Donnerstag, 4. März 2021

Pandemiepanorama

 
Gibt ja immer welche, die es gewaltig nötig haben. Zuweilen fühlt man sich an die frühen Achtziger erinnert. Da war der Höhepunkt der Friedensbewegung. In Ost und West gleichermaßen übrigens. "Schwerter zu Pflugscharen" (ost). Wahlweise "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" oder "Petting statt Pershing" (west). Keine Ahnung, wie das im Osten war, kann ich qua Mauer und Todesstreifen nicht mitreden, aber im Westen lief das nach dem Motto: Je friedensbewegter, desto Angst. Angst war das alles beherrschende Gefühl bei den Jutetaschen- und Lilalatzhosenträgern damals.

Diejenigen, die so richtig die Hosen voll hatten vorm Atomtod - die anderen gingen tanzen oder bereiteten sich mit Otto-Büchern schon mal auf die Spaßgesellschaft vor - kompensierten, indem sie zu Experten wurden. Diese Leute konnten ganz ohne Wikipedia derart kenntnisreich parlieren über Overkill, M.A.D, TNT-Äquivalente, MIRV, Funktionsweisen diverser Kernwaffen, Truppenaufmarschpläne und das Fulda Gap, als hätten sie nicht nur soeben eine Militärakademie als Jahrgangsbeste absolviert, sondern nebenher auch Kernphysik und Politoligie studiert. Schienen sich förmlich zu berauschen an ihren Horrorszenarien, die uns bald allen bevorstünden.

Sie erinnerten ein wenig an diejenigen Zeitgenossen, die nicht müde wurden, immer und überall ostentativ ihre Heterosexualität herauszustellen, sich irre männlich gaben, jedem Mann Prügel androhten, der sie eine Sekunde zu lange ansah ("Ey, schwul oder was? Aufs Maul?") und keine Gelegenheit ausließen, sich über Schwule lustig zu machen. Und auf diesem Feld echte Experten waren. Beeindruckende Szenekenntnis. Wahrscheinlich durch langwierige, intensive Vor-Ort-Recherchen erworben, wenn auch unter größtmöglicher Unterdrückung des Ekels ("Wenn ich mir vorstelle, was die miteinander...") und allein im Dienste der Wissenschaft.

Als dann ab den Nullerjahren der politische Islamismus über die Welt kam, war selbige plötzlich voll von Islamexperten und Korangelehrten. Ihr Wissen hatten sie sich irgendwo aus dem Internet runtergeladen und erzählten allen mithilfe länglicher Zitate, wieso der Islam zwangsläufig eine kriegerische, gewalttätige Religion sein müsse.

Seit das Web 2.0 auf den Plan trat, mit YouTube und sozialen Medien, ist endgültig kein Halten mehr. Jetzt sind alle Möglichen, die sich "intensiv mit dem Thema befasst haben", Experten für alles mögliche (wie konnte die Menschheit bislang bloß ohne überleben?) und wissen sowieso alles besser und genauer als die überbezahlten, von der Pharmamafia und Bill Gates gekauften Virologen-Stümper. Aber Angst haben, pardon, vor der faschokapitalistischen Gesundheitsdiktatur vor Angst schlottern, tun natürlich immer nur die Anderen. Und Faschisten sind grundsätzlich die, die nicht Seit’ an Seit’ mit Faschisten demonstrieren. Schon klar.

Das allerdings sollte man säuberlich trennen von einem Urteil über die schandbare Performance der amtierenden Regierung. Vor allem der Unionsteil legt inzwischen eine Bräsigkeit an den Tag, der sich eigentlich nur noch durch Medikamentenmissbrauch oder Fehldosierungen erklären lässt. Ja, pfff, eigentlich müssten wir die Maßnahmen verlängern, angesichts der Mutationen sogar verschärfen. Ach nee, das finden die Wirtschaft, der Markus und noch ein paar andere voll doof. Also lockern. Ne Idee, einer? Nee Karl, du hältst mal die Klappe jetzt! Du warst erst gestern bei 'Hart aber unfair'. Jens, was ist mit den Impfdosen? Hallo! Jemand zu Hause? Schade, war ja teuer genug, die Bude.

