Sonntag, 28. Oktober 2018

Heimatschutz am Tresen


Man soll ja die ausgetretenen Pfade verlassen, heißt es immer. Gewohnheiten aufbrechen. Neues wagen. Das erweitere den Horizont, sagen sie. Eröffne neue Perspektiven. Stimmt. Erst kürzlich wieder erlebt. Nach einem ausgiebigen Dinner mit lieben Menschen sollte am späten Samstagabend zum Ausklang desselben noch ein Absacker her. Leider waren sämtliche einschlägigen Etablissements der Innenstadt durch ein Großevent namens Musiknacht geblockt und hätten Eintritt genommen. Also landeten wir in einer Stadtteilkneipe etwas außerhalb. Und gleich am Eingang stand er. Der mit dem T-Shirt. Schwarz. Mit weißer Schrift. Dazu trug er ungelogen eine rote Hose. Kann man sich auch seine Gedanken zu machen, wenn man denn will.

Er sei DEUTSCHER, bölkte die Rückseite der Trikotage mich ungefragt in VERSALIEN an. Das bedeute, ging es normal weiter, er liebe seine Heimat und seine Familie über alles, habe was gegen Flüchtlinge und seit bereit, die beiden erstgenannten bis zum Äußersten zu verteidigen. Aha. Ich bin auch Deutscher. Steht so im Perso. Ich finde meine Heimat meist halbwegs okay, manchmal so lala, und wenn ich so was sehe, eher nicht so. Ich habe per se nichts gegen Flüchtlinge und Migranten. Gut, ich habe keine Familie und daher vielleicht leicht reden. Ich sehe aber, dass die weit überwiegende Mehrheit der Familien, mit denen ich so zu tun habe, nicht permanent mit vollgemachtem Hemd wegen der Flüchtlinge und Migranten herumläuft. Wüsste daher nicht, wieso das bei mir anders sein sollte als Familienvater. Disqualifiziert mich das alles jetzt als Deutschen oder was?

Zumal das Zitierte ja alles unter freie Meinungsäußerung fällt. Muss man aushalten inner Di-Da-Demokratie. Nicht immer gleich die Nazikeule rausholen. Sonst schimpft einen der Martenstein einen Feind der Freiheit. Fiel aber schwer, weil die letzten beiden auf dem meinungsstarken Leibchen abgedruckten Sentenzen, also die mit den Flüchtlingen und der Familie, links und rechts von zwei stilisierten Maschinenpistolen eingerahmt waren. Aus rein dekorativen Gründen vermutlich. Hat absolut nichts zu sagen. Haha, kleiner Scherz. Wer wird denn so humorlos sein? Schon klar. Früher galt es als Privileg der Jugend, sich mit irre provokativen Sprüchen bzw. Motiven auf der Kleidung in der Öffentlichkeit zum Deppen zu machen – was auch stilisierte RAF-Maschinenpistolen bedeuten konnte. Heute ist das generationenübergreifend. Sage keiner, es gäbe keinen ersichtlichen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit.

Was so nervt daran, ist, dass diese Leute zur Zeit irgendwie immer zu gewinnen scheinen. Eigentlich tut man am besten daran, so was zu ignorieren, solange so jemand nur vereinzelt auftritt. So einer will ja gerade Aufmerksamkeit für sein gratismutig-doofes Statement. Dass der Kopf geschüttelt wird und getuschelt wird über ihn - Nein, also wirklich, darf der das denn? -, das erfreut ihn, denn dann hatter den linksgrünversifften Gutmenschen mal wieder einen eingeschüttet. Ha, er ist aber auch ein Unbequemer, er!

Schon vor gut einem Jahr äußerte ich meine zunehmenden Bauchschmerzen mit dem aktuellen politischen Kabarett und wurde dafür teils derb angegangen. Ich habe bislang aber keinen Grund gefunden, meine Meinung zu ändern. Der Punkt ist halt, dass irgendwie 'Gegen die da oben' und 'Gegen das Finanzkapital' zu sein, sich ansonsten zu empören über die Verhältnisse und sich gleichzeitig selbstgerecht die Schulter zu kloppen ob der eigenen korrekten Gesinnung, nicht mehr ausreicht. Unter anderem, weil Heimatschützer, Besorgte Bürger, Pegidalatscher und Rechtsrockfestivalbesucher völlig zu recht von sich behaupten können, doch genauso gegen das Kapital und die da oben zu sein. Bequem reicht halt nicht mehr.

