Samstag, 10. August 2019

I love Sanifair!


Der Pestarzt, der einzig wahre Wiedergänger, hat gesprochen: Nur in Deutschland sei es möglich, meint er, Menschen fürs Pinkeln 50 Cent abzuknöpfen, ohne dass eine spontane Revolte losbräche. Als jemand, der gerade wieder urlaubsbedingt (Klimaschänder - evil, evil...) längere Zeit auf Autobahnen verbracht hat und dabei die eine oder andere Pinkelpause nötig hatte, kann ich nur sagen: Sanifair mag meinethalben eine mafiöse Ausbeuterorganisation sein (was für Monopolisten immer irgendwie zutrifft), man kann es selbstredend lästig finden, jedes Mal 70 Cent abdrücken zu müssen fürs sich lösen können, trotzdem halte ich den Verein für nichts weniger als einen Segen. Warum? Ganz einfach, ich lege, ganz etepetete, einen gewissen Wert auf gepflegte Toiletten, Und ich kenne die Zeiten vor Sanifair.

Ich erinnere mich, wie es mich als Kind in den Siebzigern auf einer langen Autofahrt schier zerriss vor Harndrang und wir mit letzter Not im norddeutschen Nirgendwo einen Parkplatz mit WC erreichten. Dieses WC erwies sich als ekelhaft stinkendes, vollgeschissenes Drecksloch, und mein Schließmuskel versagte seinen Dienst. Zum Erstaunen meiner Eltern ("Ich dachte, du musst so nötig.") konnte ich nicht. Bekam keinen Tropfen raus. Kämpfte statt dessen nur gegen den Brechreiz an. Im Auto nässte ich mich kurz darauf ein.

Auch auf Raststätten glichen die sanitären Anlagen nicht selten eher Kloaken und man war froh, sein Geschäft ohne Würgereiz erledigt zu bekommen. Wie damals auf dieser Klassenfahrt in den Achtzigern. Der Busfahrer hieß Willi, konnte alles zwischen 40 und 70 Jahre alt sein, hatte eine Halbglatze und das Benutzen seiner Bordtoilette kategorisch untersagt. Weil wir die, wie er behauptete, eh nur dreckig machten. In Wahrheit, weil er in dem Kabuff die Getränkedosen hortete, die er auf längeren Reisen immer schwarz vertickte. Ein paar der Empfindsameren unter uns göbelten nach getanem Toilettengang auf der Raststätte in die Rabatten. Willi kannte vermutlich seine Pappenheimer unter den Raststättenbetreibern.

Was sind da schon 70 Cent für saubere, benutzbare, funktionierende, nicht stinkende Toiletten? Zumal man 50 Cent davon gleich wieder einlösen kann. Etwa für einen Kaffee, und zwar einen vernünftigen, was heißt: wenigstens trinkbaren. Ja, er kommt aus Automaten, aber aus ordentlichen. SB-Vollautomaten. Neuerer technischer Stand. Jede Tasse frisch gebrüht. Klar, kostet. Aber auch da ist jede Nostalgie fehl am Platze. Raststättenkaffee, das war früher meist eine lauwarme, dünne, abgestandene, säuerliche Brühe aus diesen Gastromaschinen, bei denen die kugeligen Glaskannen immer stundenlang auf Heizplatten standen. Oder aus diesen SB-Fixbrüh-Automaten, mit dessen Hervorbringungen (wichtig: immer in beigen Plastikbechern!) Arbeitgeber noch heute ihre Bediensteten malträtieren. Die das unverständlicherweise mitmachen ohne zu revoltieren.

