Die ersten mokieren sich schon über die eher schmale Medaillenausbeute der deutschen Teilnehmer:innen bei den kurrenten Winterspielen. Deutschland abgehängt! Buhuuu! Kannjawohlnichsein, dass das bevölkerungsreichste Land Europas so wenig Medaillen holt. Kommwadenndahin? Kann nicht mehr lange dauern, dann geht das kulturpessimistische Gebramme wieder los von wegen, da sei eine Delegation aus wohlstandsverwahrlosten Schneeflöckchen zu Olympia entsandt worden, die nur mehr Work-life-balance im Kopf habe und sich verweichlichterweise nicht mehr recht plagen und schinden wolle.
Fun fact: Früher, 1980 in Lake Placid, als die Welt noch in Ordnung war und junge Deutsche sich noch quälen mochten für nichts als ein warmes Essen und einen warmen Händedruck, ist die BRD (west) mit zwei Silber- und drei Bronzemedaillen nach Hause gefahren. Aber das, so wurde uns erzählt, sei allein der Tatsache geschuldet, dass man sich unfairerweise mit unbesiegbaren, pharmazeutisch optimierten DDR-Cyborgs herumschlagen musste, während die eigenen Athleten stramme Naturburschen und -madln gewesen seien, die ihre Fitness allein Müsli und kalten Duschen verdankten und keine anderen Dopingmittel kannten als Rotbäckchen, Hagebuttentee und Hohes C.
Bevölkerungsgröße jedenfalls ist kein Kriterium. Norwegen, das den Medaillenspiegel souverän anführt, hat gerade mal 5, 5 Millionen Einwohner:innen. Die Niederlande, das einzige Land der Welt, in dem Eisschnelllauf Volkssport ist und das nur marginal mehr Einwohner hat als Nordrhein-Westfalen, liegen auch satt vor den deutschen Nachbarn. Übrigens: Was ist eigentlich aus den chinesischen Bestrebungen geworden, den Weltsport nach Strich und Faden zu dominieren? Vor zwei Jahren in Paris war das Reich der Mitte im Medaillenranking auf Platz zwei hinter den USA, bei den letzten Winterspielen im heimischen Peking erreichte China noch Platz 4 des Medaillenspiegels, heuer ist man weit abgeschlagen. Was ist denn da los?
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Wo die deutsche Equipe landete im Medaillenspiegel, hätten die Winterolympischen Götter keine Bob- und Rodelbahn in die Weltgeschichte zementiert (so man das wichtig findet)? Auf Augenhöhe mit China. Unser großes Vorbild in Sachen Arbeitnehmer:innenrechte. Also alles bestens. Und langsam werden auch die Vorwürfe immer lauter, dass die Erfolge vor allem der norwegischen Athlet:innen wohl nicht allein von Liegestützen, Waldlauf und Knäckebrot kommen, sondern in einigen Bereichen zumindest maximaler Dehnung der Regeln und auffallend milden Sanktionen geschuldet sind. Skandinavier haben ja diesen Ruf, harmlose, grundfreundliche Cordhosenonkels und Sozialkundelehrertypen zu sein, die grundsätzlich nichts Ungutes im Wikingerschilde führen. Man kann ihnen einfach nicht böse sein. Vorläufiger Höhepunkt der Anschuldigungen: Skispringer sollen sich extra Auftrieb verschafft haben durch vergrößernd wirkende Hyaluroninjektionen ins Gemächt. Wenn da mal niemand auf dumme Gedanken kommt!
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So wenig ich ein ausgemachter Fan des IOC und bekanntermaßen Team Ukraine bin, muss ich sagen, dass das Komitee um Kirsty Coventry mit der Disqualifikation des ukrainischen Skeleton-Piloten Wladyslaw Heraskewytsch völlig richtig gehandelt hat. Ich hätte genauso entschieden. Heraskewytsch hatte einen Helm getragen, auf dem Portraits im Krieg getöteter ukrainischer Soldaten abgebildet sind. Eine starke Geste, zweifellos.