Auch wir bekamen‘s nicht hin. Zehn Minuten diskutierten wir, ob so was nun geht oder nicht. Ohne Ergebnis. Besser machte es einer von uns, der später dazukam von einer Feierlichkeit und darob bereits gut angetütert war. Der betrat anstatt eines Grußes mit den vernehmlichen Worten "Fuck all Nazis!" den Raum und alles war gesagt. Familienschutz-Man guckte einmal doof aus der Wäsche und verließ den Laden kurz darauf. Manchmal reicht schon ein klares Statement. Wenn es doch immer so einfach wäre. Vielleicht musste er auch nach Hause.

Bleiben zwei Fragen. Erstens: In was für Etablissements ich eigentlich so verkehre. Nun, normalerweise ist der Laden mir zu abgelegen. Den Wirt kenne ich von früher. Korrekter Mann. Muss aber auch zusehen, dass die Miete irgendwie reinkommt. Als Wirt kannst du dir kaum mehr erlauben, zahlende Gäste abzuweisen. Gastronom sein heißt vor allem mal langmütig zu sein. Zweitens: Warum kriegt der keinen Ronny des Monats? Ganz einfach, der Typ war mir einfach zu feige.





Kommentare :

  1. Derart Heimatschützer gibts hier auch zuhauf. https://www.rawstory.com/2018/10/watch-michael-moore-releases-new-video-accused-mail-bomber-chanting-cnn-sucks-trump-rally/
    Selbst nach diesem Ergebnis wird munter weiter diskutiert ….

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    1. Die scheinen im Moment irgendwie überall zu sein. Und wenn irgendwann wieder Millionen tot sind, werden sie wieder da stehen und doof glotzen: Hat doch keiner ahnen können! Wir wollten doch bloß...!

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    2. Ich bin da realistischer und halte es mit dieser Aussage:
      "Nicht weil es geschehen ist, wird es nie wieder geschehen, sondern weil es geschehen ist, kann es jederzeit wieder geschehen."

      Und weil das bürgerliche Subjekt sich trotz seiner ungebrochenen Neigung zum Massenmord keinesfalls als Regression menschlicher Zivilisation begreift, sondern trotz seines destruktiven Charakters immer noch als Fortschritt in der Menschheitsentwicklung, deshalb wird es wohl wieder darauf hinauslaufen, was sich auch bisher so gut bewährt hat, das Bedürfnis nach Verdrängung.

      Inzwischen sind die ökonomischen und Klimaeinschläge so dicht, dass Verdrängung keinen Ausweg mehr bietet sondern nur noch die Option zum autoritären Staat offensteht.

      Und weil links schon lange abgewirtschaftet hat, seinen Dienst für das Kapital abgeliefert, die Bindung beim Wahlvolk und für die Interessen des Kapitals rasant verliert, auch deshalb geht es nicht nur in Deutschland rasant nach rechts.

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  2. Hier und da nach '45 Doc Browns DeLorean und ab nach 2018. Inklusive eines mitlaufend kompakten Audio/Video-Feed und sonstiger Info der jeweiligen Entwicklungen … von-bis…. What the Fuck, falsche Parallele erwischt!? ... Kann ja wohl nicht …? … und der Scheiss dann auch noch rasant global?? Wer denkt sich den sowas aus ..!!
    DeLorean hat ne Macke!! …

    Genauso lief das von-bis, wann & wer auch immer vor was gewarnt hat. … mach mal halblang, kann gar nicht, wird gar nicht, kannste doch nicht vergleichen, Demokratie Alter!, Hitler/Nazi/Fascho-Vergleich? ja biste noch ….etcetc. ….
    Genau, alleine ueber was auch immer zB. diese 'laecherlich westlichen, christlichweisssupremepower Spinner gerade ablassen, muss sich doch nun wirklich kein Immigrant, Asylant, … sonstig Nicht/Weisser als auch seit Generationen dementsprechende Buerger, wo auch immer..etc. … keine Sorgen machen!

    In den Staaten hoere ich, von ueber dieser Entwicklung Besorgten, den ganzen Tag "This is not us" … "This is not who we are" … "This is not our America" … etc. (von diversen Grundstrukturen/ideen ausgehend) ... Ein ewig liebliches Wunschdenken, welches gerade mal wieder auf eine, zugegebenermassen beschissenharte Probe gestellt wird.
    Und mit dem abgefahrenen Scheiss sind die Amis so gar nicht alleine.

    What the Fuck ..


    PS. Einer der Klartexter https://www.rawstory.com/2018/10/trumps-reichstag-fire-ex-gop-operative-steve-schmidt-explains-republicans-blood-hands/

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