dahingehend geändert, dass sächsische Krematorien jetzt regulär Überstunden machen dürfen. Noch was? Ja. Die Bundeswehr will 120.000 Soldaten mobilisieren für Krankentransporte und Logistik.

Zufrieden? Nein, natürlich nicht. Ist schließlich alles nur Hysterie und Panikmache, gell? Rabäh, keiner interessiert sich für meine irre nicht mainstreamigen Befindlichkeiten, schluchzbuhu!

Und wenn schon, am Pflegenotstand ist eh bloß der dreckige Schweinekapitalismus schuld! Denn es wurden doch aus Geldgier und Sparwahn Intensivbetten abgebaut. Ja kucke, hättste das gedacht? Die schlechte Nachricht: Die Betten wurden stillgelegt, weil kein Personal da ist. Weil zig Pflegekräfte entkräftet und entnervt hingeschmissen haben und Möbel keinen Kranken pflegen. Was hilft diese großartige Erkenntnis eigentlich den Leuten, die jetzt um ihr Leben kämpfen? Rettet das auch nur ein Leben? Aber was will man diskutieren mit welchen, die es schon als totalitären Übergriff auffassen, wenn Impfen im Fernsehen als okay angepriesen wird, während Krebsoperationen verschoben werden müssen, weil Intensivbetten von Seuchenfreunden blockiert werden?

Und nein, dass mehr Geimpfte auf den Intensivstationen landen, ist genau kein Zeichen dafür, dass die Impfung nicht wirkt.


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Aber was reg' ich mich auf? Bringt eh nichts. Ich wollte eh auf was anderes hinaus:

Die Erkenntnis, dass profitorientierte Krankenpflege, wie Gesundheitsversorgung generell, unter kapitalistischen Bedingungen arger Mumpitz ist, trifft zwar zu, hilft uns in der gegenwärtigen Situation aber kein Stück weiter. Was für ein Mumpitz das ist, lässt sich auch sehr schön studieren an der Reaktion der Politik auf den im Prinzip seit Jahrzehnten grassierenden Pflegenotstand, der durch die Pandemie (ja, es ist eine Pandemie!) noch einmal dramatisch zutage getreten ist. Das einzige, was maßgeblichen Leutchen einfällt, wenn sie mit den Problem konfrontiert werden, dass es deutlich zu wenig Pflegekräfte gibt: Gebt ihnen halt mehr Geld.

Nur ist es so, dass zumindest die momentan so gefragten Intensivpflegekräfte im Mittel durchaus ein solides Facharbeiter/innengehalt erzielen können, von dem sich’s leben lässt. Davon abgesehen, ist es natürlich grundsätzlich wünschenswert, wenn hart Arbeitende mit viel Verantwortung dafür auch ordentlich bezahlt werden. Wie es überhaupt wünschenswert wäre, dass Werktätige angemessen an der Produktivitätssteigerung beteiligt würden, die sie so erwirtschaften. Wenn Menschen, die sich diesen Job tagein, tagaus antun, in Zukunft finanziell besser gestellt werden, soll’s an mir also bestimmt nicht liegen.

(Ich weiß übrigens ungefähr, wovon ich rede. Ich habe Ende der Achtziger Zivildienst im Krankenhaus geschoben. 20 Monate Station. 12 Tage jeweils sieben Stunden durcharbeiten, sechs Tage Früh-, sechs Tage Spätschicht. Dann zwei Tage Wochenende. Wenn man sich von der jungen, hübschen Lernschwester von Station A belabern ließ, einen Wochenenddienst zu tauschen, hatte man zwar zwei freie Wochenenden hintereinander, musste dafür dann aber 18 Tage durcharbeiten. Sogar als kräftigem, gesunden Jungspund ist mir das damals gewaltig auf die Knochen gegangen.)

Könnte es nicht sein, dass nicht so sehr bzw. nicht allein die Bezahlung das Problem ist, sondern vielmehr die Arbeitsbedingungen? Der Schichtdienst, die permanente Unterbesetzung, die monströsen Überstundenkonten? Die Wochenend- und Feiertagsdienste, die Unvereinbarkeit mit dem Familienleben (außer man arbeitet an einer großen Uniklinik mit Betriebskindergarten und entsprechenden Öffnungszeiten)? Was macht eine allein erziehende Krankenschwester, die, sofern sie ihr Handy nicht im Spind eingeschlossen hat, mitten im Frühdienst einen Anruf von der Kita ihres Kindes kriegt und gebeten wird, das plötzlich erkrankte Kind sofort abzuholen?

