Samstag, 24. März 2018

Jenseits der Blogroll - 03/2018


"Ich glaube nicht an Heilslehren und Einseitigkeiten, nicht an das Niederbrüllen von Ungläubigen und an den einen, alles entscheidenden Menschheitsfehler. Ich glaube nicht, dass alles in Wirklichkeit ganz einfach wäre, wenn man nur die Richtigen kaltstellt oder wegschafft oder fertigmacht, kastriert oder abknallt. Ich glaube auch nicht, dass ich oder irgendjemand sonst sich von einem aufgehetzten, vielfach uninformierten Mob das Maul verbieten lassen sollte." (Thomas Fischer)

Es ist wieder einmal Zeit für die monatliche Linksammlung mit allem, was mir so an Interessantem, Überraschendem und sonstwie Lesenswertem untergekommen ist. Da wäre etwa Thomas Fischer. Dass seine Kolumne 'Fischer im Recht' eingestellt wurde, ist schade. Aber dass er es ohne nicht lange würde aushalten können, war irgendwie klar. Also schreibt er jetzt gelegentlich für meedia. Jüngst über kenntnisfreie Faktenchecker in Frank Plasbergs Quasselrunde. Der Mann ist kontrovers, manchmal weitschweifig, sieht sich vielleicht selbst gern schreiben, aber er versteht in der Regel sehr viel von dem, über das er da schreibt, und vor allem ist er nie langweilig.

Dazu: Unsern monatlich Seeßlen gib uns heute. Warum Talkshows die Demokratie eher beschädigen statt ihr zu nützen.

"Österreich tickt rechts. Das liegt an den Eliten und dem Boulevard. Falsch. Es liegt an den Wählerinnen und Wählern.", findet Solmaz Khorsand und liefert 'Eine Beschämung in acht Typen'.

Jawohl, es gibt linken Antisemitismus. Der wird nicht besser, wenn man ihn anders nennt. Mehr Material gibt es hier.

Ein Grund, warum die Linke, und zwar nicht nur die gleichnamige Partei, seit geraumer Zeit an Glaubwürdigkeit verliert, ist, dass sie sich mit dem oft infantilen Opferkitsch von Identitätspolitiker/innen gemein macht. Denen aber geht es vor allem um sich selbst und nicht um irgendwelche solidarischen Ziele. Und weil sie sich von Rechten ein ums andere mal in ein Wettrennen ziehen lässt, wer das ärgste Opfer der herrschenden Zustände ist. Wer soll, fragt Lucas Schoppe, etwa Linke ernst nehmen, die gegen Donald Trumps unsäglichen 'Pussy'-Spruch zu protestieren glauben, wenn sie sich rosarote Muschi-Mützen aufsetzen und sich mit dessen Rhetorik gemein machen? Eine Linke, die sich nur noch als Opfer sieht, gibt ihren Kern preis. Nämlich die Überzeugung, dass die Verhältnisse sich für viele zum Besseren ändern lassen, das Vertrauen darauf, dass eine bessere Zukunft möglich ist.

(Ein weiteres Problem ist, dass wer ein zu 100 Prozent moralisch einwandfreies Leben anstrebt, in letzter Konsequenz entweder im Geiste bei Gudrun Ensslin landet oder in der Geschlossenen. Ein Anfang wäre es daher, wenn Linke akzeptierten, dass das eigene Weltbild, wiewohl an humanistischen Werten orientiert, keineswegs fleckenlos und erst recht nicht frei von Lücken und Widersprüchen ist. Rechte sind inzwischen nicht nur sehr gut darin, exakt diese Lücken und Widersprüche im Weltbild ihrer linken Widerparts bloßzustellen und sie damit in die Enge zu treiben, sondern auch darin, sich höchst überzeugend als arme verfolgte Opfer zu inszenieren. Just my two cents.)

Philippe Wampfler hat mit Verschwörungstheoretikern diskutiert (Buuuh! Pfui! Kampfbegriff!). 

Sind die Sachsen eigentlich meschugge? Das fragen sich seit geraumer Zeit nicht wenige im Lande. Und das nicht völlig zu unrecht, wenn man mich fragte. Tut aber mal wieder keiner. Jüngstes Beispiel war die längliche öffentliche Meinungsäußerung des Dresdner Bestsellerautors Uwe Tellkamp, in der es vor allem darum ging, dass es kaum möglich sei, in diesem Land öffentlich seine Meinung zu sagen. Und niemand lachte. Wer die Nase voll hat von Tellkamps lamoryantem Genöle bzw. das für repräsentativ hält, dem sei die Aufzeichnung des 34. Dresdner Salons zu eingangs genannter Frage anempfohlen. Mal was anderes.


