Samstag, 5. März 2022

Eskapismus an der Wupper

 
Es sind schlimme Zeiten und der Kopf rotiert. Doch das Wetter ist bilderbuchmäßig schön. Also raus in die Welt. Dinge nicht unnötig aufschieben, sondern machen. Durchziehen. Vor vielen Jahren, ich war kein Kind mehr und noch kein richtiger Jugendlicher, machten mein Vater und ich einen Ausflug zu zweit. Es ging nach Wuppertal. Die Schwebebahn hatte es mir angetan und er war wohl auch neugierig. Nebenbei, dachten wir, könnte man sich ja auch noch den Zoo anschauen. Und so taten wir. Es war ein trüber Herbsttag und ich war - enttäuscht. Im Fernsehen glitt die Bahn majestätisch, von Musik untermalt, durch die Höhen. In Wirklichkeit machten die Wagen einen Krach wie eine x-beliebige ordinäre Straßenbahn. 

(Was irgendwie auch logisch ist, denn die Schwebebahn, eigentlich 'Einschienige Hängebahn System Eugen Langen', ist im Prinzip nichts anderes als eine hängende Straßenbahn. Also rumpelte und quietschte es nicht unten, sondern oben. Zumindest machten das die alten, orangen Wagen damals.)

Da Wuppertal nicht allzu weit ist, beschloss ich: Auf ins Tal der munteren Wupper, Runde Schwebebahn fahren und was angucken. 


Steigt man an der Endhaltestelle Vohwinkel ein (der Bahnhof der S 9 und ein kostenloser Park & Ride-Parkplatz sind ein paar hundert Meter entfernt), geht es die ersten Kilometer über die 'Stadtstrecke', dicht an den Räumen der ersten Etage entlang (die Betreibergesellschaft soll den Anwohnern einst Gardinen bezahlt haben, damit die Damen bei ihrer Abendtoilette vor eventuellen lüsternen Blicken voyeuristisch ambitionierter Fahrgäste verschont blieben). Danach schwenkt man auf die 'Wasserstrecke' die bis zum anderen Endpunkt in Oberbarmen über dem Flussbett der Wupper entlangführt.



Die auch innen schicken neuen Wagen fahren übrigens, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, deutlich leiser und ruhiger.

Zwei Stationen aus den Gründungsjahren wurden wiederhergestellt und haben ihren  Jugendstil-Charme erhalten: Völklinger Straße und Werther Brücke
 



Drei Mal raten, woher die namensgebende Brücke der Station 'Adlerbrücke' ihren Namen hat...


Gleich gegenüber liegt das Geburtshaus von Friedrich Engels, das man besichtigen kann. Heißt es zumindest. Ist nicht wirklich mein Humor, wenn überall steht "Engels-Haus geöffnet von Dienstag bis Sonntag 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr", und man dann am Samstag um kurz nach elf vor verschlossenen Türen steht. Auf denen exakt das eben Zitierte prangt. Also ein kleiner Bummel durch Barmen nebst Mittagsimbiss. Hier sind übrigens gleich zwei große Geldabgreifer-Gesellschaften beheimatet, die Barmenia Versicherung und die Barmer. Wirklich nur Zufall? Dem verkrampft auf kreativ machenden Friseur entkommt man auch hier nicht:


Bergische Kaffeetafel, Sparversion...


Auf dem Sockel des grimmig dreinblickenden Bismarck turnen gern Kinder herum. Nicht die schlechteste Nutzung, will mir scheinen. 


Auf dem Rückweg dann ein Abstecher nach Neviges (Grüße gehen raus). Der mittlerweile zu Velbert gehörende Wallfahrtsort ist berühmt für den brutalistischen, 1966 bis 1968 erbauten, von Gottfried Böhm entworfenen Mariendom. Von Einheimischen und Pilgern ursprünglich abgelehnt und als 'Affenfelsen' geschmäht, ist der Trumm längst weithin akzeptiert.




Die Wirkung des Innenraums ist großartig und erinnert bewusst an einen Marktplatz (daher die Gestaltung der Lampen). Auch für den Kaum- oder Ungläubigen haben die stillen Häuser Gottes den unschlagbaren Vorzug, so keine kultischen Handlungen stattfinden, "lallbackenfreie Zonen" (Droste) zu sein, Oasen der Ruhe, in denen sich einkehren lässt (für die verbrecherischen Fehlleistungen von Teilen des Personals können die Häuser schließlich nichts).
 


Außerdem soll es Menschen geben, die es tröstlich finden, an einem solchen Ort eine Kerze zu entzünden, wenn sie das Gefühl haben, dass Hilfe nötig ist. Nützt vielleicht nichts, schadet aber auch nicht.
 

Was ich sagen will: Auch wenn es schwerfällt, weg vom Smartphone, weg vom Internet. Raus, was Schönes unternehmen. Ablenkung tut bitterer Not denn je. Die schlechten Nachrichten sind auch ein paar Stunden dann noch schlechte Nachrichten, wenn man nicht andauernd draufstarrt wie ein hypnotisiertes Kaninchen.

Außerdem ist hier schon lange keine Reisereportage mehr erschienen.







5 Kommentare :

  1. Meine Ex ist aus Remscheid. Also mussten wir auch eines Tages mit der Schwebebahn im Nachbarstädtchen fahren. Das Kind im Mann. Es war weniger enttäuschend als unsere Fahrt durch den Tunnel von Calais nach Dover. Da sieht man nämlich gar nichts, das Abenteuer unter dem Meer findet ausschließlich im Kopf statt.

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  2. ... die Schwebebahn ist cool. Das Ding war einmal Teil meines Schulwegs und ich genaß jede Minute Fahrt!

    Gruß
    Jens

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  3. Ich steh auf alte herunter gekommene Malocherstädte. Das geoarchitektonische Kunststück Wuppertal hat etwas, lang und schmal.
    Und klar, die Schwebebahn ist der Hit.
    Mehr davon!

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