Samstag, 24. August 2019

Vor der Haustür


Kinderland ist abgebrannt

Die einen oder anderen werden es mitbekommen haben: In meiner bescheidenen Heimatstadt ist ein Indoor-Spielplatz komplett ausgebrannt. Es wurde niemand verletzt oder ist sonstwie zu Schaden gekommen. In der Südhälfte der Stadt roch es den Tag über ein wenig unangenehm. Dem konnte man aber wirkungsvoll begegnen, indem man die Fenster geschlossen hielt. Und die giftigen Dämpfe? Nun gut, es wird keine Vitaminspritze gewesen sein, aber wir im Ruhrpott haben früher noch ganz anderen Schmodder inhaliert, und zwar permanent. Bei meiner Oma selig hatte man die Wahl, bei Ostwind den Dreck der benachbarten Kokerei abzubekommen, bei Südwind den der Raffinerie in Herne und im Westen lag auch auch noch einiges an Montanindustrie. Nur Nordwind war immer ein bisschen wie Weihnachten.

Alles fein also. Uns geht's bestens. Mit Ausnahme all jener geplagten Eltern, die ihre Kindergeburtstage jetzt wieder selbst organisieren müssen, versteht sich. Nun ist ein Brand dieser Größe natürlich kein alltägliches Ereignis und deswegen berichten halt auch lokale und regionale Medien darüber. Bei der 'Aktuellen Stunde' des WDR sollte dann aber Schluss sein, hatte ich gedacht. War aber nicht. Sogar Spiegel und FAZ berichteten. Die Frankfurter Rundschau wusste: "Die gesamte Recklinghäuser Südstadt steht im Nebel" (stand sie nicht, ich war in der Nähe) und die Süddeutsche schoss den Vogel ab mit der Zeile: "Die Bilder des brennenden Indoor-Spielplatzes bewegen die Menschen." Hui! Ja, schon irgendwie. Wie die Bilder eines solchen Brandes einen eben beschäftigen. Aber man muss nicht so tun, als sei der Vesuv wieder ausgebrochen.

Daher: Alles im Griff, gehen Sie bitte weiter, es gibt nichts zu sehen.


Shabby Offenbarung


Da flaniert man mit netten Leuten durch die freitagabendliche Innenstadt, um die Woche mit ein paar Getränken ausklingen zu lassen. Und so kamen wir auch an einer Bar vorbei, die so eindeutig auf weibliches Publikum zielt, dass man vom bloßen Anblick Kastrationsängste bekam. Türkis. Crème. Grau. Shabby Look. Vintage-Kinderwagen. Zerbeulte Gießkannen. Kuscheltiere. Süüüße Kissen mit witzigen Sprüchen drauf. Überall liebevolle Details. Wie ein in die Realität gebeamter Tchibo-Katalog. Ein paar Malocher, die sich unter dem Erzählen dreckiger Witze ihre Feierabendpilsken reinlöten, würden hier wirken als hätte jemand mitten auf einen wertvollen Perserteppich gekackt.

"Lass‘ uns doch mal hier rein.", schlug einer vor und ich glaubte, soeben vom Bus gestreift worden zu sein. Wir? Hier? Inmitten all der fröhlich ratschenden, bunte, dekorierte Getränke aus großen Weingläsern schnasselnden Damenwelt? Wir würden den Testosteronspiegel doch in Höhen treiben, dass hinterher der Kammerjäger... Man will ja auch nicht stören, ist schließlich Kavalier alter Schule... Ach, was soll‘s, eins kann man ja mal… Zögernd nahm ich Platz und fühlte mich auch sogleich ein Stück weit entmannt. Kam mir vor wie ein Nudist auf der Fronleichnamsprozession. Dann aber. Dann brachte die freundliche Bedienung die Getränkekarte und alles, alles ward mit einem Schlag vergessen.


Keine Ahnung, wann ich in Deutschland je in einem Etablissement zu Gast war, das neben diversen Abtei- und Witbieren auch Chimay, Orval, Westmalle und Rochefort auf der Karte führt. Darauf ausgerechnet in meiner bescheidenen Heimatstadt zu stoßen, also quasi vor der Haustür, damit hatte ich am allerwenigsten gerechnet. (Ich sollte noch erwähnen, dass jedes der Biere perfekt temperiert im eigens dafür vorgesehenen Glas serviert wurde. Und Nüsschen gab‘s auch gratis.)

Rechnest du echt nicht mit.



Café Unique
Kleine Geldstraße 8
45657 Recklinghausen

Mo geschlossen, Di-Do: 8:00-20:00, Fr/Sa: 8:00-0:00, So 9:00-20:00





Kommentare :

  1. Wäre noch zu klären, warum ein so derart stylisches Schicki-Etablissement mit so derart interessanten Getränken auf der Karte dieselbe so derart dilettantisch zusammenrotzt, dass einem das Leffe blond wieder hochkommen möchte.

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    1. Angesichts des Sortiments ist es mir gelungen, über das Typographische hinweg zu sehen. Zumal so ein Tripel mit seinen 9-10 Volumenprozenten einen doch recht schnell gnädig stimmt.

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    2. … und falls das nicht hilft, gibt’s da ja auch noch die Sektion „Gin“ (und ich vermute, dass da noch so ein paar Sektionen vorliegen). Ansonsten: Schullijung, hobbyverstärkte Berufskrankheit (oder umgekehrt).
      Sollte ich jemals mit Abendfreizeit in jener Nachbarschaft ’rumlungern, wäre dieses Etablissement unbedingt einen Besuch wert.

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  2. Das Menu ist einfach Vintage! Wegen dieser Edelbierpalette könnte man glatt einmal nach RE fahren!

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