Dank des überaus ferdienstfollen Fernsehsenders Arte gibt es bis Ende des Jahres Gelegenheit, 'Twin Peaks' noch einmal anzuschauen, jene von David Lynch und Mark Frost kreierte und produzierte Fernsehserie, die völlig zu recht als Meilenstein des Genres gilt und vieles vorwegnahm, was heute längst selbstverständlich ist. Es steht daher zu befürchten, dass Jüngere damit vermutlich nur wenig anfangen können. Natürlich war es 1990 nicht neu, Dunkles und Abgründiges filmisch zu verhandeln, auch eine Erkenntnis wie die, dass hinter der Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit nicht selten das nackte Grauen lauert, war alles andere als bahnbrechend. Aber dergleichen fand üblicherweise im Kino statt. Fernsehserien galten gemeinhin als mehr oder minder seichte Unterhaltung. Und Seriendarsteller waren nicht selten Schauspieler, deren Karrieren sich dem Ende neigten oder stagnierten oder die dringend Geld brauchten.
Jenseits großer mehrteiliger Literaturverfilmungen wie 'Roots', 'Holocaust' oder 'War And Remembrance' war der US-Serienmarkt in den Achtzigern bestimmt von aufwändig produzierten Soaps wie 'Dallas' oder 'Dynasty', aus denen ein staunendes Publikum lernte, dass auch die Reichen und Schönen es nicht immer leicht haben im Leben, und mehr oder minder gut gemachte Sitcoms, die einen mit einem Lächeln entlassen sollten. David Lynch meinte in einem Interview einmal, der Ursprung von 'Twin Peaks' sei die Idee gewesen, eine Seifenoper zu drehen, in der ein Mord passiert.
Avantgarde ist etwas, das anfänglich Befremden und Widerstände auslöst, dann aber sehr bald vom Mainstream aufgesogen wird. Weil es einen bestimmten Nerv trifft, eine Idee formuliert, deren Zeit gekommen ist, nur dass die meisten es noch nicht bemerkt haben. So war 'Twin Peaks' nicht nur eine neue Art von Fernsehserie, die erste postmoderne und die erste, die das Genre Serie mit Mystery- und Horror-Elementen versah und als ästhetisch eigenständige Kunstform neben dem Kino etablierte, sondern nahm auch vieles von dem vorweg, was die damals gerade angebrochenen Neunziger kulturell prägen sollte. In ästhetischer Hinsicht zum Beispiel kann man mit Recht fragen, ob vieles, was hinterher kam, ohne 'Twin Peaks' ausgesehen hätte wie es aussieht, angefangen bei Jonathan Demmes kurz danach erschienenem, ebenfalls das Genre prägenden Thriller 'Das Schweigen der Lämmer', bis hin zu Serien wie 'Stranger Things' bei Netflix.
Die Story ist zunächst nicht übermäßig komplex. In dem im äußersten Nordwesten der USA gelegenen, fiktiven Städtchen Twin Peaks wird eines Morgens am Fluss die in einen Plastiksack gewickelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Es ist Laura Palmer (Sheryl Lee), eine Schülerin der örtlichen High School. Kurz darauf wird ihre Freundin Ronnette Polaski (Phoebe Augustine) blutüberströmt und nur mit einem Hemd bekleidet auf einer Eisenbahnbrücke aufgegriffen. Der ermittelnde Sheriff (Michael Ontkean) ist sehr bald am Ende mit seinem Latein, und so wird ihm der FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) zugeordnet, der die Ermittlungen übernehmen soll.
Dale Cooper war damals ein komplett neuer Typ Ermittler. Nicht überkorrekt, nicht raubeinig, versoffen, zynisch oder brutal und auch kein Frauenheld, trägt er Züge eines Nerds, verfügt über gute Umgangsformen und pflegt schräge Gewohnheiten: Obsession für Kirschkuchen und verdammt guten Kaffee, redet meist mit seinem Diktiergerät ("Diane,...") und kann sich kindlich begeistern für die majestätischen Douglastannen um Twin Peaks. Vor allem ist er interessiert an Paranormalem, Spiritistischem und an Verschwörungstheorien. Einer seiner ersten Sätze, aus dem Off gesprochen, lautet: "Es gibt zwei Dinge, die mich immer noch beschäftigen, und ich spreche jetzt nicht nur als FBI-Agent, sondern auch als Mensch: Was geschah wirklich zwischen Marilyn Monroe und den Kennedys, und wer genau hat auf JFK geschossen?" Eine Serie wie 'Akte X', eine Figur wie Fox Mulder ohne einen Agent Cooper? Schwer vorstellbar.
Dass der Sheriff von Twin Peaks auf den Namen Harry S. Truman hört, ist mehr als ein platter Gag. Sein Namensvetter war US-Präsident bis 1953, und so ein ländliches Amerika zeigen uns Lynch und Frost in 'Twin Peaks': Es sieht alles idyllisch und heimelig aus wie bei Norman Rockwell, und in der Tat wirken viele Einstellungen wie Gemälde komponiert, aber das ist nur die Oberfläche. 'Echo aus einem düsteren Reich' überschrieb Andreas Kilb 1991 seine Rezension zur deutschen Erstausstrahlung und traf es damit ziemlich genau. Beim neuerlichen Sehen nach 35 Jahren wird von Beginn an deutlich, wie Lynch es gelingt, mit zahllosen Kleinigkeiten wie Kameraeinstellungen, minimal neben der Spur agierenden Darstellern oder Details am Rande eine verstörende Atmosphäre zu erzeugen. Sehr schnell bekommt man das Gefühl: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht, irgendwas ist hier oberfaul. Und: Hier geht es um mehr als einen Mord. Das war und ist großes Regiehandwerk und große Schauspielkunst.
