Montag, 5. April 2021

Der Lenz ist da

 
Lange habe ich keinen Blick mehr getan in Deutschlands nach eigenem Bekunden auflagenstärkste Zeitung. Von allen Corona-Komikern ist mir Anselm Lenz der liebste. Während antisemitische Krawallschachteln wie Hildmann und Wendler bloß dumpf rumnerven, platzen Lenzens Texte nur so vor Sprachwitz und Kreativität. Auch in der neuesten Ausgabe des 'Demokratischen Widerstand' enttäuscht er nicht. "DEUTSCHLAND STEHT AUF!", so knallt einem in Dicklettern die Überschrift des Leitartikels entgegen. (Moment mal, an was erinnert mich das gleich? Ach ja, ich habs!) Richtig zur Sache geht es dann in der Fortsetzung auf Seite 12:

"Doch noch nie hat es ein totalitäres System gewagt, beziehungsweise geschafft, die Menschen dermaßen zu vereinzeln wie es derzeit geschieht. Und nicht nur in die Geister,  sondern auch in die wehrlosen Körper einzudringen –zuerst mit Stäbchen, dann mit Nadeln und letztendlich bis tief in die einzelnen Zellen."

Menno, wo ist eigentlich amnesty International, wenn man den Schnarchverein mal braucht? Merke: Ein totalitäres System, in dem es möglich ist, dass mehrere zehntausend Wohlstandsverwahrloste mit zu viel Freizeit mit Genehmigung der Behörden durch Innenstädte latschen und dabei mehrheitlich die angeblich verfassungswidrigen Corona-Auflagen demonstrativ ignorieren und das keinerlei Konsequenzen hat für irgendwen --; ein Regime, dass es nicht hinbekommt, einer widerständigen Online-Zeitung mit deutscher Domain den Stecker zu ziehen oder etlichen Bloggern, die offen zum Boykott der Schutzmaßnahmen aufrufen -- ein solches System ist entweder nicht totalitär oder braucht dringend Nachhilfe in Totalitarismus.

Was die sexuell aufgeladenen Penetrationsphantasien angeht, frug ich mich spontan, wo eigentlich die ganzen UFO-Gläubigen geblieben sind. Früher, in den Neunzigern, als man noch gebannt vor dem Fernseher saß und die Abenteuer der wackeren Agenten Mulder und Scully verfolgte, phantasierten viele von Außerirdischen, die Menschen entführen, vorzugsweise im ländlichen Raum, um dann irgendwelche perversen Experimente mit ihnen zu veranstalten. Also ihnen kalte, harte, spitze Gegenstände in diverse Körperöffnungen zu schieben.

(Wieso, so fragt sich ferner, hat eine Zivilisation, die so hoch entwickelt ist, dass sie interstellare Raumfahrt beherrscht, eigentlich derart primitive, barbarische Untersuchungsmethoden nötig? Erwähnte ich, dass in früheren Jahrhunderten viele der Hexerei beschuldigte Frauen unter Folter aussagten, das Gemächt des Satanas, mit dem sie Unzucht getrieben hätten, sei kalt und hart gewesen? Egal.)

Es folgen Schilderungen der schröcklichen Auswirkungen des Schröckensregimes auf unsere Kinder:

"Eine früher fröhliche, gesellige und populäre 12-Jährige sitzt vereinsamt vor dem Computer und wird von Woche zu Woche trauriger.“

Für so ein Verhalten kann es verschiedene Gründe geben. Etwa ein Phänomen, das im Leben der meisten Menschen auftaucht, und das man 'Pubertät' nennt. Die geht in unseren Breiten bei den meisten ungefähr mit 12-13 Jahren los. Bei Mädchen tendenziell öfter mit 12. Da kann es passieren, dass es aufgrund Tango tanzender Hormone zu psychischen Schwankungen und seelischen Krisen kommt. Dass ein pubertierendes Mädchen sich über Wochen derart abkapselt, sollte man natürlich ernst nehmen, aber das muss nicht zwingend was mit der Schnodderseuche zu tun haben.

"Eltern essen seit Monaten von ihrer 16-jährigen Tochter getrennt, die allein in ihrem Zimmer ihre Mahlzeiten einnehmen muss und keine Freundinnen treffen darf."

