Samstag, 2. Mai 2026

Scheck, lass nach!


Als ich zu Beginn der Neunziger das Studieren begann, tat der Ordinarius für Literaturwissenschaft das, was alle seiner Zunft bei Erstys machen: Ein Einführungsbuch ins wissenschaftliche Arbeiten empfehlen nämlich. In dem von ihm Empfohlenen befand sich eine Passage, in der es sinngemäß hieß, man solle nicht verzweifeln, wenn eine Lehrperson einem die mühevoll verfasst Seminararbeit gnadenlos zerpflücke. Wer mit etwas an die Öffentlichkeit ginge, und auch so eine Prosemiararbeit sei ja ein wissenschaftliches Paper, müsse unter Umständen damit rechnen, dass die Späne flögen. Im Gegenteil sei es im Massenbetrieb Universität geradezu ein Kompliment, wen ein:e Professor:in oder Dozent:in sich die Zeit nähme, eine Arbeit detailliert auseinanderzufieseln.

Nun ist Literatur nicht Literaturwissenschaft, aber auch dort gilt: Wer ein ernstes Problem damit hat, dass seine/ihre Arbeit öffentlich kritisiert, gar verrissen wird, sollte vielleicht keine Bücher veröffentlichen und sich um einen anderen Job bemühen. Kürzlich besprach der Literaturkritiker Denis Scheck in der Sendung 'Druckfrisch' das aktuelle Buch 'Alt genug' der Autorin Ildikó von Kürthy. Er bezeichnete es als "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit" und befördete es dann, wie er das immer tut, per Rollband in die Tonne. Was ihm eine Art Feuilleton-Shitstorm einbrachte. Aus dem sich allerdings, wie wir noch sehen werden, vermutlich einiges lernen lässt.

Schecks Urteil war noch eines der milderen Verdikte der Literaturkritik, da wurden schon ganz andere Kaliber verballert. Zumal es eine Autorin traf, die etliche Bestseller geschrieben hat, hervorragend etabliert ist und die die spitze Bemerkung eines Kritikers nicht um ihre wirtschaftliche Existenz bringt (zumal Erfahrung zeigt, dass Verrisse sich auch durchaus verkaufsfördernd auswirken können). Keine große Sache, sollte man meinen. In diesem Fall aber formierten sich einige Scheck-Kritikerinnen, allen voran Elke Heidenreich und Sophie Passmann, die Kollegin zu verteidigen und die Absetzung des bösen Büchermüllmannes zu fordern.

Ganz im Stil der Zeit wurde sich nicht groß mit Argumenten aufgehalten, sondern es ging gleich ad hominem. Es wurde gelästert über Schecks Habitus, seine Anzüge, Krawatten und Einstecktücher und ihm, was nicht fehlen durfte, vorgeworfen, frauenfeindlich und ein alter weißer Mann zu sein. Von Kürthy selbst stellte mokant die Frage in den Raum, wie viele Bestseller Scheck selbst denn so geschrieben habe, weil bekanntlich nur Autor:innen berechtigt sind, über Bücher bestimmter Autorinnen zu urteilen. Dem lässt sich leicht begegnen mit dem Churchill zugeschriebenen Zitat, dass man kein Huhn sein müsse, um ein faules Ei identifizieren zu können. So macht das jedenfalls meine liebe, als Lehrerin sich verdingende Studienfreundin T. immer, wenn Eltern(teile) ihr die spitze Frage stellen, ob sie eigentlich selbst Kinder habe bzw. ob sie als Kinderlose überhaupt qualifiziert sei, die evidente Hochbegabung der Brut zu beurteilen. Das mit der Frauenfeindlichkeit ließ sich ebenfalls entkräften, da Scheck beweisen konnte, seine negativen Urteile einigermaßen genderneutral zu verteilen.

Was, stellt sich die Frage, schwebt von Kürthy, Passmann, Heidenreich et al. denn bitte als Alternative vor? Wer eine Vorahnung bekommen mag, sehe sich Klappentexte vornehmlich US-amerikanischer Bücher an. Da wird gelobt, gerühmt und bejubelt, dass die Heide weint, alles ist ausnahmslos "brillant", "A masterpiece!", "profound", "witty" und was auch sonst. Ferner scheint es immer seltener um Hermeneutik und Analyse zu gehen, sondern immer öfter darum, ob ein Buch "mich mitnimmt", "mich abholt", ob ich "das fühle" usw. Das mag im privaten oder halbprivaten Rahmen und bei Leser:innenbewertungen gewiss seine Berechtigung haben, im Bereich der professionellen Literaturkritik ist das fatal. Vor allem aber ist es: zu Tode langweilig.