Was steckt eigentlich für ein armseliges Menschenbild dahinter, wenn man glaubt, man bräuchte Leuten nur Geld zuzustecken, dann machen die schon jeden Scheiß mit? Kleiner Tipp: Es ist wahrscheinlich dasselbe trostlose, zynische Menschenbild, das Leute Gassi führen, die glauben, Ärzte würfen grundsätzlich sofort all ihre Werte und Ideale über Bord, wenn die Pharmamafia bloß mit einem dicken Scheck und einem Kreuzfahrtgutschein wedelt. Wer so argumentiert, merkt gar nicht, wie knietief er selbst in der kapitalistischen Verwertungslogik steckt.

Könnte es ferner sein, dass Menschen sich nicht deshalb für einen Pflegeberuf entscheiden, weil sie glauben, dort ganz easy ein Spitzengehalt abräumen zu können, sondern weil ihnen vorrangig andere Dinge wichtig sind im Leben? Erfüllung? Sinnstiftung? Mitmenschlichkeit? Wird ein emotional und körperlich auslaugender Knochenjob auch nur einen Deut besser durch, sagen wir, 500 brutto mehr im Monat? Das wäre, wie gesagt, nett. Aber würde das verhindern, dass auch nur eine ausgelaugte Pflegekraft den Job entnervt hinwirft? Das allein wohl kaum.

Pflegekräften mehr zu bezahlen, wertet den Beruf nicht auf, sondern ist unter den herrschenden Bedingungen bloß ein Schmerzensgeld. Es kann, wenn überhaupt, exakt eines bewirken: Auf längere Sicht einen Anreiz für mehr junge Menschen bilden, sich vielleicht doch für eine Ausbildung in der Pflege zu interessieren. Das ist aber in der momentanen Situation nicht mehr als eine schmale Hoffnung, denn der Effekt wird sich allenfalls in ein paar Jahren einstellen.

Bis dahin Gnade uns Gott oder was auch immer.






8 Kommentare :

  1. Der Sohn eines guten Freundes hier in Schweppenhausen ist vor einigen Jahren Krankenpfleger geworden. Ich kann es bis heute nicht verstehen, aber ich bin dankbar, dass es Jungs wie ihn gibt. Habe selbst als Altenpfleger im Zivildienst gearbeitet.

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    1. Wenn ich denke, dass Nicht-Intensivpfleger in privaten (privatisierten) Einrichtungen weniger als ich kriegen und dafür noch Schicht- und Wochenenddienst haben, kann man da nur den Hut ziehen. Zumal mir mal jemand sagte, dass unter Pflege-Azubis die (Fach-)Abiturientenquote recht hoch ist.

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  2. Ich arbeite seit ein paar Jahren auch als Dozent in der Erwachsenenbildung. In jeder Umschulung/Fortbildung/Weiterbildung saßen und sitzen ein paar Teilnehmer aus der Pflege, die nicht mehr können und wollen. Und fast alle sagen, dass sie wegen der Arbeitsbedingungen nicht mehr können und wollen. Das Problem wird seit Jahrzehnten ignoriert, die Erklärung, die ich mir zusammengereimt habe, ist simpel: Menschen, die in die Pflege gehen, tun das nie aus Karriere- oder Prestigegründen, sondern tatsächlich aus Berufung. Die sind tatsächlich voller Empathie und haben geradezu das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen. Und da bisher in jeder nachwachsenden Generation eine für die Grundversorgung halbwegs ausreichende Menge Menschen auftaucht, ist es für die Politik bequemer und für die privaten Krankenhaus- und Pflegedienstbetreiber preiswerter, diese Menschen in den Burnout zu treiben: Es gibt ja den Nachwuchs, den man die nächsten paar Jahre lang auspowern kann. Jetzt ist Covid-19 sozusagen als Brandbeschleuniger da. Wann sollte man das Gesundheitssystem grundlegend reformieren, wenn nicht jetzt. Und heute lese ich dann in der Zeitung, dass die Ampelkoalitionäre das Gesundheitsministerium scheuen wie das Weihwasser und es sich gegenseitig zuzuschieben versuchen wie den Schwarzen Peter...

