Samstag, 13. Juni 2020

Gegenaufklärung im Biomarkt


Gegen ökologischen Landbau und dessen Erzeugnisse ist nichts zu sagen. Auch ich konsumiere zum Teil bio, wenngleich nicht aus ethischen, denn aus pragmatischen und kulinarischen Gründen. Mich interessiert vor allem, ob es besser schmeckt, und das tut es oft. Ist pure Physik. Ein Koch verriet mir mal den Trick, bei Gemüse immer nach möglichst kleinen Exemplaren Ausschau zu halten, denn die schmeckten konzentrierter. Bei ertragsoptimierten, gedopten Großgemüse bestünde das zusätzliche Volumen nur aus Wasser. Ein Prinzip, das auch jeder Winzer kennt, der aus Qualitätsgründen seine Reben zurückschneidet. Dass die sprichwörtliche schrumpelige Bio-Möhre oder der deutlich kleinere Bio-Apfel besser schmecken, ist also keine Esoterik.

(Bei Pilzen, so meinte besagter Koch übrigens, sei das umgekehrt, da gelte, je größer desto besser.)

Ein weiteres Argument für Bio-Lebensmittel ist noch, dass dort tendenziell seltener mit Aromen und diversen chemischen Zusatzstoffen gepanscht wird. An denen stirbt man zwar nicht und wird auch nicht krank davon, aber ich finde Produkte die nach dem schmecken, was draufsteht, ehrlicher und auch leckerer.

Ansonsten aber tut man gut daran, Bio-Landbau nicht unnötig zu glorifizieren, denn hinter der freundlichen grünen Fassade ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Auch auf Bio-Höfen werden Tiere mitunter nicht artgerecht gehalten, auch Biobauern spritzen Pestizide, die aber z.T. erheblich giftiger sind als moderne Pflanzenschutzmittel, die ihnen verboten sind. Zudem bewirkt das weitgehende Verbot von Mineraldüngern und Pestiziden, dass die Erträge im Biolandbau deutlich niedriger sind als bei konventionellem.

Wieder anders verhält es sich beim so genannten biologisch-dynamischen Anbau. Das ist Öko-Landbau, aber angereichert mit einer kräftigen Portion esoterischem Hokuspokus. Der hat zwar nicht den geringsten nachweisbaren Nutzen, kostet an der Kasse aber extra. Ideal also, um sich wieder ein Stück abzugrenzen vom Pöbel. Leben wir doch in Zeiten, da inzwischen jeder Hans und Franz beim Discounter Bio-Lebensmittel kaufen kann. Wenn sie bei demeter als größtem biodynamischem Anbauverband werben mit dem Slogan "Lebensmittel mit Charakter", so ist damit noch nichts darüber gesagt, von was für einem Charakter da die Rede ist.

Wer demeter-Erzeugnissen guten Gewissens eine höhere Qualität attestieren will als 'gewöhnlicher' Bio-Ware, muss auch bereit sein, sich auf Homöopathie einzulassen, denn da schwingen die Quanten und die Chackren nicht minder feinstofflich durch die Weltgeschichte. Die Idee des biologisch-dynamischen Landbaus geht zurück auf den Anthroposophiebegründer und Alleserklärer Rudolf Steiner, dem wir auch die Waldorfschulen verdanken. Eines der bekanntesten Elemente des biologisch-dynamischen Landbaus ist der als 'Präparat 500' bezeichnete Hornmist. Dessen Wirkungsweise erklärte Steiner so:

"Nehmen wir Dünger, wie wir ihn bekommen können, stopfen wir damit ein Kuhhorn aus und geben wir in einer gewissen Tiefe ich will sagen etwa dreiviertel bis einhalb Meter tief wenn wir einen unten nicht zu tonigen oder zu sandigen Boden haben - das Kuhhorn in die Erde. Wir können ja einen guten Boden dazu, der nicht sandig ist, auswählen. Sehen Sie, dadurch, daß wir nun das Kuhhorn mit seinem Mistinhalt eingegraben haben, dadurch konservieren wir im Kuhhorn drinnen die Kräfte, die das Kuhhorn gewohnt war, in der Kuh selber auszuüben, nämlich rückzustrahlen dasjenige, was Belebendes und Astralisches ist. Dadurch, daß das Kuhhorn äußerlich von der Erde umgeben ist, strahlen alle Strahlen in seine innere Höhlung hinein, die im Sinne der Ätherisierung und Astralisierung gehen." (Steiner, S. 99f.)

"Aber das ist nicht das einzige obskure Kompostpräparat. Da gibt es noch Schafgarbenblüten in Hirschblase, Kamillenblüten im Rinderdarm, Eichenrinde im Schädel, Löwenzahnblüten im Rindergekröse. Mein absoluter Favorit ist aber Hornkiesel. Das ist fein vermahlener Quarz im Kuhhorn, vermittelt Lichtenergie und fördert harmonische Wachstums- und Reifeprozesse." (Onkel Michael)

Gäbe es den geringsten empirisch-rationalen Nachweis dafür, dass mit Mist, Quarz oder mit was auch immer gefüllte und bei Vollmond vergrabene Kuhhörner oder eine andere der genannten Methoden tatsächlich irgendwie den Boden verbesserten, wäre dagegen nichts zu sagen. Der aber konnte bislang nicht erbracht werden. So bleibt es das, wonach es aussieht: Verquargeltes Geschwurbel, so in der Richtung von Warzenbesprechen.

