Donnerstag, 25. Oktober 2018

Jenseits der Blogroll - 10/2018


Wie immer in der letzten Woche des Monats, die Links und Fundstücke der letzten Wochen. Solange das neue Urheberrecht einen noch lässt.

Politik. Vor 10 Jahren starb Jörg Haider eines unnatürlichen alkoholinduzierten Todes. Im 'profil' erinnern sie mit einem wieder aufgelegten Artikel von Herbert Lackner aus dem Jahr 2009, wie Haider 1989 die Anti-Ausländer-Politik erfand. Nur so viel sei vorweggenommen: Dass das im Jahr 1989 geschah, ist alles andere als ein Zufall.

Apropos: Eine Zusammenfassung des gerade erschienenen Interviewbuches mit Bernd Björn Höcke. Es mag vielleicht weh tun, ist aber lohnend, dieses unglaubliche Geschwurbel zu lesen. Dann kann man nämlich Bescheid wissen, wenn es wieder einmal heißt, die AfD sei mitnichten eine in Teilen rechtsextreme Partei, sondern lediglich eine Art Sammelbecken enttäuschter, von Merkel aus der Partei gedrängter CDUler.

Bettina Gaus über den unguten Einfluss der Medien auf die Politik. Sie machen aus allem ein Riesendrama – und die Politik liefert (siehe oben).

Dazu passt: Die Literaturwissenschaftlerin Bernadette Grubner analysiert, wie die Politik dazu übergegangen ist, vornehmlich Emotionen zu vermarkten.

"Wenn Feminismus sich in Narzissmus, Denkfaulheit und Gönn-dir-Mentalität erschöpfe, wenn er Frauen erlaube, gleichberechtigt an der Unterdrückung der Machtlosen und Armen mitzuwirken, wenn er nicht bereit sei, den Status quo zu erschüttern […] – dann sei sie keine Feministin", meint Jessa Crispin. Couldn’t agree more. Ich behaupte ja schon länger, wenn eine Ivanka Trump sich öffentlich als Feministin abfeiert und nicht schallend ausgelacht wird dafür, dann läuft gewaltig was schief.

Von der komplett albernen Causa um Sawsan Cheblis Rolex war schon die Tage hier die Rede. Ruben Donsbach findet, dem könne man nur mit Stil begegnen.

Stil ist nämlich etwas völlig anderes als Luxus und hat nur am Rande mit Konsum zu tun, wie Paul Jandl klar macht.

Und wieso gerade wertvolle Uhren die bei weitem unbedenklichste und - Buzzwort! - nachhaltigste, am wenigsten kritikwürdige Form des Luxus darstellen, kann man bei Tammo Oxhoft nachlesen.

Alle, die sich gerade selbstzufrieden-hämisch über den Lachs streichen, weil sie ja 'Was Richtiges' studiert haben und keine schwule Geisteswissenschaftler-Laberei, und sich schadenfroh eins lachen, weil es im illiberalen Ungarn gerade den gern verspotteten Gender Studies ans Leder geht, mögen sich bitte die Zeit nehmen und lesen, was Philipp Sarasin zu dem Thema schreibt. Und sollten sich lieber nicht zu früh freuen. Diktaturen machen im Zweifel auch vor den 'harten' Naturwissenschaften nicht halt, wenn die, die sie betreiben, nicht ins Raster passen. Ach ja: Ökonomie ist auch eine Geisteswissenschaft.

Wirtschaft. Heinz Josef Bontrup erklärt, warum an Geiz so gar nichts geil ist. Knapp, knackig, klar.

"Wie setzt man als Reicher durch, dass die Steuern sinken? Am schnellsten geht es, wenn man der Mittelschicht einredet: Wisst ihr was, dieser Staat, der ist sowieso bloß für die Unterschicht da. [FPÖ-Chef] Heinz-Christian Strache sagt ausdrücklich in Interviews, der ganze Staat würde nur die Einwanderer alimentieren. Dann denken die Bürger: Stimmt eigentlich, dieser blöde Staat füttert immer nur die Einwanderer durch, den schaffen wir jetzt ab. Wenn der Staat als reine Unterschichtenveranstaltung diffamiert wird, lassen sich alle Steuerkürzungen durchsetzen. Der Bürger freut sich, dass er 50 Euro spart. Und ihm ist es auch egal, wenn der Reiche dann fünf Millionen Euro spart." (Aus einem schon älteren Interview im Wiener 'Falter' mit Ulrike Herrmann über ihr Buch 'Hurra, wir dürfen zahlen!', in dem bestimmte Dinge noch einmal gut auf den Punkt gebracht werden.)

Kultur/Feuilleton. Bert Pampel: Warum wir aus der Geschichte nichts lernen.

