Sonntag, 25. Februar 2018

Halbkritisches zu Olympia (2)


Dass ich zu Olympischen Winterspielen eine Zeitlang eine Art special relationship pflegte, mag an den ausgeübten Sportarten liegen. Während Sommerspiele, wie die wunderbare Anja Rützel jetzt so richtig anmerkte, sich beim Zusehen vor allem nach Schweiß und Anstrengung anfühlen, strahlen Winterspiele eine "gefrostete Eleganz" aus, weil sich Athleten dort nur mit Wurstpellenanzügen den Elementen entgegenstellen in Sportarten, die im Gegensatz zu den sommers betriebenen oft abenteuerlich und gefährlich sind. Und dass amusische, stockhomophobe Familienoberhäupter sich alle vier Jahre für Eiskunstlauf begeistern können, ohne verklemmte Schnappatmung zu kriegen, das kriegt wohl wirklich nur Olympia zustande.

Klar, man kann sich eine nette Abendunterhaltung daraus machen, zu diskutieren, wann der hehre Olympische Gedanke, so er es denn je war, endgültig vor die Hunde gegangen ist. 1972, als nicht nur der Mord an den israelischen Sportlern alles infrage stellte, sondern man sich nach dem Tod von Avery Brundage Sponsoren zu öffnen begann? 1992, als erstmals Profis im großen Stil mitmachen durften? 1996, als man die Jubiläumsspiele nicht nach Athen gab, sondern dem Hauptsitz des Großsponsors Coca Cola? Oder schon 1936, als das IOC zum ersten Mal zeigte, wie flexibel es Diktatoren gegenüber sein konnte. Kann alles sein irgendwie, ist aber müßig.

Die Winterspiele von Lake Placid 1980 waren die ersten, die ich wirklich bewusst mitbekam. Die Sommerveranstaltung in Moskau spielte keine Rolle weil die damals 'beim Russen' stattfand und 'wir' Helmut Schmidt sei Dank nicht mitmachten. Auf das Winterevent aber waren mein allerbester Spielkamerad D. und ich top vorbereitet. Olympia, das hatten wir irgendwie kapiert, war etwas ganz Besonderes, etwas, das größer war als eine Fußball-WM. Wir waren so was wie Experten für Wintersport, da unser Leib- und Magenmagazin YPS monatelang vier heraustrennbare, kartonierte Extraseiten in der Mitte gehabt hatte. Auf denen wurde ausführlich über alle Sportarten informiert, die bei den Spielen stattfinden würden. Wir wussten, wann es beim Eishockey Bully gibt, wofür man bestraft wird, wie schwer ein Viererbob sein darf, wir kannten sogar den Unterschied zwischen Rittberger und Toe Loop. Wir fieberten den Spielen entgegen, wie das nur begeisterungsfähige Kinder hinbekommen.

Als es dann wirklich losging - nun ja. Wir hatten die Zeitverschiebung nicht bedacht. Beim Abendbrot wurde nicht ferngesehen und die Erwachsenen jagten uns gnadenlos immer dann ins Bett, wenn es interessant wurde. Einen Samstagabend hatten meine Eltern ein Einsehen und ich durfte um zehn 'Das aktuelle Sport-Studio' gucken. Ich war überglücklich. Und während der Bundesliga-Berichterstattung eingeschlafen. Alles, was von den ersehnten Spielen letztlich bei mir hängen geblieben ist, waren ein paar unscharfe Bilder auf dem Mini-Schwarzweißgerät meines Onkels und ein Stern-Titelbild mit Eric Heiden, einem jungen Amerikaner in güldenem Overall, der beim Eisschnelllauf die Ehre der Freien Welt im Alleingang verteidigte. Ich verlor eh bald das Interesse, weil westdeutsche Athleten seinerzeit auf dem Tiefpunkt ihrer Möglichkeiten waren und wohl auch pharmazeutisch ein wenig abstanken gegen die Konkurrenz aus dem Ostblock. Keine einzige Goldmedaille für Be-Er-Deh West. Die bei meiner Omma immer offen herumliegende Springergazette feierte jede Bronzene wie eine gewonnene Schlacht im Kalten Krieg. Und wo Behle war, sollte ein ewiges Geheimnis bleiben. Sicher, man versuchte uns beizubringen, dass es nicht ums Gewinnen ginge, sondern ums Dabeisein. Aber immer nur dabeisein war auf die Dauer auch doof und langweilig.