Apropos Heimat: Claudia Klinger hätte da sieben Forderungen an unseren frischgebackenen Heimatminister.

Leo Fischer über den Typ Frau, den eine Annegret Kramp-Karrenbauer repräsentiert. Ist Ihnen die Lady auch so suspekt wie mir?

Zur Abteilung Kultur: Hat Frankfurt es besser? Klar, es gibt ne Menge Schlipsträger, Investmentfuzzis und andere Wichtigmänner. Wohnen ist teuer, Hessisch gilt als Kommunikationsmittel und Ebbelwoi als trinkbar. Aber immerhin benennen sie dort, anders als zum Beispiel in Bochum, Kulturkneipen nach Satirikern, die noch leben. Und laden die dann auch zur Eröffnung ein.

Und sie haben einen Michael Herl, der die gute alte Rundschau gemeinsam mit Katja Thorwarth und Stefan Hebel zu einer der lesenswertesten Überregionalen macht und der jüngst einen der besten Beiträge zum Thema Essener Tafel lieferte.

Auch das Essen soll natürlich nicht zu kurz kommen. Lange war ich überhaupt kein Süßfrühstücker. Inzwischen aber - das Alter? - erscheint mir bisschen was Süßes zum Start des Tages nicht mehr gar so abwegig. Zwar kommt mir dunkelbraune Fett- und Zuckerschmiere nach wie vor nicht ins Haus, Konfitüre guter Qualität aber, gern von lieben Menschen selbst gemacht, das hat durchaus was. Ich bin lernfähig. Auch die auf dem Kontinent völlig zu unrecht berüchtigte Orangenmarmelade mit Schale, a.k.a. Marmalade, ist auf gebuttertem Toast köstlich. Im Idealfall eine perfekte Balance aus fruchtigen, süßen und bitteren Aromen. Wer sie selbst machen will, muss an Bitterorangen kommen. Das sind die, die im Rohzustand ungenießbar sind. Und für das Rezept von Felicity Cloake, das völlig ohne Chemie auskommt, Englisch können.

(Darf eigentlich nach vollzogenem Brexit Konfitüre bei uns wieder Marmelade heißen?)





Kommentare :

  1. A propos Kneipenname, mein Allzeit-Favorit ist "Betreutes Trinken".

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  2. »Darf eigentlich nach vollzogenem Brexit Konfitüre bei uns wieder Marmelade heißen?«
    Wenn die Franzosen auch noch weglaufen, ja.

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  3. Ist schon älter, aber zum Thema Süßfrühstück doch recht interessant:

    http://www.deutschlandfunkkultur.de/britische-braeuche-im-visier.993.de.html?dram:article_id=154447

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  4. Mir ist da etwas zu viel Sprechschau dabei. Ich wusste nicht, dass man sich an so einem profanen Thema 2018 überhaupt noch abarbeiten kann, es sei denn, man muss seine 20 Jahre alten Artikel in die Neuzeit retten und passt die entsprechend an.
    Das diese Format nix taugt, wusste man auch schon vor Sabine Christiansen. Das es so inflationär verbreitet ist, liegt daran, das es billig zu produzieren ist und vergleichsweise viel Sendezeit füllt.
    Gemacht ist es, wie die Headline von der Blöd, mit genau dem gleichen Erkenntniswert.
    Wenn man Floskeln, Phrasen und Dominanzdurcheinandergeplärre rausschneiden würde, blieben noch 5 Minuten Luftschlösser übrig.
    Wenn man wollte könnte man vielleicht etwas Erkentnis schaffen mit dem Interviewformat, sofern ein Theo West oder Herr Korruhn den Partnern auch wieder laiblich auf die Pelle rücken würde.
    Zum besseren Verständnis der Dresdener und der Sachsen, empfiehlt sich auch der ein oder andere Klick auf sz-online.de (http://www.sz-online.de/sachsen/so-ticken-die-sachsen-3546215.html) sowie natürlich https://die-partei.net/dresden/.
    Da ich in Dresden noch lebe (davor in NDS und OWL), kann ich aber feststellen, dass die extrem konservative bis ultrarechte Mentalität auch im Westen nachgewachsen ist. Von daher zumindest gleichen sich die Verhältnisse an (was auch an der Gleichschaltung durch soziale Medien liegt).

    Bzgl. Linke im deutschsprachigen Raum: Es gibt Diejenigen, die das als Geschäftsmodell für sich entdeckt haben, die Mitlufer und Diejenigen, die sich links fühlen, aber wenig damit gemein haben. Eines eint sie alle: Den wohligen Worten folgen meist keine Taten, ausgenommen mitunter guter Oppositionsarbeit. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber sie bleiben Ausnahmen.