Wer mit Michel Houellebecq etwas anfangen kann, wird das auch mit Virginie Despentes' 'Vernon Subutex'-Trilogie können, ganz sicher. Bei der Lektüre des ersten Bandes dachte ich immer wieder: Wow, die Franzosen wieder! So messerscharfe, dabei völlig unakademische und zugängliche, dazu noch witzige literarische Gesellschaftsanalyse ist momentan besser nicht zu haben.

Amelie Graen hat einen ganzen Tag in Deutschlands Esoterik-Hauptstadt Murnau verbracht. Köstlich!

Essen/Kulinarik. Mr. Jay Rayner, den Restaurant- und Fresskolumnisten des Guardian, les ich gelegentlich gern. Etwa das hier: Französisches Essen besteht ausschließlich aus Klischees - dummerweise trifft jedes einzelne zu.

Gekocht wird dieses Mal auch wieder. Nachdem hier letztes Jahr ungefähr um diese Zeit Frau Ziiis bestes Gulaschrezept der Welt vorgestellt wurde, ist diesen Herbst das dem Gulasch verwandte, ebenfalls ungarische Szegediner Krautfleisch an der Reihe.




Kommentare :

  1. Viel Stoff. Wo fang ich an? Bei Höcke, da können Linke sich schon mal auf etwas gefasst machen: Höcke denkt an einen "Aderlass" und deutet an, dass diejenigen Deutschen, die seinen politischen Projekten nicht zustimmen, aus Höckes Deutschland ausgeschlossen werden. Auf welche Art und Weise dies geschehen soll, bleibt der Phantasie überlassen. Wahlweise treten die Optionen Migration, Entrechtung, Kriminalisierung oder Liquidierung vors innere Auge.
    Die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen. (257f.)
    Björn Höcke
    (Telepolis)

    Zu Jessica Crispin: Ein alter Hut. Da muss man nicht erst auf Ivanka Trump verweisen. Auch die ALDI-Kassiererin profitieert von der Ausbeutung der Frauen im Trikont. (Siehe Ingrud Strobl, "Frau sein allein ist kein Programm", 1989)

    OT zu unserem Lieblings-Ronny: Vielleicht kenntst Du die SPON-Kolumnistin Anja Rützel, die auf äußerst süffisante und originelle Art Trash-Formate des TV auseinandernimmt. Eine reine Lesefreude mit jeweils großer positiver Resonanz des Kommentariats.

    Aufgefallen ist mir dabei, dass die Frau bisher kein Wort über unseren Buddie Chris Tall verliert. Nun stelle ich fest, dass sie in der Juri für die Verleihung des Deutschen Comedy-Preises sitzt, der über 1Life jährlich vergeben wird. Dort hat der Nast seit einigen Jahren einen festen Job (2016 Newcomer, 2017 und 2018 Moderator).???


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    1. Ja, Frau Rützels Beiträge in der Tat meist eine Freude zu lesen. Und ersparen einem auch den Tort, sich die auseinandergenommenen Formate selbst ansehen zu müssen. Und dieser Tall? Nu ja, zu dem wurde ja bereits an anderer Stelle durchaus gültiges gesagt - mit seinen höchst eigenen Mitteln.

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  2. Szegediner Krautfleisch ist aber kein böhmisches, sondern ungarisches Rezept.

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    1. Ups, besten Dank für die Information, ist selbstverständlich korrigiert. Was täte ich ohne Sie, werter Kollege.

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    2. "Böhmisch" muss irgendwie dazu einladen, es falsch zu verwenden. Ein ehemaliger Reichskanzler hatte das Etikett ja auch mal zeitweise zu Unrecht am Revers.

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    3. "Französisches Essen besteht ausschließlich aus Klischees - dummerweise trifft jedes einzelne zu."

      Bleibt die Frage dabei unbeantwortet, wer diese Klischees/Vorurteile überhaupt erst in die Welt gesetzt hat und sie weiter pflegt.

      Habe inzwischen doch ziemlich gute Einblicke in die Essgewohnheiten der "südfranzösischen Haushalte" gewonnen und in deren Essgewohnheiten.

      Cuisine médetirranée, z.B südfranzösische Küche, und ihr gesundheitlicher Wert, dieses Klisschee, das lässt sich eben von Ernährungsberatern und von Experten der Haute Cuisine unendlich platt walzen.

      Die Realität ist Fertigpizza von Lidl, Carrefour, oder Casino und Anstehen bei Burger King, Mac Donald, und KFC.
      Und der europäische Bourgeois wägt natürlich ab und bewertet, wo sich unabhängig von den niederen Bedürfnissen des Prolls noch eine Haute Cuisine behaupten und entwickeln kann.


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