Dienstag, 17. September 2019

Bauhaus-TV


Zugleich Fluch und Segen des Bauhauses, dessen Gründung sich heuer zum hundertsten Male jährt, ist der hohe Wiedererkennungswert nicht weniger Objekte. So kann dank des Bauhauses jeder Wichtigmann ohne größere Ahnung von Kunst und Architektur beim Anblick eines viereckigen weiß gestrichenen Kastens mit Flachdach oder von Möbeln, in denen Stahlrohr verbaut ist, sich dicketun mit der kennerhaften Bemerkung: "Ah, Bauhaus - ein absoluter Klassiker!". Und sich damit den Anstrich eines sich halbwegs auf der Höhe der Moderne bewegenden Kunstsinnigen verleihen.

Das soll natürlich nicht die Meriten dieser Schule schmälern, die bis heute ausstrahlen. Namen wie Wassily Kandinsky, Marcel Breuer, Walter Gropius, Oskar Schlemmer et al. sind sogar Halbbanausen wie mir geläufig. Noch heute wird von jeder angehenden Floristin erwartet, den Farbkreis des Bauhaus-Meisters Johannes Itten draufzuhaben. Der von ihm entwickelte 'Vorkurs' wurde zum Vorbild aller Propädeutika auf Kunstakademien dieser Welt.

Andererseits muss man konstatieren, dass der Mann bei aller Genialität nicht völlig knusper war. Der wirre Mazdaznan-Kult, dem er anhing und den er ans Bauhaus zu missionieren versuchte, war eine ziemlich wilde Mischung. Die führte zwar nicht direkt zur NS-Rassenlehre, weil Antisemitismus und Germanenkult komplett fehlten, enthielt aber durchaus Zutaten jener braunen Ursuppe, aus der die Nazis sich ideologisch bedienten. [Ab hier Spoiler!]

(Was übrigens passiert, wenn man heutige Kunsthochschüler/innen nach den Bauhaus-Regeln von damals arbeiten ließe? -- Die BBC hat‘s mal ausprobiert.)

Es gehört zu den positiven Seiten von Lars Kraumes Miniserie 'Die neue Zeit', die gerade in der ARD läuft (und auch in der Mediathek zu streamen ist), nicht bloß eine Art verfilmte Festschrift zum 100. zu sein, sondern solche dunklen Seiten nicht auszublenden. Wir begleiten die junge Dörte Helm (Anna Maria Mühe), wie sie sich als 19jährige am neu eröffneten Bauhaus einschreibt und mehr und mehr mitgerissen wird vom Sog dieses kreativen Aufbruchs. Sie riskiert den Bruch mit ihrem bildungsbürgerlichen Elternhaus, scheitert aber letztlich an ihren eigenen Ansprüchen.

Drumherum eine Rahmenhandlung. 1963, ein paar Jahre vor seinem Tod wird der greise Bauhaus-Gründer und erster Direktor Walter Gropius (August Diehl verkörpert ihn sowohl in der jungen als auch in der alten Version) von der befreundeten (fiktiven) Journalistin Stine Branderup (Trine Dyrholm) aufgesucht, die ihn für die Vanity Fair interviewen will. Branderup drängt ihn hartnäckig dazu einzugestehen, dass die Frauen am Bauhaus benachteiligt wurden, was Gropius abblockt mit dem Hinweis auf die speziellen Umstände der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Einmal dreht er den Spieß um und spricht sie, die gerade einen feministischen Bestseller gelandet hat, auf das blaue Auge an, das ihr Mann ihr verpasst hat und das sie hinter einer Sonnenbrille zu verstecken versucht.