Das alles ist aber noch nicht wirklich problematisch, denn jeder mag ja den demeter-Kram nach Belieben kaufen oder eben im Laden liegenlassen. Niemand kommt zu Schaden durch eine Abneigung gegen rechte Winkel oder Hobbys wie seinen Namen zu tanzen. Und ein knorzeliger Stahlbetontrumm wie das 'Goetheanum' tut allenfalls dem Auge weh. Es ist schön und sinnreich, wenn in Waldorfschulen mindestens so viel Wert gelegt wird auf handwerkliche und musisch-künstlerische Bildung wie auf die klassischen Schulfächer.

Interessant ist aber nun, wie die kurrente Pandemielage auch in der Ökofressszene gewisse Berührungspunkte zu gewissen Sphären offenlegt. Zufall ist das nicht. Man hat schließlich eine Mission, will die Welt verbessern, nicht nur Produkte verkaufen, sondern ein Lebensgefühl. Besser zu sein als Otto Normalkonsument. So veröffentlichte Joseph Wilhelm, Geschäftsführer des großen Biofressalienherstellers Rapunzel, jüngst in einer seiner 'Wochenbotschaften' Gegenaufklärerisches in bester Boris-Palmer-Manier. Denn heidewitzka, sterben müssen wir schließlich alle mal! Impfen ließe er sich selbstverständlich auch nur über seine Leiche. Und obwohl es noch gar keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt, weiß er natürlich jetzt schon, dass er wirkungslos sein wird. 

Ferner fiel jetzt ein demeter-Bioladenbetreiber dadurch auf, sein Schaufenster großflächig mit Deppertem zum Thema Impfzwang und Bill Gates tapeziert zu haben. Klar, Einzelfall. Kommt in den besten Familien vor. Zufall auch das? Vielleicht nicht.

Damit, dass Anthroposophie mehr ist als harmloses Namentanzen, weil der Säulenheilige Steiner einige zumindest anrüchige Positionen in Bezug auf Rassenlehre und Judentum vertrat, tut die Bewegung sich noch heute schwer und versucht das ähnlich verschämt unter den Teppich zu kehren wie die protestantischen Kirchen die antisemitischen Ausfälle Martin Luthers. Zudem grassiert in der Szene auch diese sehr deutsche Natürlichkeitsideologie, in dem unhinterfragt alles, was 'natürlich' ist (wer auch immer das im Einzelnen festlegt), grundsätzlich gut und segensreich sei.

Impfungen gelten unter Anthroposophen meist als widernatürlicher Eingriff in die Natur und werden von ihnen weithin abgelehnt. "Dahinter steht die Annahme, Erkrankungen könnten auch sinnvoll, ja u.U. wertvoll sein, da die gesundheitliche Krise einen seelischen und körperlichen Wachstumsprozess ermögliche" (Liebenwein/Barz/Randoll). Steiner selbst begriff etwa die Masern als "tiefgreifenden Reinigungsprozess". Das führt immer mal wieder dazu, dass Waldorfschulen zu Masern-Hotspots werden und daraufhin von der zuständigen Schulaufsicht vorübergehend geschlossen werden müssen.

Gewiss, mit Konsumverhalten lässt die Welt sich nicht retten. Im Umkehrschluss auch nicht an die Wand fahren. Im Falle von demeter sollte man sich vielleicht lieber zwei mal überlegen, wem man da sein Geld gibt.





Kommentare :

  1. Die Welt zwischen dem fragwürdigen Konzernmüll und den weltanschaulich aufgeladenen Quinoa-Dinkel-Plätzchen ist klein, aber sie existiert: die kleine Landmetzgerei, der Winzer um die Ecke, die Bäckerei, die in siebter Generation Familienbetrieb ist. Hier auf dem Land läuft da viel über jahrzehntelang gewachsenes Vertrauen. Der Bioladen ist da eher was für zugereiste Städter, beim Demeter-Winzer, dessen Hof ich vom Fenster aus sehen kann, habe ich noch nie gekauft.

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    1. In der Tat, auf meinen Metzger und Bäcker des Vertrauens lasse ich nichts kommen. Leider arbeitet letztere mit diesem Granderwasser-Unfug...

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  2. Und: Diese ganzen Biodynamiker können nicht so richtig gut mit Kritik umgehen. Ich schrieb mal was über Biodynamik im Weinbau ... Huiuiui, das drehte Runden in irgendwelchen Wein-Gruppen auf Facebook und bescherte mir einen wochenlangen Empörungssturm. Dabei hatte ich nur geschrieben, dass man statt Kuhhörner zu vergraben auch drei Ave Maria beten und auf besseren Wein hoffen könnte ... Na ja.

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