Samstag, 6. Juni 2020

Noch ein Wiedersehen


Die Serie 'Liebling Kreuzberg' mit Manfred Krug und von Jurek Becker lohnt auch nach über zwanzig Jahren noch.

Nicht nur alte Computerspiele, auch die alten DVDs von 'Liebling Kreuzberg' fielen mir letztens wieder in die Hände. Die Serie um den von Manfred Krug verkörperten Berliner Anwalt Robert Liebling hat eine Zeit lang tatsächlich meine Jugend und Adoleszenz begleitet. Das ist nichts, dessen man sich schämen müsste, wie ein neuerliches Querschauen bewiesen hat.

Die erste Staffel von 1986 kommt noch ein wenig unausgegoren daher, was aber für Fernsehserien normal ist. Dafür ist sie mit sechs Folgen gnädig kurz. Es geht im wesentlichen darum, wie der dreitagebärtige, Wackelpudding löffelnde und leidenschaftlich faulenzende Liebling und sein neuer Sozius, der aus Schwaben stammende, überaus korrekte Dr. Giselmund Arnold (Michael Kausch) miteinander klarkommen. Zumal Liebling ihn nur eingestellt hat, um alle unangenehmen Arbeiten auf ihn abzuwälzen. Weil er dank Erbschaft finanziell unabhängig ist, kann er es sich leisten, Cognac und Zigarre immer im Anschlag, sich seine Fälle auszusuchen. Neben seinen Sekretärinnen, der beflissen-damenhaften Paula (Corinna Genest) und der rotzigen Senta Kurzweg (Anja Franke), stört ihn beim Müßiggang noch seine spinöse, stets klamme Tochter (Roswitha Schreiner), die sich hartnäckig weigert, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen und ihn andauernd um Geld angeht.

"Die Rechtsanwalts-Serie des Schriftstellers Jurek Becker (Drehbuch) ist ein überraschend harmloses Feierabend-Vergnügen - und gibt dem Hauptdarsteller Manfred Krug Gelegenheit zu beweisen, daß er auch ohne seinen Partner Samson von der 'Sesamstraße' eine zuverlässige Fernsehkraft ist." (DER SPIEGEL, 24.02.1986, S. 278)

Dies Verdikt ist in mehrfacher Hinsicht eine Frechheit, aber leider auch sehr repräsentativ für den damals herrschenden bildungsbürgerlichen Dünkel. Eine Fernsehserie konnte per se nicht gut oder anspruchsvoll sein, Unterhaltung war per Definition seicht und harmlos. Dabei gab es einiges an 'Liebling Kreuzberg', das die Serie meilenweit heraushob. Etwa, dass es niemals sentimental und rührselig zugeht und vor allem, dass nie herummoralisiert wird. Liebling ist nicht interessiert an einer höheren Gerechtigkeit oder hehren Prinzipien, sondern daran, dass seine Klienten ihr Recht bekommen. Einmal meint er, für einen erfolgreichen Prozess benötige man einen ehrlichen Anwalt, einen flexiblen Richter und einen saublöden Staatsanwalt. Ein ums andere Mal wird vorgeführt, dass Recht etwas anderes ist als Gerechtigkeit und wieso das sogar eine gute Sache sein kann.

Es ist nicht eben ein Ruhmesblatt für die damalige westdeutsche Qualitätspresse, die Größe Manfred Krugs lange nicht erkannt zu haben. Er war halt dieser Typ aus der Zone mit der Glatze, der sein Ding machte und im Gegensatz zum schwer leidenden und stets todwund dreinblickenden Klampfenwalross Wolf Biermann nicht allen andauernd auf die Nerven ging damit. Obwohl Biermanns Wiedereinreiseverbot für Krug der Auslöser gewesen war, die DDR ebenfalls zu verlassen. So spielte er sich mit Samson, Tiffy und Herrn von Bödefeld durch die Kulissen der 'Sesamstraße'. Was übrigens keine Schande ist, denn erstens ist die Frage, was problematisch daran ist, gutes Kinderfernsehen zu machen, zweitens befand Krug sich damit in bester Gesellschaft mit hochkorrekten Zeitgenossen wie Henning Venske und Horst Janson. Weiters gab er den Trucker Franz Meersdonk in der Serie 'Auf Achse' und den Kommissar Stoever im NDR-'Tatort'.