    Bzgl. Tafeln: Diese Zustände gibt es nicht nur in Essen. Wenn die Verteilungskämpfe eskalieren und ggf. sich Gangs mit enmischen und deswegen di Schwächsten nichts mehr bbekommen oder ihnen das geraubt wird, wird es nicht ohne Ausschlüsse gehen können. Die Tafeln werden da einfach keine Security ersetzen können. Inwieweit das nur eine Bevölkerungsgruppe einschließt, wäre etwas, was untersucht werden sollte, was es aber nicht wird, da arme Menschen als Aussatz gelten, deren Tod billigend in Kauf genommen wird.
    Wir leben in Zeiten in denen Obdachlose in Ost wie West für ein paar Klicks mehr auf Youtube (u. a.) in Grund und Boden geprügelt werden - und das funktioniert.
    Wann hat das eigentlich angefangen, dass wir uns nicht mehr
    solidarisch verhalten und wirklich alles billgend in Kauf nehmen, was anderen, meist Schwächeren schadet? Das wir gegeneinander arbeiten, alles nur auf den momentanen Vorteil münzen, dass wir keine anderen Meinungen zulassen und Vorstände, Chefs, etc., als von Gott gekrönt ansehen und jeden, der da etwas infrage stellt nicht nur verdammen?










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    1. Ich habe aus gegebenem Anlass die FAQ ergänzt.
      @UJ: Danke, Herr Pollmer ist immer hoch willkommen.

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  5. Tja, nach dem Don bei der FAZ hat es jetzt auch Fischer bei der Zeit erwischt (auch wenn es die Kolumne schon seit letztem Jahr nicht mehr gab). Beim Don hast du dich ja noch lustig gemacht über die, die "Zensur" geschrien haben. Allmählich wird es aber etwas dünn mit Autoren, die nicht die heiligen und reinen feministischen Wahrheiten predigen, oder?

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  6. Siewurdengelesen28. März 2018 um 11:50

    Ja - Thomas Fischer ist immer wieder und uneingeschränkt lesenswert! Für die ZEIT ist es m.E. eher peinlich, dass er durch sie gegangen wurde.

    Das Video des Dresdner Salons war ebenfalls sehenswert, auch wenn ich mit einigen Ansichten speziell was das "Bekämpfen von Fluchtursachen" betrifft, nicht konform gehe. Leider wird diese Form echter Kontroverse mit einem Austausch in den Medien nicht herausgehoben, das Bedienen des Themas über den Aufhänger Pegida und was sich so herum bewegt, bringt mehr Aufmerksamkeit.

    Zu Tellkamp fällt mir ehrlich gesagt nichts ein, der war mir schon mit "Der Turm" zu doof. Als ehemaliger DDR-Bürger ist mir diese Story in vielerlei Hinsicht zu weit hergeholt und zu flach. Sie entspricht zumindest nicht meiner Realität dieser Zeit. Hätten wiederum die Medien dessen Aussagen nicht so brühwarm breit geklatscht, würde es vermutlich kaum jemanden interessiert haben.
    Spannend finde ich dabei, dass ausgerechnet die zuerst anfangen, von Zensur zu salbadern und sich in der Opferecke wähnen, die es im Grunde gar nicht betrifft. Die haben wie Tellkamp wahrscheinlich nach wie vor nicht gecheckt, dass Meinungsfreiheit eben nicht bedeutet, dass jede noch so dümmliche Aussage unwidersprochen als Allgemeingut gilt. Wenn sie dann Pfeffer bekommen, geht es in die Trotzkiste.

    Eine Perle zum Thema Antisemitismus plumpste heute Herrn Dobrindt aus der geplatzten Kette, auch wenn er nicht speziell links verortet ist. Warum gab es eigentlich diese "Null-Toleranz-Strategie" und das Vermitteln dieser ominösen "Leitkultur" nicht schon, bevor Antisemitismus speziell von muslimischer Seite wahrgenommen wurde? Weil er u.a. bereits bisher Teil ausgerechnet dieser Leitkultur war und ist und daher in einem anderen Kontext wahrgenommen - sprich ausgeblendet - wurde als jetzt, wo er von der "richtigen" und damit zu kritisierenden muslimischen Seite kommt?

    Wobei solche Auswürfe ja bei bestimmten Herren und Damen keinesfalls Zufallsprodukte sind, sondern Strategie. Vielleicht muss Dobrindt auch nur seinem Heimatminister etwas unter die Arme greifen bei seinen hoch gesteckten Zielen. Dieser knallt gleich den nächsten Steckschuss heraus und baut erstmal mehr Knäste für abzuschiebende Asylbewerber, sicher nach Bayern auch bald bundesweit zu nutzen für Vorbeugegewahrsam.

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