Derzeit zwingt die Erwerbsarbeit mich zu täglichem Autofahren. Ein Weg knapp 20 Kilometer. Gibt Schlimmeres. Sicher könnte ich auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, aber weil das hier das Ruhrgebiet ist, brauchen die Öffis für den Hinweg etwa die dreifache Zeit, für den Rückweg die dreieinhalbfache. Ich hätte aber gern noch ein wenig Privatleben, wenn sich's einrichten lässt. Unterwegs höre ich wegen der kurzen Fahrzeit keine Podcasts oder Hörbücher, sondern Deutschlandfunk oder Deutschlandfunk Kultur. Wobei ich aber immer öfter den Drang verspüre, ins Lenkrad zu beißen.
Bei DLF gilt es an Werktagen, die 'Morgenandacht' zu überstehen. Vor allem die Beiträge von Hauptamtlichen des deutschen Protestantismus sind oft eine arge Prüfung. Ich glaube inzwischen, die Pfarrer:innen haben alle eine Datenbank im Laptop, aus der sie ihre diversen Predigten automatisch zusammentackern, um sie dann mit möglichst salbungsvoller Stimme zu verlesen. Vermutlich gurgeln sie vorher mit Lenor. Meinen unsystematischen Beobachtungen zufolge, beginnen die oft mit: "Letztens sprach ein alter Freund/eine alte Freundin mich an.", oder: "Als ich letztens einen Spaziergang machte, da sah ich plötzlich..." Die Schlusspointe läuft meist darauf hinaus, dass wir, wie ein Blick in die Bibel oder die Werke eines bedeutenden Kirchenlehrers zeige, irgendwie alle in Gottes Hand seien und uns somit entspannen könnten. Wem es hilft, bitte sehr.
Schau an, dachte ich da schon mehr als ein mal. Dergleichen plattes Gefrömmel wurde von Otto Waalkes schon Ende der Siebziger auf die Schippe genommen ("Als ich neulich in meiner Musikbox blätterte...", "Letztens war ein Freund von mir sehr verzweifelt, weil ihm sein Rasierpinsel ins Klo gefallen war.") und scheint nur wenig an Aktualität verloren zu haben.
"Great minds discuss ideas, average minds discuss events, small minds discuss people." (Eleanor Roosevelt)
Die restliche Zeit bis zu den stündlichen Nachrichten werden dann Interviews mit kundigen Menschen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen gesendet. Was für mich immer der Grund war, den Sender morgens einzuschalten. Ich mag es, Menschen zuzuhören, die wirklich Fundiertes zu sagen haben. Das Tagewerk mit einem frischen Gedanken zu beginnen oder einem Learning, wie die jungen Leute das heute ja nennen, hat etwas. Aber leider artet auch das inzwischen immer öfter in flaches Geplauder aus. So wurde letzte Woche vor einer Musikeinlage ein Interview mit dem ehemaligen Fußballprofi Christoph Kramer angesagt, der sich seit einiger Zeit auch als Schriftsteller betätigt und gerade seinen zweiten Roman im ehrwürdigen Kiepenheuer und Witsch Verlag veröffentlicht hat.
Nichts gegen Christoph Kramer. Scheint ein netter, nicht unkluger Typ zu sein. Stach während der WM unter den Heerscharen der TV-Fußballexperten oft positiv heraus. Und wenn er dazu noch ein begabter Erzähler ist, dann soll auch das mir recht sein, selbst wenn ich das vielleicht nicht lesen werde. Es wurden vermutlich schon für weit Schlimmeres Bäume gefällt. Kramer wird vielleicht weder was mit Literatur und Medien studiert noch Stipendien eingeheimst oder Creative writing-Kurse besucht haben, aber allein deswegen Vorbehalte gegen seine Arbeit zu hegen, wäre elitär. Quereinsteiger müssen nichts schlechtes sein und nirgends steht geschrieben, dass Fußballer nur mit Hilfe von Ghostwritern geschwätzige Enthüllungsbücher oder Autobiographien schreiben dürfen. Die Frage ist, was man daraus macht.
"Wir reden über sein neues Buch", charmierte die Radiofrau, "und über die Frage, wie viel vom echten Christoph Kramer darin steckt". Und da habe ich umgeschaltet. Weil mich das nicht interessiert. Und weil Kramer mir da schon leidtat. Wäre ich Schriftsteller, der ich nicht bin und auch wohl nicht mehr werde, und ich stelle mir vor, nach jeder Lesung, bei jedem Interview darauf angesprochen zu werden, ob und inwieweit das eben vorgestellte Werkchen irgendwie autobiographisch sei, dann sehe ich mich spätestens nach dem dritten Mal im Geiste zur Pumpgun greifen und das Elend beenden.
Literatur, auch schlechte, hat unendlich viel zu bieten, über das sich reden lässt, immer. Sprachliche und literarische Mittel, Komposition, Struktur oder auch die politische Relevanz des Stoffes. Noch die ärgste Kitschschwarte kann als kulturelles Phänomen hochinteressant sein. Uninteressant, da in der Regel wenig aussagekräftig ist es aber, ein Buch bloß nach Selbstoffenbarungen des Autors oder der Autorin abzugrasen. Natürlich kann es spannend sein, wenn ein:e Autor:in wirklich die eigene Biographie zum Thema macht, andererseits sind Erinnerungen mit Vorsicht zu genießen, da im Zweifel immer eingefärbt und gefiltert, die vermeintliche Authentizität ist daher oft bloß eingebildet. Der Erkenntnisgewinn reicht dann über Klatsch und Tratsch kaum hinaus.
Die verbreitete Neigung, Autor:innen auf die Pelle zu rücken, indem man in ihrer Kindheit gräbt, hat natürlich ihre Gründe. Nostalgie zum Beispiel. In Zeiten wie diesen klammern sich viele an die Erinnerung an ein Früher, in dem alles besser, sicherer, gefügter scheint. Was sich auch politisch niederschlägt. Erinnerungen an die Kindheit in den Siebzigern oder Achtzigern und den Geruch von Freibadpommes haben da Konjunktur. Zudem ist seriöse Textanalyse anstrengende, mitunter dröge Kleinarbeit. Autobiographische Bezüge zu suchen, spart da nicht nur Zeit und Mühe beim Rezensieren, sondern kommt auch beim Publikum gut an.
Einen Vorwurf zu machen vermag ich der betreffenden Journalistin übrigens nicht. Ihre Arbeit passiert in dem Rahmen, der nun einmal da ist und wir müssen alle von was leben. Wenn die Vorgabe lautet: Mache ein unterhaltsames Geplauder mit Kramer über sein neues Buch, dann macht sie das eben. Gut fürs Geschäft ist das eh. Den Dünkel, von einem öffentlich-rechtlichen Kulturkanal etwas mehr zu erwarten als das, leiste ich mir trotzdem. Deswegen arrogant genannt zu werden, ist der Spaß mir wert.
"Erinnerungen mit Vorsicht zu genießen"
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Gruß, Jens