Ein weiterer Serienfuzzi halt, so die Wahrnehmung. Dabei hatte der Mann kaum eine Wahl gehabt. Mit Mitte vierzig fast bei Null wieder angefangen, musste eine Familie durchbringen und konnte sich bildungsbürgerliche Geschmäcklerei bei der Wahl seiner Rollen so wenig leisten wie sich bange zu machen vor Werbung. Dass Krug überdies ein begnadeter Musiker war, ein Crooner von Graden, der diesbezüglich so ziemlich alle, die damals in Westdeutschland den Sinatra zu machen versuchten, locker in die Tasche steckte, war allenfalls einem Nischenpublikum bekannt. Zu wenig, um die Gesangskarriere nahtlos fortzusetzen. Durchaus typisch auch das. War die Kenntnis westlicher Rockmusik unter Jugendlichen in der DDR oft profund, fanden sich im Westen kaum welche, mich eingeschlossen, denen zu Rockmusik in der DDR mehr als Karat und Puhdys einfiel.

Zurück zu 'Liebling Kreuzberg'. Ab der zweiten Staffel läuft das richtig rund: Authentisches West-Berliner Achtzigerjahre-Lokalkolorit, eine aufeinander eingespielte Besetzung um Liebling herum, darunter die hinreißende Diana Körner als Staatsanwältin Monk, die hier seine Freundin ist. Krug und seinem Freund Becker ist hier ein rares Kunststück gelungen: Im deutschen Fernsehen tatsächlich so was wie Leichtigkeit und Savoir vivre einziehen zu lassen. Becker nannte Liebling den "einzigen Kleinbürger im deutschen Fernsehen mit  Sex Appeal" und einen "autoritären Antiautoritären". Womit er den Zeitgeist der späten BRD, als die letzten Kriegsteilnehmer noch in Verantwortung waren und langsam von den Kindern der 68er abgelöst wurden, recht genau traf. Lieblings Lieblingsfeinde sind meist nicht Richter, sondern Staatsanwälte (außer Frau Monk natürlich).

"Geprägt von einem pessimistischen Menschenbild, scheinen die Staatsanwälte mit jedem Fall sowohl ein rechtliches als auch ein moralisches Exempel statuieren zu wollen. Nicht bloß paragraphensüchtig, sondern in einigen Fällen sogar ideologisch getrieben, werden sie als bissige Querulanten dargestellt, denen es zuvorderst um die Disziplinierung unliebsamer Verteidiger geht." (Mala Loth)

Leider fällt die vierte Staffel von 1994 ein wenig ab. Liebling tut sich mit der Ost-Berliner Anwältin Isolde Isenthal (Jenny Gröllmann) in deren musealer Gründerzeit-Kanzlei in Prenzlauer Berg zusammen, wohin ihm vom alten Stammpersonal nur Senta folgt. Er unterhält eine nervige On-off-Beziehung mit der spielsüchtigen Lebedame Lola Lewandowski (Isa Jank) und es gibt einen ärgerlich ausgewalzten Running Gag mit Holzhammersymbolik. Zwei auf Cowboys machende Knallchargen (Jörg Gudzuhn, Günter Schubert) versuchen mit allen erdenklichen Mitteln, ihren beschlagnahmten 59er Cadillac DeVille, mit dem sie nach Kanada aufbrechen wollen, wieder an sich zu bringen. Immerhin, das Thema Rechtsradikalismus wird recht offen und ohne Gemucker angegangen.

Die Bücher der Staffel hatte nicht Jurek Becker, sondern Ulrich Plenzdorf verfasst. Das macht einen Unterschied. Da geht es zuweilen arg hölzern zu, fallen schon mal Bibelverse, mieft es manchmal fast nach Kirchentag. Penetrant ist der Wille zu spürbar, Ost und West miteinander zu versöhnen. Um Plenzdorf, wie Becker ein ausgemachter Könner, nicht unrecht zu tun, könnte man vermuten, das das vielleicht eine Vorgabe des öffentlich-rechtlichen Senders war. Bildungsauftrag und so. Sollte das der Fall gewesen sein, sicher ein edles Ansinnen, nur bleibt dabei eine der größten Stärken von 'Liebling Kreuzberg' zuweilen auf der Strecke, die bereits erwähnte, weitgehende Abwesenheit jeglichen Moralisierens. Wer aber in Erinnerungen an das frisch vereinigte, verranzte Berlin der frühen Neunziger schwelgen will, kommt durchaus auf seine Kosten.