"Keine Figur versteht sich von selbst. Verwunderung ist die verbreitetste Haltung zueinander in »TWIN PEAKS«. Aber zur gleichen Zeit spürt man den Kontroll- und Konformitätszwang der Kleinstadt: Jeder kennt jeden, und keiner versteht den anderen. Fremdheit und Intimität stehen nebeneinander. Das Grauen steigt aus der Vertrautheit auf. So laufen nebeneinander: die schmutzigen Geschäfte der Herren und Herrinnen von Twin Peaks; der gefährliche Lebenshunger der Teenager; die emotionale Verstörung und Versteinerung der Mittelstandsfamilien; das seltsame Rauschen, das durch die Wälder geht; die Geschichte einer Geheimgesellschaft in den Grenzregionen zu Kanada, die »Black Lodge«, die möglicherweise einer Mythe der Native Americans entspricht; die Aktionen und Aussagen der Menschen am Rande; die Bemühungen einer kleinen Sheriff-Crew, einschließlich eines übersensiblen Deputys mit leichten Anklängen an Stan Laurel und einer eifrigen Sekretärin mit Erklärmanie; und natürlich Agent Cooper, der seine Erlebnisse, Überlegungen und Beobachtungen in Berichten an eine gewisse »Diane« formuliert. Zur Wirkung der Serie gehört es, dass jede Folge einen Tag an Erzählzeit umfasst. Es gibt Dinge, die in der Handlung weiterlaufen, und andere, die sich gleichsam nur für diesen einen Tag ereignen." (Georg Seeßlen)
Wir sehen, wie der Neoliberalismus Einzug hält in dieser abgelegenen Gegend. Als die Handlung einsetzt, sollen zwei der wichtigsten Arbeitgeber, das Hotel Grand Northern und das örtliche Sägewerk, an ausländische Investoren verkauft werden, was vielen den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht. Und wir sehen ein ins Rutschen geratenes Patriarchat. Die Familien halten oft nur mehr wegen gesellschaftlicher Konvention und mangels Alternativen zusammen. 'Big Ed' Hurley (Everett McGill), Betreiber der örtlichen Tankstelle und äußerlich ein Macho wie aus dem Lehrbuch, steht komplett unter der Fuchtel seiner exzentrischen Ehefrau (Wendy Robie). Die jungen Männer kommandieren zwar noch tumb ihre Freundinnen herum, doch die gehorchen längst nicht mehr sofort, notfalls nur, weil die Jungs Autos haben, auf die man eben angewiesen ist in dieser Einöde. Man schaut in die Gesichter der jungen Frauen und es beschleicht einen das Gefühl: Das geht nicht mehr lange so.
"Die Zeit scheint stehengeblieben in Twin Peaks, die Mädchen sehen noch immer aus wie in den fünfziger Jahren, doch haben sie nun Geheimnisse, wie jeder in dieser Stadt. Und deswegen mußte Laura Palmer sterben." (SPIEGEL Nr. 37/1991)
Als Cooper gleich in der ersten Folge nach dem Pilotfilm beim Durchsuchen von Lauras Zimmer einen Schlüssel für ein Schließfach in einem Plastiktütchen findet und meint, er könnte wetten, das da seien Kokainreste, ist Sheriff Truman noch schockiert. Bald wird gar nichts mehr schockieren. Sehr schnell stellt sich heraus, dass Laura Palmer eben nicht das adrette blonde All American Girl war, sondern eine drogensüchtige, sexuell missbrauchte Nymphomanin, die mit allen Männern der Gegend Sex hatte. Sexuellen Missbrauch öffentlich zu machen und zu diskutieren, auch das wurde eine ganz große Sache in den Neunzigern.
Die Handlung, die beginnt wie ein klassischer Whodunit-Plot, kippt aber bald ins Vieldeutige, Surreale, Übernatürliche und Paranormale. Nacherzählen? Viel Glück. Lynch ging es nie darum eine 'stringente' Geschichte, was immer das ist, sondern um eine Collage, man soll auf einen Trip gehen, sich verlieren, immer weiter in die Höhle gezogen werden, sich einsaugen lassen. 'Twin Peaks' ist das, was Umberto Eco einst über den Roman gesagt hat: Eine Maschine zur Produktion von Interpretationen. Auch dieser Ansatz war radikal neu für eine TV-Serie. Plötzlich Kunst, wo zuvor Unterhaltung war. Weitergehende Exegese überlasse ich gern anderen.
Vor allem aber war 'Twin Peaks' ein kulturhistorischer Glücksfall. 1990 war das lineare Fernsehen dank Kabelfernsehen in den USA auf einem nie wieder erreichten Höhepunkt, die Sender, vor allem die großen wie ABC, schwammen im Geld. Das ließ sie mutig werden und solch einem Projekt, das zu allen anderen Zeiten höchstwahrscheinlich abgelehnt worden wäre -- vorher vermutlich wegen zu gewagt bzw. unmoralisch, später wegen zu abgedreht, kapieren die Zuschauer nicht -- eine Chance geben. Ich habe damals irgendwann in Staffel 2 den Faden verloren. Es freut mich, ihn jetzt wieder aufnehmen zu können.
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