Mittwoch, 14. März 2018

Hängt ihn höher!


Es ist eine durchaus spannende Frage, ob die westdeutsche Gesellschaft der Achtziger eine befriedetere war als die heutige. Das lässt sich etwa diskutieren am Beispiel der Geiselnahme von Gladbeck, die sich heuer zum 30. Male jährt. Obwohl die Tragödie von München damals gut fünfzehn und der so genannte 'Deutsche Herbst' gerade mal knapp zehn Jahre her waren, schien man in keiner Weise vorbereitet auf zwei völlig planlos agierende Typen, die im Prinzip bloß das kopierten, was Gangster in Filmen machen. Leider waren die Waffen echt. Über vieles könnte man eigentlich nur lachen, wenn nicht zwei unbeteiligte Menschen ums Leben gekommen wären, deren Tod höchstwahrscheinlich vermeidbar gewesen wäre und deren Hinterbliebene noch heute darunter leiden.

Alle Geiselnahmen im Zusammenhang mit Banküberfällen waren in Westdeutschland bis dahin unblutig beendet worden, indem die Polizei auf die Forderungen der Geiselnehmer eingegangen war und ihre weitere Flucht unbemerkt verfolgt hatte. Irgendwann hatten die Täter sich sicher und über alle Berge geglaubt und die Geiseln freigelassen. Insofern beruhte dieses Vorgehen im Falle Gladbeck auf konkreten Erfahrungen und ist daher nicht zu kritisieren. Vieles andere dagegen sehr wohl. Den absurden Länderproporz. Dass man zwar eine Verhandlungsstrategie praktizierte, aber nicht über geschulte Verhandler verfügte. Dass man die Kommunikation mehrmals abreißen ließ. Dass bei einer bewaffneten Geiselnahme keine Rettungskräfte in der Nähe waren. Dass im Krankenhaus niemand sich um den Vater des toten Emanuele di Giorgi kümmerte und so weiter.

Mindestens so schwer wie das Versagen der Behörden wiegt das Gebaren einer und die Hilflosigkeit gegenüber einer Medienmeute, die alle Hemmungen abgelegt hatte und voll auf die Desperado-Romantik der Geiselnehmer eingestiegen war. Was soll man sagen über das Berufsethos von Journalisten, die einer Silke Bischoff ernsthaft die Frage stellen, was das für ein Gefühl sei, eine geladene Pistole am Kinn zu haben? Die einen Dieter Degowski bitten, besagte Knarre noch mal ein wenig anders zu halten wegen cooler Bilder und die zu keinem Zeitpunkt auf die Idee zu kommen scheinen, dass da ein junger Mensch seit Stunden Todesangst aussteht? War und ist es zu viel verlangt von professionellen Journalisten, zur imaginierten oder realen Blut- und Sensationsgeilheit ihres potenziellen Publikums eine professionelle Distanz zu pflegen?

Anders gefragt: Sollten Preßfritzen, die sich gegenseitig Hans-Joachim-Friedrichs-Preise verleihen, dabei auch nie versäumen, mantraartig das Diktum des Namensgebers im Munde zu führen, von wegen gute Journalisten machten sich mit nichts gemein, und in ihrem damaligen Gemeinmachen mit den Geiselnehmern bzw. dem ihrer Berufskollegen bis heute kein Problem sehen wollen, sich noch wundern, dass ihr Wort immer mehr an Gewicht verliert? Haben sie das Recht, empört die Backen aufzublasen, wenn man es zunehmend wagt, die Qualität ihrer Arbeit infrage zu stellen? Sicher, auch Journalisten sind letztlich bloß Charaktermasken, das journalistische Geschäft genau wie alle anderen schon damals eines mit gnadenloser Verwertungslogik. Vielleicht war es auch der Schock darüber, dass Medien eben nicht nur hehre, selbstlose Streiter für die Wahrheit sind, der bis heute nachwirkt.

Dieter Degowski hat kürzlich seine Strafe verbüßt und ist unter anderem Namen auf freiem Fuß. Das muss einem nicht gefallen, ist aber hinzunehmen (sollte alles mit rechten Dingen zugegangen sein, versteht sich). Es ist verständlich, dass Hinterbliebene und Geschädigte ihm nicht verzeihen mögen und Probleme haben damit, da sollte man nicht urteilen, aber so funktioniert unser Strafrecht. Wie Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung ihre Kontrollfunktion interpretiert, hat sie die Tage wieder einmal unter Beweis gestellt.

