Samstag, 27. Juni 2020

Der Müll, die Stadt und die Polizei


Ein Versuch in v Teilen.

i. Der Müll

Noch jemand keine Tube Sempf draufgegeben auf die Causa taz/Yaghoobifarah vs. Seehofer? Mag ich eigentlich gar nicht tun, aber ein, zwei Aspekte kommen mir einfach zu kurz. Zum einen sollte man lobend erwähnen, dass die heftig umstrittene Kolumne in der taz für den feministischen Diskurs geradezu ein Quantensprung in Differenziertheit ist. Erinnern wir uns, dass noch im August 2018 Sibel Schick alle Männer rundheraus als Müll bezeichnete. Und jetzt, keine zwei Jahre später, engt Hengameh Yaghoobifarah den Blick so weit ein, dass sie zu dem Schluss kommt, die Polizei gehöre auf den Müll. Das betrifft rein zahlenmäßig schon mal deutlich weniger.

Oder ist vielleicht der aktuelle Stand der Erkenntnis jetzt, dass alle Männer und alle Polizisten auf die Deponie müssen? Ließe man sich auf diese Logik ein, dann hieße das ja, männliche Polizisten seien quasi Doppelschrott, oder etwa nicht? Müssten weiße männliche Polizisten demnach nicht als toxischer Sondermüll verklappt werden? Was ist mit Polizistinnen? Kriegen die fürs Frausein, nebst damit a priori einhergehendem Opferstatus, ein paar Karmapunkte extra? Was ist mit Polizisten mit Migrationshintergrund oder gar PoC in den Reihen der Staatsgewalt? Die müssten doch, der in einschlägigen Milieus herrschenden Denke zufolge, auch nicht total Müll sein, sondern eher nur so halb oder? Fragen über Fragen.

Vielleicht bräuchte es eine Skala, eine Art Polizistenampel. Oder ein Punktesystem. Am unteren Ende, knapp überm Urmensch, der weiße, männliche, heterosexuelle Cis-Bulle, am oberen die weibliche, queere PoC-Transedelpolizist*in.

Darüber hinaus sollte man auch erwähnen, dass die inkriminierte Kolumne handwerklich nur wenig taugt. Fängt bei der Prämisse an. Die Autorin gibt sich höchst erfreut über die Auflösung der Polizei von Minneapolis infolge des tragischen Todes von George Floyd, erwähnt aber nicht (oder es ist ihr einfach nicht bewusst), dass den Job vorübergehend Nationalgarde und Armee machen. Ob das so viel besser ist, wäre die Frage. Ansonsten eindimensionale Haudruff-Prosa, die kaum einen stringenten Gedanken enthält, keinerlei Erkenntnis liefert, nichts und niemanden demaskiert und über einen dumpfen 'Spießer, ärger‘ dich!'-Impuls kaum herauskommt. Es mangelt sichtlich an feiner Klinge. Statt dessen: Ich bin Opfer, also darf ich Dachlatte. Wem das genügt als Satire, bitte sehr, ich habe da nicht zu urteilen.


ii. Exkurs: Similia similibus non curentur

Ein Problem am politisch-gesellschaftlichen Diskurs ist, dass man glaubt, es ließe sich, ähnlich der Homöopathie, gleiches mit gleichem bekämpfen. So behaupten welche, man käme staatstragend-monopolistischer Propaganda von 'Systemmedien' am besten bei, indem man, quasi zum Ausgleich oder als Gegengift, Propaganda wie 'Russia Today' konsumiert (ein staatlich finanziertes Propagandamedium). Und es gibt welche, die in diversen Medien zur Zeit stark repräsentiert sind, die propagieren, Sexismus, Rassismus und diversen anderen, zweifellos existierenden Unterdrückungssystemen käme man am besten bei, in dem man selbst möglichst rassistisch/sexistisch etc. herumtönt.

Wie sonst soll man es nennen, Menschen allein wegen ihres Chromosomensatzes für minderwertig bzw. müllwürdig zu erklären? Für den, nebenbei, niemand etwas kann. Anders die Polizei, deren Angehörige sich immerhin freiwillig für ihren Beruf entschieden haben. (Besonders lustig übrigens, wenn welche, die soeben Alte Weiße MännerTM in Bausch und Bogen für toxisch erklärt haben, einem zwei Minuten später erklären, biologisches Geschlecht sei eh bloß ein Konstrukt und im Übrigen auch gar nicht genau definierbar. Aber das ist ein anderes Kapitel.)

Feuer löscht man aber nicht mit Benzin. Minus und minus ergibt nur in der Mathematik plus und Homöopathie wirkt nachgewiesenermaßen nicht über den Placeboeffekt hinaus. Und so ist es auch gaga zu glauben, Propaganda ließe sich mit Propaganda wirksam bekämpfen. Rassismus, wie wir ihn kennen und erleben müssen, ist ein Kind der Aufklärung. Dem kommt man aber nicht mit Rassismus bei, sondern mit den Mitteln der Aufklärung. Erst recht nicht, indem man hinter sie zurückgeht. Alles andere ist so sehr Placebo wie Denkmäler stürzen. Macht ordentlich Lärm, ändert aber an den Verhältnissen nichts.

