Mittwoch, 25. September 2019

In die Lehrermangel genommen


Kann natürlich sein, dass ich mich täusche, aber in Deutschland scheint es mitunter einen Hang zu geben, exakt das Gegenteil von dem zu tun, was rational und vernünftig wäre.

Viele amerikanische Unternehmen haben das seit Urzeiten kapiert und perfektioniert: Der wahre Segen liegt nicht im Verkaufen allein, sondern vor allem auch im Beschwerdemanagement. Klug ist es daher, die besten, talentiertesten Verkäufer nicht nur ins glamoröse Scheinwerferlicht der Verkaufsräume zu stellen, sondern sie, ordentlich geschult und bezahlt, versteht sich, Reklamationen bearbeiten zu lassen. In deutschen Unternehmen dagegen, in 'traditionellen' zumal, scheint Reklamationsabwicklung immer noch eine Strafarbeit für Unbegabte zu sein, die irgendwelchen Mist gebaut haben.

An dieser Stelle könnte ich übrigens berichten, wie ich während der ersten Jahreshälfte einem traditionsreichen deutschen Möbelhändler die offenkundig herkuleische, schier unlösbare Aufgabe zugemutet habe, mir ein Bettgestell zum vereinbarten Termin und vor allem vollständig zu liefern. Also ziemlich exakt das zu tun, mit dem ein Möbeleinzelhändler als Unternehmenszweck im Handelsregister steht. Aber das muss leider noch ein wenig warten. Erstens, weil's eine lange Geschichte ist, zweitens, weil ich an meine Gesundheit denken sollte in meinem Alter. Der Blutdruck, Sie verstehen. Nur so viel: Mehr als einmal habe ich mir angehört, die Kunden seien viel zu anspruchsvoll und verwöhnt, hätten ja keine Ahnung, was für eine Arbeit das alles sei und überhaupt. Ein Einzelfall? Sicherlich.

Ich tippe auf folgendes: Der Erfolg von, sagen wir, Amazon, ist nicht allein der Bequemlichkeit geschuldet, die der Laden bietet (die ja, nebenbei, oft gar keine ist, sondern eine gefühlte; zwar muss man nicht mehr in einen Laden, dafür zur Post, wenn man keine aufmerksamen Nachbarn mit Tagesfreizeit hat, auch Retouren sind u.U. umständlich) oder der ausgefuchste Algorithmus ("Kunden, die XX gekauft haben, kauften auch XY"). Nein, ich glaube, es ist vor allem der hochprofessionelle Kundendienst. Muss ich auch als Ex-Kunde mit einschlägigen Erfahrungen neidlos anerkennen.

In vielen Schulen sieht es eigentlich nicht anders aus. Einem John F. Kennedy zugeschriebenen Bonmot zufolge muss, was heute nicht in Schulen und Bildung investiert wird, zwanzig Jahre später mehrfach in Strafverfolgung und Gefängnisse gesteckt werden. Anders gesagt: Je mehr junge Menschen die Schulen ohne Abschluss und Perspektive verlassen, desto mehr Probleme schafft man sich in der Zukunft. 2017 waren das über 50.000, Tendenz steigend.

Fragen Sie mal Leute, die irgendwo im Bildungswesen arbeiten. Nicht wenige werden sagen, das Wichtigste sei, sich als erstes einen gesunden Zynismus zuzulegen. Nicht wegen der Schüler, sondern wegen der salbungsvollen Sonntagsreden. In denen immer die Rede ist von Bildung als wichtigster Investition in die Zukunft, von den Köpfen unserer Kinder als größtes und einziges Kapital. Um dann am Montag drauf  zu erfahren, dass mal wieder Mittel zusammengestrichen werden.

Inzwischen gibt es da noch ein Problem: Den grassierenden Lehrermangel. 40.000 fehlen inzwischen. Vor allem an Grund- und Hauptschulen. Diejenigen, die noch Lehramt studieren, knubbeln sich vornehmlich an Gymnasien. Lehrer zu sein, ist stressig genug, da ist es verständlich, wenn man nach einer Perspektive sucht, möglichst wenig Stress mit der zukünftigen Zielgruppe zu bekommen. Zumal Gymnasiallehrer immer noch deutlich besser besoldet sind. In NRW kassiert man am Gymnasium knapp 20 Prozent mehr als an der Grundschule.

