Ein Problem der FDP ist ihr Alleinvertretungsanspruch. Andauernd wird herumgeheult, ohne sie, die FDP, sei der stolze Liberalismus am Ende, tot und begraben auf ewig. Das ist aber Humbug. Ein Blick über den Tellerrand hilft. In vielen europäischen Ländern regieren liberale Parteien (mit). In den Niederlanden gibt es gleich drei liberale Parteien: Die progressiv-linksliberalen Demokraten 66, die konservativ-liberale VVD und die rechtsliberale PVV. Nachdem die traditionelle liberale Partei in Österreich nach ganz rechts abgerutscht ist, gelang es dort, mit NEOS eine neue liberale Partei zu etablieren, die sogar grüne Positionen (!) vertritt und derart problemlos mit SPÖ und ÖVP regiert, dass vom verhinderten 'Volkskanzler' Kickl kaum mehr was zu hören ist. Also, werte deutsche Liberale, wie wäre es mal mit ein wenig Start up-Kultur?
***
Der Signature Move des derzeitigen Regierungschefs und diverser Unionsminister:innen ist es, allen außer den Schwerreichen, also der großen Mehrheit im Lande, harte Zeiten anzukündigen, Verzicht zu predigen, sie vor den Kopf zu stoßen und sich dann zu wundern, warum die Leute einem nicht nur nicht vor Dankbarkeit zu Füßen liegen, sondern auch noch frech herummoppern, ja, sich darob gar in Selbstmitleid zu ergehen. Wir erinnern uns: Arbeitnehmer:innen sind samt und sonders faule Säcke, die sich zu schade sind für Vollzeit, Migrant:innen sind allesamt Kuffnucken, die das Stadtbild verschandeln und unsere Töchter molestieren (fragen Sie sie mal), Rentner:innen erfrechen sich, nach jahrzehntelangem Einzahlen in die Rentenversicherung mehr als ein paar Brosamen zu erwarten und Koalitionspartner sind zum Gehorchen da.
Auch das Ausland musste sich daran gewöhnen, von Merz und Konsorten ein paar harte Wahrheiten reingedrückt zu kriegen: Niemand wohnt freiwillig in Belém, die spanische Regierung hat gefälligst zu spuren, wenn der Orange Utan im Weißen Haus Befehle bellt, in Angola gibt es kein deutsches Brot (Gerüchten zufolge auch kein Bier auf Hawaii), in den USA sollte man die Kinder lieber nicht studieren lassen und Israel macht die Drecksarbeit. Und, was machen die undankbaren Ausländer? Verweigern den Deutschen einfach so den ihnen zukommenden Sitz im Weltsicherheitsrat. Unerhört! Was muss dieser geschundene Kanzler noch alles erdulden? Und warum sind noch gleich die Beliebtheitswerte so im Keller?
Zurück ins Inland. Jetzt hat Dorothee Bär (CSU) es geschafft, eine der letzten Bevölkerungsgruppen zu verprellen, die bislang ungeschoren davongekommen ist. Unterprivilegierten Habenichts-Student:innen, die trotz drastisch gestiegener Lebenshaltungskosten nicht mit mehr Leistungen nach BAFöG rechnen können, gab sie den Hammertipp, dass nebenbei arbeiten zu gehen, so wörtlich, kein Drama sei (danke). Fun facts: 70 Prozent der Studierenden in Deutschland arbeiten bereits nebenher. Und Dorothee Bär studierte einst als Stipendiatin der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung Politologie (ob es unter Umständen hilfreich war, dass ihr Vater CSU-Bürgermeister ihrer Heimatstadt war und ob sie selbst nebenher schaffen ging, darüber lässt sich freilich nur spekulieren).