Auch wenn diese Wurschtigkeit sicher einige Menschenleben kosten wird, kann man dem Ganzen, wenn man mag und genügend Zynismus zusammenbekommt, den einen oder anderen positiven Aspekt abgewinnen: Seit auf einmal nennenswerte Teile der Mittelschicht Gefahr laufen, arbeitslos zu werden, gar zum Jobcenter zu müssen, wenn sie nicht schon dort sind, wird so bereitwillig wie nie über Erleichterungen gesprochen. Sogar von einer Abschaffung von Hartz IV ist immer lauter die Rede. (Wer auch hier eine Korrelation findet, darf sie behalten.)

Dann wäre da noch das Image der Nation im Ausland. Die Frage, was wohl das Ausland dazu sagt, ist ja für nicht wenige Konservative und Liberale eine der Zentralen. Wenn irgendwo ein Asylbewerberheim brannte, hieß es oft nicht: "Oh mein Gott, wie furchbar!", sondern: "Oh mein Gott, was wird bloß das Ausland denken? (Und was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort?)"

Und das Ausland reibt sich inzwischen immer öfter die Augen. Wie konnten diese Meister aus Deutschland, die man zwar nicht liebte, aber doch nolens, volens irgendwie bewunderte für ihre reibungslose Organisation, die zwar oft kalt und seelenlos wirkte, aber eben funktionierte, plötzlich so einen Schlamassel beieinander haben? Die Deutschen nicht mehr als Uhrwerke und Gleichschrittroboter, sondern so chaotisch und verstrubbelt schlurig wie sie’s sonst immer nur anderen vorgehalten haben.

Und wie immer, wenn einem nix mehr einfällt in verfahrener Lage, wird auf den verfetteten Öffentlichen Dienst gehauen, weil’s der Privatsektor (Biontech!) ja so viel besser hinbekommt. Klar, man kann fragen, ob Biontech die gewiss respektgebührende Entwicklung des Impfstoffs in gleicher Weise vorangetrieben hätte bzw. hätte vorantreiben können, wenn die Bundesregierung nicht noch eben 375 Mille zugeschossen hätte. Mit öffentlichem Geld (buuuhh!). Fun fact: Die Anzahl der Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst ist seit 1991 übrigens um ein knappes Drittel gesunken. Aber wen interessieren schon Fakten in diesen Zeiten?






Kommentare :

  1. Siewurdengelesen5. März 2021 um 13:21

    Der Artikel des Tagesspiegel ist ziemlich schwach. In erster Linie handelt es sich um allerhand whataboutism um eher Gefühltes statt um echter Werte sowie ein wenig Deutschland über alles. Ob die öffentliche Verwaltung zu Preussens Zeiten wirklich besser war oder ob da auch zu gerne der Amtsschimmel gewiehert hat? Wie man diesen auf´s Korn nehmen kann, hat der "Hauptmann von Köpenick" jedenfalls schon damals gezeigt. Und in der alten BRD war auch nicht alles Gold, was glänzt.

    So btw. sind die Zeiten der durchweg Beamten meines Wissens auch deshalb vorbei, weil man sonst dieses "Verschlanken" von Verwaltungen niemals geschafft hätte und Post, Bahn und Telekommunikation - ohne Worte!

    Statt sich an solchen Gemeinplätzen abzuarbeiten, konnte doch hinterfragt werden, wo denn diese ganzen mit Milliarden öffentlichen Geldes bezuschussten Unternehmen jetzt stünden, wenn diese wirklich der "freien Hand" des Marktes überlassen worden wären? Ich meine vor der Corona-Krise gab´s ja schon eine Bankenkrise und diverse andere Krisen, wenn Krise nicht gleich als Synonym für dieses Gesellschaftssystem gesetzt wird. IMHO hat gerade das Wirken des privaten Kapitals diese oft erst bewirkt, um dann beim "Staat" die Hände aufzuhalten wegen too-big-to-fail und solchem Kinderkram. Gleiches geschieht derzeit bei den Energieunternehmen, die jahrelang mit abgeschriebenen Produktionsmitteln Profite erwirtschaften, sich deren Entsorgen noch bezahlen lassen und im Nichtfall Pleite gehen oder auslagern. Wenn andere nicht so grosse Firmen oder wirkliche Familienunternehmen so ankommen, dann ist das halt Geschäftsrisiko, bei dem oft genug nach endlosem Selbstausbeuten noch mit dem wirklichen Privatvermögen gehaftet wird.