Das ist natürlich bedauerlich. Nun sind gemeinsame Mahlzeiten in der Familie meines Wissens ja gar nicht verboten. Möglicherweise hat der beschriebene unerfreuliche Zustand weniger mit einer imaginierten Corona-Diktatur zu tun, sondern mit einem innerfamiliären Konflikt. Oder damit, dass das arme Mädchen bloß mit ziemlich depperten Eltern geschlagen ist.

"Andere wiederum wollen ihren Sohn und ihre Schwiegertochter erst wiedersehen, wenn sie geimpft sind."

Wer jetzt? Die Eltern oder Sohn und Schwiegertochter? Vermutlich die Ellies, die kommen eher dran. Könnte natürlich sein, dass die Alten über 70 sind, eventuell Vorerkrankungen haben, eher wenig Bock auf vorzeitiges Ableben und von Gelaber der Marke "Hunde, wollt ihr ewig leben?" auch nix halten. Hier wurde übrigens schludrigerweise eine Chance vertan, noch traumatisierte Kinder ins Spiel zu bringen.

"Andere wiederum stülpen sich kleine Gummitütchen über ihren Schniedelwutz."

Ups, falsche Baustelle! Pardon.

"Ein Vater traut seinem Sohn inzwischen zu, dass dieser ihn töten will, und verlangt seinem Sprössling vor dem Osterbesuch einen Schnelltest ab."

Ja Teufel auch, so ein Rabenvater! Verlangt von seinem Sohn, sich mit einem Wattestäbchen in Mund und Nase herumzuforkeln. Sind wir schon wieder so weit? Was macht er als nächstes? Ihm ein Glas Zyankali kredenzen? Und ihm dann auch noch die Kosten für das Testkit aufbürden. Unerhört! (Fun fact: In vielen großen Städten gibt es inzwischen Testzentren, in denen man sich, teils ohne Voranmeldung, einmal pro Woche kostenlos testen lassen kann. Das dauert bei mir zirka fünf Minuten.)

Aber keine Missetat ohne Motiv. Und dem ist Lenz natürlich auf die Schliche gekommen, der Fuchs:

"Das Urvertrauen der Menschen zueinander wurde bereits massiv beschädigt und soll vernichtet werden. […] Aber auch das Vertrauen in den eigenen Körper und der Hausverstand sollen ausradiert werden. Dazu dient  eine einfache Lüge. Sie ist so simpel, ja gemein eigentlich, wie boshaft: Das Märchen von der asymptomatischen Infektion. Die gibt es nicht. Und damit erübrigen sich auch alle Masken- und Abstandsdiskussionen. Basta."

Soso. Belege? Keine. Nun ja, Fakten sind eh nur was für Schlafschafe. Sagen wir so: Eine Bevölkerung, die sich von ein paar moderaten, nach Ansicht von Experten viel zu moderaten, Wischiwaschi-Maßnahmen gleich mal das Urvertrauen vernichten lässt, geht vielleicht nicht ganz zu unrecht vor die Hunde.

Puh, das waren gerade mal die ersten Absätze des Traktätchens. Schon da musste ich kurz die Lektüre unterbrechen, weil ich doch ziemlich lachen musste. Weiterlesen lohnt sich, es folgen noch weitere Evergreens. Köstlich! Conclusio des Janzen: Zum Glück für uns alle gibt es Lenz und seine Freiheitskämpfer. Denn:

"Der Versuch eines Teils des US-Kapitals, deutsche Arbeiterschaft und Mittelstand in eine mörderische  Geiselhaft zu nehmen und den Westen in einen digitalen Pharmafaschismus zu führen, ist jedenfalls auf allen Eben [sic] zurückgewiesen worden. Und zwar von der größten Demokratiebewegung der europäischen Geschichte überhaupt."

Drunter machen sie’s nicht. Fragen wie die, warum gar nicht mehr von Superschurke Bill Gates die Rede ist, der uns alle per Zwangsümpfung töten und/oder chippen will, und wieso eine internationale Superverschwörung mit quasi unbegrenzten Mitteln, die zudem die Macht hat, bei den Menschen Urvertrauen und Hausverstand auszuradieren, ausgerechnet vor ein paar maskenlosen Demonstranten in die Knie gehen sollte, sind vermutlich unstatthaft.