***
Apropos Lebenshaltungskosten: Der neue Geschäftsführer des Wohnungskonzerns Vonovia (das ist der Laden, der mal hunderttausende Wohnungen auf Pump gekauft hat und jetzt wegen gestiegener Zinsen auf einem riesigen Schuldenberg sitzt) kommt aus der Softwarebranche und meinte jetzt, er habe für seine frühere Wohnung in London 4.000 Pfund Kaltmiete gezahlt, er fände, auch die Deutschen, vor allem Bestandsmieter, könnten für den Luxus, ein Dach über dem Kopf zu haben, ruhig tiefer in die Tasche greifen. Genau! Und wieso muss eigentlich jeder eine eigene Wohnung haben? Warum sich nicht mal ein Beispiel nehmen an Ländern, in denen die Menschen nicht rumjammern, sondern kreativ sind? Man kann schließlich auch in seinem Auto ganz toll wohnen. Und wenn die Karre auf dem Parkplatz des Arbeitgebers steht, soweit noch vorhanden, hat man noch nicht mal einen Arbeitsweg. Oder einfach mal aus alten Kartons und Wellblech selbst was bauen.
***
Dass bestimmte Leute immer wieder behaupten, die Unterscheidung zwischen rechts und links sei obsolet und inzwischen völlig untauglich, hat natürlich Gründe. Es gibt nämlich sehr wohl einen Unterschied. Links bedeutet immer noch und trotz allem: Die Welt ist ungerecht, aber das lässt sich ändern. Wohingegen rechts bedeutet: Die Welt ist ungerecht, aber das wird schon seinen Sinn haben. Und bei der jeweiligen sozialen Herkunft wird der Herrgott sich ja wohl was gedacht haben.
***
Man beachte den korrekten Gebrauch des Apostroph's. Und, was hat es genützt? Tot isser.
***
Nach dem Sechsteiler 'FC Hollywood' über das Bayern München der Neunziger und dem ZDF-Dreiteiler 'Mission Sommermärchen' über die WM 2006, bringt nun der NDR mit 'WM 1994 -- Elf Helden, ein Albtraum' einen Vierteiler über die verunglückte WM 1994 in den USA heraus. Habe ich natürlich auch geguckt. Die Geisterbahn aus Eitelkeit, Unprofessionalität und quietschbunten optischen Zumutungen, die sich da entfaltet vor einem, vermag noch heute Fremdscham auszulösen.
Interessant, dass alle drei Produktionen ein gemeinsames Thema haben: Den enormen Einfluss, den Springer damals beim DFB hatte. 1994 ging das soweit, dass B.-Kolumnist Franz Beckenbauer und das U-Boot Lothar Matthäus die Arbeit von Bundestrainer Vogts offen torpedierten. Vielleicht, weil er es gewagt hatte, sechs Bayern und sechs Dortmunder zu nominieren, wer weiß. Sowohl 1994 als auch 2006 verhinderte nur direktes Eingreifen Helmut Kohls bzw. Angela Merkels, dass Vogts bzw. Klinsmann entnervt hinwarfen. Es wird auch deutlich, wie viele Brände der oft linkisch agierende Berti Vogts permanent zu löschen hatte und er erfährt in der Reihe eine späte wie verdiente Rehabilitierung. Vogts war zudem der erste Bundestrainer, dem es gelang, Springer erfolgreich die Stirn zu bieten, indem er bei der erfolgreichen EM 1996 Lothar Matthäus, damals Godfather of German Football, daheim ließ und statt dessen auf Matthias Sammer im zentralen Mittelfeld setzte.

Hey, immer schön genau sein: Die Keinproblembär:in von der CSU hat nie behauptet, dass es keine Schande wäre, wenn Studierende neben dem Studium jobben gingen. Sie sagte lediglich, dass das "kein Drama" wäre. Womit sie immerhin recht hatte. Eine Schande ist es aber in der Tat, finde ich.
AntwortenLöschenIch fände es weder schändlich noch dramatisch, wenn bestimmten deutschen Regierenden die Amtsgehälter derart heruntergekürzt würden, dass sie neben dem, was eigentlich bloß Leute mit sehr viel Humor noch als Regieren bezeichen können, den einen oder anderen Minijob anzunehmen sich gezwungen sähen.
Löschen