Samstag, 14. September 2019

Kinderspiel


Es hilft nichts, wieder einmal muss über ein Genderthema geredet werden. Jetzt hat der amerikanische Spielemagnat Hasbro als jüngste seiner gefühlt 250.000 Varianten des Klassikers 'Monopoly' eine gegenderte Version herausgebracht. Bei 'Miss Monopoly' erhalten Spielerinnen qua Geschlecht automatisch ein paar Euros mehr, wenn sie über 'Los' gehen. Damit, wie der Hersteller sich erhofft, "die Gender-Pay-Gap-Debatte [...] in die Konversationen beim Spieleabend einfließt." Aha. Das meinen die nicht ernst, oder? Das ist doch ein Spaß! Da hat doch die komplette Marketingabteilung von Hasbro einen durchgezogen, ein paar Linien Nasenata geschnorchelt und einen Wettbewerb veranstaltet, wem wohl die dämlichste Monopoly-Variation einfällt, mit der sich trotzdem noch Geld verdienen lässt. Kann gar nicht anders sein.

Entgegen einem verbreiteten Missverständnis ist Monopoly ein Spiel für Kinder, das kaum jemand oberhalb eines gewissen Alters freiwillig spielt. Daher besteht der einzige für mich erkennbare Lerneffekt der oben genannten Version darin, Mädchen beizubringen, ihnen stünde allein qua Doppel-X-Chromosom mehr zu. Bzw. Jungen beizubringen, dass Mädchen das zustünde. Oder glaubt wirklich ernsthaft jemand, eine Runde erwachsener Menschen, die alle anspruchslos genug sind, stundenlang ein ödes, geistloses Spiel miteinander zu spielen, bei dem es allein darum geht, andere in den Ruin zu treiben, fängt plötzlich an, über das Gender Pay Gap zu diskutieren? Guter Witz!

Ich kenne weiß Gott einige Erwachsene, die ihre Zeit mit Spieleabenden verplempern, aber, wie gesagt, keinen einzigen, der im nüchternen Zustand freiwillig Monopoly spielen würde, so er nicht von Kindern dazu genötigt wird. Weil keiner Bock auf Zerwürfnisse hat. Weil viele schon genug Brassel mit ihren Finanzen haben und das nicht auch noch als Freizeitspaß haben wollen. Weil Menschen, die sich ohne Not andauernd mit ihren Finanzen befassen, langweilig sind. Ja, vielleicht ganz nett, aber langweilig. Natürlich wird es massenhaft von Erwachsenen gekauft. Weil Kinder sich das von ihnen wünschen, um ihnen die nächsten Jahre damit auf den Zeiger zu gehen ("Duuu, Papa, spielen wir Monopoly?").

Vielleicht ist gar nicht so sehr das krampfhafte Gegendere das Problem, sondern dass hier ein eher triviales Gesellschaftsspiel mit deutlich zu viel Bedeutung aufgeladen wird.

Das alles gönge nämlich noch, wenn man Monopoly einfach das sein ließe, was es ist: Ein erfolgreiches Brettspiel, das den einen Spaß macht, den anderen halt nicht und damit gut. (In pädagogischer Hinsicht ist es allenfalls eine nette Übung für Grundschulkinder im Geld zählen.) Aber nein, es wird von jeher zu einer Art Schule des Lebens hochgejazzt, bei der schon Kinder "spielerisch" lernen, worum es geht. Echt jetzt? Selbst wenn das stimmt, wer möchte seinen Kindern ernsthaft und mit voller Absicht beibringen, dass es im Leben grundsätzlich immer nur um Soll und Haben, Euro und Cent geht, ums Behumsen und Ausbeuten? Hand hoch! Sehr schön, danke. Und jetzt verschwinden Sie bitte schleunigst aus meinem Leben. Wenn Monopoly eine Schule des Lebens ist, dann war die Bundeswehr mit Wehrpflicht auch eine Schule der Nation - für alle, die Alkoholiker werden wollten und darauf standen, herumkommandiert zu werden.

Wenn Monopoly wirklich eine ernstzunehmende Simulation von Kapitalismus ist, also der herrschenden Verhältnisse, wieso starten dann alle mit den gleichen Voraussetzungen? Weil internationales Finanzkapital, FDP und Reste der CDU immer noch von Chancengleichheit faseln? Ich denke, die Kinder sollen früh lernen, worum es geht im Leben. Dann müsste man ihnen konsequenterweise vor allem beibringen, dass es Arme gibt und Reiche und man da leider, leider gar nichts machen kann. Dann sollte man etwa einem per Los zum Erben bestimmten Spieler einfach das zehnfache Startkapital und neunzig Prozent aller Immobilien geben. Das wäre mal ehrlich.

Wer gibt eigentlich die Preise für Straßen, Bahnhöfe etc. vor und wieso ändern die sich nicht? Sozialistische Planwirtschaft oder was? Ja, natürlich ist es möglich, erworbene Straßen und Plätze weiterzuverkaufen und den Preis frei zu verhandeln. Hat aber nie jemand gemacht. Weil man nach mehr als drei totenstumpfen Stunden und bei draußen einsetzender Abenddämmerung eh keinen Bock mehr hatte auf das ganze Geschacher und lieber freiwillig pleite ging als den Opernplatz zu verhökern, der einem als einzige Immobilie geblieben war. Wieso kann man Häuser nicht luxussanieren und die Mieter rausekeln, als (privater - brav!) Besitzer des E- und/oder des Wasserwerks die Preise für Wasser und/oder Strom konsequenterweise nicht selber bestimmen?