 





Kommentare :

  1. In einer Weltverschwörung wären Lenz, Ballweg und Schiffmann von Gates ganz am Anfang gechippt worden. Kann man sich eine geheime Herrschaft vorstellen, in der Scheuer für Digitalisierung zuständig ist?

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    1. Also ich kanns nicht. Vermutlich fehlt es mir aber nur an Phantasie, mir vorzustellen, welche Schweinereien im Geheimen so ausbaldowert werden.

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  2. Meine Lieblingssentenz ist ja folgende:

    "In diesem Moment war mir klar, ohne allerdings Genaueres zu wissen: Was hier gerade passiert, das ist böse, das ist das Böse."

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    1. Diese ungenaue Klarheit kann oft die Folge von zu vielen klaren Destillaten sein. Nach solchen Abenden sage ich dann auch oft in mein Spiegelbild: "Mann siehst Du böse aus!"

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  3. "Früher, in den Neunzigern, als man noch gebannt vor dem Fernseher saß und die Abenteuer der wackeren Agenten Mulder und Scully verfolgte, phantasierten viele von Außerirdischen, die Menschen entführen, vorzugsweise im ländlichen Raum, um dann irgendwelche perversen Experimente mit ihnen zu veranstalten. "

    Das galt vor allem für die Bourgeoisie. Die anderen hatten kein Privatfernsehen.
    Weit weniger bekannt, dafür um so öfter, haben sich die "Anderen" zur Finanzierung ihres Lebens freiwillig zu "perversen" Experimenten in die Hand anderer Menschen und ihrer Konzerne begeben. Natürlich auch mit negativen Folgen. Das waren indes mehr Städter, als Landeier.
    Manch einer konnte sich sogar, dank der "Körperwelten", den Bestattungskosten entziehen. Inwieweit dafür Aliens zuständig sein sollten, müsste noch geklärt werden.
    Corona, das als einziges Virus bislang auftritt, wie ein Softwarefehler ("kann man halt nix machen, wa?") legitimiert indes auch den größten Quark jedes Berufsnarzissten (damit ist nicht der Autor gemeint).

    "Komm' lass uns mal ab dann das hier verordnen, dann kannst Du mit dem Geschäft XY noch so eine knappe Million nebenbei machen und ich bekomme Geschäftsanteile zum Vorzugspreis."

    Man könnte natürlich auch vulnerable Gruppen versuchen zu schützen, aber leider haben wir ja nicht das Material. Binnen 3 Tagen wird sich das natürlich ändern. Update: Huch! Nein, leider ist eine Änderung nicht eingepreist.

    "Komm', wir fliegen zum Impfen nach Dubai, machen dann Reha auf Malle und lassen die anderen sich wegen den Regeln kaputt kloppen. Wenn wir wiederkommen, rammen wir ihnen unser neues Regelwerk quer in den Arsch rein und verdienen nochmal. Das Beste: Das bezahlen die Blödmänner alles selber! Das kost' uns keinen Pfennig! Apropos, kennst Du die Villa "Straussensteak in der Schlossallee? Die wird nächste Woche frei, da kannst Du den Zuschlag für bekommen. Astreine Bausubstanz, geeignet für Air B'n'B und Eigentumswohnungen. Ich nehme nur 20 %."

    Die Krise als Chance! Wer würde schon absichtlich damit aufhören wollen?



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    1. „Das galt vor allem für die Bourgeoisie. Die anderen hatten kein Privatfernsehen.“ – Einwand, die Einführung desselben habe ich live mitgekriegt, und es war zu Anfang komplett werbefinanziert. Heißt, wer ʼne Schüssel hatte, der konnte. Jeder Proll.

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  4. Eine Ansammlung von anekdotischen Sprüchen gefolgt von satirisch gemeinter Interpretation – in Erwartung spontanter Heiterkeit. Tritt spätestens beim eingestreuten Otto-Sketch zutage. Dank dieses Kunstgriffs braucht mir niemand den Witz zu erklären. Also Danke.

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    1. Ich antworte mal für den Autoren:
      "Bitteschön"!

      Fred

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    2. @ Unknown so weit nicht schlecht, aber die prägnantere Antwort (nach Quotient aus Bedeutung und Silbenzahl) würde lauten: Gerne. (Aber du machst dich!)

