Die von der Presse nahezu unisono gefeierte Serie 'Kacken an der Havel' ist eine weitere gescheiterte deutsche Humor-Bemühung. Die zudem einen interessanten politischen Subtext hat.
Glaubt man den überwiegend hymnischen Besprechungen der auf Netflix zu streamenden neunteiligen Serie 'Kacken an der Havel', dann handelt es sich um einen Geniestreich, dann ist dort nicht weniger geschehen als die Rettung des darniederliegenden deutschen Humors. Denn 'Kacken an der Havel', so der nicht selten anzutreffende Subtext, sei ja nicht produziert worden vom drögen, verpupten, woken öffentlich-rechtlichen Ärmelschoner-Staatsfunk, der -- LAAAME! -- immer politisch korrekt auf Diversität und Quote achtet/achten muss, sondern von den coolen Boys and Girls von Netflix. Was kann da schon schiefgehen? Eine ganze Menge, wie sich zeigen wird.
Worum geht es? [Ab hier Spoiler.] Der Tunichtgut Toni Fleischer (Anton 'Fatoni' Schneider) ist Mitte dreißig, arbeitet in Berlin als Pizzabäcker und träumt von einer großen Karriere als Rapper. Am Wochenende tritt er bei Battle Raps mit überschaubarem Erfolg gegen zumeist jüngere Gegner an. Eines Tages stirbt seine Mutter (Ruth Reinecke), eine ehemalige DDR-Olympionikin, die im (fiktiven) brandenburgischen Nest Kacken an der Havel einen Abschleppdienst betrieben hat, unter schrägen Umständen. So muss Toni zurück in sein Heimatdorf zu seiner sauber durchgebratenen Familie. Das sind seine Schwester Nancy (Jördis Triebel), eine überkorrekte Polizistin mit vier Kindern, seine beiden anderen Schwestern Karo und Kaia (Sophia und Jana Münster) und der Lebensgefährte seiner Mutter (Dimitrij Schaad), der deutlich jünger ist als er.
Gerade angekommen, erreicht ihn trotz lückenhafter Netzabdeckung der Anruf der Mitarbeiterin eines Plattenlabels (Taneshia Abt). Sie hat Tonis letzten Auftritt gesehen, bei dem er völlig aus der Haut gefahren ist, weil er kurz zuvor vom Tod seiner Mutter erfahren hatte, und will, dass er binnen zwei Wochen einen Hit schreibt. Also muss er zurück nach Berlin. Auf dem Weg überfährt er zunächst eine Ente, adoptiert ihr computeranimiertes Küken und begegnet vor allem seinem Sohn Charly (Sky Arndt), die Frucht einer Party-Affäre mit seiner Jugendliebe Jana (Hannah Ehrlichmann), die in Kacken einen Friseursalon und ein Bestattungsinstitut unter einem Dach führt.
Das alles ist zunächst hübsch gedacht, durchaus ambitioniert und auch gar nicht unwitzig gemacht. Der Off-Kommentar nervt zuweilen, sorgt aber auch für Lacher. Dass wenn auf die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer angespielt wird, das Netflix-Jingle ertönt, ist nette Selbstironie. Und sonst? Nicht mehr viel. Sagen wir so: Wer in Sachen Humor mit sehr schlichter Ware zufriedenzustellen ist, wird hier voll auf seine Kosten kommen, derweil alle anderen bald das große Gähnen befallen wird. Weil dieser Produktion, wie schon im Fall der misslungenen Serie 'Doppelhaushälfte', ein schiefes Verständnis von Komik zugrunde liegt.
Die entsteht, einem verbreiteten Missverständnis zum Trotze, eher weniger, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht oder eine Torte ins Gesicht bekommt, sondern vor allem dann -- Stichwort: Fallhöhe --, wenn Durchschnittlichkeit und Normalität aus der Rolle fallen und sich zum Gemüse machen. Fast könnte man meinen, das werde an deutschen Filmhochschulen offenbar nicht mehr gelehrt bzw. in deutschen Produktionsfirmen nicht mehr verstanden. Denn wie anders ist es sonst zu erklären, dass das komplette Personal in Tonis Heimatort aus so genannten 'schrägen Typen' besteht? Alle haben einen Spleen, einen Klaps, sind irgendwie drüber, einen Tick zu bunt angezogen, haben ausgeflippte Hobbys etc. Vermutlich ist das so, damit wirklich auch alle kapieren: Obacht, hier sind schräge Vögel, hier wird's also lustig! Wird es aber nicht, sondern eher so lustig wie lustige Hüte.
(Wer sich anschauen möchte, wie man den Topos, dass der wahre Wahnsinn nicht in den Metropolen, sondern auf dem Dorf zu Hause ist, komödiantisch gültig verarbeitet, sehe sich die ersten drei Staffeln 'Mord mit Aussicht' an oder die Krimis um den Eberhofer Franz und vergleiche.)