Dann wäre da bei den Grund- und Haupt- bzw. Sekundarschulen noch das Gefälle zwischen Schulen in im weitesten Sinne bürgerlichem Einzugsgebiet und so genannten 'Brennpunktschulen'. Bei denen sieht es ganz finster aus. Es gibt Schulen in Berlin, an denen inzwischen nicht mehr nur Quereinsteiger arbeiten, sondern auch Fachkräfte ohne jeden pädagogischen Hintergrund. Jeder, der mal irgendwie eine Uni von innen gesehen hat, richtig herum vor der Klasse steht und weiß, dass ein Stück Kreide nichts zum Essen ist, darf inzwischen unterrichten. Wer 'Fack juh Göhte' unglaubwürdig findet, sollte vielleicht noch Mal genauer hinschauen.

Oliver Welke brachte es auf den Punkt: Exakt so zementiert man Ungleichheit.


(Wenn man mal Interesse hat.)

Eigentlich wäre es doch nur rational, die fähigsten und besten Pädagogen jedes Jahrgangs an die so genannten Brennpunktschulen zu schicken, diese ordentlich auszustatten und die Pädagogen entsprechend zu bezahlen. Denn da zeigt sich, was jemand kann. Aber da ist das deutsche Bildungsbürgertum vor. Dem ist fast alles egal, so lange bloß das Gymnasium bestehen bleibt und das sich über Grundschulbezirke einen lacht. Weil es seinen Nachwuchs eh längst an private Grundschulen schickt (deren Anzahl, honi soit qui mal y pense, auf einem Allzeithoch ist). Persönlich hat man ja nix gegen Fatme und Ahmed, aber die eigenen Kinder sollen halt die bestmögliche Förderung bekommen. Muss man verstehen. Naja und die auf den Brennpunktschulen sind schließlich auch ein ganz klein bisschen selbst schuld, wenn man mal ganz ehrlich ist, oder?

Vielleicht ist der Lehrerberuf auch einfach nicht mehr so attraktiv wie einst? Trotz vergleichsweise üppigem Gehalt und einigen Privilegien? Könnte es sein, dass man bei Schulaufsichtsbehörden und in den zuständigen Ministerien immer noch ein wenig zu sehr daran gewöhnt ist, sich die künftigen Lehrerinnen und Lehrer aussuchen zu können aus einem riesigen Überangebot ('Lehrerschwemme') und nach Gutdünken aussieben zu können?

Vielleicht müsste man Undenkbares tun: Die Lehrerausbildung wirklich professionalisieren, viel mehr unabhängige Experten mit einbinden, anstatt Lehrerseminare als Black Boxes zu betreiben. Sich um die jungen Akademiker, die Lehrer werden wollen, ernsthaft bemühen, anstatt ihnen in einer zwei Jahre währenden Tortur namens 'Vorbereitungsdienst' in einer Tour die Hölle heiß zu machen, unter dem Vorwand, ihre Belastbarkeit testen zu wollen und ihnen vor allem mal beizubringen, kunstvolle Stundenentwürfe zu schreiben, die mit dem Schulalltag allenfalls am Rande zu tun haben.

Wie, dem ist nicht so? Ich übertreibe? Wieso sagen dann fast alle Lehrer, die ich kenne, und das sind nicht wenige, sie hätten damals nach dem zweiten Staatsexamen Jahre gebraucht, um quasi erst mal alltagstauglich zu werden (vielleicht kenne ich auch nur die falschen)? Wenn zwei Jahre Dauerstress im Referendariat ein so probates Mittel sind, die Belastbarkeit angehender Lehrer zu testen, wieso haben Lehrer die höchste Quote an Burnout-Patienten?

Und wenn das mit dem Personal an den Schulen mal halbwegs behoben ist, dann, nein am besten müsste gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass in Deutschland flächendeckend unter menschenwürdigen Rahmenbedingungen gelehrt und gelernt wird. Orte, in denen man sich wohlfühlt und arbeiten kann, keine Bruchbuden aus Kaisers Zeiten mit undichten Fenstern und unbenutzbaren Toiletten. Und in denen selbstverständlich auch die Lehrer anständige Arbeitsplätze haben und sich nicht im 21. Jahrhundert um einen halben Meter Tischplatte im Lehrerzimmer kloppen müssen.

Die besten Pädagogen an die verrufensten Schulen - ein schöne Vorstellung. Ein klein bisschen so wie von einem alt eingesessenen deutschen Unternehmen zu erwarten, sich um Kunden zu bemühen, anstatt zu glauben, das Pack würde schon Schlange stehen für die Gnade, einem was abkaufen zu dürfen. Und wenn nicht, dann kann man‘s ja immer noch auf die doofen, verwöhnten Kunden schieben. Oder auf das Internet. Wenn Jugendliche die Schulen ohne Abschluss verlassen, ist ja auch nie die katastrophale Schulpolitik schuld, sondern dass die Jugendlichen, wie Die Deutsche WirtschaftTM nicht müde wird zu betonen, halt immer dümmer werden. Und Smartphones haben.