Die Spiele von Sarajevo vier Jahre später fand ich eher geht so. Da waren die Wettbewerbe immer vormittags, wenn ich in der Schule sitzen musste. Immerhin holten ein paar Westdeutsche Gold. Ein gewisser Peter Angerer etwa, den man später der pharmazeutischen Optimierung überführte. Der betrieb einen höchst skurrilen Sport namens Biathlon, der damals noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Was soll's, dachte ich, Sport ist Sport und Gold ist Gold. Weiters in Erinnerung geblieben ist mir noch das zu Werbezwecken durchdringend rumjodelnde Maskottchen Vucko. Ich fand zu der Zeit eh andere Dinge interessanter. Meinen nagelneuen ZX Spectrum etwa. Und Beate*, die in der Schule schräg vor mir saß. Beides zusammen war ein Problem. Denn Computernerds galten damals noch nicht als Golden Boys und Milliardäre in spe, sondern als picklige, nachlässig gekleidete Troglodyten mit Kassenbrille, die nie ein Mädchen abkriegten. 

Calgary 1988 fand ich toll. Ich war noch jung genug, um mich ehrlich zu begeistern dafür und die Contras auszublenden. Das Märchen von den sauberen, rotbackigen Westamateuren, die allein mit ehrlichem, hartem Training und Müsliriegeln den chemisch gepushten, professionellen, vollautomatischen Medaillenmaschinen des Ostblocks Paroli boten, war zwar damals schon falsch, wirkte aber noch. Vor allem hatte ich Zeit. Sofort nach der Schule verkroch ich mich in meiner Bude, um für meine Abi-Vorklausuren zu lernen. Dazu lief immer der Fernseher, wozu ich wiederum literweise schwarzen Kaffee trank und Chesterfields rauchte.

Nicht nur, dass dieses Mal Westdeutsche echt was rissen, es schien auch an diesem Olympischen Gedanken vom Dabeisein wirklich etwas dran zu sein. Vier Typen aus der Wintersporthochburg Jamaica, die zwar sehr schnell laufen, aber nicht Bob fahren konnten, hatten sich einen gebrauchten Bob besorgt, ließen die Konkurrenz aufmerken und wurden gefeiert. Und ein gewisser Eddie Edwards, ein britischer Normalo mit dicker Brille und spack sitzendem Sprunganzug, seines Zeichens englischer Meister im Skispringen, stürzte sich todesmutig die Schanze herunter und wurde für seinen letzten Platz mehr bejubelt als der Sieger. Calgary 1988, das war Magie, nie wieder erreicht. Klappt wohl nur bei 18jährigen. Schon der nationalbesoffene Jubel anlässlich der Fußball-WM zwei Jahre später war mir suspekt.

Ich wurde erwachsen und der Lack des Besonderen blätterte auch von den Winterspielen ab. Das Land wurde wiedervereinigt und dank des annektierten DDR-Systems mutierten deutsche Sportler zu Medaillensammlern. Deutsche Sportreporter wandelten sich zu Schwarzrotgold-Marktschreiern, denen bei jeder weiteren Medaille die Hose aufzugehen und jedes Mal, wenn der Einigkeitundfreizeit-Song gedudelt wurde, schier einer abzugehen schien vor Ergriffenheit. Das geschah nicht ohne Grund. Die Erfolge des gesamtdeutschen Teams waren, wie es hieß, dazu angetan, die 'innere Einheit' des Landes zu befördern. Scheint ja super geklappt zu haben so far, wie jedes Wahlergebnis aufs Neue beweist. Außerdem war auch der Wintersport wegen der weggefallenen Systemkonkurrenz endgültig dem Kommerz anheim gefallen.