Die fünfte und letzte Staffel bringt Liebling wieder mit Paula und Senta zusammen sowie mit dem von Stefan Reck angenehm dezent angelegten jungen Anwalt Dr. Bruno Pelzer. Der verliebt sich bald in Lieblings mittlerweile allein erziehende Tochter und bald läuten von ferne Hochzeitsglocken. Lieblings Dreitagebart ist ab, immer öfter geht es um die Begleiterscheinungen des Alters, trotzdem wechselt er seine Freundinnen noch öfter als sonst und das Ende des ganzen ist... Nein, wird für die, die es nicht kennen, nicht verraten.




Kommentare :

  1. Jurek Becker hat begnadete Dialoge und One-Liner geschrieben. Meine Lieblingsszene ist die, in der Liebling sich mit seiner Tochter trifft, und die ihm eröffnet, dass sie das Studium geschmissen hat, um Schauspielerin zu werden. Liebling guckt ganz lange glasig vor sich hin, dann fragt er: "Sind wir hier beim Griechen oder beim Italiener?" Tochter: "Beim Italiener." Liebling: "Ober! Einen Grappa!" (aus dem Gedächtnis zitiert)

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  2. Lutz Hausstein6. Juni 2020 um 20:59

    Zwei Anmerkungen zum Menschen Manfred Krug.

    Er ist nicht einfach so aufgrund des Wiedereinreiseverbots Biermanns kurz darauf in den Westen gegangen. "Auslöser" ist zwar formal nicht falsch, aber exakter war es so, dass Krug aufgrund seiner Unterschrift unter dem Protestschreiben in der DDR keine Rollen mehr bekam und das hat er nicht ausgehalten. Wie sehr ihn sein dadurch erzwungener Weggang aus der DDR und von "seinem" Publikum mitnahm, war in einem Fernsehinterview direkt nach seinem Eintreffen in Westedeutschland zu erkennen, in dem er sich auf die (ziemlich dumme) Frage des Journalisten, wie es ihm denn jetzt gehen würde, nur wortlos von der Kamera abgewandt hat, um seine Tränen nicht öffentlich zu zeigen. Eine mich extrem berührende Szene.

    In diesem Zusammenhang halte ich es auch für falsch, Manfred Krug in einem Atemzug mit Wolf Biermann zu nennen. Biermann hat einen regelrecht pathologischen Hass gegen alles entwickelt, was ihm links vorkommt. Krug hingegen war da viel differenzierter, besser: anders. Schon in seinen Filmen in der DDR hat er die eigentlichen Ziele und Werte eines wahrhaft linken, sozialistischen Lebens immer wieder herausgehoben. Was ihn dann umso mehr dazu animiert hat, im Rahmen seiner jeweiligen Rolle (siehe "Spur der Steine") die Finger umso unerbittlicher in die Praxis der realsozialistischen Realität zu legen. Weil sie allzu häufig nicht mit den deklarierten Werten übereinstimmte. Die generellen Werte hingegen standen für ihn nicht zur Diskussion. Und das ist ein grundlegender Unterschied zu Biermann.

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    1. Das denke ich auf jeden fall auch, daß Manfred Krug nicht aus hass auf den sozialismus aus der DDR weg ging, sondern weil er schauspieler war und sein wollte und das in der DDR nicht mehr sein konnte. In der DDR war er ein angesehener schauspieler - und das durchaus zu recht. In der BRD betrachtete man ihn als den »Auf-Achse-Proll«, man unterschätzte ihn. Auch ich hab ziemlich spät bemerkt, daß der erstaunlich gut ist.