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    3. Gerne schön, Herr Busch.
      Und nun wieder zurück vor den Spiegel, mein Häschen.

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  5. Veronika, der Renz ist da,
    mit seinem süßen Matula.

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  6. Siewurdengelesen8. April 2021 um 10:42

    Bei diesem ganzen Geschwalle hoffe ich eigentlich nur, dass die Verantwortlichen jetzt endlich den Finger ziehen und dafür sorgen, dass schnellstmöglich in der Breite durchgeimpft wird statt nach einem österlichen Wochenende des Nachdenkens zu der grenzenlosen Weisheit eines Brücken-Lockdowns zu kommen. Bei solchen Hirnfürzen fragt man sich echt, ob die gesteigerte Form von doof Ministerpräsident ist oder ob die das mit Absicht machen!?

    Schaut man sich selbst die Proteste der Massnahmengegner an, fragt man sich immer mehr, wofür und wogegen diese eigentlich noch auf die Strasse gehen ausser wegen Mimimi und gefühlte Despotie. Diesen Helden des Widerstands passiert trotz absichtlichen und provokanten Verstossens gegen jegliche Auflagen quasi nichts im Gegensatz zu jeder noch so harmlosen Protestveranstaltung der Gegenseite. Das unrühmliche Verhalten von Polizei und Ministerien mag ich gar nicht kommentieren, das kommetiert sich selbst.

    Und diese Pfosten stilisieren sich immer noch als "Opfer"!

    Andererseits meide ich das Thema Covid-19 weitestgehend, vor allem wenn die Medien jede noch so sinnlose Sau dazu aufblasen und durch´s Dorf treiben. In ein paar Jahren schütteln wir vielleicht nur noch den Kopf über den Mumpitz, der wegen dieser Pandemie veranstaltet wurde, weil uns durch diese Gesellschaft verursachte Probleme existenziell bedrohen und die wir dann nicht mehr mit umsichtigen Verhalten lösen können, weil mit der Natur eine Macht wirkt, die sich weder um Sonntagsreden noch um solche Typen wie Lenz und Co schert...

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    1. „Schaut man sich selbst die Proteste der Maßnahmengegner an, fragt man sich immer mehr, wofür und wogegen diese eigentlich noch auf die Straße gehen außer wegen Mimimi und gefühlte Despotie.“

      Die Verletzung von Grundrechten, also elementarer Bedürfnisse, ist gerechtfertigt bei elementarer Bedrohung des Staatswesens, etwa Überforderung des Gesundheitssystems. Wurde ursprünglich regierungsseitig auch so argumentiert, jedoch nach Obsoleszenz wurde ausgewichen auf andere Kriterien, die im Monatsrhythmus wechselten – Kriterien, die keiner wirklich versteht. (Allenfalls glaubt.)

      Momentanes Ziel ist – meines Wissens, wer mehr weiß möge sich melden – radikale Ausrottung des Covid von der Erdoberfläche.

      Pandemie definiert sich nicht auf weltweite Ausbreitung – dann wäre auch Schnupfen eine Pandemie – sondern auf Mortalität. Deren Zahlen sind zwischenzeitlich bekannt.

      Wo das Kriterium Pandemie nicht mehr greift ist nicht der Staat, sondern Eigenverantwortung angesagt. Alles andere ist verfassungswidrig.

      Aus Gründen der Kürze verzichte ich auf ökonomische Aspekte, etwa Gefährdung es Gesundheitswesens durch Staatsbankrott, sowie auf die fraktalen sonstigen öffentlichen Falschaussagen zu dem Thema.

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    2. @ Siewurdengelesen 8. April 2021 um 10:42 – damit bin ich noch lange nicht fertig! Der Flapsus „ausser wegen Mimimi und gefühlte Despotie“ – auch seitens Bloginhaber Stefan Rose – macht mich immer wieder fassungslos. Was wir hier sehen ist nämlich nicht Zustand! Sondern Trend! Und zwar in die Ballistik des Rechtsstaats! Über die wir morgen erstaunt die Äuglein reiben werden!

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    3. Dann mache ich ja offenbar was richtig. Sehr schön, danke.

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