Natürlich lässt sich einwenden, es sei lächerlich wenn das IOC das Zeigen politischer Symbole unterbinden wolle, sei es doch Veranstalter eines Events, bei dem so viele nationalfarbene Tücher gewedelt und gehisst würden wie kaum irgendwo sonst. Das ist aber nicht der Punkt, es geht nicht um offizielle Symbole, sondern um politischen Aktivismus. Seitdem Tommie Smith und Peter Norman bei den Olympischen Spielen 1968 nach dem 200 Meter-Finale berühmterweise den 'Black Power'-Gruß zeigten und die Welt damit verblüfften, erleben wir eine stetig wachsende Flut solcher und vergleichbarer Gesten. Wer vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, Rechtsextreme Terrorfans und andere zumindest umstrittene Akteure würden irgendwann Gramsci gelesen haben und linke Protestformen adaptieren, wäre wohl für verrückt erklärt worden. Die Welt hat sich weitergedreht und ist inzwischen komplizierter.
Heraskewytschs Motive mögen in menschlicher Hinsicht komplett nachvollziehbar und integer sein, aber hätte man das durchgehen lassen, dann hätte man andererseits keinerlei Argumente gehabt, einer:m der unter neutraler Flagge antretenden russischen Athlet:in eine ähnliche Geste, das Konterfei eines im Krieg getöteten Verwandten beispielsweise, zu verwehren. Ähnliches würde gelten für das öffentliche Zeigen einer Palästinensischen Flagge oder das Präsentieren eines Slogans wie 'From the river to the sea!'
Und was den Mumpitz angeht, die Disqualifikation eines ukrainischen Athleten sei Wasser auf die Mühlen Putins: Unsinn! Regeln und deren Anwendung nur dann zu akzeptieren, solange das einem nützt, zeugt von Unreife oder generell unguten Absichten. Zivilisation, Fairness und Sportsgeist bedeuten unter anderem eben, im Zweifel auch Regeln zu respektieren, die eigenen Interessen zuwiderlaufen oder einem sonstwie nicht in den Kram passen.
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Wo wir gerade beim Thema waren. Im total versexten olympischen Dorf herrscht Versorgungsengpass. Nach gerade mal drei Tagen soll der Vorrat von 10.000 Gratiskondomen bereits weggeknattert gewesen sein. Shocking! Moment. Bei knapp 3.000 Matratzenathlet:innen macht das gerade mal gut drei Stück pro, öhm, Kopf. Wenn man davon ausgeht, dass Frauen und Männer sich gleichermaßen an den Vorräten bedient haben, wie sich's gehört, um jederzeit vorbereitet zu sein, ergäbe das hochskaliert auf 14 Wettkampftage bei gleichbleibendem Verbrauch einen Gesamtbedarf von 15,5 Stück pro Dorfbewohner:in. Zwar liegen mir keine Zahlen vor, doch vermute ich, die Schlagzahl in einem durchschnittlichen Student:innenwohnheim zu Semesterbeginn oder bei einem katholischen Weltjugendtag unterscheidet sich da nicht sooo krass.
"Andere wiederum stülpen sich kleine Gummitütchen über ihren Schniedelwutz, um so die Götter des Familienplaning milde zu stimmen." (Waalkes)
Zumal das ja nicht bedeuten muss, dass alle Gummis auch ihrem vorgesehenen Zweck zugeführt werden. Die olympischen Lümmeltüten gelten als beliebte Souvenirs, was auf einen schwunghaften Handel schließen lässt. Könnte mir vorstellen, dass das auch für Mitarbeiter:innen, Volunteers etc. beliebte Mitbringsel sind. Denkbar ferner, dass einige von unreifen Spaßbacken zur allgemeinen Erheiterung zu Luftballons zweckentfremdet wurden. Insgesamt bleibt das aber ein eher blamabler Schnitt. Zum Vergleich: Bei den Sommerspielen 2024 sollen gut 11.000 Athleten insgesamt 300.000 Pariser verrammelt oder sonstwie verbraucht haben. Gevatter Taschenrechner spuckt da einen Pro-Kopf-Verbrauch von 27 Stück aus. Parbleu!
Der komplette indische Subkontinent und Afrika fehlen im Medaillenspiegel. Und warum erfahre ich erst jetzt, dass Hyaluroninjektionen meinen Dödel aufpumpen?
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