Montag, 12. August 2019

Reiseimpressionen (9)


Quid pro quo

Kommt man auf Besuch nach Bayern und bleibt ein paar Tage, dann beschleicht einen mitunter das Gefühl, das mit Abstand drängendste Problem im Freistaat seien die traditionell horrenden Münchner Wuchermieten. Hier bei meinen Verwandten an der Grenze zu Salzburg hat vor über zehn Jahren ein Verbrauchermarkt aufgemacht. Die Halle ist so bemessen, dass man sie zwecks Nachnutzung notfalls an Airbus vermieten kann. Zwei 320er dürften sich darin locker generalüberholen lassen. Gleichzeitig. Der Laden, in dem es alles gibt und nichts, darunter als Lockangebot eine ordentliche Leberkassemmel für perverse 1,10 Euro, machte einst allen Ernstes Werbung mit dem Spruch: Wo die Welt noch in Ordnung ist.

Und keiner lacht. Weil man das Gefühl nicht los wird, dass da was dran ist. Es gibt übrigens durchaus handfeste Indikatoren dafür. So saß ich die Tage mit meiner klugen, dort aufgewachsenen und ansässigen Großcousine H. nebst ihrer nicht minder wunderbaren Familie auf der Dachterrasse des Hotels 'Edelweiß' und genoss den spektakulären Blick auf Berchtesgaden. Als die Bedienung unsere Getränke brachte, fühlte ich mich direkt heimisch, denn sie sprach breites Ruhrpöttisch. H. bemerkte mein Stutzen und meinte, hier in Bayern sei im Servicebereich eben nur noch wenig Bayerisch zu hören. Und in der Tat, im eingangs beschriebenen SB-Verbrauchermarkt hört man viele Zungenschläge. Viel osteuropäische. Aber auch rheinisch-westfälische.

Wer auf dem Bild einen Watzmann findet, darf ihn behalten.

Vermutlich ist das die Rache für all den Hohn und Spott. Zirka 150 Jahre haben sie es in Bayern ertragen, von blasierten, selbstzufriedenen Nordlichtern für hinterwäldlerische, rurale, archaisch gekleidete, unverständlich redende Kopuliermaschinen gehalten und dementsprechend gefoppt zu werden. Etwa: Wie sind die Bayern entstanden? Bevor Hannibal über die Alpen zog, befahl er: "Fuß- und Geschlechtskranke links um!" Höhöhö! Oder ein ganz kurzer: Kommt ein Vegetarier in einen bayerischen Gasthof. Huhuhu! Bis auf ein gelegentliches "Saupreiß'!" bzw. "Saupreiß'n, damische!" kam da nix und sogar das wurde von den selbsternannten Champions aus dem Norden noch knuffig gefunden.

Und dann kam Franz Josef Strauß. Der machte ernst. Der war etwas, was außerhalb Bayerns zwar nicht als Tugend gilt, aber ebenfalls niedlich gefunden wird. A Hund wara nehmli. Und er muss irgendwann beschlossen haben, vermutlich nach der einen Demütigung zu viel, es den Saupreiß'n zu zeigen, und zwar gründlich. Kündigte jegliche Solidarität mit den anderen Bundesländern auf. Bavaria first! Und damit die Saupreiß‘n das nicht merkten, setzte er dazu auf das bis heute bestens funktionierende Mittel des Unterschätztwerdens. Von blasierten, selbstzufriedenen Nordlichtern für hinterwäldlerische, rurale, archaisch gekleidete, unverständlich redende… Sie wissen schon.

(Und bevor jetzt wieder das Genöle mit dem Länderfinanzausgleich losgeht: Bayern ist zwar Geberland, erhält aber auch einiges Umsatzsteuereinnahmen von bevölkerungsreicheren Bundesländern.)

Fun fact: Das mit dem Vegetarier ist längst out. In bayerischen Einzelhandel findet man längst mehr 'bio und regional' als in Prenzlauer Berg und Freiburg im Breisgau zusammen. Und jede Speisekarte enthält selbstverständlich Vegetarisches. Hier sagen sie bei allem Neuen zunächst mal: "Ah geh, so a Schmarrn, so a neimodischer!", und lassen die anderen die Anfängerfehler machen und die Kinderkrankheiten ausbaden. Stellt sich etwas als sinnvoll (und lukrativ) heraus, dann wird es ohne Rücksicht auf Jeschwätz von jestern übernommen.

Noch ein Suchbild: Finde den SB-Verbrauchermarkt!

Im MTB-Land

Kann nicht mehr lange dauern, dann fahren auf Oberbayerns Landstraßen mehr Fahrräder als Autos. Zumindest am Wochenende. Beherrschen in den Niederlanden sündteure Hightech-Flachetappenflitzer die Szenerie, pedaliert von Leuten, die aussehen wie aus einem Science-Fiction-Manga entsprungen, ist hier Mountainbike-Land. Mountainbikes in allen Farben, Formen und Größen. Downhill, Fully, Hardtail. Vor allem keines älter als zwei Jahre. Neueste Mode: 29 Zoll-Fatbikes als E-Bikes. Der SUV unter den Fahrrädern, Lenker mindestens einen Meter breit. Wenn Sie glauben, das sei übertrieben -- wieso befindet sich Deutschlands größter Fahrradhändler dann ausgerechnet im oberbayerischen 5000-Seelen-Ort Piding?





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