Bleibt die Frage: Warum? Das Sanifair-System funktioniert immerhin, das lässt sich nicht bestreiten. Vielleicht ist es nicht allein Analfixierung und Obrigkeitsdenken, das genügend Deutsche die Zumutung, für das Grundbedürfnis des Urinierens Geld hinblättern zu müssen, klaglos hinnehmen lässt. Es ist auch die Unfähigkeit, in anderen Kategorien als Kosten und Nutzen zu denken. Und dieser falsche Respekt vor Geld. Kostet etwas nichts, dann kann es auch nichts wert sein und es wird entsprechend behandelt. Wird etwas umsonst zur Verfügung gestellt, dann bedeutet das offenbar für eine ausreichend große Zahl hiesiger eine Einladung zum sofortigen Vandalisieren und zum Benehmen wie offene Hose (gern als 'Lockerheit' ausgegeben). Kost ja nix, harr, harr! Und kuck'n tut auch keener! Wie, nachm Kack'n abziehn? Wat biss du denn fürn Spießer, ey? Mach da ma locka, ey.

Schon in den öffentlichen Toiletten im Alten Rom wurde erstmals von Kaiser Vespasian ein Obolus erhoben. Weil Geld bekanntlich nicht stinkt. Und die Gerber bekamen den gesammelten Urin. Wenns die Franzosen, denen nachgesagt wird, die eifrigsten Adepten des Imperium Romanum zu sein, das kostenfrei gefluppt kriegen, bitte sehr. Das einfach kopieren zu wollen, dürfte aber wohl von wenig Erfolg gekrönt sein. Zivilisiertes Benehmen, einfach so, ohne permanente Arschtrittdrohung und Bezahlenmüssen, das funktioniert diesseits des Rheins offenbar nicht. Als jemand, der so was wie Nationalcharaktere normalerweise für Hirngespinste des 19. Jahrhunderts hält, schmerzt es mich durchaus, das zu konstatieren.





Kommentare :

  1. Wie das so ist mit dem zivilisierten Verhalten auf und am Rand von französischen und deutschen Autobahnen haben die Gemahlin und ich ja auch gerade ausprobiert.

    Kurz zusammengefasst:
    — Naherholungsdomänen mit futuristischen, ge­pfleg­ten und kosten­losen Sanitär­türmchen (und in einem Fall mit Weiher­biotop nebendran) vs. ein­gezäunte LKW-Halte­streifen mit zu­ge­schissenem Gebüsch;
    — Rast­hallen mit Sitz­plätzen und diversen Märkten und Lokalen vom Kaffee-, Tee- und Tomaten­suppen(sic!)-Automaten bis zur Spezia­li­täten­ver­pfle­gung, in denen sogar das billige Super­markt­croissant nicht beim ersten Bissen in einer Brösel­explosion verschwindet (inkl. frischer, noch warmer Back­waren am Sonntag­morgen gegen 7) vs. Groß­kantinen­futter und im besten Fall System­gastronomie;
    — entspannte 800 km in 9h inkl. Pausen vs. aggressions­erfüllte 4h für 200 km mit einem erfolglosen Versuch, auf einem „Autohof“ bei Frei­burg mit drei Lokalen etwas zu essen und einen Kaffee zu bekommen;
    — nahezu jeden Furz mit beliebiger Bank­karte per Dran­halten bezahlen können vs. abwechselnd „erst ab drölfzig € und nur EC“ oder gar nicht.

    Von den freundlichen Displays über der Fahr­bahn mit lustigen Sinn­sprüchen, Fahr­zeit­angaben in Minuten zu den nächsten Zielen oder Unfall- und Umlei­tungs­warnungen auf den nächsten -zig Kilo­metern mal ganz zu schweigen. Nein, auch das nicht in Deutschland.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eindrucksvoll, hätte ich in der Deutlichkeit nicht erwartet. Ich bin wohl einfach zu selten in Frankreich...

      Löschen
  2. Noch zu den Streckenangaben: Die geschilderten Etappen waren Teil­strecken derselben Rück­reise am Sonntag aus der Gegend von Narbonne ins Rhein-Neckar-Delta. Diverse Navigatoren geben netto ~9,5…10h für die ~1000 km an.
    Ja, die A5 zwischen Freiburg und Heidelberg ist schon extra­speziell.

    AntwortenLöschen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.