Aber nicht alles ist schlecht mit der Bildung. So ist es mir jedes Jahr ein kleines Fest, wenn die hiesige Landeszentrale für politische Bildung NRW liefert. Bei mir soeben geschehen:

Das Abgebildete gibt es für gerade mal 12,00 Euro Bereitstellungspauschale.

Ach so, pardöngchen, da fällt mir ein: 'Dumm' sagt man ja nicht mehr heutzutage Es heißt 'nicht ausbildungsfähig'. Wie dumm von mir! Und in Berlin zahlen sie bereits eine 'Brennpunktzulage'. Demnächst sogar für Erzieher/innen.





Kommentare :

  1. "Nicht wenige werden sagen, das Wichtigste sei, sich als erstes einen gesunden Zynismus zuzulegen. Nicht wegen der Schüler, sondern wegen der salbungsvollen Sonntagsreden."

    Gilt das nicht inzwischen für nahezu alle Berufe? Und erst recht für diejenigen, welche noch mehr Berufung sind?

    Fällt mir spontan neben Bildung alles ein, was mit Gesundheit, Pflege, Verkehr, Sicherheit und dergleichen mehr zu tun hat und die hier nicht explizit Erwähnten mögen mir verzeihen!

    Da wird in so vielen Bereichen gequirlte Scheisse gelabert und am Ende geht es doch nur darum, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel herauszuholen, wo es eigentlich nichts zu holen gibt. Stattdessen sind das Bereiche, an denen die Fürsorge eines Staates um seine Menschen die "Kosten" auszugleichen hat, weil das ein "Invest" ist, der sich weder sofort noch später jemals in realen Zahlen rechnen wird.

    Stattdessen wird Allgemeingut wie alles in diesem System einfach nur zur Ware, die über den billigstmöglichen Preis zu bekommen sei und das unter der Ansage, dass sich die Arbeiter (hier die Lehrer) von ihrer Arbeit und dem Produkt (hier gebildete Schüler und später Menschen) immer mehr entfremden und dabei nur noch Objekt in einer Kalkulation und Bilanz sind.

    Randnotiz: Spätestens bei Objekt steht die Frage, was genau das Entmenschlichende dieser Gesellschaftsordnung ist, die es doch nur gut mit ihren Mitbürgern meint? Ihr dürft zwar alle mitmachen, aber zu melden oder gar zu gewinnen habt ihr nix;-)

    Andererseits ist das doch auch völlig klar, dass Bildung nicht dem Erziehen zu "Wissen" und (selbst-)kritischen Menschen dient. Bildung hat der billigste Weg zu sein, die menschliche Verfügungsmasse bereitzustellen für das allnotwendige Mantra Wachstum und zwar in Form der ebenfalls billigstmöglichen Arbeiterschaft und ihren darüberstehenden Fachidioten als nächste Hierarchie.

    Lange Rede - kurzer Sinn:

    Um dem zu entsprechen, muss Bildung eben möglichst viele Schüler mit möglichst wenig Lehrern zum geringstmöglichen Kostenfaktor bei Gehalt, Schulen usw. in kürzester Zeit durchbolzen.

    Der nächste dystopische Schrottfaktor namens "Digitalisierung" ist noch gar nicht drin, bei dem ein "Lehrer" dann mindestens dreistellige Schülerzahlen am Endgerät und ohne Schulgebäude aus der Ferne "betreut". Wie die Ergäbnüsse dieses Ansatzes aussähen - owT...

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    1. Passt schon. In der Erwachsenenbildung kommt es durchaus vor, dass bei Umschulungen mit einem "modernen E-Learning-Konzept" geworben wird. Sieht in der Praxis dann so aus: Umschüler bekommt einen Sitzplatz mit PC und Internetanschluss, dazu Lehrbuch und Ausbildungsrahmenplan. Einmal die Woche kommt ein Freiberufler für ein paar Stunden, um inhaltliche Fragen zu klären, eine Teilzeit-Verwaltungskraft regelt das Bürokratische: Ansonsten: Wir sehen uns zur Zwischenprüfung. Dozent aus Fleisch udn Blut? Viel zu teuer!

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