In dergleichen Historienfilmen erfährt man normalerweise weit mehr über die Zeit ihrer Entstehung als über die, in der sie eigentlich spielen. Die Konflikte die in 'Die neue Zeit' verhandelt werden, erscheinen zuweilen bedrückend heutig. Die Rhetorik der Traditionalisten der Stadt, der Deutschnationalen und Vertreter des Ancién Regime, die das kompromisslos moderne Bauhaus lieber heute als morgen aus Weimar verbannen würden, wirkt durchaus vertraut. Die Gestrigen sollten bekanntlich ihr Ziel erreichen. 1925 zog das Bauhaus nach Dessau in sein ungleich berühmteres Domizil. Oder die Frage, inwieweit Kunst wirklich unpolitisch sein kann, wie von Gropius postuliert. Bzw. wie unpolitisch Kunst sein kann, wenn die Verhältnisse ins Rutschen geraten, wie während des Generalstreiks wegen des Kapp-Putsches.

Der stärkste rote Faden ist der dauernde Konflikt zwischen den ursprünglichen Idealen und den herrschenden Verhältnissen. Bald schon waren die Studentinnen klar schlechter gestellt. Ab einem gewissen Zeitpunkt stand ihnen nur die Weberei offen. Ein weiteres Zugeständnis von Gropius, um die Konservativen zu besänftigen. Und ein weiterer Verrat an seinem Manifest. Dörte Helm begehrt mit Erfolg dagegen auf. Aber obwohl Anna Maria Mühe sich, hihi, alle Mühe gibt, ist man es etwa ab der vierten Folge müde, ihr dabei zuzusehen, wie sie als frühe Feministin, wenn auch mit Gründen, andauernd einen Hals hat und im Stechschritt und ohne anzuklopfen in das Büro des Direktors stiefelt. Mit dem sie angeblich eine Affäre verband. Auch dieses Geständnis versucht Branderup aus Gropius herauszubekommen. Der findet das trival.

Natürlich krankt auch 'Die neue Zeit' ein wenig an dem, woran dieses Genre zu kranken pflegt: Zwangsläufig mischt Fiktion sich mit Historie und komplexe Zusammenhänge reduzieren sich allzuleicht auf individuelle Schrullen und persönliche Konflikte. Darauf, dass mutige Frauen und Männer Geschichte machen. Man will ja letztendlich unterhalten und nicht belehren. Für etwas anderes bekäme man auch kaum mehr das Geld zusammen. Kraume und die Co-Autorinnen Lena Kiessler und Judith Angerbauer mildern das ein wenig ab durch die erwähnte Rahmenhandlung, die dem Geschehen eine Metaebene verleiht und so verhindert, dass alles in bloßes chronologisches Abfilmen ausartet.

Schauspielerisch ist das alles untadelig. Könner am Werk. Besonders an zwei Nebenrollen lässt sich studieren, dass Theaterhintergrund einfach kaum zu toppen ist. Da ist einmal die Peter Stein-Veteranin Corinna Kirchhoff als die Gropius und seinem Bauhaus in herzlichster Abneigung zugetane Baronesse von Freytag-Loringhoven. Wenn sie lächelt, meint man im heimischen Wohnzimmer die Eiszapfen von der Decke wachsen zu sehen. Und Birgit Minichmayr als Alma Mahler-Werfel, verheiratete Gropius: Minichmayr gibt sie nicht als durchgeistigte Muse und klischeehafte 'starke Frau', sondern als versoffene, sexgeile und ordinäre Borderlinerin. Nicht nett vielleicht, aber eben auch glaubhaft. Hallt noch lange nach.

Übrigens lernen wir auch, dass das erste ‚echte‘ große Bauhaus-Projekt, das Musterhaus am Horn, unter größtem Kostendruck fertiggestellt wurde. Bauhaus, das bedeutete daher ursprünglich auch: billig. Kann man sich mit dicketun.


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Die neue Zeit. D 2019, 6 x 45 min. R.: Lars Kraume, B.: Lars Kraume, Lena Kiessler, Judith Angerbauer, mit: August Diehl (Walter Gropius), Anna Maria Mühe (Dörte Helm), Trine Dyrholm (Stine Branderup), Valerie Pachner (Gunta Stölzl) u.a.





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