    Das bemängelte Bildungswesen fällt genauso in diese Rubrik. Denn warum ist es denn so bescheiden? Weil alles nichts kosten darf und nach Abschluss kritikfreie Bioroboter ausgespuckt werden sollen, die gerade ihre Unterschrift auf dem Zeitarbeitsvertrag schaffen? Reingebuttert wird dann nur dort, wo sich eine zukünftige "Elite" als Absichern des eigenen Erbes tummelt? Auch da gibt es m.E. eine Skala von-bis und es wird viel zu einseitig dargestellt. Immerhin sind bei der Forschung wie mit Curevac auch deutsche Firmen beteiligt und dort geht sogar ein gewisser Herr Elon Musk hausieren, um vermutlich mit den Impfdruckern dieser Firma abzustauben. Mit den suggerierten Fachidioten ab Schulabgang dürfte das nicht zu machen sein. Nichtsdestotrotz ist halt auch Schule ein Abbild des Klassensystems und zwar nicht von 1-13 und a,b oder c.

    Die billige Polemik, neben dem Vorteil und Vorsprung der im Artikel genannten Staaten innerhalb der Pandemie auf Schwächen und Fehler an anderer Stelle abzuklopfen mit dem dezenten Vermerk, im Zweifel doch dorthin auszureisen, spare ich mir an dieser Stelle. Den Impfschutz beispielsweise mit dem Nachteil zu erkaufen, dass wie in Israel die dabei gewonnenen Patientendaten in den Händen privater Unternehmen der Preis sind, dürfte hier nach dem Hype um den Datenschutz der Corona-App meines Erachtens jedenfalls nicht so gut ankommen. Dasselbe "Käseblatt" bemeckert übrigens in einem schönen Clickbaiter, ob denn der Datenschutz das Bekämpfen der Pandemie behindere inklusive des Impftempos...

    ...aber völlig korrekt läuft der Artikel ja auch unter der Rubrik "Meinung" und erhebt damit wahrscheinlich nicht Anspruch auf Fakten und Recherche.

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  2. Wer regiert gleich noch mit in der Groko Haram? Das ist (glaube ich) die SPD. Diese zieht indes der großen Politik identitäre Sujets vor, es sei denn es geht ums große Geld. Da kann man dann schon mal ein Gesetz mitverantworten, was die weitere Aufarbeitung von Cum EX auch künftig verhindert. Das ist immerhin noch besser, als ein Galadiner in eine Megaspreaderparty zu verwandeln, nachdem man bei der aktuellen Kamera (Frytstyx-TV) noch über Kontaktverbote schwadronierte.
    Nun galt es den großen Wurf mittels eines Stufenplans zu landen.
    In knapper Form sollen die Beschlüsse allgemein verständlich aufbereitet werden.
    Der Praktikant legt seinen Entwurf als Exceltabelle vor.

    Söder: "Am Wording müssen wir aber noch arbeiten. Bayern kommt kein einziges Mal vor."

    Kretschmer: "Das geht mit viel zu weit! Wir brauchen eine Inzidenz von -1. Abgesehen davon brauchen wir viel mehr Personal, um die Tschechen hier vom Einkaufen abzuhalten.

    Laschet: "Was ist denn mit der Fleischindustrie? Ich habe Clemens schon einen Flieger für seine Rumänen reserviert. Abgesehen brauchen wir die auch für die Spargelernte."

    Scholz: "Der Rahmen passt nicht! Der Rahmen darf nur 0,5 mm sein, nicht 1,0 mm."

    Weil: "Die Tochter meiner Nichte macht gerade Abitur. Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, dass der Abiball stattfindet."

    Merkel: "Hm, hm. Ich habe noch Kartoffelsuppe auf dem Herd." (Klingt sich aus und vergisst dabei den Log-out von Zoom zu nutzen, was noch zu erheblichen Irritationen in der Konferenz führt.)