Im Falle der taz-Kolumne ist das insofern ärgerlich, als dass es ja durchaus Gründe gibt, in Sachen Rassismus unter Polizeibeamten nicht von Einzelfällen zu reden, sondern genauer hinzuschauen. Oder bei der Frage nach Strukturen innerhalb der Behörde, die so was ermöglichen. Passiert jetzt aber auch ohne Seehofersche Strafanzeige nicht, weil der Fokus sich verschoben hat: Weg von der Rassismusfrage hin zu der, was die eh schon schwer geprüften Polizisten sich noch alles gefallen lassen müssen. Das nennt man wohl einen Bärendienst.


iii. Die Polizei

Die Polizeibehörden dieses Landes jagen einem nie erfüllbaren Ideal nach. In einer idealen Welt wäre eine Einrichtung wie die Polizei überflüssig. Da wir aber nicht in einer idealen Welt leben, haben wir Polizei. Einiges an Frust, den nicht wenige Polizeibeamte, wie zu hören ist, mit sich herumtragen, speist sich sicher daraus, dass sie von Teilen der Bevölkerung nicht in dem Maße als die sich fürs große Ganze aufopfernde Kraft des Guten wahrgenommen werden, als die selbst sie sich vielleicht sehen, sondern mehr so als notwendiges Übel.

In einer idealen Polizei beliefe der einzig tolerable Anteil an Straftätern in ihren Reihen, an Rassisten, politischen und religiösen Extremisten, Nazis, Antisemiten, Koofmichs und Vorteilsnehmern, an Kleindealern, Gewalttätern, autoritären Säcken und anderen Ungeeigneten sich exakt auf null Prozent. Nur haben wir auch keine ideale Polizei.

Eines aber ist die Polizei mitnichten bzw. darf es nicht sein: Ein "Spiegelbild" bzw. "Abbild der Gesellschaft", wie bei diversen Anlässen gern relativiert wird. Es wäre aus den oben genannten Gründen sogar schlimm, wenn es so wäre. Deswegen sind die Auswahlprozesse recht aufwändig und deswegen genießen Polizeibeamte gewisse Privilegien, die mit ihrem Beamtenstatus einhergehen. (Wenngleich diese nicht immer wahrnehmbar sind, wenn man sich Gehälter der unteren Besoldungsgruppen ansieht und die Überstundenkonten, die so geführt werden.)

Fester Bestandteil des Credos Konservativer und (Neo)Liberaler ist es, die Rolle von Strukturen, wenn nicht ganz zu leugnen, dann aber zumindest bei jeder Gelegenheit kleinzureden. Jedenfalls solange es der eigenen Sache dienlich ist. "There is no such thing as society!", verfügte Margaret Thatcher einst, und es wirkt bis heute. Wenn Menschen ihre Jobs verlieren oder gar nicht erst welche bekommen, dann sind sie selbst schuld und sollen gefälligst nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Wegen Selbstverantwortung und Glückes Schmied. Und so ist oft die Rede von "bedauerlichen Einzelfällen" oder "schwarzen Schafen", wenn es zu rassistischen Ausfällen bei Behörden, Polizei und Bundeswehr kommt oder Rechtsextreme dort enttarnt werden.

Wenn umgekehrt irgendwo ein paar besoffene Deppen in falscher Aufmachung rumrandalieren, ist mitunter ganz schnell Schluss mit bedauerlichen Einzelfällen. Dann wird generalisiert, in Sippenhaft genommen und noch der biederste Erbsensuppensozi in die linksradikale Antifa-Ecke gestellt, dass es nur so eine Art ist. (Wer mag, kann hier ein Schema erkennen, vielleicht gar einen Klassenaspekt.) Zurück zur Polizei. Man könnte Einzelfall-Apologeten folgende Fragen stellen:

"Ab welcher Zahl würden Sie denn von einer Vielzahl oder Mehrzahl oder einer Struktur sprechen? Und was würden Sie denn zählen? Rassistische Äußerungen, Symbole, Handlungen? Oder auch überbordende Gewaltanwendung? Oder auch Beleidigungen, rüpelhaftes Benehmen, herrisches Gebaren?" (Rafael Behr)


iv. Die Stadt

Dazu passt durchaus der andere Großaufreger der Woche: In einer Einkaufsstraße der Reinlichkeitsmetropole Stuttgart haben junge Menschen Scheiben eingeschmissen sowie Personenschaden angerichtet. Auslöser war angeblich eine polizeiliche Drogenkontrolle. Es kam zu Schlägereien, es gab Verletzte und es wurden dabei auch Polizisten angegriffen. Das ist zweifellos nicht schön, selbstverständlich zu verurteilen und die das getan haben, mögen nach ordentlichem Prozess zur Verantwortung gezogen werden. Und nein, ich möchte bei so einem Event auch nicht zwischen die Fronten geraten. Erbärmlich aber das ehrpusselige Gebramme, bei dem man den Eindruck bekommt, eine marodierende Soldateska habe da brandschatzend und mordend die gesamte Altstadt in Klump gelegt und jetzt hülfen mal wieder nur mehr Härte und schärfere Strafen.

