Samstag, 22. August 2026

Auf Reisen (17)


Im Frühsommer war die Idee gekeimt, zwecks Urlauben von Dortmund aus Bratislava per Flug anzusteuern, nach ein paar Tagen von dort per Zug weiterzureisen ins naheliegende Wien, dort wiederum ein paar Tage zu verbringen und am letzten Tag wieder retour in die slowakische Metropole, um von da den Heimflug anzutreten. Da ich lange nicht mehr von diesem putzigen Kompaktflughafen am Westrand des Ruhrgebiets aus geflogen bin, war ich doch ziemlich baff, dass selbiger vor allem dank der ungarischen Günstigfluglinie Wizz, die dort wohl 90 Prozent aller Flüge abwickelt, sich zu einer Art Osteuropa-Drehkreuz gewandelt hat. Täglich gehen Flüge in alle Länder des ehemaligen Ostblocks außer nach Russland und in die Ukraine.

Nach der Ankunft chauffierte ein freundlicher indischer Bolt-Fahrer in einer knappen Viertelstunde zum klimatisierten Hotel, wofür gut 10 Euro fällig wurden. Bolt ist hier groß, sehr groß. Was sich im weiteren Verlauf noch als sehr hilfreich erweisen sollte. Uber gibt es natürlich auch, spielt aber mehr eine untergeordnete Rolle, was ich erfreulich finde.


Bratislava, a.k.a. Pressburg, war mal eines der Zentren der Habsburgermonarchie. War ab dem 16. Jahrhundert die provisorische Hauptstadt Ungarns, von dem große Teile an das Osmanische Reich abgetreten werden mussten. Und Krönungsort. Unter anderem Maria Theresia wurde hier im Martinsdom gekrönt. Der übrigens gar nicht so leicht von innen zu fotografieren ist, wie ich feststellen musste. Ganze vier Versuche binnen zwei Tagen waren nötig, um einen Slot zu erwischen, zu dem dort drinnen keine kultischen Handlungen vollzogen wurden, während derer Fotografierverbot herrschte, das ich selbstredend respektierte. Aber schnöde verzichten kam für mich als historisch Interessierten auch nicht infrage. Es kommt der Punkt, da es ums Prinzip geht.

Endlich...

(Darüber, wieso die Tschechei und die Slowakei sich damals getrennt haben, weiß ich quasi nichts. Außer, dass man sich nicht auf eine gemeinsame Regierung einigen konnte und die Sache einigermaßen gesittet und ohne Gewalt und andere Hässlichkeiten über die Bühne ging. Eine ehemalige Mitschülerin, die mit ihrer Familie Anfang der Achtziger aus der Gegend von Brünn/Brno emigriert war, äußerte sich in den frühen Neunzigern mal für mich überraschend abfällig über die Slowakei und deren Bewohner:innen.)

Jenseits der Donau die Platte

Die Innenstadt Bratislavas ist wirklich hübsch, dem geübten Auge offenbaren sich allüberall Reminiszenzen an vergangene imperiale Zeiten. Der Besuch auf der über der Stadt thronenden Burg, in der das historische Museum der Slowakei untergebracht ist, lohnt. Allerdings ist wenig Originalsubstanz zu sehen, da der Bau im 19. Jahrhundert komplett abgebrannt ist und in den 1950ern wieder aufgebaut wurde. Ansonsten bietet das "Stadtbild" (Merz) jenseits der historischen Altstadt diese für das postsowjetische Ostmitteleuropa vermutlich ganz spezielle Mischung aus verranzten Restecken, sozialistischer Nachkriegsarchitektur (allein das Hotel Kyjev ist ein Highlight), Plattenbauten und supermodernen Businessbauten, wo zahlreiche internationale Firmen ihre Auslandsvertretungen haben.



Die örtliche Küche ist böhmisch-mährisch und nichts für Kalorienzähler und Selbstoptimierer. Bryndzové halušky (Eiernocken mit Schafskäse und Speck) sind Nationalgericht, ansonsten allerlei Gebratenes und Gesottenes mit allerlei Knödeln und Sauerkraut, Würste, die jeder Ernährungsberaterin den kalten Schweiß auf die Stirn treiben und, der Nähe zu Tschechien geschuldet, überall gutes Bier. Preislich 25-30 Prozent unter deutschem Niveau. Anderes aus aller Herren und Damen Länder bekommt man natürlich auch. Hervorragende frisch gemachte Burger beispielsweise. Hervorhebenswert auch die Kaffeekultur, die eine Synthese aus italienischer und klassisch österreichischer ist.

War mal ein Vielvölkerstaat.

Apropos Preise: Ein Lokal in der Innenstadt, die am Samstagabend natürlich voll war mit Amüsierwilligen, bot die Halbe Bier für konkurrenzlose 1,90 Euro an. Eine solche Adresse zieht zwangsläufig preisbewusste Freunde des Alkohols an, die sich günstig zu belöten trachten. Verständlich. Vor allem aber zog sie offenbar spar- und trinkfreudige Deutsche an. Am Nebentisch hatte eine Runde unangenehm lauter teutonischer Jungmänner um die 30 allesamt mit gegelten Stachelhaarfrisuren und massig Tätowationen bis ins Gesicht hinein ihren Spaß. Ihre Unterhaltungen führten die sauber durchgebratenen Knackwürste mit schätzungsweise 100 Dezibel plus, damit auch alle was davon hatten und mitbekommen konnten, wie viel Spaß sie hatten. Einmal eskalierte die Lage fast und es lagen Hiebe in der Luft. Vermutlich, damit auch alle sehen, was für echte Kerle sie sind und wie ihnen das Testosteron zu den Ohren herausquillt. 