    Spahn: "Für die Schnelltests sind die Discounter verantwortlich! Schlagen Sie im Zweifelsfall Ihre Kassiererin."

    [...]

    Nach gefühlten 13 h des gepflegten Lamentierens wird beschlossen, dass der Praktikant seine Sache gut gemacht hat. Lediglich die Farben werden angepasst, so dass auch nicht anwesende Parteivertreter sich wiederfinden können. Der Praktikant erhält einen 10-€-Gutschein für das Eiscafé Venezia (das allerdings leider nicht mehr wieder aufmachen wird).
    Es folgt eine Verkündung in Teilen via dpa / Tagesschau und Spiegel, wobei in jedem 2. Satz die "Notbremse" erwähnt werden muss, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen.
    Akki startet die gesundheitsbewusste Planung der "Operation Iwan ärgern" oder zu gut Deutsch: Defender 2021.

    Es wird ein gutes Wahljahr.

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  3. Ich bin eigentlich ganz froh, dass die Bundesregierung und ihre Bodentruppen im Parlament wieder so ein unfähiger und korrupter Sauhaufen sind wie in all den Jahren zuvor. Es war mir ein bisschen unheimlich, dass ich im vergangenen Jahr in vielen Fragen (AHA-Regeln, Lockdown, Schutzmaske) einer Meinung mit Merkel oder Spahn gewesen bin.

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    1. Ja, wurde langsam unheimlich.
      @Siewurdengelesen. Man kann bzw. sollte derlei Meinungsstücke natürlich auch immer im Kontext sehen. Die neoliberalen Sozialstaatsabrissbirnen und Privatisierer sind halt in Sorge, dass ihre Party sich langsam dem Ende zuneigen könnte und wieder so nordkoreanische Verhältnisse anbrechen könnten wie in den Siebzigern. Da fügt sich so ein gelegentliches Schlechtreden des öffentlichen Sektors natürlich gut...
      @Eike: Die mit den echten Ambitionen erkennt man z.Zt. womöglich daran, dass sie das Rampenlicht meiden.

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    2. Siewurdengelesen6. März 2021 um 21:31

      Ist schon klar, das verhält sich wie bei Tarifverhandlungen.

      In schlechten Zeiten geht es allen schlecht, daher muss man sparen. In guten Zeiten muss man für schlechte Zeiten vorsorgen, deswegen muss man Verzicht üben. Natürlich gilt das nur für die Basis, die womöglich "zu viel" fordern könnte.

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    3. Welcher Lockdown eigentlich? Ein Lockdown, der nicht für alle gilt, ist keiner. Die Tür zum Vorratsraum bleibt zu, aber jeder hat 'nen Schlüssel. Das L stand m. E. auch für Lüften.

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  4. Als Zeitzeuge ein paar Anmerkungen zu den beiden ersten (ironischen) Absätzen:

    1. Die Angst war angesichts der Kuba-Krise 1962 berechtigt. Beide Großmächte hatten Atomwaffen in den jeweiligen Nachbarländern, quasi vor der Haustür des Feines, stationiert. Wenn die Zeugenaussagen authentisch sind, ist die Welt nur wenige Sekunden an der atomaren Vernichtung großer Gebiete auf dem Globus vorbeigeschrammt.

    https://www.spiegel.de/geschichte/kuba-krise-1962-falscher-abschussbefehl-fuer-atomraketen-a-1060165.html

    2. Auch die Ängste vor dem Vernichtungspotenzial und der realen Unsicherheit von Atomkraftwerken war begründet. Hier eine Liste der leichten bis hoch gefährlichen Störfälle:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Unf%C3%A4llen_in_kerntechnischen_Anlagen

    Damals ließ sich auch nachweisen, dass AKW auch im Normalbetrieb töten. Stichwort Leukämie bei Kindern, die in einem gewissen Radius der Standorte wohnten.

    In Wackersdorf habe ich damals erlebt, wie ältere Bäuerinnen uns die Coladosen mit Erde und Sand gefüllt haben. Filmtipp: "Zaunkämpfe!"

    Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=BNSQ-CQ20P0

    1979/80 Unter dem Schock der Ölkrisen fordern SPD/FDP,
    noch, bis 1985 40 neue Atomkraftwerke zu bauen.

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