Kommerziell war es auch vorher zugegangen im Sport. Doch umgab Olympische Winterspiele immer ein Hauch des Familiären, was ihnen einen gewissen Charme verlieh. Die Austragungsorte waren manchmal bekannte, noble Wintersportorte wie St. Moritz, Grenoble oder Cortina d'Ampezzo, manchmal aber auch echte Käffer, die keine Sau kannte. Die Gegend um das eingangs erwähnte Kaff Lake Placid erinnert stark an den Vorspann von 'Twin Peaks'. Als 1960 im kalifornischen Kaff Squaw Valley, das weniger Einwohner hat als Niebüll, die Spiele mitten in den Bergen stattfanden, gab es dort noch nicht einmal eine Bobbahn. Also fielen die Bob- und Rodelwettbewerbe halt aus. Kein Ding damals. Solche Spiele stellt man sich wohl am besten als exklusive Party vor, bei der eine Handvoll Aktive und jeweils eine Handvoll Zuschauer, Einheimische und Medienleute zwei Wochen lang eng aufeinanderhingen und ihren Spaß hatten.

Einem geflügelten Wort des großen Jochen Malmsheimer nach, war früher keineswegs alles besser. Aber es gab Dinge, die waren früher gut und sie wären es auch immer noch, wenn man verdammt noch mal die Finger davon gelassen hätte. Es wäre höchst naiv, anzunehmen, es ginge nur heute korrupt zu. Ähnlich dem FIFA-Exekutivkommitee, wird das IOC auch früher eine Ansammlung vermögender grauer Herren gewesen sein, die sich gegenseitig protegierten und beim Preis mit sich reden ließen. Weil aber alles mehrere Nummern kleiner war, störte das nicht weiter. Als General Francos früherer Sportminister Juan Antonio Samaranch den Laden übernahm, floss das ganz große Geld. Und weil das so ist, kann man auch leider nicht mehr die Finger lassen von den Spielen.

Seither vergeht keine Olympiade, ohne dass irgendwelche Trendsportarten hinzukommen. So müssen jetzt immer aufwändigere Anlagen gebaut werden für diverse Snowboard- und Freestyle-Wettbewerbe, die kaum jemand sehen will, die aber eine Art Laufsteg für Sportartikelhersteller sind, auf dem sie ihre heißesten Kollektionen Gassi führen. Die Athleten leisten sicher Respektables, sind aber leider nur alle vier Jahre dabei zu sehen. Weiters wurden Sportarten hinzugefügt, deren angebliche Popularität sich nicht erschließt und die ungefähr so spannend sind wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Etwa Curling. Der einzige für mich erkennbare und nicht einmal unsympathische Sinn, diese Sportart olympisch zu machen ist es, Menschen weiszumachen, dass es auch im fortgeschrittenen Alter, ohne Muskelpakete und mit Bauchansatz noch möglich ist, eine Olympische Medaille zu gewinnen. Oder es kommen stetig neue Wettkampfmodi hinzu, wie etwa beim schon erwähnten Biathlon. Das gab es ursprünglich nur in der 10- und 20-Kilometer-Variante sowie als Staffel. Mochte es selbstverständlich gewesen sein, irgendwann auch Frauen zuzulassen, lässt sich der ganze Irrsinn mit Massen-, Einzel-, Gruppenstart, Einzel- und Teamverfolgung, Zweier ohne Steuermann aber mit Anfassen etc. nur damit erklären, dass Biathlon halt ungeheuer beliebt ist und jeder weitere Wettbewerb weitere Kohle bringt.

Dadurch sind auch Winterspiele derartige Riesenevents geworden, dass auch erfahrene Wintersportorte, die als Ausrichter theoretisch infrage kämen, dankend abwinken. Konsequenterweise finden die nächsten in einem verschlafenen Kaff wie Peking statt. Megacity plus diktatorische Verhältnisse, das scheint inzwischen die Idealformel für die Spiele zu sein, auch im Winter.