Monopoly mag einiges sein, aber mit Sicherheit ist es keine Simulation des Leistungsprinzips. So gibt es bereits Geld dafür, dass man bloß über 'Los' latscht. Aus Zinserträgen vermutlich. Ist das nicht anstrengungsloser Wohlstand? Hat sich was mit Leistung! Falsch parken ist richtig teuer, und das ist natürlich auch Quatsch. Für Reiche ist falsch parken ungefähr so teuer wie eine Briefmarke. Und was soll dieses Feld 'Frei parken'? Wir haben uns immer mit der Pot-Regel beholfen: Alle qua Ereignis- und Gemeinschaftskarten zu leistenden Zahlungen an die Allgemeinheit ("Zahlungen an die Allgemeinheit" - noch so ein Brüller!) wurden in der Mitte des Spielfeldes zusammengeworfen und wer auf 'Frei parken' landete, durfte alles einsacken. Fällt Ihnen das auch auf? Tag für Tag irren Millionen Menschen orientierungslos durch unsere Städte, weil sie das 'Frei parken'-Feld suchen. Weil sie als Kinder Monopoly gespielt haben. So kann‘s gehen.

Für Verächter des Rechtsstaates und autoritäre Zwangscharaktere hingegen ist Monopoly ein echtes Vergnügen. Heißt es doch schon beim kleinsten Vergehen wie Falschparken oder wegen Ziehens einer falschen Karte: Ab in den Bau! Und zwar ohne lästiges und aufwändiges Gerichtsverfahren. Kinder lieben so was. Apropos Zuchthaus: Ein wirklich gendergerechtes Update wäre es, wenn es Männer- und Frauenkarten gäbe. Etwa: "Eine Frau verdächtigt dich, dass du sie begrapscht hättest. Gehe in das Gefängnis. Begebe dich direkt dorthin. Wenn du über 'Los' gehst, ziehe keine XX Euro ein. Freikaufen ist nicht möglich, Amnestiekarten haben keine Gültigkeit. Nach drei Runden Knast ist das Spiel für dich zu Ende, weil man dich erhängt in deiner Zelle findet. Sei froh, du hast es hinter dir."

Spaß beiseite. Wenn es jemals ein Brettspiel gab, das den Alltag von Superreichen halbwegs realistisch wiedergab, dann war es das MAD-Spiel, eine Art Anti-Monopoly, das gar nicht erst den Anspruch erhob, irgendwie sinnvoll zu sein oder gar logisch. Wer als erstes pleite war, hatte gewonnen. Das war aber gar nicht so einfach, denn andauernd bekam man von irgendwoher Geld zugesteckt, einfach so, für nix. Zum Beispiel, indem man auf ein Feld geriet, das in der kongenialen Übersetzung von Herbert Feuerstein "Das Lechz" hieß (analog dazu hieß das Gefängnis "Das Ächz"). Oder man musste Platz und Geld tauschen mit einem anderen. Für uns Heranwachsende damals in den Achtzigern ein echter Spaß. Ganz im Gegensatz zu dem doofen echten Monopoly, auf das bloß Streber und Sparbuchinhaber abfuhren.

Überhaupt, die Achtziger! Eine faszinierende Zeit. Es heißt, wer sich an sie erinnern könne, habe sie nicht wirklich mitgemacht. Wegen Substanzen und so. Wofür durchaus einiges spricht. Nicht wenige nämlich hielten damals Mutter Beimer und Professor Brinkmann für reale Personen und tiefgefrorene Bistro-Baguettes von Iglo, mit denen man sich beim Reinbeißen immer das komplette Gaumendach versengte, für eine waschechte französische Spezialität. Aber Kapitalismuskritik, das klappte damals noch.



Kommentare :

  1. Als komplett Monopoly-desinteressierter habe ich mich ja echt mühsam durch den Text gequält. Aber dann, ganz am Ende, da hast Du mich dann doch noch gekriegt! Bistro-Baguettes und der verbrannte Gaumen! Diese elenden Mistdinger, auf ewig verflucht sollen sie sein!!
    :D

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  2. Drecks-Bistro-Baguettes: Ich war gestern zu einer Runde hausgemachter Linsensuppe eingeladen und wollte schlau sein. Also habe ich mit der Schöpfkelle die dicken Sachen von ganz unten im Topf geholt, weil ich möglichst wenig Brühe haben wollte. Ich hatte vor Schmerzen Tränen in den Augen, habe aber tapfer gelächelt und die Köchin gelobt.

    Monopoly: Wann kommt die Version mit den Hausbesetzern und/oder Mietnomaden? Das Gender-Ding ist übrigens totsicher nur ein Marketing-Trick. Wie kommt mein hundert Jahre altes Spiel mal wieder in die Medien? Hat ja auch geklappt, Kollege. Smiley. #stöckchen

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    1. "Wie kommt mein hundert Jahre altes Spiel mal wieder in die Medien?"

      Hat vor allem so gut wie nichts gekostet.

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    2. Hat aber noch gar keinen Shitstorm hervorgerufen - komisch. Ich warte übrigens immer noch auf die ZDF History-Edition mit Herrmann-Göring-Platz, Neuer Reichskanzlei und Reichsarbeitsdienst.
      @Thomas: Das mit den Bistro-Baguettes habe ich letztens noch mal getestet. Ergebnis: Es gibt Dinge, die sich nicht ändern. Autsch!

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  3. »Wenn es jemals ein Brettspiel gab, das den Alltag von Superreichen halbwegs realistisch wiedergab, dann war es das«

    The Landlord’s Game.

    https://de.wikipedia.org/wiki/The_Landlord%E2%80%99s_Game_(Spiel)

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