Vollauf zufrieden wird ferner sein, wer die Proben der Schulband als x-hunderste lahme Karikatur eines verkrampft sich um Lockerheit und Jugendnähe bemühenden Bildungsbürgertums goutieren kann. Haha, wie der klemmschwule Aushilfslehrer sich da an 'Love Hurts' von Nazareth abmüht. Huhu, köstlich! Oder die blatant eindimensionale Diktatorinnen-Parodie von Veronica Ferres als Bürgermeisterin. Dass am Ende [Spoiler!] alles hinausläuft auf die Restauration des konventionellen reaktionären Familienbildes, Toni sich also mit seiner Familie aussöhnen, Verantwortung übernehmen und seinem Sohn ein guter Vater sein muss, um wirklich komplett zu sein und zum Star zu taugen, was dann aber eh unwichtig erscheint, ist ebenso vorhersehbar. Nur bekommt man dergleichen bei Rosamunde Pilcher schon nach etwa 85 Minuten und muss nicht neun immer zähere Folgen durchstehen. Wieso ausgemachte Fachkräfte wie Jördis Triebel, sogar Matthias Brandt sich dafür hergegeben haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.
Hier könnte diese Rezension enden. Tut sie aber nicht. Denn es wird noch richtig ärgerlich.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, ist 'realistisch' kein valides Kriterium, wenn es um Fiktion geht. Es geht um Glaubwürdigkeit. Science Fiction und Fantasy zum Beispiel sind in technischer Hinsicht normalerweise alles andere als 'realistisch', stimmen aber Story und Figuren oder auch Setting, kann die jeweilige Geschichte höchst glaubwürdig sein. Bei 'Kacken an der Havel' ist das nicht der Fall.
Wer mich kennt oder gelegentlich hier vorbeischaut, weiß, dass ich derzeitige Denkmoden und Konzepte wie Identitätspolitik, Postkolonialismus und 'kulturelle Aneignung' für problematisch bis deppert halte. Es heißt daher so einiges, wenn sogar mir sauer aufstößt, dass das titelgebende Kaff an der Havel ein nahezu rein (ost)deutsches Auenland ist, in dem dunkelhäutige(re) Menschen allenfalls am Rande als Staffage vorkommen. Dass niemand echte existenzielle Sorgen zu haben scheint, mag man noch unter die Kategorie 'Überzeichnung' abheften, aber wie glaubwürdig bitte ist ein Setting, das in der Gegenwart angesiedelt ist, in dem aber kein Fitzel aktuellen deutschen Alltags erkennbar ist? Die auf ethnisch homogenen Hochglanz polierte Weißheit des Ganzen, als habe dort die 'A'fD ihre Remigrationspläne bereits voll durchgezogen, begann mir ab der dritten Episode geradezu schmerzlich ins Auge zu stechen.
Ja, verstanden, das namengebende Nest ist ein fiktives Kleinstädtchen, da darf das. Aber auch dort würde es inzwischen zumindest irgendwo eine Dönerbude an der Ecke geben. Auch der HipHop-Halbgott, der Toni im bedrogten Zustand zu seinem Hit verhilft, mag zunächst rüberkommen wie ein Balkan-Gangsta, heißt aber Rick Schmandtke und redet ungefähr wie Frank Thelen. Dass die HipHop-Kultur einst in der afroamerikanischen Community New Yorks entstanden ist, mag meinetwegen inzwischen verjährt sein. Dass aber an keiner Stelle auch nur am Rande auftaucht, dass Deutschrap, den man mögen kann oder nicht, in den letzten Jahrzehnten maßgeblich von migrantischen Akteuren geprägt und groß gemacht wurde, was einem vielleicht nicht passen mag, aber so ist, das ist vielleicht mehr als ein großer weißer Fleck, sondern möglicherweise volle Absicht. Könnte es sein, so steht irgendwann die Frage im Raum, dass hier auch Sehnsüchte bedient werden?
Hinge ich den obigen Denkschulen an, dann könnte ich diese verunglückte Serie durchaus als deutsche Kolonisierung des Genres Rap bezeichnen. Bis ihm alle Härte, Wut, Rauheit, Unmittelbarkeit und Authentizität wegpoliert wurden und nur mehr 'Herz' als wichtigstes übrig ist. So jedenfalls sieht es die Tante vom Label. Deutsche Innerlichkeit for the win!
Netflix ist nicht proporzgebunden, muss daher weniger auf Rundfunkstaatsverträge und Rundfunkräte Rücksicht nehmen als die Öffentlich-rechtlichen. Es scheinen also maßgebliche Leute mit Geld geglaubt zu haben: Das wollen die Leute sehen! Dass 'Kacken an der Havel' es bei Netflix nicht in die deutschen Top Ten geschafft hat, versöhnt ein wenig und sagt einiges Beruhigende aus über den Geschmack des Publikums. Dass diese Serie vom deutschsprachigen Föjetong aber nahezu einhellig überschwänglich gefeiert wurde, kann einen hingegen sehr wohl nachdenklich stimmen. Um auf dem Niveau der rezensierten Serie zu bleiben: Geht kacken!
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Kacken an der Havel. D 2026. 9 Folgen, auf Netflix.
... das Humor-Niveau der Doppelhaushälfte ist für mich im Bereich "auweia" angesiedelt. Ich habs mal ca. 5 bis 10 min. ausgehalten.
AntwortenLöschenBTW: wers nötig hat, mit dezentem Fäkalhumor im Titel zu spielen ... naja.
Besser gemacht wurde es bei:
Kleine Haie, Lammbock, Nie mehr zweite Liga, erste Folge Musterknaben ... alles genauso gut wie Schtonk erzählt. Eberhofer war lange
Zeit Ok, hat sich aber nach der dritten oder 4. Folge vollkommen tot gelaufen — eindimensional geworden. Die Figuren sind auserzählt.
Gruß Jens