Irgendwann in den Neunzigern las ich irgendwo mal ein Interview mit dem ehemaligen Monty Python-Mitglied John Cleese. Ein Satz ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Cleese sagte, er fühle sich in Wien immer sehr wohl, denn dort habe man bereits das hinter sich, was Großbritannien noch bevorstünde: Die Abschaffung einer sehr alten, sehr traditionsreichen Monarchie, deren Umwandlung in ein Museum und die Einführung der Republik. Er sei durchaus zuversichtlich, das in Großbritannien noch zu erleben.
(Übrigens konnte man nach einem 1848 erlassenen Gesetz im Vereinigten Königreich mit bis zu lebenslanger Haft bestraft werden, wenn man öffentlich Werbung für die Abschaffung der Monarchie und einen republikanischen Staatsumbau machte. 1998 haben Gerichte das insofern abgeschwächt, dass dergleichen nicht mehr unter Strafe steht, sondern unter Meinungsfreiheit fällt, sofern keine Gewalt im Spiel ist.)
Aktuelle Ereignisse geben mir das Gefühl, das es die richtige Entscheidung gewesen sein könnte, mir die Krönungszeremonie des aktuellen Oberhaupts des Vereinigten Königreichs live im TV angeschaut zu haben. Es könnte nämlich eine der letzten gewesen sein. Es spricht das eine oder andere dafür, dass die aktuelle Krise des britischen Königshauses, die in in der Verhaftung Andrew Mountbatten-Windsors, formerly known as Prinz Andrew, vorerst gipfelte, sich nicht mehr ohne weiteres wird wegmoderieren lassen. Ich kann mich natürlich täuschen, aber das letzte Mal, als in Europa ein derart hochrangiger Hochadliger verhaftet wurde, ging das meines Wissens noch so aus, dass der Betreffende das nicht überlebte. Das droht hier nun nicht. Sage niemand, es gäbe keinen erkennbaren Fortschritt in der Geschichte der Menschheit.
This is Insane ‼️
— Concerned Citizen (@BGatesIsaPyscho) February 20, 2026
The Kings Brother - Prince Andrew became the first UK Royal Family Member to be arrested in 350 years for his Jeffrey Epstein connected crimes.
6 Police Officers arrested him on his 66th birthday - exactly 666 days after the one and only time a Royal King’s… pic.twitter.com/P50gNfmtXF
Dass sie den Ex-Adligen überhaupt hopsgenommen haben, war wohl nur möglich, weil Andrew quasi kaum noch zur Famile gehört und weil die Polizei wirklich etwas gegen ihn in der Hand hatte. Dass das Königshaus überhaupt mit der bürgerlichen Ordnungsmacht kooperiert, ist bereits ein Zugeständnis (wie auch die Tatsache, dass die Krone seit 1993 freiwillig Steuern zahlt). Normalerweise werden royale Fehltritte immer diskret gehandhabt. Polizist:innen und Staatsanwält:innen kamen -- nach vorheriger Genehmigung -- unauffällig durch den Lieferanteneingang, Geldstrafen wurden normalerweise akzeptiert. Zum Beispiel als Prinzessin Anne mal wegen überhöhter Geschwindigkeit gestoppt wurde. (Royals besitzen übrigens keinen Führerschein.)
Wenn es heißt, auch die Monarchie stünde nicht über dem Gesetz, dann ist damit vor allem gemeint, dass auch sie in einer konstitutionellen Monarchie an die Verfassung gebunden ist, ansonsten genießen Royals so einige Privilegien: Der König und andere Mitglieder des Königshauses brauchen sich an etliche Regeln nicht zu halten, die für die Untertanen gelten. Dieses Konstrukt lässt sich im 21. Jahrhundert, wenn immer mehr Gesellschaften mit dem Prinzip des Gottesgnadentums zunehmend Probleme haben, nur aufrecht erhalten, wenn die Royals dies als eine Art Vertrauensvorschuss betrachten, den sie sich jeden Tag aufs Neue verdienen müssen. Durch untadelige Amtsführung und einen ehrenwerten Lebenswandel.
Und hier kommt postum die 2022 verstorbene Elizabeth II. ins Spiel. Was man auch sonst an ihr zu kritisieren haben mochte, war sie Zeit ihrer Regentschaft immer ein Ausbund an Pflichterfüllung, Disziplin und Haltung. Mochte die nächste Generation ihren Eskapaden nachgehen, sich scheiden lassen, von Paparazzi geknipst werden und die Yellow Press bevölkern, die Chefin hielt den Laden eisern zusammen. Dieses Denkmal könnte jetzt Risse bekommen.
Weil auch die Ex-Monarchin ein Mensch war, hatte sie für ihren problematischen Sohn Andrew immer eine besondere Vorliebe. Der Fummelfürst mit dem Army-Hintergrund galt, allen Kapriolen zum Trotze, als ihr Lieblingssohn. Angesichts der momentanen Ermittlungen gegen ihn stellt sich die Frage: Hat die Krone da etwas vertuscht und, wenn ja, was und wie lange. Das Tempo, in dem Bruder Charles ihm nacheinander ein Privileg nach dem anderen genommen hat, von denen als letztes sein achter Platz in der Thronfolge geblieben ist, gibt da durchaus Anlass zu Spekulationen. Sollten die sich bewahrheiten, dann würde das die britische Monarchie in ihren Grundfesten erschüttern.
Ferner sollte erwähnt werden, dass dem Ex-Edelmann nichts vorgeworfen wird, das im Zusammenhang mit sexuellen Missbrauch Minderjähriger zu tun hat. Die Vorwürfe, derentwegen die Polizei ermittelt, betreffen allein Amtsmissbrauch durch Weitergabe von als vertraulich eingestuften Informationen. Diejenigen, die sich schon gefreut haben mochten, dass die juristische Aufarbeitung von Sexualstraftaten im Umfeld von Jeffrey Epsteins Netzwerk mit einem derartigen Paukenschlag beginnt, mögen da vielleicht enttäuscht sein. Oder sich daran erinnern, dass man auch Al Capone letztlich wegen Steuerhinterziehung drangekriegt und eingeknastet hat.
(Ein schöner Anlass nebenbei, sich Brian de Palmas Meisterwerk 'Die Unbestechlichen' wieder einmal anzusehen.)
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