Sonntag, 14. Juni 2026

Nächste Stufe

 
Normalerweise mag man eine gewisse Genugtuung empfinden, wenn eine Prognose, die man aufgestellt hat, sich bewahrheitet. Im Fall des amtierenden Bundeskanzlers, der sich alle Mühe gibt, sämtlichen Vorhersagen, die ich und etliche andere vor Regierungsantritt getan haben, eins zu eins umzusetzen. Merz hat mehr als einmal gezeigt, dass er tatsächlich über keinerlei Impulskontrolle verfügt, das diplomatische Geschick einer Schlagbohrmaschine hat, und ist, zumindest in der Öffentlichkeit, zu Empathie nicht fähig. Neu hinzugekommen ist, wiewohl wenig überraschend, dass er sich als dünnhäutig und selbstmitleidig erweist und in coram publico beweint, wie gemein doch alle zu ihm seien.

Als wäre das nicht schon bedenklich genug, offenbart sich immer mehr, dass Merz und seine Anhänger auch ein problematisches Verständnis von Demokratie haben. Immer wieder lassen Merz und seine Entourage durchblicken, dass sie sich als Obrigkeit begreifen, die durchregiert und dass Staatsbürger:innen für sie keine Citoyens sind, keine mündigen Bürger:innen, sondern Untertanen, die gefälligst zu gehorchen haben, wenn Fritz von Hackenschlag zur Befehlsausgabe schreitet. Erst recht die ungewaschenen Sozis, die ihm das Wahlvolk dreisterweise an den Kabinettstisch gesetzt hat, haben gefälligst zu spuren. Es rächt sich eben, dass Merz noch nie in einer Position war, in der er divergierende Interessen zusammenbringen musste und dass er sich, wie es aussieht, vor allem mit Mittelmäßigen und Jasagern umgibt.

"Offenbar erlebt er mit 70 Jahren in seinem Job als Kanzler das erste mal Situationen, in denen er nicht einfach seine gewohnten neoliberalen Stanzen von sich gibt und jeder applaudiert. Mit Widerspruch hat er nie gelernt umzugehen und ist daher intellektuell unbewaffnet. Er kann nicht konstruktiv kontern, nicht argumentieren, nicht einbinden, nicht über den Tellerrand blicken. [...] Daher reagiert Merz ganz ehrlich irritiert, wenn es nicht so läuft, wie er es sich als Inkarnation des »klein Fritzchen« vorgestellt hatte. Seine instinktiven Reaktionen – Larmoyanz und beleidigtes Rumzicken -- zeigen den wahren Merz." (Tammox)

Post by @GuidoKuehn@mastodon.social
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Überflüssig zu erwähnen, dass auch die Performance der Unionsminister die befürchtete intellektuelle und politische Zumutung ist, die die Kabinettsliste erahnen ließ.

Normalerweise halte ich Herumdeutelei an Wahlergebnissen, wozu gehört, aus Prozenten irgendeinen ‚Wählerwillen‘ herbeizuinterpretieren, für Quatsch. In Demokratien geht es um Mehrheiten, sonst nichts. Deswegen hat auch die 'stärkste Fraktion' keine gesonderten Privilegien. Wenn eine Partei bei einer Wahl 49 Prozent erreicht, während die anderen mittels Koalition 51 Prozent zusammenbekommen, dann regiert eben letztere und fertig.

Wollte man trotzdem eine Exegese des Ergebnisses der Bundestagswahl 2025 versuchen, so im Sinne von, was das möglicherweise über die Stimmung in der Bevölkerung aussagen kann, dann könnte die ungefähr so aussehen: Der Souverän hat ihn, den naturgegebenen Kanzler, eben nicht mit einer absoluten Mehrheit ausgestattet, die ihn zum quasiautokratischen Durchregieren befähigte, sondern CDU und SPD mit einer sehr knappen Mehrheit, wünscht zudem durch die SPD eine soziale Komponente und hat Grünen und Linken so viele Stimmen gegeben, dass zum Beispiel Verfassungsänderungen ohne deren Zustimmung nicht möglich sind. Gemessen daran, geht man sicher nicht zu weit, wenn man findet, dass Merz gewaltig die Backen aufbläst. Psychologen würden hier von einer erheblichen Divergenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sprechen.

Aber Merz wäre nicht Merz, wenn das sauerländische Stimmungstischfeuerwerk nicht schon die nächste Stufe gezündet hätte. Dass CDU CDU things macht, also Politik für die wenigen Reichen und gegen die Mehrheit der Bevölkerung und gleichzeitig von christlicher Werteorientierung faselt, ist weiß Gott nichts Neues. Dass Merz ein Talent hat, jede Gruppe der Bevölkerung vor den Kopf zu stoßen, ist ebenfalls bekannt. Aber die Chuzpe, diese Bevölkerung, der die von ihm geführte und verantwortete Regierung nunmehr brutale Kürzungen im sozialen Bereich zumuten wird (die freilich weit weniger brutal wirken, wenn man davon Betroffene für faules überversorgtes Pack hält), allen Ernstes dazu aufzurufen, diesen Zumutungen gefälligst mit "Wohlwollen" zu begegnen, ohne sich auch nur einen Moment Gedanken zu machen, dass welche vielleicht fragen könnte, wieso denn bittesehr -- die musst du erstmal haben.

Aber hey: Fliegen wird billiger. Seien wir doch auch mal ein wenig dankbar!








3 Kommentare :

  1. Soweit, so klar, so hässlich. Aber hat es denn eigentlich noch viel Sinn, sich derart vielwortig an dem traurigen Brilonesen (welchem man wahrscheinlich schon bald den Ehrentitel "Verdienter AfD-Verdreifacher des Volkes" verleihen könnte, wenn man denn dürfte) abzuarbeiten, ganz zu schweigen vom restlichen Führungspersonal seines Wahlvereins, das ungefähr so christlich ist wie ein Haufen unausgeschlafener Hunnenkönige auf dem Kriegspfad?

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    1. Nicht wirklich. Aber irgendwie musste das mal raus.

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    2. Gut, das kann ich natürlich verstehen. In der letzten Zeit ertappe ich mich gelegentlich dabei, dass ich meinen Fernseher anschreie, wenn o.g. Brilonese auf der Mattscheibe erscheint. Er muss noch nicht mal den Mund aufmachen. Meine Impulskontrolle ist wohl auch so ziemlich im Arsch.

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