Dienstag, 17. März 2026

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (32)

 
Wie viele, habe ich für das aktuelle Auto so einen Fernbedienungsschlüssel, der sehr praktisch ist. Schont nicht nur das computermausgeplagte Handgelenk, weil man sich jedes Mal das beschwerliche Drehen des Schlüssels im Türschloss erspart und das nur noch beim Anlassen des Motors nötig ist. Nein, man findet das Vehikel auch im Stockdunkeln auf einem unbeleuchteten Parkplatz wieder, wenn man vergessen hat, wo man die Karre abgestellt hat. Ein Tastendruck, blink blink, huhu, hier bin ich! Irre !Bei der nächsten Generation Superschlüssel spart man sich angeblich sogar die beschwerliche Drehung im Zündschloss.

Wahnsinn, dieser technische Fortschritt! Wenn man bedenkt, dass wir damals noch eine Lötlampe unterstellen mussten und dann mit der Kurbel... Ich meine, mich daran zu erinnern... Oder war das dieses Oldtimer-Traktorfestival? Egal.

Nun haben diese elektronischen Miniatur-Wunderkästchen die dumme Eigenschaft, elektronisch zu sein. Also Strom zu brauchen. Der irgendwo herkommen muss. Und weil es eine schlechte Idee wäre, das per Kabeltrommel zu regeln, werden diese Geräte von kleinen Batterien in Gang gehalten. Die irgendwann mal leer sind. So die Tage passiert. Also brach ich auf in die Innenstadt, Ersatz zu besorgen. Sicherheitshalber hatte ich die gut hemdenknopfgroße Energiepille ausgebaut, um bei Bedarf jederzeit ein Muster parat zu haben. Da ich stadtnah wohne, ließ sich das per pedes erledigen. Dachte ich.

Der erste Weg führte mich zum Nahversorger in der Nachbarschaft, da ich mich zu erinnern meinte, dass der neben der Kasse ein bescheidenes Batteriesortiment feilhält. In der Tat waren auch Knopfbatterien in etlichen Farben, Formen und Größen vorrätig. Aber nicht in meiner. Nun gut. Wäre vielleicht auch ein wenig viel verlangt gewesen. 

Nächste Station: Eine Drogeriemarktfiliale. Die gute Nachricht: sollte ich irgendwann ein Hörgerät benötigen und dessen Batterie schlappmachen, hier würde ich garantiert fündig. Was zwar gut zu wissen ist, mir aber in der aktuellen Situation nicht weiterhalf. Weil das benötigte Modell eben nicht da war. 

Next stop: Die Filiale eines Fachmarktes, wo man einst für sich in Anspruch nahm, nicht blöd zu sein. In der Tat waren wohl mehrere Meter Regal allein für Batterien reserviert. Wenn auch längst nicht vollständig bestückt. Nachdem ich alles einmal systematisch abgescannt hatte und mir vorgekommen war wie der Terminator T-1000, machte ich mich daran, nach Fachpersonal Ausschau zu halten. Zur Sicherheit. Konnte ja sein, dass ich was übersehen hatte. Nun gibt es zwischen einem Warenregal und Verkaufspersonal einen kleinen, aber nicht unwichtigen Unterschied: Bei ersterem handelt es sich normalerweise um ein stationäres Ziel, um im T-1000-Modus zu bleiben, bei letzterem hingegen um ein bewegliches. Was die Sache ein wenig erschwerte.  

"Verzehyt, Euer Liebden, Ihro wertvolle Zeit mit Beschlag zu belegen, doch bedarf es meyner nach eyner Bakterie wie dieser..."
"Wir hamm nur, was da drüben ist.", gab er knapp zur Antwort, nebst einem Kopfnicken gen jenes Regal, das ich soeben gründlich durchsucht hatte. Und ward so geräusch- wie spurlos wieder verschwunden. Die Audienz war offenbar beendet. Nun gut, Verkäufer ist nicht umsonst ein Beruf, den man zwei Jahre lernen muss. Außerdem war es schon fast 18 Uhr. Der Tag neygte sich bereyts.

Grumpf.

Letzter Versuch: Die gegenüberliegende Filiale eines Hökers, bei dem alles angeblich nur einen Euro kostet. Und tatsächlich, da wurde ich fündig. Na ja, sort of. Die gewünschten Batterien waren nur zu zweit im Set erhältlich. Zusammen mit 22 anderen, die ich vermutlich niemals im Leben brauchen werde. Die freundliche Verkaufskraft meinte, anders gäbe es die nicht. Irgendwann einmal gab es diesen Begriff. 'Konsumterror', glaube ich. 


Optionen? Per Auto gen Stadtrand fahren und einen Bau- oder Autoteilemarkt aufsuchen? Im Netz bestellen? Und dann am übernächsten Tag nicht erreichbar sein und extra noch zur Post müssen, weil die gestresste, prekäre DHL-Lieferkraft es nicht zuwege bringt, etwas beim Nachbarn abzugeben, oder was? Nix da, ich wollte das vom Hacken haben. Also Konsumterror.

Aber die Affäre war noch nicht zu Ende. Fast forward, wieder daheim. Batterie eingebaut und -- nichts. Auto reagiert nicht. Nichts blinkt, geschweige denn werden Türen entsperrt. Nada. Also Schlüssel wieder zerlegt, denn es kann ja sein, dass ich das Ersatzteil irgendwie falsch eingesetzt habe. Passt alles. Bedienungsanleitung des Autos gewälzt. Ohne Ergebnis. Das Netz wusste die Rettung. Ich erfuhr, dass es passieren kann, dass der Schlüssel wieder mit dem Wagen synchronisiert werden muss. Hierzu war, wie ich lernte, folgendes heilige Ritual nötig: 

Reinsetzen. Fahrertür auflassen.
Schlüssel ins Zündschloss, drei mal Zündung an und aus. 
Drei mal die Fahrertür schließen und öffnen.

Noch was? Diverses Räucherwerk abbrennen vielleicht? Bei Vollmond Beschwörungsformeln auf Elamisch murmeln? Rituelle Tänze aufzuführen? 

Ich tat also wie geheißen. Es piepte, die Zentralverriegelung schloss und öffnete einmal und alles funktionierte tatsächlich wieder. Es war also nicht nötig, Räucherwerk abzubrennen, Beschwörungsformeln zu murmeln und rituelle Tänze aufzuführen. Es hatte dennoch etwas davon, wir Tom Hanks in 'Cast Away' auf einer einsamen Insel Feuer gemacht zu haben. 








1 Kommentar :

  1. ... willkommen in der modernen Welt.
    ... dem Obszoleszens-Paradies in welchem Dinge nicht mehr repariert werden, sondern wegen defekter "Bruchteile von Pfennigen Bauteile" entsorgt werden.
    ... Bauteile werden eingeklebt, eingeschweißt, "gibts nicht mehr"
    Gruß Jens

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