Wie es nun der Beelzebub wollte, tauchte zehn Minuten später eine weitere Gruppe Menschen auf, mit denen die Staatsangehörigkeit zu teilen ich die Aufgabe habe. Ist man im Ausland unterwegs und betritt ein fremdes Etablissement, dann könnte man doch, so meine grenzenlos naive Vorstellung, zum Beispiel eine der freundlichen jungen Damen, die dort bedienen, höflich ansprechen, fragen "Excuse me, do you speak English?", was im Innenstadtbereich nach meinen Erfahrungen in 99 Prozent der Fälle mit "Yes." beantwortet wird, und dann fortfahren: "We are a group of ten, do you have a table for us?" Oder so. So könnte man das machen. Oder der Bedienung einfach, wie das der Wortführer der, dem untereinander gesprochenen Idiom nach bayerischen Gruppe Amüsierwilliger tat, der Bedienung grußlos, auch sonst ohne lästiges Höflichkeitsgetue und mit dem Schalldruck einer startenden F-15 das Kommando "TEN BEERS!!!" frontal ins Gesicht trompeten, auf dass die Arme danach erst einmal ihre Frisur richten musste.

Vorab las ich, dass Bratislava wegen günstiger Flugverbindungen gern von feierwütigen Engländern heimgesucht wird, die dort ihre berüchtigten Stag Parties veranstalten. Die sind mir allerdings nicht begegnet. Not all germans but always germans. 


Vermischtes:

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der männlichen slowakischen Polizeibeamten, derer ich gewahr wurde, machte äußerlich den Eindruck, täglich Gewichte zu pumpen, den Rest des Tages unter dem Solarium zu verbringen, sich ausschließlich von Proteinshakes und Steroiden zu ernähren, die scharfgescheitelte Extrem-Undercut-Frisur zweimal pro Woche auf fünf Millimeter zu bringen und Diensthemden grundsätzlich immer drei Nummern zu eng zu kaufen (ein würfelförmiger Kampfhund mit Maulkorb und Stachelhalsband hätte den Gesamteindruck jeweils harmonisch abgerundet). Es wäre vermutlich interessant gewesen, was los gewesen wäre, wenn eine solche Streife auf die o.g. Feierbiester getroffen wäre. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Die Polizeibeamt:innen, die am 21. August, dem Jahrestag des gewaltsamen Endes des 'Prager Frühlings' diverse Gedenkveranstaltungen in der Stadt sicherten, waren von eher schmächtiger Statur.

Wo wir gerade bei Geschlechtsspezifischem sind: Ich konnte nicht umhin zu registrieren, dass in diesem teils unangenehm schwülheißen Sommer unter jungen Frauen die Mode um sich zu greifen scheint, wie einst in den Siebzigern auf das Tragen von BHs zu verzichten. Das ist selbstverständlich keine Einladung zum hemmungslosen Starren, Lechzen oder gar weiterem (die Kunst, etwas wohlgefällig zu betrachten, ohne ins Stieren zu verfallen, ist erlernbar), jedoch erfreut solcherlei Rückkehr zur Natürlichkeit das Auge des alternden Mannes durchaus

O der allmächtige, ja allwissende Algorithmus! Kaum hatte ich die slowakische Grenze passiert, dödelte das angeblich so smarte Endgerät mir fast nur noch Werbung auf Slowakisch rein. Und das, obwohl ich diese schöne Sprache absolut nicht beherrsche.

Wie kann es eigentlich sein, frug ich mich, dass sie in einem unbekannten kleinen Viersternehotel irgendwo in einem Vorort in Hanglage am nördlichen Rand Bratislavas ein in jeder Hinsicht perfektes Rührei zum Frühstück hinbekommen? Medium, cremig, auf den Punkt und aus frischen Eiern, während mir in Deutschland bislang immer nur traurigtrockene pasteurisierte Tetrapakware vorgesetzt wurde? (Nein, stopp! Eine Ausnahme gab es. Da bekam ich unter dem Namen 'Unser Spezial-Rührei' ein tot- und braungebratenes dröges Zeugs mit halb verbrannten Zwiebeln drin und getrockneter Petersilie drauf kredenzt.) Dabei zeigt die Erfahrung nunmehr: Es ist möglich. Und offenbar mit EU-Hygienevorschriften in Einklang zu bringen. Denn EU-freundlich sind sie hier.

Falls Sie übrigens je in der Slowakei mit dem Zug fahren: Am Bahnhof machen sie hier einen Unterschied zwischen 'Platform' (Bahnsteig) und 'Track' (Gleis). So fuhr der Zug nach Wien von Gleis vier, aber nicht Bahnsteig vier, was beinahe dazu geführt hätte, dass die Weiterreise in die Hose gegangen wäre. Ist es aber nicht, daher folgt eine Fortsetzung.








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