Da ist das Schwein! Sitzt auf Steuerzahlers Kosten auf der Parkbank und macht sich einen Lenz, während sein Opfer immer noch tot ist. (Das Gesicht wurde übrigens von bildblog unkenntlich gemacht, im Original hielt man das nicht für nötig.) Damit wir uns nicht missverstehen: Übermäßiges Mitleid mit einem wie Degowski ist unangebracht. Ihm eine neue Identität zu geben, dient einzig und allein dazu, ihm nach verbüßter Strafe ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Es gibt viele, die bereits das zu viel der Ehre finden, unter anderem besagtes Organ der Niedertracht. Im Gegensatz zu einigen auch aus meinem Umfeld halte ich es für leichtfertig und gefährlich, professionell betriebenen Journalismus per se für überflüssig und untergehenswert zu erklären, aber manchmal beginne ich da und dort doch zu zweifeln. Es ist jedenfalls bitter, wenn auch folgerichtig, aber hier scheint sich in den letzten 30 Jahren so gar nichts geändert zu haben.

Im übrigen wäre es eine weitere interessante Frage, welche Schnittmengen es so gibt. Etwa, wie viele von denen, die Degowski am liebsten der Lynchjustiz zuführen, ihn zumindest aber bis zum Tod wegsperren würden, gleichzeitig bei Prozessen gegen alte Nazis herumjammern, wieso man den armen alten Mann, der keinen Tag im Gefängnis gesessen hat, nicht einfach in Ruhe ließe. Aber das ist natürlich ein anderes Thema.



Kommentare :

  1. Guten Tag,
    Ich bin der felsenfesten Überzeugung dass das was in Amerika mit den sog. Revolverblättern des R. Heart begann und heute mit Bild und Co. fortgesetzt wird die geistige Verrohung der Gesellschaft maßgeblich vorantreibt.

    Gruß
    Jens

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  2. Die Sensationsgier skrupelloser Journalisten hat mich an dem Zweiteiler besonders abgestoßen. Ausgerechnet des mit vielen Ehrenpreisen (Bambi, Grimme-Preis)ausgezeichnete Frank Plasberg hat dabei eine unrühmliche Rolle gespielt, von der er sich bis heue nicht distanziert. In der NDR-Talkschau 3 nach 9 gab es vor kurzen eine Ausgabe zum Thema, in der Plasberg als Gast sich nicht einmal bei dem anwesenden Opfer neben ihm entschuldigte. In der Maischberger-Talkrunde am 7.03.2018, in der ebenfalls über das Geiseldrama diskutiert wurde, war Plasberg ebenfalls nicht eingeladen. Die Kommentarspalte auf der Maischberger-Webseite enthielt mehrere kritische Bemerkungen zu Plasberg.

    Plasberg sagte auf diverse Medien-Anfragen, dass es weder einen Mitschnitt seines Interviews von damals gibt, noch den entsprechenden Film im Archiv, weil nicht gesendete Filme nicht archiviert würden. Ich kann mich aber gut erinnern, ein Foto von ihm gesehen zu haben, wie er sich in das Täterfahrzeug beugt, mit Fokuhila. Meine Recherche im Netz ergab, dass es von ihm in diesem Zusammenhang keine Dokumente mehr gibt. Auch auf den dokumentarischen Youtube-Videos von 1988 ist er nirgendwo zu sehen.

    Gute Spurenvernichtung sage ich da nur.

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    1. In der Tat, Plasberg, der so gern den Anwalt der kleinen Leute gibt, soll sich damals besonders hervorgetan haben.
      @Jens: Vorsicht, auch nicht-kapitalistische Zeitungen können Revolver- und Hetzblätter sein, wenn sie dann auch anders aussehen, da sind die Beispiele durchaus zahlreich.

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  3. Genau diese"Journalisten" hätten schon längst in die ewigen Jagdgründe gehört.Die ganze skurbellose Bande.In Deutschland werden RAF Mörder Mohnhaupt ,Klar etc. in die Freiheiten entlassen.Noch Fragen?

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  4. Hallo Rainer du alter Russenbot,
    Es ging hier um was anderes.

    Gruß
    Jens

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