      »Spur der Steine« ist einer der besten filme der Deutschen filmgeschichte. So gute rollen wie in der DDR hat Manfred Krug im Goldenen Westen nie wieder erhalten. Ich denk da auch an die rolle als Sächsischer Robin Hood in der »Stülpner Legende«, wo er sich geradezu anarchistisch gegen die adlige obrigkeit auflehnt (weil mir die filmmusik immer auch wichtig ist: die war größtenteils erstaunlich gut gemacht für eine simple fernsehserie. An einigen stellen ging mir das gesinge aber auf den senkel). Und dann durfte wegen dieser doofen Biermanngeschichte sein neuester film nicht gezeigt werden. Dieser film hieß »Das Versteck«. War bloß noch so ein liebesfilm, wie der Schmonzes von Paul und Paula (angeblich A. Merkels lieblingsfilm, nach ihren eigenen angaben), nur eben mit gewissem witz - was vielleicht Stefans theorie bestätigt, daß Jurek Becker womöglich ein besserer drehbuchautor als Ulrich Plenzdorf gewesen ist.

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    2. Jep, die West-Wahrnehmung war so.
      @Lutz: Danke für die Ergänzungen.

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    3. Von Krug möchte ich noch "Der Boxer und der Tod" empfehlen, den hab ich erst vor ein paar Jahren bei der DVD-Veröffentlichung gesehen: https://www.imdb.com/title/tt0056885/?ref_=nm_flmg_act_61

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  3. Dieses leidenschaftliche Faible für Krug so wie auch in den oben stehenden Texten ohne auch nur einen Funken von Kritik hat dazu geführt, dass der Protagonist mit einer Prominenz und vermeintlichen Authentizität das Vertrauen seiner Zuschauer missbraucht hat. Mit seiner Werbung für die T-Aktie hat er tausende von Anlegern verführt. Manfred Krug war die zentrale Werbefigur beim Börsengang der Deutschen Telekom. Der Bonner Konzern hatte den beliebten Schauspieler gewählt, um das Vertrauen der aktienscheuen Deutschen zu gewinnen. Das gelang ihm auch. Später hatte Krug erstmals seine Werbe-Aktion bedauert. Kurz zuvor hatte er noch mit einem Brief für Aufregung gesorgt, in dem er sich über das „Gejammer“ der Kleinaktionäre beschwerte.

    Ich will damit nur sagen: Der Heiligenschein hat Löcher.

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    1. Er hat 1996 das Gesicht für die 'T-Aktien' zum Börsengang der Telekom gegeben. Was er im Nachhinein bereut und sich bei allen entschuldigt hat, die seinetwegen Geld verloren haben. Ein verzeihlicher Fehler, wie ich meine. Wenn ich mich recht erinnere, waren Aktien in den Neunzigern bis zum Crash der New Economy Anfang der Nuller allüberall das ganz heiße Ding. Da haben sich sogar Studenten Geld geliehen, um welche von den T-Dingern zeichnen zu können. Hinterher ist man immer schlauer. Schmälert aber seine Verdienste als Schauspieler und Sänger nicht, wie ich finde.

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    2. @ altautonomer

      Niemand hat einen heiligenschein. Aber wenn ich über Krugs schauspielerisches schaffen schreibe, muß ich nicht zwingend darüber schreiben, wie der geschäftsmann Krug sein leben im kapitalismus finaziert hat. Ja, das ist scheiße, daß er damals werbung für die T-aktie machte. In meinem umfeld habe ich mir damals auch seinetwegen den mund fusselig reden müssen, daß man derartigen dreck nicht kaufen sollte.

      Für die zeit in der DDR kann man ihm sicherlich auch noch vorwerfen, daß er ganz besonders linientreu gewesen ist, sonst hätte er so bedeutende rollen ja niemals bekommen. Ich weiß schon, warum ich schauspieler insgesamt eher nicht mag.

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  4. Wenn man gegen Serien wie "Diese Drombuschs" oder "Schwarzwaldklinik" antreten darf, kann man eigentlich nur glänzen.

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  5. "aber leider auch sehr repräsentativ für den damals herrschenden bildungsbürgerlichen Dünkel."
    Manchmal werden ein paar Fetzen alter Dokus oder Reportagen gezeigt, und ich bin immer wieder entsetzt über diesen herablassenden Ton der selbsternannten Bildungsbürger. Pauschale Gegner des Privatfernsehens vergessen immer, daß es dringend nötig war, diese Attitüden wegzufegen, zumal sie mit echtem Niveau nichts zu tun haben.

    "stets todwund dreinblickenden Klampfenwalross Wolf Biermann "
    Volltreffer.

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