Inzwischen sind die Spiele nur wenig mehr als ein Indikator, wie erschreckend schnell die Zeit vergeht, wenn schon wieder welche sind. Die von Pyeongchang sind auch schon wieder vorbei. Was wird bleiben? Na gut, das mit dem Eishockey werten wir mal als Ausrutscher (war eh unfair, weil keine NHL-Fachkräfte dabei waren). Deutsche werden gelegentlich zwar Fußballweltmeister, seltener Handballeuropameister, reüssieren aber sonst vornehmlich in Sportarten, die was mit Technik zu tun haben. Beim Eishockey gewinnen Kanadier, Schweden, Russen und Bewohner anderer vom Polarkreis gestreifter Länder, wo man mit Schlittschuhen an den Füßen zur Welt kommt. Deutsche schlindern blöd hinterher oder scheiden in der Vorrunde aus, so ging der Deal immer. Im Eishockey was zu holen, ist allenfalls als Unfall erlaubt. Wie in Innsbruck 1976, als die von Xaver Unsinn trainierte Auswahl sensationell Bronze holte, wovon deutsche Eishockeykommentatoren noch heute schwärmen wie sonst nur österreichische Fußballkommentatoren vom Wunder von Cordoba. Oder 1992, als Draisaitls letzter Penalty gegen Kanada damit endete, dass der Puck genau auf der Torlinie zu liegen kam und man nicht ins Halbfinale kam deswegen.

Was sonst? Das Paarlauf-Gold von Savchenko/Massot? Nope, bedaure. Trotz aller sportlichen Brillanz und Athletik. Unfug, von wegen die beiden seien 'keine richtigen Deutschen', ist mir eh komplett egal. Nein, es war diese eiskalte, auf einhundert Prozent getrimmte Effizienz, mit der Aljona Savchenko ihr höchstpersönliches Projekt Goldmedaille anging, in dem der Gedanke an einen zweiten Platz überhaupt nicht erst vorkam, die es ein wenig killte für mich. Vielleicht geht das nicht anders im Zeitalter der Vierfachsprünge, keine Ahnung, aber mit ist das Prinzip Andreas Wellinger lieber.

Bleiben wird vielleicht die Erkenntnis, dass auch Skispringer aussehen können wie erwachsene Leute. Weiterhin die, dass der multinationale Sender Eurosport keineswegs immun ist für nationalistisches Pathos, es, im Gegenteil, noch schlimmer wird als bei den Öffentlich-Rechtlichen, wenn man Moderatorendarsteller wie Marco Schreyl vom Abstellgleis holt und Olympia machen lässt. Und Kurve neun. Man kann dem Konstrukteuren der Bob- und Rodelbahn von Pyeongchang nicht dankbar genug sein für Kurve neun. Denn die hat wenigstens punktuell mal verhindert, dass die Bob- und Rodelwettbewerbe vollends zur rein deutschen Meisterschaft mit internationalen Zaungästen wurden.


tl;dr: Olympische Winterspiele fand ich einmal ziemlich geil. Heute nicht mehr so. Völlig ausblenden kann ich das aber nicht.



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* Name von der Redaktion geändert



Kommentare :

  1. Lake Placid 1932, olympisches Eishockeyturnier. Wegen Krise nur vier Teams am Start. Das Deutsche Reich mit Bronze - nur Polen ging leer aus. Ich hatte damals gerade meinen ersten Studebaker gekauft ... plauder ...

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  2. Eddi the eagle, Kult.
    Peyongchang hat trotz allem Spaß gemacht,nicht zuletzt wegen des schweren Unfalls im Eishockey, angenehm bescheiden, was den Auftritt der Mannschaft angeht.
    Am Schluß wurde es ein wenig zuviel des nationalen Pathos, dennoch haben die öffentlichen Sender noch ein Stück gebremst, mir graut vor der Vorstellung, das demnächst vor allem bei Eurosport zu sehen, auch wegen der teils dilettantischen Moderatoren, zu denen sich übrigens ein gewisser Behle gesellt hat.
    Exoten gibts immer noch, aber sie haben meist keine Medienpräsenz mehr.

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    1. In der Tat, hätte nicht gedacht, dass die Öffis mit ihrer peinsamen Tradition a'la Herrenreiter Sostmeyer mir noch mal als das kleinere Übel erscheinen würden.
      @Bonetti: Ach was, Lake Placid! Chamonix '24, das waren Spiele, Werstester, DAS waren Spiele...

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