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    1. Nun, von Pflegenotstand war schon damals zu meiner Zeit (s.o.) die Rede - nur konnte der immer wieder notdürftig aufgefangen werden. Indem man koreanische Pflegekräfte anwarb zu Beispiel oder indem man hier im Ruhrgebiet nach dem Zechensterben der 1970er verstärkt Bergleute zu Krankenpflegern umschulte. Als ich 1988f. in der Pflege war, machte man sich die Übersiedlerwelle aus der DDR zunutze. Im Lauf des Jahres 1989 haben allein bei uns im Haus bestimmt 10 'Rübergemachte' angefangen.
      Dumm jetzt, dass Pflegepersonal im Falle einer weltweiten Pandemie überall sehr gefragt ist...

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  3. Alles hängt mit allem zusammen. Die Gehälter, der kapitalistische Sparzwang, die Arbeitsbedingungen, Personalmangel und eben jetzt dadurch sterbende Menschen. Klar helfen denen diese trivialen Erkenntnisse gerade nicht direkt. Aber man kann und sollte daraus kurz- bis langfristige Handlungen ableiten.
    Und das mit dem soliden Facharbeitergehalt ist ja wohl ein neoliberaler Witz oder? 2590€ brutto für den Job bei den Arbeitsbedingungen, privaten Zeitmangel (versteuerte Überstunden), langfristigen gesundheitlichen Folgen,...? Wtf? Allerspätestens seit Corona wären 30% mehr wohl das allermindeste.
    Und von wegen Lebenserfüllung etc.: Super, wenn jemand die da findet und absolut Hut ab für jeden der das tut und kann. Aber man braucht wohl zusätzlich auch Leute, die diese Lohnarbeit mindestens teilweise wegen der Kohle machen.

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    1. Nein, kein Witz, sondern ein Missverständnis. Ein/e Intensivkrankenpfleger/in (mehrjährige berufsbegleitende Weiterqualifizierung, die auf eine Pflegeausbildung aufsetzt) kann durchaus 3.500 € und mehr erzielen - was aber z.T. dadurch kompensiert wird, dass die einen vollen Dreischichtbetrieb fahren, was zumindest bei TVÖD-Gehältern aber noch mal Zulagen bedeuten würde.

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    2. Zum Vergleich: Alleine die steuerfreie „Aufwandsentschädigung“ eines Bundestagsabgeordneten in Höhe von 4.560,59 Euro übertrifft den genannten und hier als „nicht schlecht“ konnotierten Monatsverdienst bei Weitem. Und das mal eben neben einem Abgeordneten-Monatsgehalt von über 10.000 Euro zuzüglich die Goodies wie kostenloses 1. Klasse Netzticket der Bahn auch für private Fahrten, während der normale Pendler ja sogar seine Arbeitswege selbst bestreiten muß. Da wirkt die genannte schöngezeichnete Bezahlung von Pflegekräften plötzlich doch irgendwie erbärmlich, oder?

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    3. Wenn ich mich schon bemüßigt sehe, Politiker zu verteidigen... Zur Information: Die steuerfreie Aufwandsentschädigung eines Abgeordneten dient dazu, Aufwändungen für Büroräume und Mitarbeiter inkl. aller Sachkosten zu decken. Die knapp 10K Diät sind kein Gehalt, sondern eine Pauschale, von der alle sonstigen Kosten zu decken sind (KV, freiwillige ALV und RV, PV, alles ohne AG-Anteile - Abgeordnete, die bloß 2 Legislaturperioden MdBs sind, bekommen keine anschließenden Versorgungsbezüge). Wenn man dann noch bedenkt, dass viele Abgeordnete in Berlin einen Zweitwohnsitz haben (müssen), bleibt da nicht mehr sooo viel übrig. Ist immer noch völlig okay (man hört selten Abgeordnete diesbezüglich klagen), aber auch nicht absurd üppig. Da ist die Bahncard 100 1. Klasse bloß ein Bonbon.
      Dass viele Pflegekräfte mit 2,500/Monat abgespeist werden bleibt natürlich skandalös.

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