Die interessante Frage ist wie so oft, warum das alles geschieht. Jenseits von Kulturpessimismus erscheint mir das vor allem ein weiteres Indiz zu sein für das zunehmende, unter anderem 'sozialen' Medien geschuldete Verschwinden der Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum. In Zeiten, in denen Öffentlich und Privat weit strikter auseinandergehalten wurden, war es allgemein akzeptiert, dass man sich öffentlich zoffen mochte wie die Kesselflicker und privat trotzdem gut miteinander konnte. Heute hingegen regiert immer öfter der Anspruch, die Welt habe ein einziger großer Safe Space, eine einzige Wohlfühlzone zu sein. Im Theater etwa scheinen immer mehr überfordert zu sein mit dem Gedanken, dass ein Schauspieler, der auf der Bühne einen Bösewicht spielt, deswegen kein böser Mensch sein muss. Schlimmstenfalls kann das in Gewalt ausarten.

So hat sich auch ein pseudopsychologisches Therapiesprech in die Alltagssprache geschlichen, das einem zuweilen das Gefühl gibt, nicht in einem Café, sondern der Cafeteria einer psychiatrischen Klinik gelandet zu sein. Ein misslungenes Date, ein unglücklicher Flirtspruch etc. ist "traumatisch", man ist "getriggert", fühlt sich "gegaslightet", wer sich eine dumme Bemerkung anhören muss, sieht sich "gemobbt", jede Verstimmtheit wird zur "Depression" hochdramatisiert, ADHS haben inzwischen alle, die die Füße fünf Minuten nicht ruhig halten können und wer morgens nicht gut in die Gänge kommt, verortet sich irgendwo im Autismusspektrum. Sogar die sauerländische Kanzlerverspannung, die erst kürzlich noch vor der Mittelstands- und Wirtschaftsunion verfügte: "Hören wir doch mal auf, so larmoyant und so wehleidig zu sein.", bejammert inzwischen öffentlich die Unbill, die ihm als Bundeskanzler fortwährend widerführe. Er hätte natürlich auch sagen können, er habe sich das mit dem Kanzlersein irgendwie einfacher vorgestellt. Immerhin sieht er sich nicht "traumatisiert".

Damit sollen ernsthafte und ernst zu nehmende Krankheitsbilder wie Traumata, Depressionen, ADHS, Autismus etc. um Himmels Willen nicht verharmlost oder Lächerliche gezogen werden. Auch ist es eine positive Entwicklung, dass Betroffene heutzutage viel eher darauf hoffen können, Hilfe zu bekommen als vor Jahrzehnten. Früher war ja keineswegs alles besser. Aber ein derart inflationärer Gebrauch zeugt von einer weiteren tiefgreifenden Veränderung im gesellschaftlichen Alltag: War es einst verpönt, Umwelt und Mitmenschen mit dem eigenen Befinden und Innenleben zu behelligen und hatte man das gefälligst privat zu regeln, gilt inzwischen uneingeschränkt das Motto, das Wiglaf Droste einst in dem Reim zusammenfasste: "Haste Kummer? -- Opfernummer!"

Bleibt die Frage, wieso das alles passiert bzw. ob das wirklich nur Zufall ist. Der von mir geschätzte Philosoph Robert Pfaller stellte mal eine durchaus stimmige Hypothese auf: 

"[Man] muss einfach zwei Entwicklungen hier parallel lesen: Auf der einen Seite haben sich die Verhältnisse unglaublich brutalisiert, wenn jedes fünfte deutsche Kind unter der Armutsgrenze lebt in so einem reichen Land, dann kann doch irgendwas nicht ganz richtig gelaufen sein, und auf der anderen Seite sind genau diese Entwicklungen, die dann immer härtere Verhältnisse hervorgebracht haben, von einer Kultur begleitet worden, die ein immer zartfühlenderes Verständnis für irgendwelche möglichen Verletzlichen entwickelt hat, und ich denke, dass dieses Zartgefühl, das ja zunächst emanzipatorisch und sozial anmutet, in Wirklichkeit der Komplize dieser Brutalisierung in der Gesellschaft ist." (Pfaller, a.a.O.)

Und in solchen Verhältnissen ist es eben nicht mehr part of the game, wenn ein Literaturkritiker bloß seinen Job macht, sondern vielmehr eine nicht hinnehmbare persönliche Verletzung, die mit fristloser Kündigung zu ahnden ist.








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