Sicher nervt's, ist aber letztlich nur folgerichtig, wenn Vertreter von Berufsverbänden wie Rainer Wendt in so einer Situation das tun, wofür sie nun einmal bezahlt werden. Vorteile für die eigene Klientel herausholen nämlich. Und das fluppt als Polizeifunktionär immer am besten, wenn man die Gegenwart in möglichst düsteren Farben malt. Tuten aber professionelle 'Meinungsbildner', wie Journalisten einst sich nannten, ins gleiche Horn und faseln von "nie dagewesener Gewalt", dann lässt sich fast schon Methode dahinter vermuten.

Man sollte zunächst daran erinnern, dass für die schlimmsten Zerstörungen in Stuttgart immer noch die Royal Air Force und nach dem Krieg der ehemalige Bürgermeister Arnulf Klett verantwortlich zeichnen. Letzterer drückte einst im Alleingang die Entscheidung zur ganz großen Kehrwoche durch. Kaum etwas sollte wiederaufgebaut, Stehengebliebenes abgerissen und die schwer angeschlagene württembergische Residenzstadt überwiegend mit hässlichen, dafür abwaschbaren (Kehrwoche!) Zweckbauten zugepflastert werden. Was dann auch großflächig geschah.

Weil jede ältere Generation neu darin ist, die ältere Generation zu sein und in der Rückschau ihre eigene Jugend nostalgisch verbrämt, neigt sie zur Wahrnehmung, so schlimm wie jetzt war‘s noch nie. Doch, war es. Immer. In den angeblich so biederen Adenauerfünfzigern wurde von Halbstarken regelmäßig Mobiliar diverser Veranstaltungsräume zerlegt, in den Sechzigern gab es Schwabinger Krawalle, in den sozialliberalen Siebzigern wurden die Schaufenster in den Innenstädten von Gelsenkirchen und Dortmund vorsichtshalber mit Holz verrammelt, wenn Schalke 04 gegen den BVB antrat und umgekehrt, in den Achtzigern war ein Erstligaspiel ohne in der Luft liegende Hiebe kaum vorstellbar und man schaute besser zwei Mal, welche Wege man nahm, und in den Neunzigern wagte man sich als allzu nichtdeutsch aussehender besser nicht in Gegenden, die von Naziglatzen zur 'National Befreiten Zone' erklärt worden waren.

Natürlich tun junge Menschen mitunter dumme Dinge, weil's ihnen schlicht nach Entgrenzung, Exzess und Grenzerfahrung dürstet. Die meisten schädigen dabei nur sich selbst, andere sind mit 18 Eltern, wieder andere treten mit 16 in die JU ein und sind schon mit 25 mindestens so korrupt wie ihre Väter. Und ein kleiner Teil macht mitunter Bambule. Da kann ein Funke genügen. Etwa, wenn man monatelang nicht Dampf ablassen konnte wegen Lockdown und dann noch hochsommerliche Temperaturen und diverse Substanzen hinzukommen. Und vielleicht Frust über die durch die kurrente Seuchenlage nicht eben zahlreicher gewordenen Perspektiven im Leben.


v. Der wahre Schrecken

Wer weiß, möglicherweise ist der Schrecken von Stuttgart auch deswegen so groß, weil unter den Randalierern nicht wenige mit Migrationshintergrund waren. Mit anderen Worten: Gevatter Migrant muckt inzwischen zunehmend auf, anstatt auch mal dankbar zu sein für das Privileg, in einem pipaproperen Überland wie diesem leben zu dürfen und sich demütig  zufriedenzugeben mit der unauffälligen Existenz in seiner gerade noch eben geduldeten Parallelgesellschaft. Es ist ein alter Hut, dass hinter Ausbrüchen von Jugendgewalt oft auch Perspektivlosigkeit steckt, die Frage, worin denn bitte Sinn, Nutzen und Vorteil lägen, sich in diesem System anzupassen.

Will man solcherart adoleszenten Frust signifikant verstärken, ist es sehr hilfreich, jungen Menschen immer wieder zu signalisieren (aber niemals offen ins Gesicht zu sagen): Eigentlich seid ihr gar nicht erwünscht. Ihr könnt eh nichts, seid doof und zu nichts nutze. Vielleicht reicht es ja mal für irgendeine geförderte Maßnahme oder ein Praktikum. Sorry, falscher sozialer und/oder ethnischer Hintergrund, falsche Eltern, falsche Schule, falscher Chromosomensatz, nicht persönlich gemeint jetzt. Womit wir irgendwie wieder beim Anfang wären.






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